Spectre

Grobritannien/USA 2015 148 min. FSK: ab 12
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: , , ,
Kamera: Hoyte van Hoytema
Darsteller: Daniel Craig, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomie Harris, Christoph Waltz, La Seydoux u.a.
Ohne Herz, Sinn und Verstand

Vertrautes Neuland

Es gibt gute und es gibt schlechte Fuballweltmeisterschaften, welche die berraschen und welche die langweilen, wobei in allen Fllen die Vorfreude eigentlich immer die Realitt schlgt. Genauso wie die schwere Amnesie, die einen nach jeder WM befllt – wie war das noch mal, wer wurde da vor vier Jahren noch mal Weltmeister? Nicht viel anders ist es beim James Bond-Franchise. Man vergisst und verzeiht schnell. Und es gibt gute und es gibt schlechte Jahrgnge. Der letzte war ausgesprochen gut. Skyfall war nicht nur berraschend, er war so etwas wie eine Super-WM, bei der bis zum Schluss nicht klar war, wer gewinnen wrde: die ausgesprochen gut aufgelegten Schauspieler, die exquisit ausgesuchten und gefilmten Locations oder die Story. Eine Story, die endlich einmal Bond aus seinen alten Korsetten befreite und erstmals so etwas wie einen richtige Plot in dieses Genre-Artefakt integrierte. Das war schlichtweg atemberaubend und schlug so ziemlich jeden Action-Stunt des gesamten Films.

Die Vorfreude auf den neuen Bond war dementsprechend gro: Wrde Spectre diesen vllig neuen Erwartungen gerecht werden, es zumindest in Anstzen schaffen, mehr noch, als bekannt wurde, das der ewig bse Gegenspieler von niemand anderem als Christopfer Waltz gegeben wrde, der seit seinem Inglourious Basterds-Auftritt als Inbegriff des subtilen Bsen gilt und der tatschlich Daniel Craig in seiner letzten Bond-Inkarnation zu Seite stehen sollte.

Wre Skyfall nicht gewesen, wre Spectre ein guter Bond. Einer, der mit einer fantastischen Eingangssequenz berrascht und begeistert und der es wagt, dass Bond auch mal Sex mit einer Frau hat, die lter als er ist (Monica Belluci) und der, wenn man bereit ist, den Film mit gegenwrtigen gesellschaftlichen Entwicklungen abzugleichen, auch von der Ohnmacht des Individuums in unserer digitalisierten (und damit auch menschlich-vernetzten, nicht individuellen) Welt erzhlt. Doch mit Skyfall im Hinterkopf verblasst all das und was bleibt, ist nicht viel mehr als die alten Standards. Kaputte Autos, kaputte Huser, ein paar Girls, von denen das eigentliche Bond-Girl (La Seydoux), wie schon so oft gehabt, Bonds Tochter sein knnte. Und Christoph Waltz als bser Gegenpart drfte nur jene berraschen, die ihn in seinen letzten Filmen (The Zero Theorem, Big Eyes) noch nicht gesehen haben und fr die Waltz sffisante Bsartigkeit tatschlich neu ist und nicht beginnt so langsam so richtig zu nerven.

Was – wie schon fast zu erwarten war – jedoch am meisten enttuscht, ist die Story. Obwohl auch fr Spectre wie schon fr Skyfall Sam Mendes Regie fhrte und tatschlich das gleiche Drehbuchtrio verantwortlich zeichnet (John Logan, Neal Purvis und Robert Wade), bedeutet das in diesem Fall eher Fluch als Segen. Denn Mendes et al knnen sich weder vom Alten ganz trennen noch etwas wirklich Neues wagen. Die alte Familiengeschichte wird lustlos und ein wenig redundant weitergesponnen und wo es an innovativen Ideen fehlt, wird froh und munter drauflosgerast und geknallt. Das ist ohne Herz, Sinn und Verstand, ist aber ganz und gar auf dem Niveau klassischer Bonds und drfte sowohl die eingefleischten Fans befriedigen, denen Skyfall schon zu innovativ war als auch einem Publikum, das statt mehr zu erwarten, sich mit dem zufrieden gibt, was jede solide Fortsetzung genauso wie All-Inclusive-Urlaub oder die weltweite Fastfood-Kette bietet: vertrautes, ganz ungefhrliches Neuland. Oder eine WM ohne berraschungen, in der im schlimmsten Fall der haushohe Favorit gewinnt und ob dieser Banalitt das ganze auch gleich ganz schnell wieder vergessen wird. Um wieder Raum zu geben fr die langsam, aber mchtig wachsende Vorfreude auf das nchste Spektakel.

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Alter Schmerz in neuem Licht

Dass James Bond in Spectre eine Reise in die Vergangenheit bevorsteht, lsst schon die stilisierte Titelsequenz vermuten. Gesichter frherer Gegenspieler und verflossener Liebschaften tauchen auf. Schemenhafte Bilder aus dem Totenreich, die vor allem eines nahelegen: Eine inhaltliche Verknpfung der bisherigen Abenteuer Daniel Craigs als 007. Am Ende, so viel sei schon verraten, schliet sich ein erzhlerischer Kreis. Und das Publikum steht vor der groen Frage, ob der aktuelle Hauptdarsteller nach vier Auftritten noch einmal den ikonischen Geheimagenten spielen wird. Wnschenswert ist das auf jeden Fall, da der mittlerweile 24. Bond-Streifen einen eher zwiespltigen Eindruck hinterlsst. Von der Tragik des fulminanten Vorgngers Skyfall ist Spectre ein ganzes Stck entfernt, obwohl auch hier markerschtternde Erkenntnisse auf die MI6-Allzweckwaffe warten.

Alles beginnt mit einem der wohl spektakulrsten Prologe in der Geschichte der Kinoreihe. Einem filmischen Kraftakt, der sofort mitreit und Cineasten an die schnittlose Erffnungspassage des Orson-Welles-Klassikers Im Zeichen des Bsen erinnern drfte. Gemeinsam mit unserem Helden strzen wir uns in die Feierlichkeiten zum Da de los Muertos (spanisch: Tag der Toten) in Mexiko-Stadt. Verkleidete Menschen, ein groer Umzug, Musik und Tanz – ein lautes Wirrwarr, das als Hintergrund fr eine atemberaubende Plansequenz dient. Durch die Menschenmassen auf der Strae geht es in ein Hotel, dann in ein Zimmer und schlie߭lich hinaus auf den Balkon und ein Stck weiter ber Fensterbretter und Dcher, bis Bond seinen Zielort erreicht und mit der Ermordung des Verbrechers Marco Sciarra reichlich Staub aufwirbelt. Was folgt, ist ein halsbrecherischer Kampf in einem Helikopter, der ber den Kpfen der feiernden Meute kreist.

Auch sonst lsst sich Sam Mendes, der nach Skyfall abermals das Regiezepter schwingen durfte, nicht lumpen. Groe Schauwerte und versiert getaktete Actionmomente – etwa eine ausgedehnte Autoverfolgungsjagd durch Rom – gibt es zuhauf. Und auch der vorab viel diskutierte Auftritt von Oscar-Gewinner Christoph Waltz verfehlt seine Wirkung nicht. Durch gezielte Lichtsetzung und reduzierte Gesten wird der Kopf der Geheimorganisation Spectre als unheimlicher Schattenmann eingefhrt, der sich seine Beute so zurechtlegt, wie es ihm beliebt. Spannend sind vor allem die persnlichen Bindungen zwischen Bsewicht und 007. Doch ausgerechnet in diesem Punkt zeigt sich das Drehbuch wenig trittsicher. Die emotionale Wucht, die manche Offenbarungen erzeugen sollten, verpufft zu schnell. Oder aber stellt sich gar nicht ein.

Ein hnliches Problem hat auch die obligatorische Liebesgeschichte, die sich betont tiefschrfend gibt, in Wahrheit aber eher oberflchlich abgewickelt wird. Das besondere Band, das zwischen dem Protagonisten und Madeleine Swann (La Seydoux), der Tochter seines frheren Widersachers Mr. White (Jesper Christensen), bestehen soll, ist schwer zu fassen, da sich die intimen Momente meistens nach Pflichtprogramm anfhlen. Gleichwohl gelingt es der stets prsenten Seydoux, ihre Figur als ebenbrtige, zupackende Gefhrtin anzulegen. Im Gegensatz dazu bleibt die von Monica Bellucci gespielte Lucia Sciarra – die Witwe des anfangs ermordeten Kriminellen – eine klassische Funktionsfigur, die der Geheimagent verfhren darf, um einen Hinweis auf die Terrorvereinigung Spectre zu erhalten.

Wie blich fhrt der Film seinen Protagonisten an unterschiedliche Orte auf der ganzen Welt. Wirklich komplex ist die Story aber nicht. Angetrieben von einer Videobotschaft seiner in Skyfall getteten Vorgesetzten M (Judi Dench), jagt der nach dem Mexiko-Einsatz suspendierte Bond auf eigene Faust dem Spectre-Mastermind hinterher. Parallel sorgt sich sein neuer Boss (Ralph Fiennes) um den Fortbestand des MI6. Immerhin ist der umtriebige Max Denbigh (Andrew Scott) dabei, den Sicherheitsapparat von Grund auf umzuwlzen. Ein totaler berwachungsstaat und Drohnen statt Agenten sollen die neuen Pfeiler sein, was das Aus fr das Doppelnull-Programm bedeuten wrde. Whrend Elemente wie die schon aus lteren Filmen bekannte Spectre-Organisation klassisches Bond-Flair aufkommen lassen, bemht sich Mendes mit dem Denbigh-Strang um einen Kommentar zur aktuellen Sicherheitsdebatte. Mehr als einen stichwortartigen berblick bringt Spectre jedoch nicht zustande. Und noch dazu wird das Thema eher unbefriedigend in den Gesamtablauf integriert.

In Erinnerung behalten drfte man am Ende vor allem famose Einzelmomente wie die grandiose Auftaktsequenz, einige rasant-fesselnde Actionabschnitte und den im Vergleich zu frheren Craig-Abenteuern lockereren Tonfall – besonders verkrpert durch Quartiermeister Q (Ben Whishaw), der als helfende Hand mehrmals einspringen darf.

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