artechock: In Ihrem neuen Film "Water"
schildern Sie die aussichtslose Lage indischer Witwen, die
wie Gefangene isoliert von der Gesellschaft in einem Frauenhaus
leben müssen. Die Frauen gehen vollkommen unterschiedlich
mit ihrer Situation um.
Metha: Ich wollte verschiedene Aspekte davon zeigen,
wie Menschen mit religiösem und sozialem Dogmatismus
zurechtkommen. Madhumati, die Matriarchin des Hauses, ist
traditionsbewußt und sehr streng zu den anderen Frauen.
Sie verstärkt dadurch das Übel. Man darf jedoch
nicht vergessen, dass auch sie Opfer der Umstände ist.
Kalyani, die als Prostituierte arbeiten muss, will sich arrangieren,
schafft es aber nicht. Sie ist etwas naiv, doch diese Naivität
bietet ihr Schutz. Sie kommt nur zurecht, weil sie ihre schlimme
Situation religiös überhöht. Kalyani sieht
sich als unberührte Lotusblüte umgeben von schmutzigem
Wasser. Dieser Ausdruck stammt aus einem heiligen Buch und
hat deshalb genug Substanz für sie. Nur deshalb kann
sie sich in einen Juristen verlieben, dessen Lebensumstände
ja vollkommen andere sind. Natürlich ist diese Überhöhung
ein Drahtseilakt.
Für mich ist allerdings die dritte Frau, Shakuntala,
der Kern des Films. Durch sie versuche ich mein Anliegen
als Filmemacherin zu vermitteln. Ich will den Konflikt zwischen
Gewissen und Glauben thematisieren. Shakuntalas Glaubenskrise
bringt den Film zu einem Ende. Weil sie auf ihr Gewissen
hört, kann sie Dinge zum Guten wenden.
Die junge Witwe Kalyani muss sich prostituieren, um das
Überleben des gesamten Witwenhauses zu sichern. Trotzdem
wird sie von den anderen Frauen verachtet und drangsaliert.
Das passiert. So ist die Wirklichkeit. Wenn man Frauen
in ein Gefängnis steckt und glaubt, sie seien dort
nett zueinander - dann täuscht man sich. Man wird in
so einer Situation immer eine Person suchen, der man die
Schuld für alles aufhalsen kann. Indem die andern Witwen
Kalyani demütigen, können sie sich überlegen
fühlen, zumindest moralisch. Ich habe damit versucht,
die Häßlichkeit zu zeigen, die Teil von uns Menschen
ist.
Am Ende des Films heißt es, solche Witwenhäuser
würde es auch heute noch geben. Warum lassen Sie Ihre
Geschichte in der Vergangenheit, in den Dreißigerjahren,
spielen?
Vor allem aus praktischen Gründen. Es gibt heute zwar
noch Witwenhäuser, aber die Zwangsheirat von Kindern
ist nicht mehr verbreitet. Dadurch gibt es auch keine Kinderwitwen
mehr, die mit sieben oder acht Jahren in ein Witwenhaus
gesperrt werden. Meine Hauptfigur sollte die achtjährige
Chuyia sein, weil mir der kindliche Blick auf dieses Thema
wichtig war. Diese Perspektive verurteilt nicht und ist
zudem sehr unpolitisch. Von Kindern bekommt man jedoch aufrichtige
Reaktionen auf unlogische Umstände. Wenn ich die Geschichte
im Heute erzählt hätte, wäre das absolut
manipulativ und auch nicht ehrlich gewesen.
Sie wollten "Water" schon vor einigen Jahren
drehen, mussten den Dreh in Indien aber abbrechen, weil
religiöse Fundamentalisten das Filmset angegriffen
haben. Wurden Sie von offizieller Seite nicht geschützt?
Die Menschen, die protestiert haben, waren ja der kulturelle
Arm der Regierung. Man hat zwar vordergründig so getan,
als wolle man uns beschützen. Das war ein reiner Witz.
Sie haben 300 Mitglieder der indischen Armee aufs Filmset
geschickt - mit Maschinengewehren. Sie haben wirklich alles
dafür getan, dass wir da nicht mehr arbeiten konnten.
Irgendwann wurde der Dreh von der örtlichen Regierung
aus Sicherheitsgründen gestoppt.
Sie haben "Water" dann beinahe fünf Jahre
später in Sri Lanka neu gedreht. Warum nicht mehr in
Indien?
Als unser Drehort damals geschlossen wurde, war das sehr
dramatisch für uns. Es hat uns vollkommen aus der Fassung
gebracht. Wir hatten ja eine Drehgenehmigung, wir hatten
alles richtig gemacht. Es war alles so unlogisch. Ich war
schrecklich wütend. Zwei andere indische Provinzen
haben uns zwar eingeladen, bei ihnen weiter zu drehen. Dort
hätten sie uns wohl wirklich beschützt vor den
rechten Fundamentalisten. Zumindest eine der Provinzen war
kommunistisch. Aber manchmal hat man einen Moment der Klarheit.
Als ich am Dreikönigstag durch Kalkutta lief auf der
Suche nach neuen Locations, erkannte ich, dass mit diesem
Film irgendetwas nicht mehr stimmt. Was nicht mehr stimmte,
war natürlich ich. Ich wollte den Film nur noch aus
falschen Gründen machen. Es ging mir nicht mehr um
"Water", sondern nur noch darum, es den Fundamentalisten
zu zeigen. Wenn ich den Film damals gemacht hätte,
wäre er verzerrt worden von meiner Wut. Ich will zwar
eine leidenschaftliche Regisseurin sein, aber keine wütende.
Ich habe dann andere Filme gemacht. Irgendwann war die Wut
weg, ich fühlte mich nicht mehr als Opfer und sagte:
Lasst es uns noch einmal versuchen! In Indien wollte uns
niemand mehr versichern, weil wir beim ersten Mal das ganze
Geld verloren hatten. Also gingen wir nach Sri Lanka. Es
wurde ein wunderschöner Dreh. Ohne Wut, ruhig und friedlich.
Und ohne Politik. Die Kombination von Kunst und Politik
ist schrecklich.
In der Zwischenzeit haben sie mit "Bollywood/Hollywood"
eine romantische Komödie gedreht. Anscheinend hat Indien
hat nach der Spiritiualität in den Sechziger- und Siebzigerjahren
mit dem Bollywood-Kino einen neuen Export-Schlager. Warum
kommt Bollywood im Westen derzeit so gut an?
Ich glaube, das hängt in beiden Fällen mit dem
politischen Klima im Westen zusammen. Die Hippie-Bewegung
begann ja unter anderem, weil die Menschen durch den Vietnam-Krieg
desillusioniert waren. Auf einmal hat man versucht, einen
neuen Lebenssinn zu finden und ging dafür nach Indien.
Mit dem Bollywood-Kino ist es so ähnlich, glaube ich.
Der Westen lebt derzeit in der Angst, dass der 11. September
die Welt grundlegend verändert hat. Man hat Angst vor
dem Unbekannten, vor dem Fremden, vor dem Fundamentalismus.
Und da kommt Bollywood und bietet drei Stunden totale Unterhaltung,
in denen überhaupt nichts von einem erwartet wird.
Man darf sich verlieren in den Farben, den Liedern, den
Tänzen und muss über nichts nachdenken, was einen
Gedanken wert wäre. Bollywood ist wie eine Art Fast
Food.
Ist es nicht schade, dass man im Westen derzeit fast ausschließlich
Bollywood-Filme als indisches Kino wahrnimmt?
Nein. Ich mag Bollywood ja selber. Sie sprechen mit jemandem,
der bekehrt wurde. Bollywood wird im Westen bald wieder
verschwinden. Ob es gut für Indien ist, weiß
ich nicht. Vielleicht beraubt es Indien seiner Komplexität,
weil es so tut, als wären Probleme dort so einfach
zu lösen wie in einem Cartoon. Im Westen will man nicht
wirklich über sich selbst nachdenken, also schauen
die Menschen nach Indien. Eine Art Spiritualität zu
suchen durch Instant-Meditation mit Instant-Befriedigung,
ist ja immer einfach. Jetzt zieht man eben indische Kleider
an und macht Gesangs- und Tanznummern nach. Das ist schon
ein Witz. Mit Deepa Metha sprach Karl
Haffner .
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