Farland

Deutschland 2004 · 90 min.
Regie: Michael Klier
Drehbuch: ,
Kamera: Hans Fromm
Darsteller: Laura Tonke, Richy Müller, Daniel Brühl, Karina Fallenstein u.a.
Begegnung am Krankenbett: Klara (Laura Tonke) und ihre Schwester

Etüden über die Leere

Kühl ohne kalt zu sein: Michael Kliers wahrhaftiges Drama Farland

Ein junges Mädchen in rotem Leder­dress, mit Cowboyhut. Aber nicht im Western befindet man sich, Farland ist die Frontier unmit­telbar vor Berlin. Selbst Ausbruch­sträume haben hier denkbar biedere Gestalt; und das Girl im Country-Look, das lächelnd, aber mit leeren Augen ihren Werbe-Text für Fertig­häuser zum x-ten Mal aufsagt, passt nicht wirklich hierher. Das ist ihr gleich anzu­merken: Eine Fremde. Dann bekommt sie einen Anruf, und muss heim­kehren an den Ort, den sie einst verließ. Doch auch dort wird sie sich nicht heimi­scher fühlen.

Aufbre­chen, Heim­kehren, die Einsam­keit verlo­rener Kinder, die Fremdheit der Rück­kehrer und die Depres­sion der Daheim­ge­blie­benen – es sind, wenn man es so betrachtet, tatsäch­lich Motive aus der Western-Mytho­logie, die Farland domi­nieren. Noch der Titel von Michael Kliers neuem, seinem vierten Spielfilm, lenkt unser Unter­be­wußt­sein in die Ferne der nord­ame­ri­ka­ni­schen Prärie, in die Erin­ne­rung an Cowboy­filme und Road­mo­vies: in »weites Land«. Doch Farland, das ist nicht nur eine Stadt, die es tatsäch­lich gibt in Bran­den­burg, sondern in diesem Film auch ein imaginärer, gesichts­loser Ort. Eine Geis­ter­stadt, und zugleich eine Synthese tausender Orte. Jedem bekannt und völlig austauschbar.

Hierhin kehrt Karla, so heißt das Mädchen mit dem Cowboyhut, nur zurück, weil ihre Schwester mit dem Auto verun­glückt ist. Die Mutter ist verreist und einst­weilen nicht aufzu­finden. Bis dahin will Karla sich um die Schwester kümmern, die im Koma liegt – ob sie je aufwacht ist ungewiß. Neben der Schwester liegt auch deren Freund, der das Auto fuhr, gleich­falls im Koma. Ihn besuchen seine Eltern, die seit langem getrennt sind. Den Vater, einen starr gewor­denen Mann, wird Karla in den nächsten Tagen etwas besser kennen, aber nicht lieben lernen.

Mit ruhigem Atem entfaltet Michael Klier diese Situation. Er beob­achtet, wie Karla sich zögerlich in sie hinein­tastet, ein Bild zu gewinnen sucht. Er zeigt, wie sie sich im »Etap Hotel«, wo selbst der Portier durch einen Automat ersetzt ist, ein Zimmer mietet, weil sie nicht zuhause wohnen will. Er zeigt, wie sie Plätze aufsucht, die sie von früher kennt: Eine Diskothek, die kaum besucht wird, ein Shopping-Center. Wie sie Leute von früher wieder­trifft, alte Bekannte, aber auch Frank, ihren Ex-Freund, den sie verlassen hat, und der den Absprung nicht mehr schaffen wird: »Du hast Dich verändert«, sagt er. »Du Dich nicht«, antwortet sie – und damit ist alles gesagt. Klier vermeidet Psycho­lo­gi­sie­rung: »Was is'n besser ohne mich?« fragt Frank nach. »Du bist halt so anstren­gend.« Dabei bleibt es.

Statt­dessen wird gezeigt: Gesichts­lose Häuser, einsame Straßen. Darüber ein weißgrauer Himmel. Eine depri­mie­rend hoff­nungs­lose Welt. Es sind Etüden über die Leere, die Klier und sein Kame­ra­mann Hans Fromm in bezwin­gende, genau kompo­nierte, zumeist statische Bilder fassen. Viele Plan­se­quenzen, wenig Groß­auf­nahmen, kaum Schwenks, Ruhe, die oft zu bleierner Starre wird, einer Starre wohl­ge­merkt, die in den Verhält­nissen und Zuständen liegt, die Farland beschreibt. Trotzdem ist Farland ein Film, dessen Thema nicht die Zeit, sondern der Raum ist, und der sich damit recht gut in eine wichtige Tendenz des neueren deutschen Kinos fügt. So wie Wenders, Herzog, und auf andere Weise auch Schlön­dorff Zeit-Filme gemacht haben, begegnet man in den Werken des gegen­wär­tigen Kinos vor allem Raum-Konzep­tionen und -Beob­ach­tungen.
Fromm arbeitete bisher auch viel mit Christian Petzold, führte die Kamera in fast all seinen Filmen. Es ist aufschluß­reich, Farland mit Petzolds letztem Film Wolfsburg zu verglei­chen. Auch dort geht es um die zöger­liche Annähe­rung zweier Menschen, die durch ein Unglück verbunden sind. Auch dort bildet der Betrieb des Kran­ken­hauses ein fixes Zentrum der Handlung, die sich von dort ausgehend ellip­tisch entspinnt.
Doch wo Petzold symbo­li­siert, mehr als einen Film gleich­zeitig im Kopf hat und auf einer zweiten Ebene präsent hält, beschränkt sich Klier aufs Beob­achten und Abbilden der vorge­fun­denen Wirk­lich­keit, verzichtet auf deren Stili­sie­rung. Als Stili­sie­rung funk­tio­niert allein die leit­mo­ti­visch einge­setzte Shopping-Mall. Dieses Zentrum des neuen Konsum­ver­hal­tens, zugleich ein Ort der »Ameri­ka­ni­sie­rung« des Lebens, wie der Eroberung Ostdeutsch­lands durch den Westen seit 1989, ist eine ästhe­ti­sche und eine soziale Erfahrung zugleich. Solche Räume der von allem Zauber befreiten, unter Kitsch versteckten Depres­sion, mögen zwar nicht neu sein (etwa in Barbara Alberts großar­tigem Böse Zellen gab es ähnliches), hat man im deutschen Kino aber noch nicht gesehen.

Farland inter­es­siert sich für Situa­tionen und Personen. Es gelingt dem Film in großar­tiger Weise, die zur Zeit so allge­gen­wär­tige Atmo­s­phäre aus Krise und Tristesse, aus ratloser Zukunfts­angst und Kälte zu fassen. Immer spürbar ist das Glücks­ver­langen der Menschen hier, doch sie finden Trost höchstens in sich selbst, nicht in den Anderen. Nicht falsche Coolness ist es, die daran Schuld trägt, sondern Unfähig­keit zur Kommu­ni­ka­tion. Und ein verän­derter Umgang mit Gefühlen: »Es war lustig, heute in der, morgen in der Stadt zu sein, manchmal merkt man den Unter­schied gar nicht. Genauso war's mit den Männern. Alles geht dann schneller. Auch wenn man mal traurig ist. Es ist schneller vorbei und fängt schneller an...« Die Begeg­nungen bleiben scheu und kurz. Nur frag­men­ta­risch enthüllen die Bilder etwas von dem, was im Inneren der Menschen vorgeht, suchen feine Spuren.

Ein wenig wird gegen Ende das Koma zur gefäl­ligen Metapher. Auch der von Daniel Brühl gespielte Ex-Freund wirkt als Running Gag eher fehl am Platz. Und wenn der Vater am Nebenbett (Richy Müller) gegen Ende zusam­men­bricht, alle Welt um Verzei­hung bittet, hat dies nicht nur berüh­rende, sondern auch weiner­liche, unfrei­willig lächer­liche Züge. Mehr als aufge­wogen wird dies aber durch die über­ra­gende Laura Tonke in der Haupt­rolle der Karla. Eine Verlorene, trotzdem Starke. Enig­ma­tisch und faszi­nie­rend, wie einst Anna Karina bei Godard. Kein Ton ist hier falsch. Ihr glaubt man das stille Drama, die lebens­not­wen­dige Verzweif­lung.

Farland ist ein Film, der die Vergan­gen­heit als einen Raum beschreibt, den man verlassen darf. Dass das Vergessen auch eine Tugend sein kann, ist zwar lange und mit gutem Grund im deutschen Kino nicht gesagt worden. Hier ist das Ergebnis ein im besten Sinne exis­ten­ti­eller Film: Nüchtern und kühl, ohne kalt zu sein. Präzis und manchmal wunder­schön.

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Tief im Osten

»Warum gibt's in Bran­den­burg so viele Kids, die sich gegen Bäume fahren?« Aus dieser Frage Michael Kliers und der Entde­ckung der vielen zerrüt­teten Familien dort entstand dieser Film.

Eigent­lich hat sie hier nichts verloren: Karla (Laura Tonke) ist schon vor Jahren aus der zersie­delten Klein­stadt geflohen und verdient mit Jobs wie Messe­hos­tess genug, um über die Runden zu kommen. Doch dann hat ihre Schwester Marie einen Auto­un­fall – die Fahrt mit ihrem Freund endete an einem Alleebaum. Die Mutter ist gerade im Urlaub, und Karla vertritt sie am Kran­ken­bett der im Koma liegenden Marie.

Im gleichen Zimmer liegt deren ebenfalls komatöser Freund Thorsten. Seine Eltern hatten sich vor Jahren getrennt, Vater Axel (Richy Müller) ließ den Kontakt zur Familie abreißen. Nun versucht er, die verlo­renen Jahre mit seinem Sohn aufzu­holen und alles über ihn zu erfahren. Führt ein Weg zurück, wenn man erst einmal alle Brücken abge­rissen hat? Die beiden Außen­seiter versuchen, sich zurecht­zu­finden. Manchmal gelingt es, die Verbin­dung neu zu knüpfen. Deshalb gibt auch Karlas Ex-Freund, der Polizist Frank (Daniel Brühl) nicht auf, sie zurück­zu­ge­winnen.

Michael Klier präsen­tiert (ost-)deutsche Tristesse zwischen Möbel­häu­sern und Heim­wer­ker­märkten auf der grünen Wiese. Neubauten, soweit das Auge reicht, unvoll­s­tändig und provi­so­risch. Küchen­center und Trend­cafés, eine Landdisco – Versuche des Neuan­fangs und deren Scheitern. Eine Heldin, die die Anony­mität eines Automaten-Hotels und seiner Vending-Machine-Lobby der Wohnung der Mutter vorzieht. Genau genommen deren neuer Wohnung – das alte Eltern­haus steht verlassen auf gesperrtem Gelände, kurz vor dem Abriss. Wegen Braun­kohle-Tagebau oder Flughafen-Neubau? Egal, es gibt viele Gründe, Menschen heimatlos zu machen. Überall spürbar ist die allge­meine Verun­si­che­rung, aus dem Alten gerissen, ohne im Neuen ange­kommen zu sein.

Michael Klier ist ein Meister dieser Stim­mungen, wie er zuletzt mit Heidi M. bewiesen hat. Er portrai­tiert Menschen in ihrer Verun­si­che­rung wahr­haftig und wieder­er­kennbar. Welcher Hollywood-Mogul war es, der konsta­tierte: Frauen, die den ganzen Tag putzten, würden nicht ins Kino gehen, um dort Frauen putzen zu sehen – niemand wolle sehen, was ihm täglich passiere? Er liegt falsch – das Kino ist auch ein Ort, das Leben wieder­zu­er­kennen, in all seiner Frag­wür­dig­keit. Und das deutsche Kino liefert seinen Beitrag dazu. Regis­seure wie Klier, Hans-Christian Schmidt (Lichter) oder Christian Petzold (Die innere Sicher­heit, Wolfsburg) insze­nieren eindring­liche Portraits der Zerris­sen­heit, wie sie ange­sichts von Reform­stau und Zukunfts­angst allge­gen­wärtig sind. Auch wenn zahl­reiche Komödien versuchen, einen glauben zu machen, die Lage sei hoff­nungslos, aber nicht ernst – es gibt einen Weg. Man muss ihn nur finden.

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