23.05.2007
60. Filmfestspiele Cannes 2007

Zunehmender Halbmond

AUF DER ANDEREN SEITE
Als Favorit gehandelt: Auf der anderen Seite von Fatih Akin
(Foto: Pandora)

Liberté, Egalité, Fraternité: französische Werte, türkisches Kino und la condition allemande

Von Rüdiger Suchsland

Ein Vater macht einen Fehler, der das Leben mehrerer Menschen verändert, sein Sohn versucht ihn wieder gut zu machen. Eine Tochter sucht vergeb­lich ihre Mutter und findet schließ­lich eine Ersatz­fa­milie, viel­leicht, aber das kann man nur ahnen, auch einen Geliebten. Eine Mutter entfremdet sich von ihrer Tochter, doch als die dann tot ist, erkennt sie in der Trauer, wie ähnlich die Tote ihr war und übernimmt deren Lebens­auf­gabe, führt sie zu Ende. Wenn man das liest, könnte man den neuen Film von Fatih Akin für überladen und schwer­blütig und auch für ein bisschen konstru­iert halten. Doch bei allem Ernst und Facet­ten­reichtum des Stoffes, bei aller Härte, mit der er erzählt ist, ist Auf der anderen Seite ein feder­leichter, überaus klarer Film geworden. Filmisch ist dies Akins bester Film. Dem Film fehlt ganz der Überdruck von Gegen die Wand, und er ist noch selbst­be­wusster als dieser – gelassen im Umgang mit seinen Mitteln, mutig sowohl in der Konstruk­tion der Geschichte, die in vieler Hinsicht an Pedro Almo­do­vars Erfolgs­film Alles über meine Mutter erinnert – auch darin ging es um Verlust und Mut zum Leben, um Identität und Ersatz­fa­mi­lien –, als auch in den poli­ti­schen Themen, die er berührt.
Denn dieser Schick­sals­reigen von Liebe und Zufall, erzählt nicht allein von drei Familien, deren Geschichte auf verschie­dene Weise mitein­ander verwoben ist. Er handelt auch vom Hin- und Herge­ris­sen­sein zwischen Herkunft und Zukunft, vom deutschen Asylrecht und vom poli­ti­schen Wider­stand in der Türkei. Eine der Haupt­fi­guren ist eine pro-kurdische Akti­vistin – so was sieht man im türki­schen Kino norma­ler­weise kaum. Ein anderer ist ein Intel­lek­tu­eller, der Goethe lehrt, und seiner neuen Heimat Türkei gegenüber ein Gemisch aus roman­ti­scher Sehnsucht und Schuld­ge­fühl entwi­ckelt. Hanna Schygulla schließ­lich spielt eine sympa­thi­sche Ex-Hippie als relaxte Wider­gän­gerin ihrer frühen Fass­binder-Rollen.

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Die Bewegung des Filme­ma­chers Fatih Akin ist bemer­kens­wert. Sein erster Film spielte noch ganz in Deutsch­land – und seitdem nähert er sich mit jedem weiteren der Türkei an. Wieder reist einer aus Deutsch­land weg in die Türkei, und bleibt dort. Diesmal ist es unter anderem sogar eine Deutsche ohne türkische Wurzeln. Auf der anderen Seite ist klar Akins türkischster Film – obwohl der Blick auf die Türkei und die dortigen Verhält­nisse klar einer von Außen bleibt. Akins Blick auf die Türkei ist zum Teil etwas touris­tisch. Und wenn man schon ein paar Mal in Istanbul war, die türkische Filmszene zumindest ober­fläch­lich kennt, dann sieht man auch, dass dies ein Kumpel­film ist, dass Akin sehr viele Freunde und Bekannte, all die, mit denen er bei Istanbul-Aufent­halten so herum­hängt, in Neben­rollen mitspielen lässt.
Einige Szenen sind allzu plakativ insze­niert, etwa jene, in der die junge Lotte in Istanbul von ein paar Kindern erschossen wird. Ansonsten findet Akin für diese Story über Wider­stand und Gren­zü­ber­schrei­tung eine schöne, ruhige Bild­sprache – mit Auf der anderen Seite ist dieser Regisseur offen­kundig dort ange­kommen, wo er als Filme­ma­cher hinwollte: Im Wett­be­werb von Cannes und in der idealen Position eines Mittlers zwischen den Kulturen, der nie mora­li­siert und in Cannes glei­cher­maßen an genuin deutscher und genuin türki­scher Regisseur wahr­ge­nommen wird.

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Türki­sches Kino at its best in allen seinen Quali­täten konnte man in der „Quinzaine“ erleben: Yumurta, der dritte Film von Semih Kapla­noglu, dessen Film Angel’s Fall vor einem Jahr in der Berlinale lief. Man freut sich für Regisseur und Sektion und fragt sich dann doch, warum solch' ein Film nicht im Wett­be­werb zu sehen ist. Denn Yumurta überragt ganz eindeutig den letzten Film von Nuri Bilge Ceylan, der Regis­seurs-Ikone des türki­schen Gegen­warts­kinos. Für mich persön­lich ist Kapla­noglu, ein Gene­ra­ti­ons­ge­nosse von Ceylan, der deutlich inter­es­san­tere der beiden und der noch aufstei­gende Stern des türki­schen Gegen­warts­kinos.
Der Titel bedeutet auf Deutsch „Eier“ und ist der zuerst fertig gestellte, aber chro­no­lo­gisch dritte (!!) Teil einer Trilogie, deren zweiter Film Milch, der erste Honig heißen werden, und die Haupt­figur Yussuf als 18-Jährigen, bzw. als Kind zeigen werden. In Yumurta sieht man ihn als einen nicht mehr ganz jungen urbanen Intel­lek­tu­ellen, viel­leicht um die 40, dessen Träume sich nicht ganz erfüllt haben. Er hat ein Buch mit Gedichten veröf­fent­licht und führt nun eine Buch­hand­lung. Als seine Mutter stirbt, kehrt er für ein paar Tage in sein Heimat­dorf aufs Land zurück. Alle typische Motive des türki­schen Kinos, die man auch schon von Ceylan oder Demir­kubuz kennt.
Doch die Handlung entwi­ckelt sich gelas­sener, weniger weiner­lich, zukunfts­ori­en­tierter und stre­cken­weise ironisch. Yussuf lernt Ayla kennen, seine Cousine zweiten Grades. Sie träumt davon die Heimat­stadt zu verlassen und zu studieren. Sie verbringen ein paar Tage, fahren einmal in einen Nach­barort, besuchen Verwandte. Am Ende werden sie ein Paar.

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Das entwi­ckelt schnell einen großen poeti­schen Sog. Kapla­noglu verfügt über eine seltene Fähigkeit, in kleinsten Andeu­tungen, quasi zwischen den Bildern alles zu erzählen. So weiß man im Prinzip schon nach der ersten Begegnung, das Yussuf und Ayla für einander bestimmt sind. Aber erst in der letzten Szene wird es klar, und noch da bleibt alles ange­deutet. Ayla bringt ihm einfach ein Ei aus dem Hühner­stall. Eine groß­ar­tige Kamera findet Bilder voller Harmonie und von den Zeit­läufen abge­ho­bener Ewigkeit, eine Art Rückkehr zur Natur – die aber immer beiläufig bleibt, nie präten­tiös oder schick­sals­schwer daher kommt. Das erinnert an Téchiné wie an Renoir, auf dessen The River in einigen Szenen ange­spielt wird. Und wenn man in Bildern loben will, könnte man sagen, dass Ceylan der Ange­lo­poulos des türki­schen Kinos ist, Kapla­noglu aber sein Renoir.

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Noch ein Wort zu Bela Tarr und The Man From London. Zwar bin ich gestern, wie gesagt, nach 40 Minuten aus dem Film heraus­ge­gangen. Aber das war vor allem der eigenen Unfähig­keit geschuldet, sich ange­messen zu konzen­trieren und sich auf den Film einzu­lassen. Man tut solchen Werken keinen Gefallen, wenn man sie nach einer Woche zeigt – so ein Film müsste am Anfang laufen. Dieser Regisseur weiß, was er tut, und er tut genau das, was er will. The Man from London ist ein lang­wei­liger Film, und die Film Noir Verweise scheinen mir aufge­setzt und präten­tiös, vor allem aber nicht zu funk­tio­nieren. Trotz der Simenon-Vorlage, die ich auch nicht kenne – aller­dings muss ein Film auch ohne solche Kenntnis funk­tio­nieren.

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Die schlech­testen Wertungen bei den fran­zö­si­schen Kritikern hat übrigens der zuletzt auch erwähnte Russe The Banish­ment erhalten (aber immerhin auch eine Höchst­wer­tung), und Soom von Kim-Ki-duk, dem früheren korea­ni­schen Regie­genie, den wir mit sicherem Instinkt geschwänzt haben – denn nichts ist schlimmer als eine enttäuschte Liebe – aber noch nachholen müssen – denn wissen will man’s natürlich ja trotzdem.

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Dass das deutsche Kino an der Croisette nicht zu übersehen ist liegt aber nicht allein an Fatih Akin. Auch in der »Quinzaine«, der konse­quent dem mutigen Autoren­film vorbe­hal­tenen Sektion, und in „Un certain regard“ gibt es je einen Film, schließ­lich läuft Volker Schlön­dorffs Ulzhan außer Konkur­renz und das bemer­kens­werte Kammer­spiel »Halbe Stunden« von Nicolas Wacker­barth in der „Cine­fon­da­tion“.
Für die meiste Furore sorgte aber in der „Quinzaine“ Jan Bonnys Gegenüber. Dieses Debüt eines Kölner Film­stu­denten ist ein überaus unge­wöhn­li­ches Drama, das hinter der Fassade normaler ehelicher Abnutzung eine Hölle freilegt. Matthias Brandt glänzt einmal mehr in der überaus facet­ten­rei­chen Darstel­lung eines schwachen »starken Mannes«, und auch Viktoria Trautt­manns­dorff besticht mit Inten­sität. Eine nervöse Hand­ka­mera spiegelt seelische Zersplit­te­rungen.
Robert Thalheim, der mit Netto bekannt wurde schaffte den Sprung ins Kinomekka mit der Drama­ti­sie­rung eigener Erleb­nisse als Zivil­dienst­leis­tender in der Auschwitz-Gedenks­tätte. Am Ende kommen Touristen erzählt von der Bana­li­sie­rung des Terrors im Alltag der Holocaust-Industrie, aber wie Akin zugleich auch von einem Erwach­sen­werden zwischen Schuld und Zukunft – la condition allemande?

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Cannes, wir haben das nicht vergessen, ist ja nicht allein eine Veran­stal­tung für die Filmkunst, sondern eine große Messe. In den täglichen Dailys und vor allem an den unzäh­ligen Firmen-Ständen im Bauch des Palais du Festival kann man sehen, was es alles so für Filme gibt, die wir nicht kennen. Und was alles so produ­ziert wird: Zum Beispiel – auch dies ein Beitrag zur condition allemande – Eichnann mit Thomas Kret­sch­mann in der Haupt­rolle und mit Franka Potente. Auf dem Markt verpasst haben wir leider The Golden Nazi Vampire Of Absam: Part Ii – The Secret Of Kottlitz Castle, eine trash-horror-action-comedy, die offenbar in die Tat umsetzt, was ich in meiner Kritik zu Pans Labyrinth geschrieben hatte. Das kommt davon.

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Liberté, Egalité, Frater­nité – die fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­werte haben allen neuen alten 68-er-Debatte von Monsieur Sarkozy zum Trotz weiterhin Geltung. Egalité ohne Frater­nité erlebte immerhin sogar Olivier Assayas. Er kam nämlich nicht in die Party zur Quinzaine-Eröffnung hinein. Seine Freundin aber schon, die ist schließ­lich Regis­seurin eines Quinzaine-Films. Ein Satz, mit dem man in Deutsch­land noch in fast jede Party reinkommt: »Wissen Sie eigent­lich nicht, wenn Sie vor sich haben?«