22.04.2010

»Man darf sich nicht schützen«

Werner Schroeter (vorne) mit Rosa von Praunheim

Zum Tod von Werner Schroeter: Ein spätes Gespräch mit dem Regisseur, Bomber­pilot und Rosen­könig über Kunst, Politik, Schönheit, Marianne Hoppe und 1968 – Teil 2

2008 kehrte er an die Lido zurück, begrüßt wie ein alter Bekannter und doch in der heutigen Filmwelt fast ein Debütant: Werner Schroeter, in Geor­gen­thal geboren und in Mannheim aufge­wachsen, gehört zu den wich­tigsten und einfluss­reichsten Künstlern der Bundes­re­pu­blik und des Nach­kriegs­kinos. Zusammen mit Alexander Kluge, Rainer Werner Fass­binder, Werner Herzog und Volker Schlön­dorff ist er eine Schlüs­sel­figur des »Neuen Deutschen Films« zwischen 1970 und 1980.

»Ich suche in meiner Arbeit nach den vitalen Kräften Liebe, Tod und Leben, ich benutze Phan­tas­ma­go­rien und Utopien« – Schroeter begann mit Expe­ri­men­tal­filmen über Maria Callas auf Super 8 und eignete sich schon früh seinen unver­wech­sel­baren Stil an: Stili­sierte, melo­dra­ma­ti­sche, in ihrer hoch­ge­radig gekün­s­telten Ästhetik, in der Bilder, Musik und Sprache gleich­be­rech­tigt exis­tieren, erinnern seine Filme die Beob­achter an Opern, obwohl Schroeter dies, wie auch den Bezug auf die Idee des Gesamt­kunst­werks, immer zurück­ge­wiesen hat. Am ehesten vergleichbar mit und ein europäi­sches Pendant zum Werk Andy Warhols hat Schroeter seinen eigenen, sonam­bulen Kosmos erschaffen, der seinen eigenen Ort in Zeit und Raum hat, nur nach eigenen Regeln funk­tio­niert, phan­tas­ti­sche Filme in der Tradition des frühen Kinos. Aber diese erträumte Welt ist nur eine Seite von Schro­eters Sehn­suchts-Kino: Die andere ist gekennz­eichnet durch radikalen Realismus, eine fast doku­men­ta­ri­sche Direkt­heit und Welter­fah­rung.

Neurasia (1968), Argila (1968), Der Bomber­pilot (1970), Neapo­li­ta­ni­sche Geschwister (1978), Palermo oder Wolfsburg (1980), für den er den Goldenen Bär gewann, Das Liebes­konzil (1981), Der Rosen­könig (1986), Malina (1990) mag man in unserer Gesell­schaft des Kurzz­eit­ge­dächt­nisses kaum noch kennen – seinerzeit waren sie berühmt, preis­ge­krönt und größere Publi­kums­er­folge.

Zuletzt ist er mit der Verfil­mung einer Erzählung des Urugu­ayers Juan Carlos Onetti ins Kino zurück­ge­kehrt: Para esta noche (Nuit de chien oder Diese Nacht). »Meiner Ansicht nach« sagte Schroeter zu diesem Projekt, »hat das Kino die Aufgabe, Utopien zu errichten, unsere inneren Tiefen auszu­loten, und die Komple­xität der Natur zu erkunden.« Es ist ihm oft gelungen, und des war immer spannend. Mit 65 Jahren ist Schroeter, bis zuletzt aktiv in der Arbeit stehend, am Montag gestorben.

Das nach­fol­gende Interview ist der Teil eines mehr­tägigen Gesprächs über Schro­eters Werk und Kunst­auf­fas­sung, das im März 2009 begann, und im Juni und September weiter­ge­führt wurde. Teil 1 erschien letzte Woche. Von Rüdiger Suchsland.

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artechock: Sie insz­e­nieren viel auf der Bühne. Wie stehen für Sie selbst die verschie­denen Felder Ihrer Arbeit zuein­ander in Beziehung?

Werner Schroeter: Ich sehe mich als musi­ka­li­schen Regisseur, egal, was ich gerade insz­e­niere. Ich habe ja viel mehr Thea­ter­stücke insz­e­niert, als Opern. Trotzdem glauben viele, ich sei vor allem ein Opern­re­gis­seur. Opern sind für mich mitunter eine Erlösung gewesen, weil die Opern­sänger im Vergleich zu Schau­spie­lern eine große Sicher­heit ausstrahlen. Ich habe mich in der Opern­regie aber immer darum bemüht, sehr reduziert zu arbeiten. Dieses Klischee »opernhaft«, das an mir dranklebt, ist aber eigent­lich eine Unver­schämt­heit – obwohl ich das Beiwort richtig benutzt schätze: Weil es eigent­lich eine der komplet­testen Kunst­formen meint: Bildende Kunst, Gesang, die Worte werden ihrer Banalität enthoben. Unter dem Aspekt lasse ich mich gerne opernhaft nennen. Aber nicht, wenn es heißt, bei mir sei alles Kitsch und bunt. Was meinen Sie, was ich da schon gehört habe – das ist Blödsinn.

artechock: Alexander Kluge, der lange ein Wegge­fährte war, betont gern die Ähnlich­keiten zwischen Kino und Oper. Berühmt ist seine Formu­lie­rung vom »Kraftwerk der Gefühle«…

Schroeter: Das hat er übrigens von mir, der Kluge. Kluge war einer der ersten, der Ende der 60er anfing, meine Arbeit zu schätzen, insoweit er die Lyrik und das Musi­ka­li­sche mochte. Er hat er auch immer gesagt, dass ich ihn mit zum Kino hin gebracht hätte. Am besten finde ich eigent­lich seine Formu­lie­rung »In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod«, die er von Andreas Gryphius her hat. Aber »Kraftwerk der Gefühle« stimmt in jedem Fall. Das ist die einzige Waffe, die wir haben in einem Land, in dem Gefühle als Schande gesehen werden, und ihre Verkars­tung als Weg zur Vergeis­ti­gung. Ohne Herz­ens­bil­dung kommt man nicht voran. Das Gefühl als Träger des Ausdrucks ist eigent­lich die humanste Idee, natürlich immer gekoppelt mit dem Denken.

artechock: Kann man das zusam­men­fassen: Was Sie mit Ihrer Arbeit letzten Endes bezwecken? Was alles vereint?

Schroeter: Eine Reaktion hervor­zu­rufen, die zum Denken und Mitfühlen führt – ohne eine Wertung darüber abzugeben. Man muss die Augen öffnen. Kunst­wirk­lich­keit hat nur Sinn, wenn sie die Wahr­haf­tig­keit der Welt, in der wir uns bewegen, trifft.

artechock: Ist Kunst eine Über­le­bens­hilfe?

Schroeter: Ich finde, das Geschenk, das man kreativ sein darf, ist ein enormes Geschenk. Das ist ein Privileg, das hat man nicht verdient, das hat man geschenkt bekommen. Und das kreative Leben ist das Schönste, was es gibt. Das überträgt sich auch zurück auf die Beziehung zum Menschen. Die Phantasie in der Gestal­tung von Beziehung wächst ja auch wenn man sich dauernd beschäf­tigt mit diesem ausdrü­cken-müssen, mit diesem zuein­ander-finden, diesem – nicht Zwang –, dieser Dring­lich­keit. »Una necessitá interiore.« Und es ist einfach schön. Man soll das nicht verklau­su­lieren oder codieren: Es ist einfach eine wunder­bare Aufgabe.

artechock: Kunst kann einen stark machen, ande­rer­seits macht sie einen aber ja auch – oder ist das eine Täuschung – verlet­z­lich…

Schroeter: Extrem. Das ist ja auch gut so. Die Offenheit, die erzwungen wird. Man muss sehr sehr sehr offen sein, man darf kein Selbst­mit­leid haben, man darf sich nicht sehr schützen. Braucht man auch nicht, wenn man ehrlich mit sich ist. Warum muss man sich dann so schützen?

artechock: Ihr letzter Film, Diese Nacht, gedreht nach einem Roman von Juan Carlos Onetti, Para esta noche, »Für diese Nacht«. Nuit de chien ist der fran­zö­si­sche Titel. Es handelt sich ja um eine einzige Nacht, in der der Film spielt. Und um eine Erzählung, die 1942 geschrieben wurde…

Schroeter: Da muss ich etwas ausholen: Ich habe eine sehr starke Beziehung zur latein­ame­ri­ka­ni­schen Kultur. Ich habe Latein­ame­rika und die dortige Lebensart für mein Herz und meinen Kopf erobert, und eine besondere Beziehung dazu entwi­ckelt. Ich habe 1983 an der Univer­sität von Buenos Aires ein Seminar geleitet. Das war noch in den letzten Krämpfen der dortigen Militär­dik­tatur. Diese Erfahrung endete schreck­lich: Das ganze Seminar wurde mit dem Leben bedroht, ich bekam Anrufe, in denen eine unbe­kannte Stimme sagte »Aquii habla es muerte« »Hier spricht der Tod.«. Das haben wir eine Weile durch­ge­halten, dann verließ ich das Land. Ich wich der Gewalt. Es war ein unglaub­lich trauriger und pathe­ti­scher Abschied – das einzige Mal, dass ich öffent­lich geweint habe.

Das war eine wichtige Erfahrung von Energie und Mut und Humor im Angesicht echter direkter Bedro­hungen. Mich hat der Lebensmut dieser Menschen dort beein­druckt, die in einem »Dennoch« und in einem »Trotzdem« so starke Hoff­nungen entwi­ckeln. Das hat mein Verhältnis zu diesen Menschen über die Jahre gestärkt. Und dieser profunder Boden ist der Ausgangs­punkt von Diese Nacht.
Ich hatte beim Lesen das Gefühl: Das bin ja ich, diese Haupt­figur, dieser Künstler. Die Stadt in Buch und Film gibt es nicht, das ist die Essenz alle möglichen Stadt­kul­turen, ein Idealort.

Was Onetti an dem Stoff faszi­niert hat, ist nicht das Konkrete – obwohl das nahe­ge­legen hätte. Das Buch ist ja 1942 geschrieben, auf dem Höhepunkt des schreck­li­chen Zweiten Welt­kriegs. Aber Onetti ist mit diesem Buch ins Univer­sale gegangen, ins Kosmische fast, indem er in keiner Weise auf Hitler und Mussolini oder den spani­schen Bürger­krieg entwi­ckelt, sondern die Dystopie einer nicht mehr lebbaren Stadt­kultur zeichnet, in der eigent­lich alle ehemals positiven Eigen­schaften des Menschen sich in ihr Gegenteil verkehren, und alles in einem gegen­sei­tigen Gemetzel endet – körper­lich und psycho­lo­gisch.

Aus dem Guten entsteht das Schlechte. In der Hilf­lo­sig­keit des sich nicht mehr befreien können vom Negativen bricht das ganze System zusammen. Eine Desas­ter­stadt. Auch die letzte Hoffnung stirbt. Das ist so die Lebens­sicht von Onetti, der auf der einen Seite ein großer Poet und Schrift­steller war, auf der anderen ein mitunter zynischer Nihilist. Diese Seite Onettis kann ich nicht teilen. Woraufhin es Reak­tionen aus Uruguay gab, ich hätte endlich Onetti von seinem Zynismus befreit, ohne seinen scharfen Esprit zu verleugnen.

artechock: Das nehmen Sie natürlich als Kompli­ment…

Schroeter: Ja sicher. Für mich ist ja die Über­tra­gung eines lite­ra­ri­schen Werks in ein anderes Medium muss ja eine Verwand­lung sein, es muss eine Neuschöp­fung sein. Sonst tut man dem Autor keine Ehre an. Wenn man anfängt, so einen Film zu drehen, muss man das verdaut haben, was er geschrieben hat, und es gar nicht mehr Wort für Wort in Betracht ziehen müssen. Dieses Neue zu schaffen ist das Eigent­liche sodass etwas Eigenes, Zeit­ge­mäßes entsteht. Das ist für mich eine mögliche Über­tra­gung. Das Nach­stot­tern dieser Literatur, wie ich es gerade zuletzt in Deutsch­land gesehen habe – mit den neuen Budden­brooks oder der zigsten Verfil­mung von Effi Briest – das ist keine statt­hafte künst­le­ri­sche Arbeit. Es geht um Neuschöp­fung. Wenn ich ein Schrift­steller wäre und würde mich verfilmt sehen: Nach­stot­tern Wort für Wort, dann würde ich mich ärgern. Ich würde mich auch freuen, wenn jemand etwas Neues damit anfängt.

artechock: Der Film handelt auch vom Tod. War es das, was Sie inter­es­siert hat?

Schroeter: Ja, das ist zentral, und dass es mich inter­es­siert hat, hat nicht nur mit meiner Krebs­er­kran­kung zu tun. Das Motto, das ich dem Film voran­ge­stellt habe, spreche ich dort selber. Es stammt aus Shake­speares Julius Caesar, er sagt es in er Nacht vor seinem Tod: »Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir das Größte, dass sich Menschen fürchten, da sie doch sehen, der Tod, das Schicksal aller, kommt, wenn er kommen soll.«

Ich glaube diese Art von Offenheit gegenüber der Todesidee, dieser grund­sät­z­liche Exis­ten­tia­lismus ist sicher stark bei Onetti vorhanden – aber eben gekoppelt mit diesem Humor. Schwarzer Humor ist ein gutes Mittel der Angs­tüber­win­dung. Aber der ist gar nicht mal schwarz, sondern violett. Das heißt: Hinter dem Humor steht eigent­lich das Gegenteil von Nihi­lismus, nämlich Hoffnung. Seit meinen frühesten Tagen ist Ernst Blochs »Prinzip Hoffnung« für mich eine zentrale Lektüre gewesen. Ich komme immer wieder darauf zurück.

artechock: Trotzdem dominiert in diesem Film die Endz­eit­si­tua­tion. Spiegelt sich darin unsere Gegenwart? Sehen Sie unsere Zivi­li­sa­tion in ähnlicher Lage?

Schroeter: Ja. Was Mittel­eu­ropa angeht, gibt es hier zwar sinnvoll gelebte Demo­kra­tien, aber doch eine große psychi­sche Zers­tö­rung. Die Wirt­schafts­krise ist, wenn Sie so wollen, ein Ausdruck davon. Der Kapi­ta­lismus im Kopf ist in Latein­ame­rika – wo solche Krisen der Dauer­zu­stand sind – nicht so weit hoch­ge­stiegen, dass er das Leben als solches infiziert. Das Kapi­tal­ver­bre­chen bei uns ist das Kapital selber – wenn es im Kopf festsitzt als dessen einziger Inhalt. Es ist banal, was ich sage, aber es ist wahr: In Afrika herrschen heute natürlich Zustände, die denen im Film sehr konkret nahe kommen.

Zugleich gilt: Es ist eine conditio humana, dass nichts wirklich gelingen kann. Es ist sozusagen eine Aufgabe, die uns Gott gestellt hat: Wie kann ich ein sinn­volles Gemein­wesen gründen? Wie kann man überhaupt jedem Menschen und seinem Recht zu leben, gerecht werden?

<< Teil 1 

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