15.04.2010

»Gegen das Rohe und Brutale steht die Verfeinerung.«

Werner Schroeter auf der Viennale 2008
Q: dpa

Zum Tod von Werner Schroeter: Ein spätes Gespräch mit dem Regisseur, Bomberpilot und Rosenkönig über Kunst, Politik, Schönheit, Marianne Hoppe und 1968

2008 kehrte er an die Lido zurück, begrüßt wie ein alter Bekannter und doch in der heutigen Filmwelt fast ein Debütant: Werner Schroeter, in Georgenthal geboren und in Mannheim aufgewachsen, gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern der Bundesrepublik und des Nachkriegskinos. Zusammen mit Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff ist er eine Schlüsselfigur des »Neuen Deutschen Films« zwischen 1970 und 1980.

»Ich suche in meiner Arbeit nach den vitalen Kräften Liebe, Tod und Leben, ich benutze Phantasmagorien und Utopien« – Schroeter begann mit Experimentalfilmen über Maria Callas auf Super 8 und eignete sich schon früh seinen unverwechselbaren Stil an: Stilisierte, melodramatische, in ihrer hochgeradig gekünstelten Ästhetik, in der Bilder, Musik und Sprache gleichberechtigt existieren, erinnern seine Filme die Beobachter an Opern, obwohl Schroeter dies, wie auch den Bezug auf die Idee des Gesamtkunstwerks, immer zurückgewiesen hat. Am ehesten vergleichbar mit und ein europäisches Pendant zum Werk Andy Warhols hat Schroeter seinen eigenen, sonambulen Kosmos erschaffen, der seinen eigenen Ort in Zeit und Raum hat, nur nach eigenen Regeln funktioniert, phantastische Filme in der Tradition des frühen Kinos. Aber diese erträumte Welt ist nur eine Seite von Schroeters Sehnsuchts-Kino: Die andere ist gekennzeichnet durch radikalen Realismus, eine fast dokumentarische Direktheit und Welterfahrung.

Neurasia (1968), Argila (1968), Der Bomberpilot (1970), Neapolitanische Geschwister (1978), Palermo oder Wolfsburg (1980), für den er den Goldenen Bär gewann, Das Liebeskonzil (1981), Der Rosenkönig (1986), Malina (1990) mag man in unserer Gesellschaft des Kurzzeitgedächtnisses kaum noch kennen – seinerzeit waren sie berühmt, preisgekrönt und größere Publikumserfolge.

Zuletzt ist er mit der Verfilmung einer Erzählung des Uruguayers Juan Carlos Onetti ins Kino zurückgekehrt: Para esta noche (Nuit de chien oder Diese Nacht). »Meiner Ansicht nach« sagte Schroeter zu diesem Projekt, »hat das Kino die Aufgabe, Utopien zu errichten, unsere inneren Tiefen auszuloten, und die Komplexität der Natur zu erkunden.« Es ist ihm oft gelungen, und des war immer spannend. Mit 65 Jahren ist Schroeter, bis zuletzt aktiv in der Arbeit stehend, am Montag gestorben. Das nachfolgende Interview ist der erste Teil eines mehrtägigen Gesprächs über Schroeters Werk und Kunstauffassung, das im März 2009 begann, und im Juni und September weitergeführt wurde. Weitere Teile werden in nächster Zeit an dieser Stelle folgen. Von Rüdiger Suchsland.

artechock: Herr Schroeter, beim Festival von Venedig haben Sie im Herbst 2008 für Para esta noche einen Preis gewonnen – wie war die Erfahrung für Sie, auf die Festivalbühne zurückzukehren?

Werner Schroeter: Weiß ich nicht. Ich war auf so vielen Festivals in meinem Leben – hab sie fast immer gewonnen übrigens – ich war sehr krank zu dem Zeitpunkt. Deswegen war das natürlich grauenhaft anstrengend.

artechock: Sie leiden seit Jahren an Krebs. Wie geht es Ihnen zur Zeit?

Schroeter: Besser. Der Krebs scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Aber Krebs ist eine chronische Erkrankung – man weiß nie. Das schlummert dann irgendwo. Ich arbeite halt dauernd und das ist ein bisserl viel. Anstrengend. Aber mir macht Arbeit auch sehr viel Freude, meine Arbeit jedenfalls. Nein, mir geht’s viel besser.

artechock: War die Krankheit schuld, dass man so lange keinen Film von Ihnen gesehen hat?

Schroeter: Auch. Ich war praktisch drei Jahre im Krankenhaus. Aber nicht zu vergessen: Wer finanziert solche Filme? Niemand. Das ist auch ein Punkt. Ich habe einfach keine Lust, durch diese Gremien-Vorzimmer zu gehen. Mein letzter Film Deux, ein in der Form sehr extremer Film mit einer großartigen Isabelle Huppert, ist in Deutschland gar nicht gelaufen. Die Produktionslage für Filme wie meine ist sehr schwer. Aber der portugiesische Produzent Paulo Branco, einer der wenigen, die wirklich immer nur das machen, was sie künstlerisch wichtig finden, und der immer am Grabesrand mit seinen Produktionen schwebt, hat mir noch während der Krankheit angeboten, wieder einen Film zu machen. So entstand mein neuer Film Para esta noche. Aber ich mache einfach auch wahnsinnig gern Theater.

artechock: Sie haben Opern und Theaterstücke inszeniert, eine Menge Filme gemacht. Begreifen Sie diese Arbeit überhaupt als einen kontinuierlichen Zusammenhang, ein Werk?

Schroeter: Ja. Völlig organisch hat sich das entwickelt, eines aus dem anderen, aufeinander aufbauend. Und das Theater hatte zeitweise enorm Übermacht da bin ich bei 76 Inszenierungen angekommen. Filme habe ich nur 35 gemacht.

artechock: Wie sind Sie auf Onetti gekommen, dessen Buch Sie jetzt verfilmt haben?

Schroeter: Ich habe eine gewisse Vergangenheit mit Lateinamerika. 1983 habe ich in Buenos Aires unterrichtet. Das war noch zur Zeit der Militärdiktatur. Da passierten furchtbare Sachen. Onetti kannte ich schon länger. Eigentlich hatte ich Branco »Giovannis Room« aus den 50er Jahren vorgeschlagen – war extrem teuer. Dann kam er mit diesem Buch an. Das habe ich gelesen und sofort machen wollen.

artechock: Wie würden Sie die Hauptfigur, die der Pascal Gregory spielt, charakterisieren?

Schroeter: Das ist eine Mischung aus Candide, dem Mann ohne Eigenschaften und Che Guevara. Ein Freiheitsheld, der hat ja gekämpft. Wobei man wissen muss: Das Buch ist ja inspiriert worden durch den Besuch von zwei spanischen Exilanten, Republikanern aus dem Bürgerkrieg, die Onetti 1942 in Montevideo besuchten. Er hat das dann zu einer Metapher universalisiert. Das ist das Schöne daran: Dass er sich nicht kolportagehaft am Zweiten Weltkrieg festklammert. Was auf der Hand gelegen hätte.

artechock: Wie war Ihre eigene Erfahrung der Diktatur?

Schroeter: Ich war eingeladen von der Universität. Es war ein auf drei Monate geplantes Seminar mit dem schönen Titel »Tango und Realität in Argentinien«. Da haben die schon gemerkt: Da stimmt was nicht. Die haben die Studenten bedroht, und riefen täglich an mit dem Spruch: »Hier spricht der Tod.« Dann wurde beschrieben, wie sie massakriert würden. Schrecklich. Dann musste ich das Land verlassen – in meinem Kopf hat sich der furchtbare Satz festgefressen: Ich weiche der Gewalt. Dann fiel die Diktatur in sich zusammen und man hat mich 1984 gebeten, zurück zu kommen. Später habe ich den Film darüber gemacht: Por ejemplo Argentina.

artechock: Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Politik, die Bedeutung und Rolle von Politik in den letzten Jahrzehnten verändert?

Schroeter: Es löst sich so auf. Es ist ein extremer Materialismus. Ein Faktum, das nicht verwundern kann nach 1989. Aber das Gegenbild zum Bestehenden, dieser Kontrast fehlt enorm. Ich bin ja auch der Fall eines christlichen Sozialisten.

Wir wissen ja, das es scheitern musste. Aber indem es da war, war es ein denkbarer Kontrast. Dieses Gegenmodell, wie es sich grandios auch äußert in solchen Büchern wie Ernst Blochs »Prinzip Hoffnung« fehlt enorm. Damit ist eine Verkarstung eingetreten. Das ist natürlich eine Katastrophe.

Das materielle Denken. Als wenn die Materie, wenn ich sie bloß festhalte, mir ein ewiges Leben garantierte. Das ist eine Wahnidee, der reichen Schickeria zumal. Aber auch bei kleinen Leuten hat sich dieser Gedanke so festgefressen.

artechock: Auch die Reichen hatten früher mehr Ideen ist mein Eindruck… Was dann heute so in Talkshows passiert, was in Boulevard-Zeitungen für ein Dreck steht… Hatte nicht selbst das Kapital früher auf seine Art Moral? Oder ist das eine Idealisierung?

Schroeter: Das ist eine Idealisierung.

artechock: War das Kapital nicht früher so einer bürgerlichen Vorstellung verhaftet: Wenn ich in den Spiegel gucke, möchte ich mich nicht schämen?

Schroeter: Doch. So weit könnte die Selbstlüge gegangen sein. Das ist klar: Im Untergang eines Systems liegt immer auch eine Tragödie. Sozialismus ist leider Gottes nicht so haltbar gewesen, wie das Christentum, das ja die Verbrechen der Kirche überlebt hat. Mir als Christ ist völlig bewusst, dass da die Schwäche des Menschen viele Schweinereien angerichtet hat. Aber deswegen ist es trotzdem enorm wertvoll. Das Christentum hat überdauert. Aber wenn Sie überlegen, was vom Kommunismus übrig geblieben ist: Nordkorea, eine tragische Gespensterballade.

artechock: China rechnen Sie nicht zu den Überlebenden?

Schroeter: Das ist eine Mischform. Alle negativen Punkte des Kapitalismus und des Kommunismus auf einem Haufen. Das ist auch eine Tragödie.

artechock: Wirklich?

Schroeter: Ich empfinde das so. Dass diese wunderbare Kultur versaut ist. Ich habe mich früher sehr viel mit chinesischer Literatur beschäftigt.

artechock: Sie sind auch mal in China gewesen…

Schroeter: Einmal, nur kurz. Einer meiner Filme, den ich sehr gern mag, ist Der lachende Stern. Den habe ich auf den Philippinen gedreht. Das war sehr interessant. So korrupt das dort alles sein mag, hat es die Leute nicht zerstört.

artechock: Ich wusste nicht, dass Sie sich als christlicher Sozialist bezeichnen. Können Sie mir erklären, was das für Sie heißt?

Schroeter: Ja, doch. Für mich ist das gar kein Widerspruch. Weil ich kein Materialist bin. Ich trage zwar den Schmuck der Eltern, weil ich der letzte Überlebende bin; die Sachen sind alle alt. Und ziehe mich gern elegant an. Aber ich bin nicht angewiesen auf Besitztümer. Ich brauche kein Auto und kein Haus, und nix. Eleganz steht zu Anti-Materialismus auch nicht im Widerspruch. Und als Christ wird man, glaube ich, geboren.

artechock: Es kommt wohl auch darauf an, was man genau darunter versteht. Man kann unter Christentum vor allem ein praktisches Tun verstehen. Man könnte unter Christentum auch eine bestimmte Vorstellung von Jenseitigkeit, von Transzendenz verstehen. Die nun bietet der Sozialismus bestimmt erst mal nicht…

Schroeter: Das ist eine Ergänzung. Das ist genau das Wort: Das sozial gelebte Leben und der christliche Gedanke ergänzen sich. Bloch zum Beispiel hätte ja gesagt, dass Christus auch ein Sozialist war. Dass das so ist, daran gibt es für mich keinen Zweifel. In das Thema Transzendenz kann man jetzt nicht so schnell einsteigen. Auf jeden Fall ist es eine Frage des Glaubens. Der Sozialismus ist aber keineswegs eine Glaubensfrage, sondern eine Sache des Verstandes. Er scheitert an der Psychologie des Menschen.

artechock: Wo steht, wenn wir diese beiden Pole Verstand und Glauben nehmen, wo steht da die Kunst? Bei der Kunst geht es um Schönheit…

Schroeter: Kunst und Kultur ist die einzige Waffe gegen die Barbarei. Gegen das Rohe und Brutale steht die Verfeinerung. Die Phantasie des Menschen. Und Kunst ist gleichzeitig die schutzlose Behauptung eines Anderen. Man kann das kreative Moment gar nicht genug fördern. Das ist das einzige, was die Seele und das Herz, und den Geist und den Körper in Bewegung hält. Mir ist das selbstverständlich. Für mich war es immer eine innere Notwendigkeit, mich künstlerisch auszudrücken. Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht. Das war da und ich habe es gemacht.

artechock: Ist Kunst eine Überlebenshilfe?

Schroeter: Ich kann mir gar nicht vorstellen, ein anderer zu sein, als der, der ich bin. So naiv bin ich nicht. Ich finde, das Geschenk, das man kreativ sein darf, ist ein enormes Geschenk. Das ist ein Privileg, das hat man nicht verdient, das hat man geschenkt bekommen. Und das kreative Leben ist das Schönste, was es gibt. Das überträgt sich auch zurück auf die Beziehung zum Menschen. Die Phantasie in der Gestaltung von Beziehung wächst ja auch wenn man sich dauernd beschäftigt mit diesem ausdrücken-müssen, mit diesem zueinander-finden. Diesem – nicht Zwang –, dieser Dringlichkeit. »Una necessitá interiore.« Und es ist einfach schön. Man soll das nicht verklausulieren oder codieren: Es ist einfach eine wunderbare Aufgabe.

artechock: Kunst kann einen stark machen, andererseits macht sie einen aber ja auch – oder ist das eine Täuschung – verletzlich…

Schroeter: Extrem. Das ist ja auch gut so. Die Offenheit, die erzwungen wird. Man muss sehr sehr sehr offen sein, man darf kein Selbstmitleid haben, man darf sich nicht sehr schützen. Braucht man auch nicht, wenn man ehrlich mit sich ist. Warum muss man sich dann so schützen?

artechock: Weil man schwach ist, weil die anderen stark scheinen…

Schroeter: Ich musste so lachen, als ich neulich einen Text über mich gelesen habe. Der war geschrieben wie von einem enttäuschten Liebhaber. Und überschrieben: »Der Unnahbare«. Da hat der Autor unfreiwillig einen Geniekult geschaffen. Ich fand das witzig. Aber wenn da jemand empfindlich ist… Na gut.

artechock: Ist es denn eine Legende, dass Rauschzustände verschiedener Art der Kunst helfen?

Schroeter: Das kommt darauf an, wie man reagiert. Ich hab auf Alkohol zu meinen besten Zeiten paradox reagiert. Das heißt, ich war luzide, energiegeladen, ganz leicht, ganz konzentriert, ein bisschen so wie Heiner Müller. Der konnte ja die Leute untern Tisch trinken, und war immer luzide. Wenn man merkt, dass man ohne Alkohol depressiv wird, dann muss man aufhören.

artechock: Mir scheint auch, dass Ihre Generation mit Drogen ganz anders umgegangen ist, als diejenigen, die heute jung sind, oder zumindest unter 40. Die Jüngeren heute sind doch oft sehr bieder, auf Sicherheit bedacht,

Schroeter: Bei meiner nicht. Ich bin ja gleich alt wie Fassbinder. Wir haben ja losgelegt. Man hat damals gar nicht darüber nachgedacht. Mir kommt das heute immer so steril vor. Oder es sind alles heimliche Alkoholiker. Das ist natürlich scheußlich. Es war ja nach 1968 auch ein Gefühl in der Gesellschaft: Man fühlte sich gut am Platze. Freier, dazu aufgerufen, offener zu sein. Es war eigentlich ein gesellschaftliches Verhalten mit weniger Lügen.

artechock: Aus heutiger Sicht würden viele entgegenhalten: Die Lüge hat etwas Therapeutisches. Die Wahrheitssuche seinerzeit war sehr angestrengt, enervierend…

Schroeter: Aber das ist ja Quatsch. Ich kannte kaum verkrampfte Leute. Es gab 68er, die haben mich als dekadenten Bourgois beschimpft. Aber diese Widersprüchlichkeit war ja auch toll. Fragwürdig mag sie sein, auf jeden Fall führte es zu einem anderen Lebensgefühl. Zu einer höheren Lebensqualität im Umgang miteinander. Und der erotische Austausch war viel intensiver. Es ging aber nicht um Ficken im Darkroom – diese Art von Freiheit kam später. Nach 1980.

artechock: Was waren die Entstehungsbedingungen dieser Freiheit?

Schroeter: Das Bürgerliche. Ich hab es am eigenen Leib erlebt. 1975/76 war ich Professor in Berkeley an der Universität, einem Ursprungsort der 68er-Bewegung. Zu jener Zeit war nichts mehr davon zu bemerken. Das waren alles unbegabte Kinder von reichen Leuten, verklemmt. Der Wind war durchgehuscht, ohne Spuren zu hinterlassen. Warum die Freiheit so schnell wieder weggeworfen wird, kann ich nicht erklären. Ein Phänomen: Das kostbarste Gut außer der Liebe, die Freiheit wird über Bord geworfen, sobald es eben geht. Das zeigt auch die Geschichte in unserem Land. Um so deutlicher unterstreicht diese Vergangenheit, die Notwendigkeit von 1968.

artechock: Muss man erst wieder Repression und Krieg erleben, um die Freiheit schätzen zu lernen?

Schroeter: Ich halte das für absurd. Man braucht Herzensbildung, einen gesellschaftlichen Erkenntnisprozess. Bildung und Kultur sind so wichtig. Es ärgert mich immer wieder, wenn ich sehe, dass nicht einmal Sprachen gelernt werden. Wie wollen Sie Europa vereinen, wenn keiner den anderen versteht? Ich glaube, die Angst vorm Tod, überhaupt Angst ist das größte Machtmittel. Die Leute haben ja schon beim Anblick einer Zigarette Angst vorm Tod.

artechock: Nun kann ja Angst auch produktiv sein. Oder glauben Sie das nicht?

Schroeter: Nein, Angst kann nie produktiv sein. Sie kann zu Paniktaten führen. Und manchmal sind solche Paniktaten sinnvoll. Einen Diktator zu erschießen zum Beispiel. Aber wenn der Diktator gar nicht da ist…

artechock: Was vermissen Sie neben der Freiheit am meisten?

Schroeter: Indem man älter wird, ist es schwieriger, Partner zu finden. Mir fällt auf, dass viele junge Leute viel schüchterner sind. Wenn die kommen und um Autogramme bitten. Als hätten sie kein Selbstwertgefühl. Und dann gibt es umgekehrt die Übersteigerung von Tölpeln.

artechock: Sie haben Opern und Theaterstücke inszeniert, eine Menge Filme gemacht. Begreifen Sie diese Arbeit überhaupt als einen kontinuierlichen Zusammenhang, ein Werk?

Schroeter: Völlig organisch hat sich das entwickelt, eines aus dem anderen, aufeinander aufbauend. Und das Theater hatte zeitweise enorm Übermacht da bin ich bei 76 Inszenierungen angekommen. Filme habe ich nur 35 gemacht.

artechock: Wenn Sie ein neues Stück oder einen Film beginnen, wie fangen Sie dann an?

Schroeter: Man muss immer ganz leer anfangen. Es ist eh immer noch genug drin in der Erinnerung. Aber besser, sich vorher innerlich zu entleeren. Man ist immer noch der Gleiche. Aber nicht der Selbe. Das ist wichtig: Der Gleiche sein aber nicht der Selbe. Das ist der feine Unterschied.

artechock: Können Sie das erklären?

Schroeter: Isabelle Huppert hat sich mal beschrieben als eine Leinwand: Die wird dann gefüllt. So sehe ich mich auch.

artechock: Gibt es einen Maßstab dafür, wann etwas geglückt ist, und wann nicht?

Schroeter: Das spürt man. Im Fall meines neuen Films habe ich gespürt, dass er sehr geglückt ist.

artechock: Bei welchem Film oder welcher Inszenierung haben Sie das Gefühl: Das ist mir am allermeisten geglückt?

Schroeter: Der Film Rosenkönig. Im Theater: Medea von Jahn. Von Labiche Petit Matin. Und von Mishima: Der tropische Baum. Natürlich fallen mir noch andere Sachen ein. Aber ich kann Ihnen auch sagen, was ich am furchtbarsten fand: Im Film ist das Der schwarze Engel, das finde ich sehr gemischt. Und im Theater Die Perser in Köln am Schauspiel – puh! Das sind so die Tiefpunkte.

artechock: Woran lag das?

Schroeter: Die Kraftfrage. Weil ich in dem Moment nicht die Kraft hatte, das richtig durchzuziehen. Und im Fall der Perser ist mir klar, warum das misslungen ist: Ich habe mir den Stoff aufdrängen lassen. Das sollte man nie. Ich wollte die Antigone inszenieren. Da wusste ich, wie ich das machen würde.

artechock: Neulich habe ich Deutschland im Herbst wiedergesehen. Und ich habe mich gefragt, warum Sie eigentlich nicht dabei waren?

Schroeter: Hab ich mich auch gefragt. Hat Fassbinder sich auch gefragt.

artechock: Aber Kluge oder Schlöndorff haben Sie nicht angesprochen?

Schroeter: Nö. der Kluge fragt mich zwar dauernd etwas aber damals nicht. Das hat den Rainer Werner auch gewundert.

artechock: Schade.

Schroeter: Ja finde ich auch. Das wäre ein guter Kontrast gewesen. Der Film ist gut.

artechock: Wissen Sie, was Sie gemacht hätten?

Schroeter: Nein, das ist jetzt zu lange her. Der Film ist gut. Was hätte ich gemacht? Ich hätte mich wahrscheinlich mit Lessing auseinandergesetzt. Ich halte Lessing ja für einen progressiven Mann, keineswegs für den Kinderbuchautor, zu dem er heute erklärt wird. Ich finde Emilia Galotti progressiver, als viele Bücher von Bataille. 1977 habe ich inszeniert Miss Sara Sampson von Lessing. Da hätte ich sicher mit Deutschland und Lessing irgendetwas gemacht.

artechock: Lesen Sie eigentlich Kritiken zu Ihren Filmen?

Schroeter: Wenn man Sie mir schickt.

artechock: Was erwarten Sie von einer Kritik?

Schroeter: Intelligente Schreibe. Deswegen war mir ein Verriss von Benjamin Henrichs lieber als irgendein positives Gesulze. Das liebe ich: Wenn jemand in der eigenen Sache sich äußert, und gut schreiben kann, eine essayistische Qualität hat. Wolfram Schütte steht dafür, der hat den deutschen Film begleitet. Das war einfach schön zu lesen.

artechock: Einer Ihrer schönsten Filme ist Die Königin mit und über Marianne Hoppe…

Schroeter: Die mochte ich so gern! Sie lebte auch im Alter noch gerne – wenn man sich um sie kümmerte. Ich habe mit ihr in Berlin viel Zeit verbracht – im schwulen Strichlokal mit einer 90-jährigen! Für den Film habe ich viele Interviews mit ihr gedreht, es gibt noch viel mehr Material. Aber das werde ich nicht veröffentlichen. Mir gefällt nicht, wie das Publikum mit ihr umgegangen ist. Sie wurde noch in öffentlichen Gesprächen aus dem Publikum als »Nazisau« beschimpft, weil sie nach Hitlers Machtantritt nicht ins Exil gegangen war. Dabei liegen die Dinge doch kopmplizierter, und derartige Vorwürfe werden ihr überhaupt nicht gerecht. Und Marianne Hoppe selbst sagt ja in meinem Film auch auf die Frage, warum sie geblieben ist: Es sei »unverzeihlich«, das sie dageblieben ist.

Das ist eh eine drollige Geschichte: Denn Marianne hat ja eigentlich mehr die Frauen geliebt. Aber es gab drei oder vier große Männerlieben in ihrem Leben. Und einer davon war Ödon von Horvath. Als der nach Paris ins Exil gegangen ist, hat er Marianne beschworen mitzukommen. Sie wollte, aber sie konnte nicht – wegen der Sprache, ihrem Instrument. Aber wie dem auch sei… Es gab vielleicht viele andere Gründe, wer weiß?

artechock: Auch Feigheit?

Schroeter: Die war nicht feige. Eine weniger feige Person kenne ich nicht. Feige war Marianne nie.

artechock: Sie haben auch mit ihr auf der Bühne gearbeitet. Wie haben Sie sie kennengelernt?

Schroeter: Als ich 13 war. Indem ich sie auf der Bühne gesehen habe und fasziniert war. Bei einer schrecklichen Theateraufführung, einem Gastspiel des Burgtheaters in Bielefeld. Da spielten solche furchtbaren Damen wie Paula Wessely und ihr Mann, der Hörbiger. Und auf einmal trat von rechts hinten Frau Hoppe auf – und damit wurde das auf einmal Kunst. Dann habe ich mir hinter der Bühne ein Autogramm geholt. Wir waren sehr gut befreundet. Am meisten liebte ich ihren beinhartem Humor.

>> Fortsetzung Teil 2

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