Contagion

USA/VAE 2011 · 106 min. · FSK: ab 12
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch:
Kamera: Steven Soderbergh
Darsteller: Marion Cotillard, Bryan Cranston, Matt Damon, Jennifer Ehle, Laurence Fishburne u.a.
So sieht es in Athen auch gerade aus

Bringt mir den Skalp von Gwyneth Paltrow

»Act locally, think globally«, das gilt in jedem Fall für Viren. Einzeln sind sie machtlos, gemeinsam sind sie stark. Und aus vielen kleinen macht­losen Dingern entsteht eine Epidemie. Man könnte von der Seuche also auch als von der unan­ge­nehmen Seite der Schwar­min­tel­li­genz sprechen. Um die geht es in diesem Film. Der durch die Luft über­tra­gene Virus breitet sich rasend schnell aus und tötet seine Opfer innerhalb weniger Tage. So entfaltet Soder­berghs neuer Film die vertraute Kata­stro­phen­phan­tasie. Contagion ist allemal ein Film, nach dem man sich in Zukunft auf dem Klo die Hände etwas länger wäscht.

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Fangen wir einmal mit Gwyneth Paltrow an. Sie ist bekannt­lich schon lange Zeit öffent­liche und öffent­lich­keits­wirk­same Veganerin, schreibt aber Koch­bücher mit Enten- und Bürger­re­zepten (»Meine Rezepte für Familie & Freunde«) und guckt ihre wenigen Film­mi­nuten entspre­chend geschwächt, blutleer und verlogen aus der Wäsche. So wird sie denn auch das erste Opfer der Seuche. Das darf man erzählen, ohne dass sich jemand gestört fühlen muss, denn es passiert wirklich nach ziemlich kurzer Zeit. Dann taucht Paltrow nur noch in Rück­bli­cken und Video­mit­schnitten von Über­wa­chungs­ka­meras auf.

Eine der schönsten Szenen des Films ist dann die, in der Paltrow tot auf dem Obduk­ti­ons­tisch liegt. Dann wird ihr mit schönem Ritziiiiiiiiii-Motor­sä­ge­geräusch der Schädel aufgesägt und die Kopf­schwarte nach vorne gezogen – plötzlich hängen Paltrow die blonden Haare unterm Kinn. Da guckt man ihr nun ins Hirn, von dem offen­kundig nicht viel übrig­ge­blieben ist – Vega­nertum? – und es fällt dann gleich auch der schönste Dialog des Films: »Oh my god. What's that?« – »Should I call anyone?« – »Call everyone.«

Dann geht es los. Kein offen­kundig heroi­scher Film, jeden­falls nicht so plump wie bei den Emmerichs. Keine pathe­ti­sche Orches­ter­musik. Contagion (»Anste­ckung«) glänzt zunächst einmal mit diversen Top-Stars: Kate Winslet, Marion Cotillard, Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Jude Law und Lawrence Fishburne. Diese Menge braucht Soder­bergh aller­dings auch, denn Contagion ist ein apoka­lyp­ti­scher Seuchen-Thriller. Es geht um eine EHEC-ähnliche Epidemie, bei der die Menschen wie die Fliegen sterben.
Zwar zeigt der Film nichts, was man nicht schon in anderen Welt­un­ter­gangs­filmen wie 28 Days Later und Outbreak gesehen hätte, trotzdem beein­druckt die hand­werk­liche Perfek­tion des Regis­seurs. In einer so effek­tiven wie fantas­ti­schen Monta­ge­se­quenz webt der alte Bilder­schlamper einen ansehn­li­chen Bilder­tep­pich, strickt ein Netz aus Bezie­hungen von Anste­ckung, Gesund­heits­po­lizei und Medien­be­richten über die ganze Welt – eine Symphonie der Seuche. Und Globa­li­sie­rungs­kino par excel­lence, bei dem schnell zwischen Tokio und New York hin und herge­schnitten wird, und der Weg der Seuche visuell markiert: Erdnüsse, ein Computer, eine Kredit­karte, eine Hand auf einer Stange im Bus... In hohem Tempo bewegt sich der Film von Tag 2 zu Tag 133 – und erst am Ende wird aufge­klärt, was am Tag 1 geschah. Das Ganze ist sehr elegant und schön anzusehen – viel­leicht liegt hier aber schon das Problem bei einem Seuchen­film.

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Vor allem aller­dings muss man fragen, was das am Ende alles soll? Zum Thema Epidemien hat der Film letztlich herzlich wenig zu sagen. Meistens verbirgt sich hinter ihnen sowieso nur Panik­mache der Medien im Verbund mit der Dummheit und Unter­gangs­sehn­sucht des Publikums. Einmal immerhin wurde es wirklich ernst: Als unmit­telbar nach dem Ersten Weltkrieg, im Winter 1918 die Spanische Grippe in Europa wütete, und mindes­tens 25 Millionen (!) Menschen dahin­raffte.
Contagion wird zwar Paranoia-Kino, weil er die Reaktion des Staates zum Thema macht, weil sich die sozialen Struk­turen im Chaos zunehmend auflösen. Es ist keines­wegs Zukunfts­musik, was der Film für Wissen­schaft und Gesund­heits­po­litik beschreibt: Politiker unter­drü­cken die Wahrheit, und spielen die Gefahren herunter, Gesund­heits­ex­perten bringen zuerst die eigene Familie in Sicher­heit; Helfern ist das Mitleid schnell und bald auch die Leichen­säcke ausge­gangen; Blogger lügen, um die Öffent­lich­keit zu mani­pu­lieren – und die lässt das mit sich machen. Und an der Börse speku­liert man mit Pharma-Aktien.

Aber es folgt nicht wirklich etwas aus alldem. Soder­berghs Aussagen sind inter­es­sant, aber sie bleiben Behaup­tung:
»Ich denke nicht, dass ich bewusst daran arbeite, den Zeitgeist zu erfassen. Nur wäre man gleich­zeitig ein Idiot, wenn man ihn igno­rieren würde. Die Entschei­dung ... für Contagion ist ein gutes Beispiel dafür, denn Contagion hat einfach verdammt viel mit den Menschen heut­zu­tage zu tun. Das macht doch Künstler aus, dass sie eine Art Antenne dafür haben. Warum sind denn so viele Filme­ma­cher aus der Weimarer Republik geflüchtet und nach Hollywood gekommen? Manchmal geht es mir ähnlich. Ich wache auf, lese die Zeitung oder schaue Nach­richten und frage mich: Wohin steuert dieses Land, gera­de­wegs in den Abgrund? Es ist ziemlich verrückt derzeit, der Ton ist so bösartig. Und ich weiß wirklich nicht, ob das nur eine Phase ist oder ein perma­nenter Nieder­gang.« – Steven Soder­bergh im Gespräch mit Harald Pauli im »Focus«

Soder­bergh ist ein hoch­pro­duk­tiver Regisseur, dessen wirklich exper­men­telle Filme – Full Frontal – immer inter­es­sant sind. Und seine glatten Main­stream-Produkte wie Ocean's 11 sind das auch. Prto­ble­ma­tisch sind die Filme, die einen mittleren Weg reprä­sen­tieren: The Informant ging voll in die Hose, Solaris war lang­weilig, Erin Brockovich ist das auch und völlig über­schätzt. Dagegen ist Out of Sight ein recht guter Film und Traffic brillant. Contagion gehört in dieser Gruppe eher zu den besseren Filmen.

Ein richtig guter Film ist Contagion aber trotzdem nicht, doch immerhin ein sehr inter­es­santer, weil sein grimmiger pessi­mis­ti­scher Realismus ein sehr klares Bild vom Zustand der ameri­ka­ni­schen Nation zehn Jahre nach 9/11 gibt.

Ein neues Wort, das wir im Film gelernt haben, heißt »Seuchen-Cluster«. Offenbar analy­sieren Forscher bei Seuchen auffäl­lige Häufungen in Clustern. Von viel Vertrauen in die Wissen­schaft ist der Film aber nicht getragen: Die Gesund­heits­behörde macht fatale Fehler und ist im Grunde über­for­dert. Der rettende Impfstoff wird nur durch eine glück­liche Verket­tung von Umständen entdeckt: Ein Wissen­schaftler wider­setzt sich den Vorschriften, Präparate zu vernichten und expe­ri­men­tiert auf eigene Faust weiter, eine Ärztin testet den Impfstoff kurzer­hand an sich selbst.

Da ist alles wieder da: Der plumpe ameri­ka­ni­sche Heroismus, die Insti­tu­tionen-Feind­lich­keit, die wirklich daran glaubt, dass es Einzelne immer besser wissen – und Soder­bergh bietet nur die gemäßig­tere, klügere Variante dieser ameri­ka­ni­schen Dummheit.

Die ärger­lichsten Momente sind jene, in denen Soder­bergh die Seuche dann doch noch puri­ta­nisch mora­li­siert: Auslöser von allem ist nämlich eine Kombi­na­tion aus Fremd­gehen, Glücks­spiel und dem Verzehr von Schwei­ne­fleisch. Gwyneth Paltrow war also wieder mal schuld. Und natürlich eben doch Asien und mangelnde Hygiene. Gut, wenn man Sünden­böcke hat. Ihr Mann Matt Damon bleibt dagegen immun. Warum? Viel­leicht, weil er der Betrogene ist, während seine Frau ihn betrogen hatte. Und weil er sein Kind, die Tochter Jory, von ihrem gleich­alt­rigen Verehrer – ein möglicher Virus­träger – abschirmt.

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