05.11.2026

Gibt es einen ostdeutschen Blick?

Die Klasse von 1990
Ein Lehrstück des Politischen: Die Klasse von 1990 von RP Kahl und Sonja Hillberger
(Foto: Beate Nelken / Studio RPK / Sonja Hilberger)

Wende ohne Ende: Neue ostdeutsche Perspektiven und Befindlichkeiten im Dokumentarfilm – Notizen von der Dok.Leipzig; 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wir sprechen nicht von Politik als einem Sach­ge­biet und einer profes­sio­nellen Tätigkeit, sondern von dem Rohstoff, dem Poli­ti­schen, das in jedem Lebens­zu­sam­men­hang versteckt ist.«
– Alexander Kluge/Oskar Negt, »Maßver­hält­nisse des Poli­ti­schen«

Der deutsche Doku­men­tar­film beginnt bemer­kens­wer­ter­weise gerade damit, eine Leer­stelle zu bear­beiten, die in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung seit Jahr­zehnten besteht: Die ostdeut­sche Wirk­lich­keit jenseits der großen Erzäh­lungen von Mauerfall, Wieder­ver­ei­ni­gung, Abwick­lung und Anpassung. Dabei geht es darum, wie sich die Erfah­rungen dieser Geschichte in Biogra­fien, Menta­li­täten, Land­schaften und gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen bis heute einge­schrieben haben.

Bei der Dok.Leipzig, dem wich­tigsten deutschen Doku­men­tar­film­fes­tival, hat die neue Leiterin Ola Staszel mit ihrem Antritt auch eine neue Sektion ins Leben gerufen: »Fokus Ost« zeigt Doku­men­tar­filme mit neuen Perspek­tiven auf den deutschen Osten. Parallell dazu zeigt auch das Film­fes­tival Cottbus, das gerade läuft, eine Filmreihe mit dem Titel Wende­zeiten über »filmische Blicke auf Mauerfall und Trans­for­ma­tion. Was steuern diese Filme zu den gegen­wär­tigen Debatten zwischen West und Ost bei?«

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Die Notwen­dig­keit einer Kunst­hoch­schule. Es war der September 1990, nur noch wenige Wochen dauerte es bis zur offi­zi­ellen »Wieder-Verei­ni­gung« der Deutschen, da hatte der aus dem Erzge­birge stammende Rolf Peter Kahl seinen Pflicht­dienst bei der »Natio­nalen Volks­armee« (NVA) hinter sich, und begann ein Schau­spiel­stu­dium in Rostock an der durchaus renom­mierten »Hoch­schule für Schau­spiel­kunst 'Ernst Busch' (Außen­stelle Rostock)«. Was für ihn und seine Kommi­li­tonen als persön­li­cher Aufbruch gedacht war, und mit dem in eine neue Zeit eines verei­nigten Deutsch­land gedacht war, wurde schon bald zu einer exis­ten­zi­ellen Heraus­for­de­rung: Denn wenige Wochen später erreichte die Hoch­schule die Schock­nach­richt: Die Außen­stelle sollte abge­wi­ckelt werden. Wie so vieles in den »neuen Bundes­län­dern«. Aber Kahl und seine Kommi­li­tonen aus Ost wie West ließen sich das nicht bieten, und leisteten erfolg­reich poli­ti­schen Wider­stand.

Ein Lehrstück des Poli­ti­schen. Jetzt haben Kahl, der zunächst Schau­spieler unter Heiner Müller war, dann in den 90er-Jahren in Filmen wie Oskar Roehlers Silvester Countdown mitspielte und seitdem selbst Film­re­gis­seur ist, und seine damalige Kommi­li­tonin, die aus West­berlin stammende Sonja Hilberger, über ihre Erleb­nisse einen Doku­men­tar­film gemacht: Die Klasse von 1990 ist ein heraus­ra­gender Doku­men­tar­film: zum einen ein Erfah­rungs­be­richt über ein poli­ti­sches Initia­ti­ons­er­lebnis, das keinen der Betei­ligten kalt ließ, aber auch ein Portrait der Gene­ra­tion der Wende­ju­gend 1989/90 und ein Manifest über die Notwen­dig­keit einer Kunst­hoch­schule.

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Was Demo­kratie wirklich ist. Ein Lehrstück ist der Film schon deswegen, weil er jede einfache Schablone sofort aufsprengt: Die Rebellion der Hoch­schul­re­bellen von damals war nämlich nicht die Fort­set­zung der Montags­de­mons­tra­tion mit anderen Mitteln. Ihre Anführer waren sehr gleich­be­rech­tigt ein Ostdeut­scher, eine West­ber­li­nerin, und eine links­rhei­ni­sche West­deut­sche – Sandra Uma Schmitz, die als einige der wenigen noch heute (wieder) in Rostock lebt. Gerade die Plura­lität unter­schied­li­cher Erfah­rungen und Reak­ti­ons­weisen war eine Kombi­na­tion, die in der poli­ti­schen Praxis unschlagbar war.
Demo­kratie ist eben kein starrer Brei einheit­li­cher, enger Korridore und deckungs­gleich geteilter Über­zeu­gungen, sondern das streit­bare, in Bewegung befind­liche Zusam­men­spiel verschie­denster Perspek­tiven. Ein ständiger Lern­pro­zess aus Erfah­rungen

Diese Dynamik aus Entzweiung, Zwist und immer nur auf Zeit gestelltem Konsens als Gärstoff repu­bli­ka­ni­scher Gesinnung ging bereits im Einheits­ge­dusel der Mauer­fall­mo­nate in Verges­sen­heit und ist seitdem nie ernsthaft zu Ende gedacht worden. Die heute angeblich bestehende Krise der Demo­kratie ist, das zeigt der Film von Hilberger und Kahl, tatsäch­lich vor allem eine Krise der eher billigen Vorstel­lung dass Bürger­sinn und repu­bli­ka­ni­scher Geist sich darin erschöpfen, alle Jahre wieder einen Stimm­zettel auszu­füllen.

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Blinde Flecken. Zugleich blickt Die Klasse von 1990 – ein Titel, den man sehr wohl in seiner mehr­fa­chen Bedeutung entfalten und auslegen kann – ganz direkt auf die blinden Flecken der Einheits­eu­phorie. Der größte von ihnen ist das neona­zis­ti­sche und rassis­ti­sche Potential unter der DDR-Bevöl­ke­rung, das nun unge­fil­tert und zügellos als Erbmasse ins vereinte Deutsch­land einging.

Denn ein unbe­trächt­li­cher Teil der Bürger des Arbeiter- und Bauern­staates veran­stalte 1992 das Pogrom von Rostock-Lich­ten­hagen – ausge­rechnet in jenem »Sonnen­blu­men­haus« in dessen Nähe die Schau­spiel­schüler nach ihrer Ankunft zwei Jahre zuvor unter­ge­kommen waren.

Der Film zeigt Film­aus­schnitte, die das Hinter­grund­rau­schen der Künst­ler­re­volte und die drama­ti­sche Verän­de­rung der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse doku­men­tieren, und alles Gerede von Freiheit, Gleich­heit und (sozia­lis­ti­scher?) Brüder­lich­keit als Lippen­be­kennt­nisse entlarven: »Das sind doch Schweine, keine Menschen« heißt es über jene viet­na­me­si­schen Vertrags­ar­beiter, die der Mob um ein Haar verbrannt hätte.

Diese Szenen, die in manchem auch an die Ausschrei­tungen bei den deutschen »Gen Z«-Demos vom Wochen­ende erinnern, weisen en passent, aber deutlich genug auch darauf hin, dass der gewalt­tä­tige Rassismus und Frem­den­hass im Osten Deutsch­lands eine Geschichte hat, die viel weiter zurück­reicht, als bis zur »Flücht­lings­krise« von 2015 oder zur Gründung der AfD.

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Das Ende der Geduld. In ihrem 85-minütigen Doku­men­tar­film erzählen die Regis­seure somit von einem Kapitel deutscher Nachwende-Geschichte, das in seinen Details, wie in seinem Potential zur »Gegen­ge­schichte« (Alexander Kluge) erstaun­lich gründlich aus dem kollek­tiven Gedächtnis verschwunden ist. Denn dieses frühe Mitein­ander beider Deutsch­lands und gesamt­deut­scher Poli­ti­sie­rung ist ein Beispiel dafür, wie es in Deutsch­land viel­leicht auch gehen könnte – damals wie heute. Denn heute dominiert die Rede von der Spaltung der deutschen Gesell­schaft, von großen Diffe­renzen zwischen Ost und West, vom Osten als »eine west­deut­sche Erfindung«, als des abge­hängten Rand­ge­biets der Deutschen. Sie ist in Mode, im Westen, wo man immer noch gern für alles nicht läuft »die Wessis« verant­wort­lich macht, und es sich manche im wohl­fahrts­staat­lich abge­fe­derten Dasein als »Deutscher zweiter Klasse« behaglich einge­richtet haben, genauso wie im Westen, wo man ebenso behaglich die Gefühl genießt, reicher und scheinbar demo­kra­ti­scher zu sein, und im Rausch dieser Scheinü­ber­le­gen­heit die ersten darüber räso­nieren, dass die Langmut der west­deut­schen Netto­zahler auch mal enden könnte.

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Wer schreibt die Geschichte im Kino? Sieger oder Verlierer? – das ist die Leitfrage in all den Filmen, die vergan­gene Woche beim Doku­men­tar­film­fes­tival in Leipzig in der Sektion »Fokus Ost« gezeigt wurden. Sie soll einen beson­deren Blick auf Lebens­welten und Erfah­rungen der Ostdeut­schen werfen.

Die Spann­breite dieser Filme ist aufschluss­reich. Minh Anh Nguyễns Onkel Thuận erzählt von einer viet­na­me­si­schen Familie, deren Geschichte mit der DDR-Vertrags­ar­beit begann und bis in die Gegenwart reicht. Dieter Schumanns »Garten der Hoffnung« wiederum beob­achtet eine multi­kul­tu­relle Gemein­schaft in einer Schwe­riner Plat­ten­bau­sied­lung. Und Emerson Culur­gionis »10 bis 20 Halden« findet in einer vom Bergbau gezeich­neten Land­schaft mate­ri­elle Abla­ge­rungen einer Geschichte, die keines­wegs vergangen ist.

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Frauen in der DDR. Mit Guten Abend, du Schöne, der das Festival eröffnete, knüpft Ina Borrmann an eines der bekann­testen Bücher der DDR-Literatur an. »Dieser Film zeigt, wer wir sind, und auch wo wir herkommen. Es hätte keinen schöneren Eröf­fungs­film geben können.« lobte die Kuratorin der Reihe, Grit Lemke.

Fast fünfzig Jahre nach Erscheinen von Maxie Wanders Gesprächs­band Guten Morgen, du Schöne begegnet die Regis­seurin einigen jener Frauen wieder, die damals, zum Teil noch sehr jung, der Autorin ihre Lebens­ge­schichten anver­trauten und zu Literatur verwan­delt wurden.

Borrmann hat lange recher­chiert, um die inzwi­schen älteren Frauen aufzu­spüren. Im Buch blieben sie anonym, im Film treten sie nun mit ihren wirk­li­chen Namen und Gesich­tern auf. Sie erzählen von Part­ner­schaften und Tren­nungen, von Kindern, Arbeit, Sexua­lität und dem Älter­werden, von den Erfah­rungen in der DDR und dem Leben nach der Wieder­ver­ei­ni­gung. Dabei geht es nicht allein um eine Bilanz persön­li­cher Lebens­wege. Auch die gesell­schaft­li­chen Bedin­gungen, unter denen Frauen ihre Vorstel­lungen von einem selbst­be­stimmten Leben entwi­ckeln und behaupten mussten, werden sichtbar.
Das Bemer­kens­werte an diesen Begeg­nungen ist die Unmit­tel­bar­keit, mit der die Frauen sprechen. Es gibt Erin­ne­rungen, die im Laufe der Jahr­zehnte eine andere Bedeutung gewonnen haben, Selbst­zweifel und Ernüch­te­rung, aber auch Humor und eine bemer­kens­werte Lust am Erzählen.
Das Ergebnis ist ein aufschluss­rei­ches Panorama weib­li­cher Lebens­ent­würfe, das weder nost­al­gisch verklärt noch die Wider­sprüche der Vergan­gen­heit unter­schlägt.

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Jenseits der großen Erzäh­lungen. Dabei geht es darum, wie sich die Erfah­rungen dieser Geschichte in Biogra­fien, Menta­li­täten, Land­schaften und gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen bis heute einge­schrieben haben.

In dieser Vielfalt liegt eine entschei­dende Verschie­bung: Ostdeutsch­land erscheint nicht mehr ausschließ­lich als Erin­ne­rungsort einer unter­ge­gan­genen Gesell­schaft oder als Problem­zone der Demo­kratie. Es wird als gegen­wär­tiger Lebens­raum sichtbar, mit sozialen Konflikten, Migra­ti­ons­er­fah­rungen, kultu­rellen Eigen­heiten und unter­schied­li­chen Vorstel­lungen von Zugehö­rig­keit.

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Blicke und Übergänge. Das zeigt sich auch in Übergang, dem letzten Film des im Mai 2024 verstor­benen Doku­men­tar­fil­mers Thomas Heise. Er wurde nun von Mitar­bei­tern postum fertig­ge­stellt – ein bewe­gendes Erin­ne­rungs­stück. Unver­öf­fent­lichte Texte, Tage­buch­ein­träge, Foto­gra­fien, Archiv­ma­te­rial und Gespräche mit Wegge­fährten verbinden sich mit Heises eigener Stimme zu einem Porträt, das Biografie und Zeit­ge­schichte inein­ander verschränkt.
Peter Badel, sein lang­jäh­riger Kame­ra­mann, und Editor Chris Wright haben das Ende 2023 begonnene Projekt nach Heises Tod weiter­ge­führt. Bei DOK Leipzig wurde der Film in der vergan­genen Woche mit der Goldenen Taube ausge­zeichnet.

Ausgangs­punkt ist Berlin, genauer der Bahnhof Schön­hauser Allee, in dessen unmit­tel­barer Nach­bar­schaft Heise lebte. Die scheinbar unspek­ta­kulären Beob­ach­tungen des Ortes, Passanten, Verkehr, wech­selnde Tages­zeiten, werden zum Ausgangs­punkt einer sehr persön­li­chen filmi­schen Spuren­suche.
Dabei geht es nicht um eine konven­tio­nelle Würdigung oder eine nach­träg­liche Heilig­spre­chung. Vielmehr entsteht das Bild eines ebenso präzisen wie unbe­quemen Beob­ach­ters, dessen Leben und Arbeit untrennbar mit den poli­ti­schen Brüchen deutscher Geschichte verbunden waren.

Übergang ist ein Abschied, ohne ein Abschieds­film sein zu wollen. Die von Badel und Wright gefundene Form bewahrt etwas von Heises eigen­wil­ligem Blick: die Geduld des Beob­ach­tens, die Offenheit für Wider­sprüche und das Vertrauen in die Bilder.

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Man fragt sich am Ende: Gibt es einen ostdeut­schen Blick? Und tendiert dazu, die Frage zu bejahen. Aber das werden wir später beant­worten müssen. Denn dann drängt sich noch eine zweite Frage auf: Ist der vermeint­lich ostdeut­sche Blick viel­leicht nur der deutsche Blick überhaupt, der alte, vergan­gene, der über den Heinrich Heine schon gespottet hat, – »Altdeutsch­land, wir weben dein Leichen­tuch...« – den die West­deut­schen aus eher guten als schlechten Gründen in den letzten 80 Jahren verlernt haben, und der aber in den letzten 36 Jahren mehr und mehr nach Deutsch­land zurück­kehrt?