Emil und die Detektive

Deutschland 2026 · 100 min. · FSK: ab 6
Regie: David Dietl
Drehbuchvorlage: Erich Kästner
Drehbuch:
Kamera: Philip Peschlow
Darsteller: Nicholas Jonah Peter, Merlin Sandmeyer, Lara Toni Lüdders, Kilian Kasa, Bela Louis Plass u.a.
Emil und die Detektive
Gemeinsam stark, aber leider nicht gut...
(Foto: Warner)

Kinder, die keine Kinder sein dürfen

David Dietl versetzt Erich Kästners Emil und die Detektive ins Berlin der Influencer und Smartphones. Die Idee ist richtig, doch steife Dialoge, erschreckend blasse Kinderdarsteller und eine mutlose Inszenierung nehmen Kästners Klassiker ausgerechnet das, was ihn bis heute modern macht

Es ist gut, alte Stoffe in die Gegenwart zu trans­po­nieren. Mehr noch: Es ist notwendig. Klassiker bleiben nicht deshalb lebendig, weil man sie ehrfürchtig konser­viert, sondern weil jede Gene­ra­tion heraus­finden darf, was sie mit ihnen anfangen kann. Gerade Erich Kästners Emil und die Detektive von 1929 bietet sich dafür an. Denn was könnte gegen­wär­tiger sein als eine Gruppe von Kindern, die sich eine Großstadt aneignet, sich selbst orga­ni­siert, Erwach­senen misstraut und gemeinsam etwas zustande bringt, wozu die vermeint­lich Großen nicht in der Lage sind?

Und zunächst macht David Dietls Neuver­fil­mung auch einiges richtig. Berlin ist das Berlin von heute und nicht eine nost­al­gisch weich­ge­zeich­nete Haupt­stadt der Weimarer Republik. Es gibt Smart­phones, soziale Medien und Influencer, und niemand tut so, als könnten Kinder im Jahr 2026 glaub­würdig durch dieselbe mediale Welt laufen wie Emil Tischbein vor beinahe hundert Jahren.

Das Problem dieser mitt­ler­weile vielfach verfilmten Geschichte – darunter die legendäre erste Fassung aus dem Jahr 1931 nach dem Drehbuch von Billie Wilder – ist deshalb gerade nicht ihre Moder­ni­sie­rung. Das Problem ist, dass Dietl nicht den Mut besitzt, seiner eigenen Moder­ni­sie­rung zu vertrauen.

Dabei bleibt die Ausgangs­lage wunderbar einfach: Emil Tischbein (Nicholas Jonah Peter) reist nach Berlin zu seiner Groß­mutter Renate (Ursula Werner), wird im Zug von Max Grundeis ausge­raubt und nimmt in Berlin gemeinsam mit einer Bande von Kindern die Verfol­gung auf.

Das ist nach wie vor eine fantas­ti­sche Ausgangs­lage für einen Kinder­film.

Wenn diese Kinder nur reden dürften wie Kinder.

Statt­dessen bekommen sie Dialoge in den Mund gelegt, die so steif sind, dass man damit Beton brechen könnte. Besonders schmerz­haft wird es immer dann, wenn der Film Gegenwart demons­trieren möchte. Influencer tauchen auf, soziale Medien werden verhan­delt, und man spürt förmlich die Erwach­senen hinter der Kamera, die stolz darauf sind, begriffen zu haben, womit sich die Jugend von heute beschäf­tigt. Nur haben sie offenbar vergessen, ihr auch zuzuhören. Die Influencer- und auch sonstigen Dialoge sind dabei nicht einfach nur miss­lungen, sondern teilweise derart grotesk und erratisch geschrieben, dass es wehtut. Ausge­rechnet ein Film, der Kästners Respekt vor der Eigen­s­tän­dig­keit von Kindern in die Gegenwart über­tragen möchte, betrachtet Teile ihrer heutigen Lebens­welt mit jener gönner­haften Über­le­gen­heit, die Kästner vermut­lich als Erster verspottet hätte.

Noch schwerer wiegt aller­dings ein altes und scheinbar nicht ausrott­bares Problem des deutschen Kinder­films: das Casting und vor allem die Führung seiner jungen Darsteller.

Man denke nur daran, wie gut das funk­tio­nieren kann, etwa bei Die drei ??? – Toten­insel oder kleineren, eigen­sin­ni­geren Kinder­filmen wie mein deutscher Lieb­lings­kin­der­film des Jahres, Pferd am Stiel. Oder in all den skan­di­na­vi­schen (bald kommt etwa der tolle Mira in die Kinos) und hollän­di­schen Kinder­filmen und natürlich in denen aus den USA oder Mexiko. Kinder müssen im Kino nicht niedlich sein, sie müssen auch keine kleinen Erwach­senen spielen. Sie müssen eine Präsenz entwi­ckeln dürfen, ihre eigene Geschwin­dig­keit, ihre Wider­sprüche, ihre Komik. Doch große Teile des deutschen Kinder­films scheinen darauf erstaun­lich wenig Wert zu legen. Dann entsteht jene eigen­tüm­liche Schü­ler­thea­ter­qua­lität, bei der Dialog auf Dialog ordent­lich aufgesagt wird und man bei jedem Satz bereits den Erwach­senen hört, der ihn geschrieben hat.

Auch Emil und die Detektive entkommt diesem Problem nicht. Nicholas Jonah Peter, immerhin das Zentrum dieser Geschichte, bleibt als Emil so blass wie ein geweißelter Schatten. Wo Kästners Emil eine Projek­ti­ons­fläche sein darf, ohne deshalb profillos zu werden, fehlt diesem Emil eine eigene Tempe­ratur. Um ihn herum wird gerannt, geredet, erklärt und gespielt und irgend­wann fragt man sich, wo eigent­lich der Junge geblieben ist, dessent­wegen all das geschieht.

Das ist umso ärger­li­cher, weil eine Entwick­lung des deutschen Kinder­films grund­sätz­lich zu begrüßen ist: dass Regis­seure, die norma­ler­weise Filme für Erwach­sene drehen, Kinder­kino nicht mehr als minder­wer­tiges Nebenfach betrachten, sondern selbst einen Kinder­film versuchen. Denn ein guter Kinder­film braucht nicht weniger Regie als ein Film für Erwach­sene, sondern mögli­cher­weise sogar mehr. Kinder sind schließ­lich das gnaden­lo­sere Publikum.

Aber ausge­rechnet David Dietl? Schon bei Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang bestand Dietls Problem nicht in der Ausgangs­idee. Im Gegenteil. Ludwig Thomas berühmten Grantler in die Gegenwart zu versetzen und dabei das alte, knarzig-melan­cho­li­sche München mit dem heutigen München zu konfron­tieren, hätte einen wunder­baren Film ergeben können. Doch auch dort wurde aus einer wider­spens­tigen Vorlage ein weich gepols­tertes Stück Unter­hal­tung. Aus dem unan­ge­nehmen Alois Hingerl wurde ein im Grunde herzens­guter Sympa­thie­träger, aus Satire eine Läute­rungs­ge­schichte und aus dem alten München eine nost­al­gi­sche Deko­ra­tion.

Nun passiert mit Kästner etwas verblüf­fend Ähnliches. Wieder ist die Grundidee besser als der Film. Wieder wird ein alter Stoff in eine Gegenwart versetzt, die ihm tatsäch­lich etwas Neues entlocken könnte. Und wieder zieht sich Dietls Insze­nie­rung genau in dem Augen­blick zurück, in dem diese Gegenwart unbequem werden müsste. Bei Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang durfte niemand dauerhaft unan­ge­nehm sein. Bei Emil und die Detektive darf niemand wirklich anar­chisch sein.

Dabei ist genau das Kästners Pointe. Seine Kinder warten nicht darauf, dass Erwach­sene ihre Probleme lösen. Sie bilden ihre eigene Gesell­schaft, orga­ni­sieren sich, verteilen Aufgaben und nehmen die Stadt in Besitz. Das Revo­lu­ti­onäre an Emil und die Detektive besteht nicht darin, dass Kinder besonders niedlich zusam­men­halten. Es besteht darin, dass Kästner ihnen zutraut, eine Welt ohne Erwach­sene wenigs­tens vorü­ber­ge­hend selbst zu orga­ni­sieren. Eine zeit­genös­si­sche Verfil­mung müsste wie anfangs schon ange­deutet genau hier ansetzen. Was bedeutet kindliche Autonomie in einer Gegenwart, in der Erwach­sene Kinder über Smart­phones über­wa­chen können, in der soziale Bezie­hungen über Platt­formen orga­ni­siert werden und Influencer für Jugend­liche nicht einfach lächer­liche Gestalten, sondern Teil ihrer kultu­rellen Realität sind?

Dietls Film streift all das und weicht ihm gleich­zeitig aus. So wie das München seines letzten Films letztlich ein Post­karten-München blieb, bleibt das Berlin dieses Films nicht mehr als Gegen­warts­ku­lisse. Smart­phones, Influencer, soziale Brenn­punkte und Social Media signa­li­sieren Moder­nität, ohne dass die Insze­nie­rung wirklich wissen will, was diese Dinge mit Kästners Geschichte machen.

Darin liegt viel­leicht Dietls eigent­liche Schwäche als Regisseur: Er erkennt durchaus, was alles möglich wäre. Nur traut er sich erstaun­lich selten dorthin. Das ist bei einem Kinder­film besonders fatal. Denn Kinder besitzen ein ziemlich feines Sensorium dafür, wenn Erwach­sene ihnen eine Welt vorsetzen, die diese Erwach­senen für ihre halten.

Emil und die Detektive erzählt eigent­lich von Kindern, die sich von Erwach­senen nicht erklären lassen, wie die Welt funk­tio­niert. Sie beob­achten selbst. Sie schließen sich zusammen. Sie über­nehmen Verant­wor­tung. Und sie handeln. Die Neuver­fil­mung tut fast das Gegenteil: Sie erklärt Kindern fort­wäh­rend ihre eigene Gegenwart.

Immerhin könnte diese auffal­lend hölzerne Darbie­tung einen pädago­gisch durchaus wert­vollen Neben­ef­fekt haben: Junge Zuschaue­rinnen und Zuschauer könnten nach hundert Minuten aus dem Kino kommen und denken, dass sie das selbst besser können. Vor und hinter der Kamera.