X-Men Origins – Wolverine

USA 2009 · 106 min. · FSK: ab 16
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: David Benioff
Kamera: Donald McAlpine
Darsteller: Hugh Jackman, Ryan Reynolds, Liev Schreiber, Dominic Monaghan, Lynn Collins u.a.
The Wild One: Wolverine (Hugh Jackman)

Der Mythen-Vielfraß

Was sind Götter anderes als Geschichten, die sich die Menschen erzählen? Geschichten, um sich und die Welt zu erklären, zu begreifen. Geschichten, um Gemein­schaft zu stiften zwischen denen, die an sie glauben.
Und was sind Super­helden viel anderes als Götter ohne meta­phy­si­schen Wahr­heits­an­spruch? Ihr Comic-Universum ist ein Spandex-Pantheon, der gar nicht so viel anders ist als der antike, von den grie­chisch-römischen Deitäten besie­delte. Sie sind Götter für ein Zeitalter, dessen wahre Religion die Popu­lär­kultur ist. Sie lassen uns (All)Machts­fan­ta­sien träumen und lehren uns zugleich, dass auch der Super­mensch menschelt, dass große Macht auch große Verant­wor­tung mit sich bringt. Es ist gar nicht nötig, an sie wirklich zu glauben oder sie auch nur ernst zu nehmen – trotzdem sagen sie uns, wie alle Träume, etwas darüber, wer und wie wir sind. Trotzdem lehren sie uns etwas über Gut und Böse.

Wolverine will von Anfang an nichts weniger sein als ein Porträt eines Gotts als angry young man. Unter der ganz großen Geste macht es dieser Film nicht.

Als es darum geht zu erklären, weshalb der junge Mutant James »Logan« Howlett sich den Namen Wolverine zulegt, bedient er sich dann auch tatsäch­lich bei der Religion: Er zitiert eine (angeb­liche?) india­ni­sche Legende, nach der der Trickster den Geliebten des Mondes in Gestalt eben eines Viel­fraßes/Bären­mar­ders (engl. Wolverine) in die Welt der Menschen gelockt hat. Und dieser nun, da eine Rückkehr in die Geis­ter­welt unmöglich ist, jede Nacht seine kalt und fern am Himmel prangende Holde nur hilflos anheulen kann.
Das ist aber nicht mehr als ein Artikel in dem riesigen, picke­packe vollen Einkaufs­korb, den sich der Film aus allen Regal­reihen des globalen Mythen-Super­markts zusam­men­rafft.
Er legt los mit klassisch märchen­haft-freu­dia­ni­schen Mustern vom Vatermord und Bruder­zwist. Hechelt sich dann zur eigent­li­chen Eröffnung durch eine Montage ameri­ka­ni­scher Kriege, die sich explizit bei »The Red Badge of Courage«, All Quiet On the Western Front, Saving Private Ryan und Apoca­lypse Now bedient. Und kaum scheint damit das eigent­liche Thema des Films etabliert, nämlich der Krieg und der Verlust an den Glauben seiner unbe­dingten Helden­haf­tig­keit, schlägt der Film die nächste Volte und macht Wolverine zum »Rebel with a cause«: Da blitzen dann in kurzer Folge der Brando aus The Wild One, James Dean und der Motor­rad­trip nach New Orleans aus Easy Rider auf. Wolverine, ganz klar, ist einer der großen Loner, der Einsamen und Einzel­gänger der US-Popkultur. Und Gavin Hoods Film klinkt sich, wo immer er kann, stets in die mythischste, größte denkbare Ahnen­reihe ein. Superman wird von einem netten, alten Farmer-Ehepaar groß­ge­zogen? Na, dann muss Wolverine wenigs­tens ein paar utopische Stunden bei einem solchen verbringen.

Gavin Hood versucht, der Ursprungs­ge­schichte seiner Titel­figur größt­mög­liche Wucht zu verleihen. Aber es ist eine andere Art von Gewicht als jene thema­ti­sche und psycho­lo­gi­sche Bedeu­tungs­schwere, die Bryan Singern den ersten beiden X-men-Filmen mit auf den Weg gab.
In Wolverine ist trotz allem das ironische Augen­zwin­kern nie allzu fern; gerade am Anfang sind auch regel­rechte Pointen dicht gesät. (Der Satz »Great! Stuck in an elevator with a bunch of men on a high protein diet...« macht es wieder wett, dass der Film sich auch in Sachen Gags gerne fremd­be­dient und die Szene um den Spruch herum aus Blues Brothers »ausge­liehen« hat.) Wenn Wolverine seinem Mutan­ten­schicksal zu entfliehen sucht und unter die Holz­fäller geht, dann kann man nie ganz sicher sein, ob das nicht ein Meta-Witz ist, zu dem die Dreh­buch­au­toren durch den wort­spie­lenden Titel der Wald­ar­beiter-Reality-Soap »The Ax-Men« inspi­riert wurden. Und gerade, als sich der Tonfall später doch einzu­dun­keln scheint, taucht mit einem zum grotesken Fettberg gewor­denen Ex-Kameraden Wolverines die comi­caf­teste Figur des Films, geradezu ein wandelnder Cartoon-Charakter auf.

Doch es ist nicht sein – im übrigen sehr gut zu Hugh Jackmans Leinwand-Persona passender – Witz, der das Projekt des Films letztlich unter­gräbt und sein Streben nach gott­glei­cher Größe für seinen Helden verpuffen lässt. Nein: Das geschieht, weil Wolverine sich vor lauter Mythen-Manie für nichts entscheiden kann.
In seiner Gefräßig­keit nach Glanz aus altbe­kannter Arche­typen-Hand vergisst er, dass die großen Mythen ihre Kraft eben nicht aus einem endlosen Anhäufen von allem Greif­baren beziehen. Sondern aus ihrer funda­men­talen Einfach­heit und Klarheit. Ihre Univer­sa­lität besteht nicht darin, dass sie sich alles einver­leibt haben und für jeden alles sind. Sondern dass sie einen derart grund­le­genden Aspekt des mensch­li­chen Daseins in solch über­höhter Rein­kultur darstellen, dass fast jeder darin etwas wieder­er­kennen kann.
Wolverine aber galop­piert, kaum hat er ein Mythen-Feld ange­rissen, sofort zum nächsten. Und will sich auf keinem für etwas entscheiden, auf etwas festlegen, das wirkliche Konse­quenzen hätte.
Da beginnt der Film etwa, wie gesagt, mit seinem großen Durch­marsch durch das US-Kriegs­film-Genre. Lässt seinen Prot­ago­nisten ange­wi­dert von sinnlosen Massakern und gewis­sen­losem Söld­nertum den weiteren Gehorsam verwei­gern. Aber wenn man dann erwartet, er würde in seinen Fantasien auch den Miss­brauch der Militär­macht unter Bushs Regime wider­spie­geln, dann zieht er sich doch wieder (und explizit) darauf zurück, dass nur ein halb­wahn­sin­niger Renegat seine eigenen Ziele verfolgt, gegen den erklärten Willen auch des an sich ehren­vollen Militär-Esta­blish­ments.
Dafür liefert Wolverine eine alter­na­tive Erklärung für die Kern­schmelze in den Atom­re­ak­toren auf Three Mile Island – nicht gerade eines der präsen­testen Themen heut­zu­tage, 30 Jahre später.
Auf zu viele Schein-Tode folgt die wunder­same Aufer­ste­hung, auf zuviel tödlich geglaubte Konflikte die Versöh­nung. Wolverine ist ein Einzel­gänger mit ein paar zu vielen prima Freunden. Hoods Film scheut sich, Wunden zu schlagen die nicht heilen, deren Schmerz bliebe. Irgend­wann bleibt nur noch ein Trauma-Hinter­grund­rau­schen, in dem alles gleich geworden ist. (»Was it the wars?,« fragt seine Freundin den Helden, als er aus einem Albtraum hoch­schreckt. »Yes.« »Which one?« »All of them.«)

Freilich ist es nicht allein die Schuld des Films, dass Wolverine zwar amüsant die Zeit vertreibt, am Ende davon aber wenig übrig­bleibt, was nachhallt: Wolverine leidet an der struk­tu­rellen Krankheit so vieler Prequels. Er ist eine sehr ausge­dehnte Fußnote zu einer bereits bekannten Geschichte. Zu der er nur Hinter­grund­in­for­ma­tion beitragen darf, aber nichts, was deren fiktio­nale Welt wirklich woanders hinbe­wegen würde. Es ist ein Ausfüllen von Lücken, die gerade bei der über­le­bens­großen, klar­ge­zeich­neten Natur solcher Comic-Götter nie wirklich als Lücken empfunden wurden.
Und so müht sich der Film, Wolverine mit Mythen-Masse aufzu­pumpen – nur um am Ende den ganzen Ballon wieder platzen zu lassen.
Am Schluss muss der große Reset-Knopf, die Delete-Taste gedrückt werden. Damit wir möglichst genau wieder da sind, wo wir am Anfang von X-Men schon mal waren.
Nur dass damals Wolverine für sich und uns ein Mann auf der Suche nach seiner verdrängten, verges­senen Vergan­gen­heit war. Und wie so oft: Das Geheimnis war größer, reiz­voller und reicher als es die bunte Ausbuch­sta­bie­rung je sein konnte.
Als Gott ohne Gedächtnis war uns Wolverine eigent­lich näher, hatte uns mehr zu sagen, als der hier aufge­baute Mythen-Popanz.

Thomas Willmann

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Der Mensch im Tier

Liberale Mythologie und der Film zum Darwin-Jahr

»You are not an animal!« ruft ihm seine Geliebte einmal zu. »Oh yes, you are.« kontert sein Bruder Victor, der ältere, zyni­schere der beiden, ein teuflisch-char­manter Verführer. Dies, der Konflikt zwischen Tier und Mensch, zwischen Genen und Erziehung, ist der Grund­kon­flikt, von dem Wolverine handelt, in dem Gavin Hood nun eine Ursprungs­ge­schichte der X-Men erzählt. Im Gewand der Fantasy und des klas­si­schen Bildungs­ro­mans geht es um die düstere Seite jedes Helden. Zugleich passt dieser nach­denk­liche, gebro­chene Film perfekt zum poli­ti­schen Gezei­ten­wechsel in den USA. Wolverine ist ein scheinbar Unschlag­barer, dessen Wunden schnell verheilen.

Man darf, das gleich vorweg, nicht zu spät kommen zu Wolverine. Und man sollte auch nicht zu früh gehen. Denn die aller­letzte Szene kommt erst am Ende des Nach­spanns, ein Epilog, der das Thema des Films in anderer Form noch einmal zusam­men­fasst. Die Szene handelt von der Schwie­rig­keit des Erinnerns, davon wie die Zukunft mit der Vergan­gen­heit untrennbar verschaltet ist. Die Zukunft, sie liegt in diesem Film von Anfang an bereits hinter uns: Drei X-Men-Filme haben wir erlebt, zwei davon mehr oder weniger großartig, der letzte miss­glückt. Nun also X-Men Origines: Wolverine, zwei weitere werden folgen. Der Nachteil dieser neuen Mode der Prequels liegt auf der Hand: Man weiß bereits, was aus Figuren werden wird, vor allem weiß man, wer überlebt, die Spannung also muss woanders her kommen. Der Vorteil aller­dings ist nicht weniger offen­sicht­lich: Die Unschuld des Anfangs darf wieder da sein, Figuren können auftau­chen, die später bereits gestorben sein werden, über die sich aber noch mehr erzählen lässt, gesetzt, man dreht die Zeit zurück. Und gerade bei einem Film wie diesem, der Verfil­mung eines bekannten Comics, dürfen die Macher davon ausgehen, dass ein Großteil des Publikums weiß, worum es geht, was passieren wird, usf.

Zu spät kommen darf man nicht, weil der Anfang ganz hervor­ra­gend ist, weil er den Film prägt, den Ton setzt, weil er in einer unglaub­lich atemlosen Montage uns hinein­reißt in die vergan­gene Zukunft dieses Films, unseren Kopf in die andere Richtung dreht, und wieder zurück, weil er in kürzester Zeit einen Mahlstrom vor unserem Auge entfes­selt, der alles mitreißt, der eine Kette von Bege­ben­heiten vor uns auftürmt und in eins gießt. Wie der Engel der Geschichte von dem Benjamin schreibt, sieht auch der Film eine einzige Kata­strophe, häuft zugleich unab­lässig Trümmer auf Trümmer und schleu­dert sie uns vor die Füße. Ein Sturm weht aus der Hölle der Kindheit in die Gegenwart, vertreibt die zwei Gestalten des Anfangs aus dem Paradies mit seiner zeitlosen Unschuld hinein in die Geschichte, in der sie nicht sterben können, ewig jung bleiben, Rachengel und Untote, gelang­weilt von einer Mission, die sie nicht kennen und einem Glück, das sie nicht erhaschen können. Dieser Sturm treibt sie unauf­haltsam in die Zukunft, und walzt die Gegenwart platt ins Bedeu­tungs­lose, während der Trüm­mer­haufen der Ereig­nisse zum Himmel wächst. Das, was wir Fort­schritt nennen, ist dieser Sturm.

Mutanten. Freaks. Davon handelt der Film. Es geht los in einem düstren Märchen­wald, wie aus einer der Geschichten von den Brüdern Grimm. Wir sehen – »Canada 1844« – zwei Jungen. Der eine schneidet sich die Fingernägel, die längst Krallen ähnlicher sind, der andere, auf dem unser Augenmerk ruht, ist ängstlich und krank. Sie kommt schnell, die blutige Initia­tion, die folgen muss: Als der Vater getötet wird, tötet der Kränk­liche den Mörder, und muss erkennen, dass dieser sein eigent­li­cher Vater war. Mit dem Vatermord/Gottes­mord und dem Entsetzen der Mutter beginnt der Auszug aus dem Paradies, in den Wald, verfolgt. Zwei Brüder. Ein Bruder­zwist.

Und auf diesen Vorspann setzt die Titel­se­quenz ein: Reißende Zeit, sehr graphi­sche Bilder, aber doch Film, nicht Comic. Dazu Kirchen­musik. Wir sehen Kriege, Kämpfe, Tode, Gewalt, wir erkennen dies Soldier Blue's des ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg, die Schüt­zen­gräben des Ersten Welt­kriegs, die Landung in der Normandie. Pure Action, ohne Worte, pures Bewe­gungs­kino. Aber bezeich­nen­der­weise fehlen die Kriege gegen die Indianer und so ist eines klar: Es geht nicht darum, ameri­ka­ni­sche Geschichte einfach als Krieg und Eroberung zu zeigen, sondern den Frei­heits­as­pekt in ihr zu betonen. Dieser Logan, der jüngere unfrei­wil­lige Vater­mörder ist ein Frei­heits­kämpfer, der stets auf der richtigen Seite steht. Und so erscheint dieser Schnell­durch­lauf in Sieben­mei­len­stie­feln auch als nach­drück­liche Erin­ne­rung an die Meilen­steine der US-Historie, an die vergan­gene Zukunft des Ameri­ka­ni­schen Traums. In Vietnam ist das Ende der Geschichte, dieser Geschichte dann erreicht.
Dort verlang­samt sich der Film dreht sich auf der Stelle im Kreis, in dem Victor, der ewige Sieger und böse Bruder Logans erstmals sichtbar durch­dreht, kurze Blitze des Tötungs­triebs, des Exzess' hatten dies schon ange­deutet. Jetzt ist die Unschuld endgültig verloren, spätes­tens jetzt ist der Grund­stein gelegt für den mörde­ri­schen Bruder­kampf, die Kain-und-Abel-Konstel­la­tion, die diesen Film über weite Strecken voran­treibt. Eine freu­dia­ni­sche Situation: Vatermord und Bruder­zwist. Der Film darf Atem holen, Zwischen­bi­lanz ziehen.

Beide Brüder sind schon Mutanten, sind schon Misch­formen aus Mensch und etwas anderem. Weil sie das sind, werden sie nicht älter und sind quasi unver­wundbar. Auch vor dem Erschießungs­kom­mando der US-Armee. Als sie nicht zu töten sind, hält man sie in Ketten in einem schwarzen Loch. Aus dem holt sie Colonel Stryker (wunderbar zynisch und gequält wie immer: Danny Huston), den wir bereits aus dem zweiten X-Men-Teil kennen. Dort wird er zum Verschwörer gegen den US-Idea­lismus, zur schwarzen Seele einer bösen Admi­nis­tra­tion, einer Art-Cheney-Figur also. Und bereits hier ist das angelegt: Der Film spielt in den 70er Jahren, Konkretes ist nicht zu erfahren bis auf den Unfall von Harris­burg auf Three-Mile-Island, dessen wahre Hinter­gründe hier endlich aufge­deckt werden. Stryker aber weiß jetzt schon, dass die »inneren Feinde« der Ordnung gefähr­li­cher sind, als die äußeren, und geht darum hier schon mit allen Mitteln, selbst mit denen eines Doktor Mengele gegen alles vor, was das Andere reprä­sen­tiert: »I care, cause I know, how special you are.«

Man muss hier inne­halten, und kurz daran erinnern, wovon die X-Menüberhaupt handeln: Die Verfil­mung der X-Men-Comics aus dem Hause Marvel erwies sich in ihren beiden ersten, vom Regisseur Bryan Singer verant­wor­teten Folgen als eine der mit Abstand inter­es­san­testen und quali­tativ besten Kino-Adap­tionen einer Comic-Vorlage. Sie gehörten auch deshalb zu den besten und sympa­thischsten Kino-Adap­tionen eines Comic, weil sie im Gegensatz zu anderen Filmen dieses Genres keine martia­li­sche Haudrauf-Moral und reak­ti­onäre Werte predigten, weil sie Humor hatten. Vorlage und Filme waren immer vergleichs­weise erwachsen und subtil. Das Grundsze­nario der X-Men dreht sich um die Frage des sozialen Zusam­men­le­bens zweier unter­schied­li­cher Lebens­formen, der Menschen und der »Mutanten«, also »Anderen«. Diese verfügen über – jeweils indi­vi­duell höchst verschie­dene – über­mensch­liche Fähig­keiten, wobei jede Mutation auch mit spezi­fi­schen Schwächen verbunden ist. X-Men ist zutiefst liberale und huma­nis­ti­sche, den Indi­vi­dua­lismus feiernde Fantasy, die primär vom Anders­sein und dem Umgang mit ihm handelt. Gerade im poli­ti­schen Kontext der Bush-Ära mit ihrer Terror-Paranoia und der massiven Einschrän­kung von Bürger­rechten erschien die liberale Mytho­logie der X-Men als Gegen­ent­wurf. Zudem veran­kerten direkte histo­ri­sche Verweise auf Juden­ver­fol­gung und Kommu­nis­ten­hatz den Stoff in der US-ameri­ka­ni­schen Frei­heits­ge­schichte.

Zentraler Ort und Ruhepol der Hand­lungen ist eine Schule, seit jeher der Schau­platz eines Opti­mismus, der an die Verbes­se­rungs­fähig­keit des Menschen durch Bildung und Erziehung glaubt, an Aufklä­rung. In der lernen junge Mutanten den sozi­al­ver­träg­li­chen Umgang mit ihren Kräften ebenso, wie das Akzep­tieren der eigenen Anders­heit – Comics wie Filme sind daher auch nicht nur Fantasy- und Super­helden-Action, sondern auch ein meta­pho­risch verbrämtes Coming-Of-Age-Drama. Zugleich enthält dieses einen offen­sicht­li­chen sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Subtext, indem jeweils ein gesell­schafts­po­li­ti­scher Konflikt den Ausgangs­punkt der Action-Handlung bildet – in allen drei Teilen führt anwach­sende Furcht und Unver­s­tändnis der Menschen gegenüber den friedlich sich inte­grie­renden Mutanten zur massiven Einschrän­kung von deren Bürger­rechten. Verführt von neuen biotech­no­lo­gi­schen Möglich­keiten, will man im dritten Teil die Mutanten zwingen, sich durch ein neues Medi­ka­ment »kurieren« zu lassen. Neben den X-Men, jenen von Professor Xavier geführten »guten« Mutanten, die für Inte­gra­tion und fried­liche Koexis­tenz eintreten, gibt es auch eine zweite, vom ehema­ligen KZ-Opfer »Magneto« geführte Mutanten-Fraktion, die auf die Unter­drü­ckung ihrer­seits mit mili­tantem Wider­stand reagiert. Gegen die into­le­rante Auffas­sung des Anders­seins als zu thera­pie­rende Krankheit setzt Xavier Aufklä­rung und Magneto terro­ris­ti­schen Wider­stand – der mit rheto­ri­schen Zitaten aus dem Stan­dar­dar­senal der funda­men­ta­lis­ti­schen Revolte von den Evan­ge­li­kalen bis zu Osama Bin Laden garniert wird.
In klaren Metaphern vertraten die beiden ersten Filme eine diffe­ren­zierte Tole­ranz­bot­schaft. Geradezu prophe­tisch erscheinen im Rückblick jene Passagen des zweiten Teils, in denen Radi­ka­li­sie­rungen und Para­dig­men­wechsel der US-Politik bis hin zu Guan­ta­namo und Abu-Ghraib-Folter voraus­ge­ahnt werden.

An solche Diffe­ren­ziert­heit, Einfalls­reichtum und Qualität kann der neueste, vierte Teil der Franchise anknüpfen. Wolverine, gespielt von Hugh Jackman, war von Anfang an auch eine der belieb­testen und eindrück­lichsten Super­helden-Haupt­fi­guren in den drei X-Men-Filmen. Deren Vorge­schichte erzählt nun dieser Film, der zeitlich als Prequel ange­sie­delt ist, und daher auch gesehen werden kann, wenn man die anderen Filme nicht kennt. Im Fortgang der Handlung erzählt er, wie Wolverine entsteht, dass dieser kein »einfacher« Mutant ist, sondern eine komplexe Mischung aus Mutant und Maschine, ein Über-Mutant, motiviert aus einer doppelten Leiden­s­er­fah­rung, entstanden aus dem Teufels­pakt des Mutanten mit seinem schlimmsten Feind, Colonel Stryker. Der will eine unschlag­bare Kampf­ein­heit begründen, schon vor Vietnam hatten die beiden Mutan­ten­brüder ja wie gesagt in der US-Armee gekämpft, und eine ironische Lesart des Films ist die geschichts­phi­lo­so­phi­sche: Dass das ameri­ka­ni­sche Jahr­hun­dert in Wahrheit ein Mutan­ten­jahr­hun­dert ist, dass die Siege zwischen 1865 und 1945 nur im Einsatz über­mensch­li­cher Super­hel­den­fähig­keiten begründet liegen. In Vietnam dürfen die Brüder nicht mitkämpfen, das zeigt uns der Film, und viel­leicht, viel­leicht ging dieser Feldzug nur deshalb verloren? Stryker jeden­falls scheint das zu denken, er will das aus seiner Sicht Gute der Mutanten konser­vieren, das Schlechte ausmerzen – darum unter­wirft er die Mutanten in einer Art Mutanten-KZ weiteren Muta­tionen.

Wolverine, der hier im Zentrum steht, ist einer der wenigen, der sich dem entziehen kann. Gleich zweifach sieht man ihn rebel­lieren und aussteigen, sieht man ihn irgendwo in den Bergen des Nord­wes­tens den gleich­falls urame­ri­ka­ni­schen Traum vom einfach-einsamen Sied­ler­leben im Blockhaus träumen, nur begleitet von der hübschen Indi­aner­braut Kyla Silverfox – auch noch eine Metapher für Naturnähe. Sie erzählt von Indianer-Mythen, ein Märchen vom Trickster, der die Geliebte des Mondes auf die Erde lockte, woraufhin sie nicht mehr zurück­konnte, und von nun an als Wolverine den Mond anheult, wir verstehen sofort, dass dies ein meta­pho­ri­scher Vorgriff auf die Zukunft ist. Wir verstehen auch, dass dies unter anderem eine Eifer­suchts­ge­schichte ist, und ahnen, dass da viel­leicht auch zwischen den Brüdern Logan und Victor mehr ist, als nur Neben­ein­ander und Miss­ver­stehen. Silverfox berührt gerne die anderen Menschen, und sie spricht von ihren »means of persua­sion. It's a gift.« Wir verstehen das erst später wirklich. Logan, der noch nicht Wolverine heißt, sagt sie: »You are not an animal. What you have is a gift.« Sie ist schließ­lich Schul­leh­rerin, auch hier also Schule als Metapher für gute Zivi­li­sa­tion, und auch Wolverine braucht Erziehung. Er wird ihr bester Schüler werden. Aber sie muss sterben, das glaubt man früh zu wissen, und wir sehen die Bilder von ihr von Beginn an schon als Erin­ne­rung. Keine Chance auf Glück. Denn das Böse ist Böse. Und die Zukunft ist konta­mi­niert von der Vergan­gen­heit – woran Wolverine und der zu Sabre­tooth gewordene Victor, woran auch Stryker leiden, das muss man einem deutschen Publikum nicht erklären.

So entlarvt gerade – das ist die Geschichts­phi­lo­so­phie dieses Films! – die wahn­sin­nige Sehnsucht nach dem Idyll, nach der Flucht aus dem Mahlstrom der Geschichte dessen Macht. Geschichte ist verzeit­lichte Utopie, Utopie umgekehrt wäre das Anhalten der Geschichte, der jüngste Tag, und dies ist, jeden­falls bevor der Messias erscheint, unmöglich. So ist X-Men Origines: Wolverine auch einer Wider­le­gung des Rous­seauismus, der Vorstel­lung man könnte zurück zur Natur in die Unschuld und damit die Zivi­li­sa­tion, die notwendig mit Blut und Schuld verbunden ist, einfach abstreifen. Wobei dieser Film niemals so naiv ist, hier mit einfachen Anti­thesen zu argu­men­tieren. Die Natur ist hier mit dem Kultu­rellen verzahnt, die Unschuld ist nicht einfach unschuldig, sondern von Schuld, also Erin­ne­rung und Geschichte durch­drungen. Anders wäre es auch unmensch­lich. Das gilt für Kyla wie für Logan, der auch hier an der besten Luft der Welt nicht einfach gut schlafen und glücklich sein kann, der zumindest nachts von Träumen gepeinigt wird, schreiend aufwacht: »Was it the wars?« fragt Kyla, »Yes«»Which one?«»All of them.« Immer wieder erleben wir auch Charak­ter­wechsel: Aus Guten werden Böse, aus Bösen Gute. Fast jede Figur trägt, in verschie­dener Vertei­lung, beides in sich.

Als Logan zum zweiten Mal zurück­kehrt in die um so viel grau­sa­mere, blutige Zivi­li­sa­tion, da bleibt er Rebell, nun aber with a cause. Da bekommt er Leder­jacke und Motorrad a la Brando, und einen Blick a la Dean. Was er sagt, ist aber ungleich härter, brutaler, und past so gar nicht zu den schönen, roman­ti­schen Rebellen des 50er, 60er-Jahre-Kinos, deren Meta­phorik er ausborgt: »I am coming for blood, no law, no code of conduct.«

Stryker, sein neuer böser Vater hat ihm zuvor gesagt: »We'll make you inde­struc­tible. But before, we have to destroy you.« Das ist es, was alle Militärs sagen, und auch tun, sogar manche Sport­coa­ches. Aber der zu Wolverine gewordene Logan, der mit »Adaman­tium«-Metall durch­zo­gene Körper, ist eine Waffe, die sich selbst bedient: Ein Sprung des nackten Körpers in den Wasser­fall, das größt­mög­liche Tauf­be­cken für den größt­mög­li­chen Helden, steht für dessen Neugeburt. »You wanted the animal. You've got it.« schreit er noch. Nur zwei Schwächen hat er, wie Achill, sein unschlag­bares Pendant bei Homer: Der Zorn, die Todsünde Ira. Schon X-Men 2, wir erinnern uns, begann mit Mozarts Dies Irae-Chor aus dem Requiem. Die zweite Schwäche Wolverines ist seine ganz persön­liche Achilles-Ferse: Mit »Adaman­tium«-Kugeln kann man ihm sein Gedächtnis rauben, seine Erin­ne­rung abtöten, ihm ein Stück Mensch­lich­keit rauben.

»Not all who wander are lost.« – das steht auf dem Wagen eines alten Bauen­paares, die Wolverine ein paar Stunden Idylle, sowie Kleider und eine warme Mahlzeit schenken, die ersten Schritte zurück in die Zivi­li­sa­tion. So kreist dieser Film immer wieder darum, wann und wo Zivi­li­sa­tion gut ist, und wo schlecht, wie sich ihre schwarze und ihre weiße Seite zuein­ander verhalten. Und das ist auch ins Innere verlagert: Wieviel Tier ist in Wolverine und wieviel Mensch. Vom Über­mensch, von der Maschine und der »Termi­nator«-haftig­keit des Wolverine müssen wir hier einmal schweigen.
Aber Wolverine ist frei, also kann und muss er wählen. Immer wieder steht er vor der Entschei­dung, sein mensch­li­ches Bewusst­sein gegenüber seiner Tiernatur zu behaupten, seine rohe Kraft zu diszi­pli­nieren und mit Sinn zu erfüllen, nicht Gefan­gener seiner Triebe zu werden.

Bereits jetzt hat Wolverine Kino­ge­schichte gemacht: Denn bereits einen Monat vor dem jetzigen welt­weiten Filmstart kursierte eine zu großen Teilen fertige Version des geplanten Block­bus­ters im Internet. Weit über hundert­tau­send Menschen luden ihn herunter – ein beispiel­loser Vorgang. Der Verleih 20th Century Fox schaltete das FBI ein. Jetzt kann man das Ergebnis im Kino sehen. Und man möchte, gemessen an der Fülle der Spezi­al­ef­fekte, der mitunter bombas­ti­schen, in jedem Fall eindrucks­vollen Wirkung auf der Kino­lein­wand, lieber gar nicht erst wissen, wie ein solcher Film auf Netzgröße geschrumpft, in mieser Daten­qua­lität wohl aussehen mag.

Mit dem Wahlsieg Barak Obamas haben sich auch die Vorzei­chen im Kino geändert. Der Außen­seiter ist an die Macht gekommen. Die USA scheinen nicht mehr so leicht als Reich des Bösen iden­ti­fi­zierbar, wie zu Bush-Zeiten. Wolverine passt nun zu diesem poli­ti­schen Gezei­ten­wechsel perfekt – dies ist der erste Action-Film der Obama-Ära. Der erste Film, der uns von Obama erzählt, dem Mutant und Außen­seiter im Weißen Haus. Wolverine ist nichts anders, als seine düstere Seite, als sein Inneres, das wir noch nicht sehen können. Aber wir werden sehen, während uns der Engel der Geschichte auf seinen Schwingen in die Zukunft trägt, wir werden erkennen müssen, ob dieser poli­ti­sche Messias auch so unschlagbar ist, wie Wolverine, und ob auch seine Wunden so schnell verheilen, er weiterhin so wundersam wieder­auf­er­stehen kann, wie dieser.

Im Zentrum steht somit der klas­si­sche Bildungs­roman, die Reise eines Helden. Stark und einfach gestrickt wie Achill oder Siegfried muss auch Wolverine erst wie Odysseus oder Wilhelm Meister Heraus­for­de­rungen bestehen und leiden, bevor er er selbst werden kann. Wolverine funk­tio­niert tadellos als höchst unter­halt­sames Stück Popcorn­kino. Die Tricks sind auf hohem Stand, die Geschichte ist gradlinig erzählt, und mutet dem Zuschauer nicht über­mäßige Über­trei­bungen zu, sondern bleibt konzen­triert, fast bescheiden. Im Gewand des Fanta­sy­a­ben­teuers geht es trotzdem um viel mehr: Ein Außen­seiter als Held, und eine Figur, die in allem Über­mensch­li­chen und Super­hel­dentum immer human bleibt. Meta­pho­risch überhöht erzählt uns das von uns selbst: Von der Zivi­li­sie­rung der Bestie, vom Mensch im Tier. Der Film zum Darwin-Jahr.

Rüdiger Suchsland

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