Gibt es einen ostdeutschen Blick? |
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| Ein Lehrstück des Politischen: Die Klasse von 1990 von RP Kahl und Sonja Hillberger | ||
| (Foto: Beate Nelken / Studio RPK / Sonja Hilberger) | ||
»Wir sprechen nicht von Politik als einem Sachgebiet und einer professionellen Tätigkeit, sondern von dem Rohstoff, dem Politischen, das in jedem Lebenszusammenhang versteckt ist.«
– Alexander Kluge/Oskar Negt, »Maßverhältnisse des Politischen«
Der deutsche Dokumentarfilm beginnt bemerkenswerterweise gerade damit, eine Leerstelle zu bearbeiten, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit Jahrzehnten besteht: Die ostdeutsche Wirklichkeit jenseits der großen Erzählungen von Mauerfall, Wiedervereinigung, Abwicklung und Anpassung. Dabei geht es darum, wie sich die Erfahrungen dieser Geschichte in Biografien, Mentalitäten, Landschaften und gesellschaftlichen Verhältnissen bis heute eingeschrieben haben.
Bei der Dok.Leipzig, dem wichtigsten deutschen Dokumentarfilmfestival, hat die neue Leiterin Ola Staszel mit ihrem Antritt auch eine neue Sektion ins Leben gerufen: »Fokus Ost« zeigt Dokumentarfilme mit neuen Perspektiven auf den deutschen Osten. Parallell dazu zeigt auch das Filmfestival Cottbus, das gerade läuft, eine Filmreihe mit dem Titel Wendezeiten über »filmische Blicke auf Mauerfall und Transformation. Was steuern diese Filme zu den gegenwärtigen Debatten zwischen West und Ost bei?«
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Die Notwendigkeit einer Kunsthochschule. Es war der September 1990, nur noch wenige Wochen dauerte es bis zur offiziellen »Wieder-Vereinigung« der Deutschen, da hatte der aus dem Erzgebirge stammende Rolf Peter Kahl seinen Pflichtdienst bei der »Nationalen Volksarmee« (NVA) hinter sich, und begann ein Schauspielstudium in Rostock an der durchaus renommierten »Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch' (Außenstelle Rostock)«. Was für ihn und seine Kommilitonen als persönlicher Aufbruch gedacht war, und mit dem in eine neue Zeit eines vereinigten Deutschland gedacht war, wurde schon bald zu einer existenziellen Herausforderung: Denn wenige Wochen später erreichte die Hochschule die Schocknachricht: Die Außenstelle sollte abgewickelt werden. Wie so vieles in den »neuen Bundesländern«. Aber Kahl und seine Kommilitonen aus Ost wie West ließen sich das nicht bieten, und leisteten erfolgreich politischen Widerstand.
Ein Lehrstück des Politischen. Jetzt haben Kahl, der zunächst Schauspieler unter Heiner Müller war, dann in den 90er-Jahren in Filmen wie Oskar Roehlers Silvester Countdown mitspielte und seitdem selbst Filmregisseur ist, und seine damalige Kommilitonin, die aus Westberlin stammende Sonja Hilberger, über ihre Erlebnisse einen Dokumentarfilm gemacht: Die Klasse von 1990 ist ein herausragender Dokumentarfilm: zum einen ein Erfahrungsbericht über ein politisches Initiationserlebnis, das keinen der Beteiligten kalt ließ, aber auch ein Portrait der Generation der Wendejugend 1989/90 und ein Manifest über die Notwendigkeit einer Kunsthochschule.
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Was Demokratie wirklich ist. Ein Lehrstück ist der Film schon deswegen, weil er jede einfache Schablone sofort aufsprengt: Die Rebellion der Hochschulrebellen von damals war nämlich nicht die Fortsetzung der Montagsdemonstration mit anderen Mitteln. Ihre Anführer waren sehr gleichberechtigt ein Ostdeutscher, eine Westberlinerin, und eine linksrheinische Westdeutsche – Sandra Uma Schmitz, die als einige der wenigen noch heute (wieder) in Rostock lebt. Gerade
die Pluralität unterschiedlicher Erfahrungen und Reaktionsweisen war eine Kombination, die in der politischen Praxis unschlagbar war.
Demokratie ist eben kein starrer Brei einheitlicher, enger Korridore und deckungsgleich geteilter Überzeugungen, sondern das streitbare, in Bewegung befindliche Zusammenspiel verschiedenster Perspektiven. Ein ständiger Lernprozess aus Erfahrungen
Diese Dynamik aus Entzweiung, Zwist und immer nur auf Zeit gestelltem Konsens als Gärstoff republikanischer Gesinnung ging bereits im Einheitsgedusel der Mauerfallmonate in Vergessenheit und ist seitdem nie ernsthaft zu Ende gedacht worden. Die heute angeblich bestehende Krise der Demokratie ist, das zeigt der Film von Hilberger und Kahl, tatsächlich vor allem eine Krise der eher billigen Vorstellung dass Bürgersinn und republikanischer Geist sich darin erschöpfen, alle Jahre wieder einen Stimmzettel auszufüllen.
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Blinde Flecken. Zugleich blickt Die Klasse von 1990 – ein Titel, den man sehr wohl in seiner mehrfachen Bedeutung entfalten und auslegen kann – ganz direkt auf die blinden Flecken der Einheitseuphorie. Der größte von ihnen ist das neonazistische und rassistische Potential unter der DDR-Bevölkerung, das nun ungefiltert und zügellos als Erbmasse ins vereinte Deutschland einging.
Denn ein unbeträchtlicher Teil der Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates veranstalte 1992 das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen – ausgerechnet in jenem »Sonnenblumenhaus« in dessen Nähe die Schauspielschüler nach ihrer Ankunft zwei Jahre zuvor untergekommen waren.
Der Film zeigt Filmausschnitte, die das Hintergrundrauschen der Künstlerrevolte und die dramatische Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dokumentieren, und alles Gerede von Freiheit, Gleichheit und (sozialistischer?) Brüderlichkeit als Lippenbekenntnisse entlarven: »Das sind doch Schweine, keine Menschen« heißt es über jene vietnamesischen Vertragsarbeiter, die der Mob um ein Haar verbrannt hätte.
Diese Szenen, die in manchem auch an die Ausschreitungen bei den deutschen »Gen Z«-Demos vom Wochenende erinnern, weisen en passent, aber deutlich genug auch darauf hin, dass der gewalttätige Rassismus und Fremdenhass im Osten Deutschlands eine Geschichte hat, die viel weiter zurückreicht, als bis zur »Flüchtlingskrise« von 2015 oder zur Gründung der AfD.
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Das Ende der Geduld. In ihrem 85-minütigen Dokumentarfilm erzählen die Regisseure somit von einem Kapitel deutscher Nachwende-Geschichte, das in seinen Details, wie in seinem Potential zur »Gegengeschichte« (Alexander Kluge) erstaunlich gründlich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist. Denn dieses frühe Miteinander beider Deutschlands und gesamtdeutscher Politisierung ist ein Beispiel dafür, wie es in Deutschland vielleicht auch gehen könnte – damals wie heute. Denn heute dominiert die Rede von der Spaltung der deutschen Gesellschaft, von großen Differenzen zwischen Ost und West, vom Osten als »eine westdeutsche Erfindung«, als des abgehängten Randgebiets der Deutschen. Sie ist in Mode, im Westen, wo man immer noch gern für alles nicht läuft »die Wessis« verantwortlich macht, und es sich manche im wohlfahrtsstaatlich abgefederten Dasein als »Deutscher zweiter Klasse« behaglich eingerichtet haben, genauso wie im Westen, wo man ebenso behaglich die Gefühl genießt, reicher und scheinbar demokratischer zu sein, und im Rausch dieser Scheinüberlegenheit die ersten darüber räsonieren, dass die Langmut der westdeutschen Nettozahler auch mal enden könnte.
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Wer schreibt die Geschichte im Kino? Sieger oder Verlierer? – das ist die Leitfrage in all den Filmen, die vergangene Woche beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig in der Sektion »Fokus Ost« gezeigt wurden. Sie soll einen besonderen Blick auf Lebenswelten und Erfahrungen der Ostdeutschen werfen.
Die Spannbreite dieser Filme ist aufschlussreich. Minh Anh Nguyễns Onkel Thuận erzählt von einer vietnamesischen Familie, deren Geschichte mit der DDR-Vertragsarbeit begann und bis in die Gegenwart reicht. Dieter Schumanns »Garten der Hoffnung« wiederum beobachtet eine multikulturelle Gemeinschaft in einer Schweriner Plattenbausiedlung. Und Emerson Culurgionis »10 bis 20 Halden« findet in einer vom Bergbau gezeichneten Landschaft materielle Ablagerungen einer Geschichte, die keineswegs vergangen ist.
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Frauen in der DDR. Mit Guten Abend, du Schöne, der das Festival eröffnete, knüpft Ina Borrmann an eines der bekanntesten Bücher der DDR-Literatur an. »Dieser Film zeigt, wer wir sind, und auch wo wir herkommen. Es hätte keinen schöneren Eröffungsfilm geben können.« lobte die Kuratorin der Reihe, Grit Lemke.
Fast fünfzig Jahre nach Erscheinen von Maxie Wanders Gesprächsband Guten Morgen, du Schöne begegnet die Regisseurin einigen jener Frauen wieder, die damals, zum Teil noch sehr jung, der Autorin ihre Lebensgeschichten anvertrauten und zu Literatur verwandelt wurden.
Borrmann hat lange recherchiert, um die inzwischen älteren Frauen aufzuspüren. Im Buch blieben sie anonym, im Film treten sie nun mit ihren wirklichen Namen und Gesichtern auf. Sie erzählen von Partnerschaften und Trennungen, von Kindern, Arbeit, Sexualität und dem Älterwerden, von den Erfahrungen in der DDR und dem Leben nach der Wiedervereinigung. Dabei geht es nicht allein um eine Bilanz persönlicher Lebenswege. Auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen
Frauen ihre Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben entwickeln und behaupten mussten, werden sichtbar.
Das Bemerkenswerte an diesen Begegnungen ist die Unmittelbarkeit, mit der die Frauen sprechen. Es gibt Erinnerungen, die im Laufe der Jahrzehnte eine andere Bedeutung gewonnen haben, Selbstzweifel und Ernüchterung, aber auch Humor und eine bemerkenswerte Lust am Erzählen.
Das Ergebnis ist ein aufschlussreiches Panorama weiblicher Lebensentwürfe, das weder
nostalgisch verklärt noch die Widersprüche der Vergangenheit unterschlägt.
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Jenseits der großen Erzählungen. Dabei geht es darum, wie sich die Erfahrungen dieser Geschichte in Biografien, Mentalitäten, Landschaften und gesellschaftlichen Verhältnissen bis heute eingeschrieben haben.
In dieser Vielfalt liegt eine entscheidende Verschiebung: Ostdeutschland erscheint nicht mehr ausschließlich als Erinnerungsort einer untergegangenen Gesellschaft oder als Problemzone der Demokratie. Es wird als gegenwärtiger Lebensraum sichtbar, mit sozialen Konflikten, Migrationserfahrungen, kulturellen Eigenheiten und unterschiedlichen Vorstellungen von Zugehörigkeit.
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Blicke und Übergänge. Das zeigt sich auch in Übergang, dem letzten Film des im Mai 2024 verstorbenen Dokumentarfilmers Thomas Heise. Er wurde nun von Mitarbeitern postum fertiggestellt – ein bewegendes Erinnerungsstück. Unveröffentlichte Texte, Tagebucheinträge, Fotografien, Archivmaterial und Gespräche mit Weggefährten verbinden sich mit Heises eigener Stimme zu einem Porträt, das Biografie und Zeitgeschichte ineinander
verschränkt.
Peter Badel, sein langjähriger Kameramann, und Editor Chris Wright haben das Ende 2023 begonnene Projekt nach Heises Tod weitergeführt. Bei DOK Leipzig wurde der Film in der vergangenen Woche mit der Goldenen Taube ausgezeichnet.
Ausgangspunkt ist Berlin, genauer der Bahnhof Schönhauser Allee, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft Heise lebte. Die scheinbar unspektakulären Beobachtungen des Ortes, Passanten, Verkehr, wechselnde Tageszeiten, werden zum Ausgangspunkt einer sehr persönlichen filmischen Spurensuche.
Dabei geht es nicht um eine konventionelle Würdigung oder eine nachträgliche Heiligsprechung. Vielmehr entsteht das Bild eines ebenso präzisen wie unbequemen Beobachters, dessen
Leben und Arbeit untrennbar mit den politischen Brüchen deutscher Geschichte verbunden waren.
Übergang ist ein Abschied, ohne ein Abschiedsfilm sein zu wollen. Die von Badel und Wright gefundene Form bewahrt etwas von Heises eigenwilligem Blick: die Geduld des Beobachtens, die Offenheit für Widersprüche und das Vertrauen in die Bilder.
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Man fragt sich am Ende: Gibt es einen ostdeutschen Blick? Und tendiert dazu, die Frage zu bejahen. Aber das werden wir später beantworten müssen. Denn dann drängt sich noch eine zweite Frage auf: Ist der vermeintlich ostdeutsche Blick vielleicht nur der deutsche Blick überhaupt, der alte, vergangene, der über den Heinrich Heine schon gespottet hat, – »Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch...« – den die Westdeutschen aus eher guten als schlechten Gründen in den letzten 80 Jahren verlernt haben, und der aber in den letzten 36 Jahren mehr und mehr nach Deutschland zurückkehrt?