Jersey Boys

USA 2014 · 134 min. · FSK: ab 6
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Marshall Brickman, Rick Elice
Kamera: Tom Stern
Darsteller: John Lloyd Young, Erich Bergen, Michael Lomenda, Vincent Piazza, Christopher Walken u.a.
Im Werk Eastwoods ein kleinerer, aber vergnüglicher Nebensatz

Die Evergreens und der Altmeister

Es ist ein Vorurteil unserer Zeit, dass das Alter nur mit Abbau gleich­ge­setzt wird. Darüber schmunzelt der Wein­kenner, der genau weiß, dass erst mit wach­sender Reife der wahre Genuss kommt. Clint Eastwood ist ein altes und tief verwurz­eltes Gewächs, dessen natür­li­ches Habitat seit Jahrzehnten das kleine kali­for­ni­sche Städtchen Carmel ist. Eastwood ist ganz organisch und über Jahrzehnte hinweg langsam als Künstler gereift. Mitte der Fünfziger begann er mit kleinen Neben­rollen in Filmen wie Tarantula (1955), bevor er zur Fern­seh­serie Tausend Meilen Staub wechselte.

Erst Sergio Leone machte den Schau­spieler 1964 zu einem Star, in dem er ihm die Haupt­rolle in dem Italo­wes­tern Für eine Handvoll Dollar gab. Diese Rolle bekam er jedoch nur, weil Leone kein Geld hatte, einen damals bereits etablierten US-Schau­spieler zu enga­gieren. 1971 folgte Eastwoods erste Regie­ar­beit mit dem Reißer Sadistico. Zwanzig Jahre später erhielt er seinen ersten Regie-Oscar für den Western Erbar­mungslos (1992), eine Dekade später folgte sein bisher zweiter Oscar für das Boxer-Drama Million Dollar Baby (2004).

Seither sind bereits zehn weitere Jahre vergangen und Eastwood dreht immer weiter und das zumeist auf sehr hohem Niveau. Jersey Boys ist bereits sein achter Film seit Million Dollar Baby. Einen Oscar wird Eastwood für die Verfil­mung des gleich­na­migen Broadway-Musicals um die Doo-Woop-Gruppe „The Four Seasons“ zwar nicht erhalten, aber auch dieses Werk mundet und zeigt einen Regie-Altmeister, der hier sichtlich seinen Spaß hatte:

Jersey Boys schildert die beschei­denen Anfänge und den rasanten Aufstieg der Gruppe „The Four Seasons“: Es beginnt Anfang der 50er-Jahre in Newark, New Jersey. Nick DeVito (Vincent Piazza) hat kleine Auftritte mit seiner Band „Vari­a­tones“ und begeht ebenfalls kleine Einbrüche, um sich über Wasser zu halten. Sein Blatt beginnt sich erst zu wenden, als der begnadete Falsett-Sänger Francis Castel­lucio (John Lloyd Young) aka Frankie Valli zur Gruppe stößt. Der Durch­bruch kommt, als der virtuose Song­writer Bob Gaudio (Erich Bergen) die Gruppe – zu der auch noch der Bassist Nick Massi (Michael Lomenda) gehört – zu einem Quartett ergänzt. Bald nennen die Vier sich in „The Four Seasons“ um und stürmen mit ihrem Hit „Sherry“ 1962 die Hitparade.

Doch trotz des stetig zuneh­menden und über Jahrzehnte anhal­tenden Ruhms und des Reichtums ist nicht alles eitel Sonnen­schein. Der Fami­li­en­vater Frankie leidet unter Ehepro­blemen, Nick Massi unter Nicht­be­ach­tung und Nick DeVito unter einer krimi­nellen Verschwen­dungs­sucht, welche die gesamte Band an den Rand des Abgrunds treibt. Spätes­tens als der lokale Mafiaboss Gyp DeCarlo (Chris­to­pher Walken) zu Bera­tungs­zwe­cken hinzu­ge­zogen wird, merkt selbst Nick DeVito langsam, dass die Lage für ihn verdammt erst geworden ist...

Bereits mit seinem ebenfalls auf wahren Ereig­nissen beru­henden Neo-Noir Der fremde Sohn (2008) hatte Clint Eastwood bewiesen, dass er sich hervor­ra­gend darauf versteht, das histo­ri­sche Amerika des frühen 20. Jahr­hun­derts zu neuem Leben zu erwecken. Die liebe­volle Ausstat­tung stimmte bis ins kleinste Detail, statt sicht­bares CGI zeigte Eastwood reale histo­ri­sche Orte im Los Angeles der 30er-Jahre des vergan­genen Jahr­hun­derts. Im Gegensatz zu Regis­seuren wie Martin Scorsese oder Brian de Palma verzich­tete Eastwood auf virtuose visuelle Spie­le­reien, wie endlose Kame­ra­fahrten und setzte statt­dessen auf völlige Durch­dacht­heit und auf Präzision. Hinzu kam ein unwirk­li­cher Sepiaton und ein magisches Licht, welche die Szenerie in den Bereich der modernen ameri­ka­ni­schen Mystik enthoben.

All diese Qualitäten finden sich auch in Jersey Boys, auch wenn der Film nicht in der Glamour-Metropole der Westküste, sondern zwei Dekaden später in einem Underdog-Viertel in New Jersey beginnt. Fast schon zu auffal­lend arti­fi­ziell ist der bewusste Vintage-Look, der an den Stil ameri­ka­ni­scher Illus­trierter aus dieser Zeit erinnert. Gelun­gener sind die Nacht­an­sichten, welche die Schä­big­keit verschwinden lassen und blitzende Karossen aus einer satt schwarzen Dunkel­heit hervor­treten lassen. Erneut arbeitet Eastwood mit einer sehr klas­si­schen, fast unsicht­baren Kame­rafüh­rung. Aber auch in diesem Film sitzt jede einzelne Kame­ra­be­we­gung perfekt, gibt es statt langer Fahrten kurze gezielte Schwenks, die manchmal einfach abrupt abbrechen – einfach weil Clint Eastwood es kann.

In einer Szene verlassen Frankie und seine zukünf­tige Frau bei ihrem ersten gemein­samen Date ein Lokal und kommen auf der anderen Seite der Tür bereits als frisch verhei­ra­tetes Paar aus einer Kirche heraus. Diese Art von Lässig­keit steht dem Film ausge­spro­chen gut zu Gesicht. Viel zu aufge­setzt wirkt hingegen, wenn immer wieder einzelne Band­mit­glieder unmo­ti­viert das Kino­pu­blikum anspre­chen, um die Handlung zu kommen­tieren. Dieser „Kniff“ wirkte wahr­schein­lich zu der Zeit frisch, in welcher der Film spielt. Heute hingegen ist dieses Stil­mittel recht abge­standen. Zudem doppeln diese Kommen­tare zumeist nur das, was bereits das Bild erzählt. Es fehlen ironische Brüche oder Fein­heiten der indi­vi­du­ellen Sicht, die einen echten Mehrwert erzielen würden.

Ganz schlimm wird es, wenn in einer der letzten Szenen des Films die sichtlich geal­terten Band­mit­glieder zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne stehen. Mit ihren über­deut­lich sicht­baren und völlig über­zo­genen Masken wirken die vier fast wie ihre eigenen Kari­ka­turen in der Satire-Sendung „Spitting Image“. Diese unfrei­wil­lige Komik poten­ziert sich zusät­z­lich, wenn jetzt einer nach dem anderen banale Kommen­tare an das Kino­pu­blikum richtet. Hier hat Clint Eastwood sichtlich nichts aus seinen Fehlern in seinem letzten Film J. Edgar (2011) gelernt. Zum Glück gibt es noch ein Ende nach dem Ende. Das wiederum ist so wunderbar leicht, wie der Schluss in Fellinis (1963).

Jersey Boys ist im umfang­rei­chen Gesamt­werk von Clint Eastwood eher ein kleinerer Nebensatz. Aber für einen vergnüg­li­chen Kinoabend reicht dieser Musikfilm allemal, insbe­son­dere, wenn man etwas mit den Ever­greens der „Four Seasons“ anfangen kann.

Gregor Torinus

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