29.08.2013
70. Filmfestspiele Venedig

Die Schönheit, die in der Wahrheit liegt

 

Gravity: Kammerspiel im All

Helden in Blech­büchsen: Mit Sandra Bullock, George Clooney und Gravity eröffnet die Jubiläums-»Mostra« von Venedig; Venedig-Tagebuch, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ground control to Major Tom« sang einst David Bowie und sein Song mündete in die Zeile: »Die Erde ist traurig/ Und ich kann nichts dagegen tun.« Mit einem ähnlich melan­cho­li­schen, zugleich visuell atem­be­rau­benden Welt­rau­ma­ben­teuer eröff­neten gestern die Film­fest­spiele von Venedig. Gravity vom Mexikaner Alfonso Cuaron, eine All-Odyssee auf den Spuren von Stanley Kubricks »2001 – Odyssee im Weltraum«, Andreij Tarkow­skys Solaris, aber auch Antonions L'eclisse. George Clooney und Sandra Bullock spielen die Haupt­rollen und zeigten sich zur Eröff­nungs­pres­se­kon­fe­renz überaus gut aufgelegt – vor allem gemessen an den schwach­sin­nigen Fragen der Boule­vard­presse, die Clooney auf kosme­ti­sche Themen anspra­chen, und danach fragten, was er von dem mögli­cher­weise drohenden Militär­schlag auf Syrien halte. »Auf diese Frage habe ich gewartet«, antwor­tete der, und ließ die Frage­steller ins Leere laufen: »Ich habe dazu nichts zu sagen, warum sollten Schau­spieler in poli­ti­schen Fragen kompe­tenter sein, als andere Bürger?«

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Aber auch der in erster Linie spannende Gravity hat unter­grün­dige Botschaften, die man je nach Tempe­ra­ment als politisch oder ökolo­gisch oder beides verstehen kann: Bullock und Clooney sind die einzigen Figuren des Films, eines Kammer­spiels im All. Sie spielen zwei Astro­nauten, die Satel­liten repa­rieren – zunächst öde Routine, die sie sich mit flachen Witzen und Anekdoten vertreiben, bis plötzlich ein Haufen Welt­raum­schrott gewit­ter­gleich auf sie einpras­selt. Nach wenigen Sekunden sind ihre drei Kollegen getötet, ihr Raum­schiff zerstört, mit der Erde haben sie den Kontakt verloren. Was nun folgt, ist ein drama­ti­scher Über­le­bens­kampf. Verzwei­felt versuchen sie, schwe­relos im Raum treibend, eine nahe­ge­le­gene russische Raum­sta­tion zu erreichen, dabei von Kälte, knapp werdendem Sauer­stoff und weiterem mit rasender Geschwin­dig­keit flie­gendem Abfall bedroht. Gravity ist eine Abfolge von Kata­stro­phen, immer wenn man glaubt, die größte Not sei über­standen, kommt es noch schlimmer. Irgend­wann opfert sich Clooneys Figur für die Kollegin, die überleben und in einer kleinen Blech­klapsel auf die Erde zurück­kehren wird.

Gravity ist visuell richtig großartig, und auch als 3-D-Film sehr gut gelungen. So überaus eindrucks­voll der Film im Einzelnen ist, ist dies weniger realis­ti­sche Beschrei­bung, als exis­ten­ti­elle Metapher über Tod und Leben. Trotzdem kann man sich ganz konkret vorstellen, wie es sich wohl so anfühlt, im Weltraum zu sein – ein so kluger wie packender Eröff­nungs­film, der das Publikum auf die Erde und irdische Fragen zurück­wirft, auf die Zukunft der Mensch­heit.

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Eine lange Entwick­lungs­ge­schichte hat auch die »Mostra« von Venedig hinter sich: Sie ist die Mutter aller Film­fes­ti­vals – 1932 gegründet, ist dieses erste Film­fes­tival der Welt ein Kind der Diktatur; genauer gesagt ein Einfall des Conde Volpi, der nicht nur eine Weile in Benito Mussol­linis Kabinett als Kultur­mi­nister wirkte, sondern dem vor allem das »Excelsior« gehörte, das luxu­riö­seste Hotel auf dem Lido vor der Lagune von Venedig. Zur Nach­saison Anfang September sollten Filme und Stars noch einmal das Geschäft ankurbeln, so Volpis Über­le­gung. Die Rechnung aus Tourismus und Politik ging auf, und die Idee der Film­fes­ti­vals war geboren. 1936 zog die UdSSR mit Moskau nach und nach dem Krieg über­nahmen die Demo­kra­tien das Konzept: Cannes, Berlin und andere folgten.

Seit gestern nun läuft die 70.Jubiläums­aus­gabe – während dies Krieges und finanz­be­dingt auch in den 70er Jahren legte das Festival jeweils mehr­jäh­rige Zwangs­pausen ein. Im Wett­be­werb laufen 20 Filme, darunter ein deutscher Beitrag: »Die Frau des Poli­zisten« vom Düssel­dorfer Philip Gröning. In den Neben­reihen laufen mit Wolfs­kinder von Rick Ostermann und Edgar Reitz' Die andere Heimat, der neuesten Fort­set­zung seines »Heimat«-Epos weitere deutsche Beiträge. Mit großer Spannung erwartet werden im Wett­be­werb unter anderem die neuen Filme vom Briten Stephen Frears, dem Japaner Hiyao Miyazaki und die Regie­ar­beit Child Of God vom Schau­spieler James Franco – die Verfil­mung einer Vorlage von Cormac McCarthy.

Mit Bernardo Berto­lucci präsi­diert der Grand­sei­gneur des italie­ni­schen Kinos der Wett­be­werbs­jury und auch sonst ist das italie­ni­sche Kino in allen Sektionen gut präsent. Etwas Beson­deres verspricht darunter Venezia Salva (in der Sektion »Venice Days«), die zweite Regie-Arbeit von Serena Nono, der jüngsten Tochter des welt­berühmten Kompo­nisten Luigi Nono, die bisher vor allem als Malerin und bildende Künst­lerin hervor­trat, und auch schon auf der Kunst­bi­en­nale ausge­stellt wurde. Venezia Salva ist die freie Adap­ta­tion eines Thea­ter­stücks von Simone Weil – ein Mantel- und Degen­s­tück, das im Venedig des Jahres 1618 ange­sie­delt ist, und von einer Verschwö­rung erzählt: Der spanische Botschafter versuchte, die über 1000 Jahre alte Republik zu stürzen. Hinter dieser mit eroti­schen Verwick­lungen aufge­peppten aktuellen poli­ti­schen Rahmen­ge­schichte über Demo­kratie und ihre Wider­sa­cher, über Macht und Gewalt, findet Nono auch Philo­so­phi­sches: »Ich wollte den Kern von Simone Weils Ideen bewahren, die eine geradezu grie­chi­sche Tragödie erzählt: In der geht es darum, dass Wahrheit zum Unglück führt, aber auch dass in der Schönheit Wahrheit liegt.«

In der Jubiläums­re­t­ro­spek­tive der »Venice Classics« wird unter anderem Chantal Akerman geehrt. Man zeigt gleich zwei Filme Akermans, die hier vor 40 Jahren liefen. Hotel Monterrey (1972) ist ein Stummfilm über ein New Yorker Hotel, das bereits vor 40 Jahren zum Zufluchtsort für viele verges­sene Alte des »Big Apple« wurden. Akermans Kamera erkundet unbe­kannte Orte. Le 15/8 von 1973 stellt ein junges Mädchen aus Finnland ins Zentrum: Akerman beob­achtet sie während eines ganzen Tages in einem Pariser Appar­te­ment, in dem sie als Au Pair arbeitet – das Porträt einer Post-68er-Jugend, die ihre Zukunft bereits lange vor Casting­shows und Sozialen Netz­werken an die Konsum­ge­sell­schaft verschleu­dert hat. »Ich bin es gewohnt, dass meine Filme Teile des Publikums aggressiv machen« resümiert Akerman, »auch wenn es keine Aggres­sionen in meinem Film gibt. Wenn sie aggressiv werden, verrät das etwas über sie selbst.« Akermans Filme wirken heute wie eine doppelte Flaschen­post aus einer verlo­renen Zeit – für das Kino wie für die Gesell­schaft.

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