Water

Kanada/Indien 2005 · 117 min. · FSK: ab 12
Regie: Deepa Mehta
Drehbuch:
Kamera: Giles Nuttgens
Darsteller: Lisa Ray, Seema Biswas, Kulbhushan Kharbanda, Waheeda Rehman, Raghubir Yadav u.a.
Flucht in den Moment: Die siebenjährige Witwe Chuyia

Überlebensstrategien

Wasser – das Elixier des Lebens. Wenn Forscher ihren Blick in den Weltraum richten, auf der Suche nach außer­terres­tri­schem Leben, dann halten sie vor allem nach einem Ausschau: H2O.

Chuyia ist sieben Jahre alt. Unver­wüst­lich fröhlich. Manchmal jähzornig. Häufig aufmüpfig. Gar nicht schüch­tern. Und: Witwe. Im Indien von 1938 nichts Unge­wöhn­li­ches: Kleine Mädchen werden früh verhei­ratet. Stirbt der Gatte, wartet auf sie, wie auf alle verwit­weten Frauen, ein unbarm­her­ziges Schicksal: Die Familie schiebt die nun Wertlose in einen Ashram ab, wo sie ein Leben in Demut und Entsagung führen soll.

Nicht von ungefähr ist der Film an den Ufern des Ganges ange­sie­delt, dem heiligen Fluss der Hindus. Ein Bad in ihm verspricht die Reinigung von Sünden und die Hoffnung auf ein besseres Karma im nächsten Leben. Und so wird Wasser zum Schlüssel des Films: Es trennt Welten trennt, vereint Liebende, und ist der letzte Ausweg für Verzwei­felte. Wasser führt auch Narayan und Kalyani zusammen, die sich begegnen, als die junge Witwe gemeinsam mit der kleinen Chuyia ihr Hündchen badet. Der Welpe entwischt, die tempe­ra­ment­volle Chuyia stürmt hinterher und kommt an der Hand des Juraspon­denten Narayan zurück.

Nachts aber gleitet eine Barke über den stillen Strom. Er trennt Kalyanis armse­liges Leben am Tage von ihrem heim­li­chen Tun in der Nacht. Als einzige Frau in dem Witwen­heim darf sie das Haar lang tragen – um den Männern zu gefallen. Das Geld für ihre Liebes­dienste streicht die Heim­lei­terin Madhumati ein. »Fette Kuh« nennt Chuyia, und beißt die Matrone bei ihrer ersten Begegnung erst einmal in die feiste Wade.

Die Frauen im Aschram leben wie Aussät­zige. haben die Frauen Denn die Frauen, so predigen die Geleerten, haben ihren schweren Schick­sals­schlag – den Tod des Gatten – durch Sünden in einem vorher­ge­hendem Leben selbst herbei­ge­führt – und sollen nun dafür Buße tun. Pass auf, dass dein Schatten nicht auf die Braut fällt, ermahnt der Priester die Witwe Shak­un­tala. Denn bereits ihr Schatten wird als unrein angesehen.

Narayan sieht das anders. Der junge Jurist – gespielt von Bolly­woods promi­nentem Darsteller John Abraham – erklärt es an einem Wende­punkt des Films in ebenso schlichten wie nieder­schmet­ternden Worten: »Euer Leben im Ashram bedeutet für die Familie ein Maul weniger zu stopfen, vier Saris weniger im Jahr bezahlen, ein Bett weniger, mehr Platz für die anderen« – es geht ums Geld, getarnt von Religion.

Immer wieder weht ein Hauch von Bollywood durch den Film: Zwischen den tragi­schen Szenen und melan­cho­lisch- roman­ti­schen Bildern gibt es immer wieder komö­di­an­ti­sche, slap­stick­ar­tige Elemente, quirliges Leben, das zu einer fröh­li­chem, bunten Fest mit Gehsang und Tanz kumuliert – ausge­rechnet im Witwen­heim.

Grund­sätz­lich jedoch ist der Tenor, düster, bitter und vor allem trotzig. Letztlich erzählt der Film von der Fähigkeit des Menschen, auch uner­träg­liche Situa­tionen zu über­stehen. Jede der Figuren beschert Filme­ma­cherin Deepa Mehta ihre persön­lich kleine Flucht: Die alte Frau, die noch Jahr­zehnte nach ihrer Hochzeit vom Naschwerk der Feier träumt – Süßig­keiten, die Ihr als Witwe verboten sind. Chuyia übt sich in der Kunst bewusster Verdrän­gung: »Ich bleibe nicht lange, Morgen holt mich meine Mutter«, sagt sie und hangelt sich so von Tag zu Tag. Auch die gebildete Shak­un­tala sucht ihren Weg, um sich mit der auswegslosen Situation zu arran­gieren. Sie hofft ihren Frieden zu finden, indem sie eine Recht­fer­ti­gung für ihr Schicksal in der Religion sucht – was ihr, da sie zu intel­li­gent ist, aber nicht so recht gelingen will.

Den radi­kalsten Schritt aber wagt Kaliyani: Von der fügsamen jungen Frau, verwan­delt sie sich in eine empörende Rebellin, indem sie das Unge­heu­er­liche glaubt: Dass auch ihr, die Witwe, ein Recht auf Hoffnung hat, ein recht, glücklich zu werden und sogar Liebe zu finden.

Das Indien von 1938 bildet das perfekten Rahmen für die Botschaft des Films, der zur Courage aufruft, sein Leben in die Hand zu nehmen und jeder Unge­rech­tig­keit zu trotzen. »Früher habe ich daran geglaubt, dass Gott die Wahrheit ist, Heute glaube ich, dass die Wahrheit Gott ist«, sagt Ghandi in einer Sequenz des Films, die Shak­un­tala schließ­lich zur Aufleh­nung bewegt.

Auch heute noch gelten Witwen in Indien wenig, und Ehefrauen häufig nur solange die Mitgift reicht. Unge­rech­tig­keit gegen die es sich aufzu­stehen lohnt, ist jedoch ein welt­weites Phänomen. Der Ganges, der Colorado, die Donau, der Nil und der Rhein könnte davon viele Geschichten erzählen.

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