Sieben Minuten nach Mitternacht

A Monster Calls

USA/E/GB 2016 · 109 min. · FSK: ab 12
Regie: J.A. Bayona
Drehbuch:
Kamera: Óscar Faura
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Toby Kebbell, Liam Neeson u.a.
Unheimliche Intensität

Das bessere Buch

Greift man einfach mal in den wild spru­delnden Erin­ne­rungs­topf der letzten fünf Jahre, ohne sich dabei allzu sehr verbrennen zu wollen, kann man schon fast von einem eigenen Coming-of-Age-Subgenre sprechen, einem Subgenre, das nicht nur zu über­ra­schen und zu berühren, sondern immer wieder auch radikal über­zeugen wusste: der »Kinder­krebs­film«. Sei es Das Leben gehört uns (2011), Starke Mädchen weinen nicht (2012), The Broken Circle (2012) oder Das Schicksal ist ein mieser Verräter (2014) sind so unterschiedlich und herausragend wie die Schicksale, von denen sie erzählen. Aber natürlich gibt es auch hier fragwürdige Querschläger, wie die Bonbonvariante Heute bin ich blond (2013) oder die christliche Schmonzette Himmels­kind (2016). Doch ob nun gut oder schlecht, ist fast allen Ansätzen gemein, dass die Grunddisposition ähnlich ist: ein Kind erkrankt und sowohl das Kind als auch seine Eltern und seine Peergroup versuchen mit der fragiler gewordenen Lebensrealität ins Reine zu kommen.

Erfri­schend anders sieht das Szenario in Juan Antonia Bayonas Verfil­mung von Patrick Ness mit Preisen über­häuften Jugend­buch Sieben Minuten nach Mitter­nacht aus: hier ist es nicht das Kind, das vom Krebs gezeichnet wird, sondern die Mutter. Und es ist auch haupt­säch­lich Conor (Lewis MacDou­gall), aus dessen Perspek­tive erzählt wird. Denn seine Mutter (Felicity Jones) ist bereits zu geschwächt, um ihm noch eine Neuan­lei­tung zum Leben liefern zu können und seine Groß­mutter (Sigourney Weaver) ist ihm zu fremd, um ihm wirklich beistehen zu können. Diese Einsam­keit, die sich auch zunehmend auf seine Rolle in der Schule ausweitet, wird allein durch Conors Begegnung mit einem Baum­monster kompen­siert – im Original heißen Buch und Film »A Monster Calls« – das Conor um sieben Minuten nach Mitter­nacht zu besuchen beginnt und in einer Art von thera­peu­ti­schem Erzählen darauf vorbe­reitet, dass das Leben und die Welt, wie Conor sie kennt, komplexer ist, als er vermutet: das Böses nicht immer böse sein muss und Gutes nicht immer gut, dass es Grauzonen und nicht nur Schwarz und Weiss gibt.

Ist der Roman vor allem durch seinen märchen­haften und Leer­stellen-affinen Tonfall geprägt, der sich immer wieder auch an der scharf­kan­tigen Krebs­rea­lität vorbei­schum­melt, hat Ness in seinem Drehbuch für Bayonas Verfil­mung diese Makel ausge­merzt und Bayona die Vorgabe kongenial umgesetzt: Conors Alltag vom Frühs­tück­ma­chen bis zum Wäsche­wa­schen und in die Schu­le­gehen wird gnadenlos und präzise geschil­dert und auch die zuneh­mende Entfrem­dung gegenüber seiner Mutter in dras­ti­scher Direkt­heit gezeigt und nicht einmal vor den körper­li­chen Folgen der Krebs­me­di­ka­tion Halt gemacht. Diese »Realität«, die von allen drei Haupt­dar­stel­lern fast unheim­lich intensiv verstärkt wird, braucht es auch unbedingt, um die »Fantasy«-Elemente des Films aufzu­fangen. Aber auch hier über­rascht Bayona. Bemüht sich der Roman noch mit einem märchen­haften Tonfall, die Geschichten des Monsters zu verpacken, besinnt sich Bayona auf die Vorzüge avant­gar­dis­ti­scher Anima­tionen, versieht aber zudem noch jede Geschichte mit anderen Stil­ele­menten. Das ist eine großar­tige Lösung und führt außerdem auf ein Ende zu, dass es im Buch so nicht gibt und dem Ende im Buch deutlich überlegen ist.

Denn was das Monster lehrt, ist ja nicht nur die Ambi­va­lenz unserer Gefühle einzu­ge­stehen, sondern auch die Ambi­guität unserer Existenz und nicht zuletzt die Doppel­bö­dig­keit unserer Psyche, die aus den Verliesen unserer Erin­ne­rung Dinge nimmt und real werden lässt, an die wir uns manchmal nur durch Zufälle wieder erinnern. Und die dann und wann tatsäch­lich der bessere »Therapeut« und allemal das bessere Buch sein können.

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