artechock: Wenn Sie Ihre Entwicklung betrachten,
seit Sie in Hollywood sind - was haben Sie für eine
Entwicklung hinter sich? Was haben Sie gelernt und für
Erfahrungen gemacht?
Emmerich: Ich weiß nicht, ob ich irgendetwas
gelernt habe. Jeder Film ist eine Reise. Auf diesen Film bin
ich sehr stolz. Denn als ich die Arbeit mit diesem Stoff begonnen
habe, sagten mir Freunde: Das bekommst Du nie durch. Und ich
dachte: Man muss es eben schlau machen. Und ich habe es offenbar
ziemlich schlau gemacht. Jetzt unterstützt selbst das
Studio, das mehr auf der politisch rechten Seite steht - Murdoch
ist der Besitzer - den Film. Ein Happy End.
Täuscht der Eindruck, oder ist bei Ihnen nicht doch
ein politischer Sinneswandel erkennbar?
Ich habe eigentlich nicht verstanden, wieso man mich nach
INDEPENDENCE DAY und DER PATRIOT als so patriotisch und vor
allem so politisch rechts stehend wahrgenommen hat. Da finde
ich mich nicht wieder, ich empfinde mich eigentlich immer
schon eher im linken Spektrum stehend. Das war für mich
auch ein Stück Protest gegen mein reiches Elternhaus.
Vielleicht liegt das daran, dass der Actionfilm per se
ein "rechtes" Genre ist: Starke Männer, die
mal richtig aufräumen...
THE DAY AFTER TOMRROW war nun die willkommene Chance, diesen
Eindruck zu korrigieren. Denn ein Filmemacher sollte seine
Möglichkeiten schon für bestimmte Ziele einsetzen,
für das, an das man glaubt. Und man muss das geschickt
machen. Die erste Frage ist immer: Wie kann ich Leute gut
unterhalten. Und wenn die Zuschauer am Schluß auch noch
nachdenken, und das Problem "Global Warming" ernst
nehmen - um so besser. Ich habe den Film vor allem gemacht,
weil ich zeigen wollte, wie eine Umweltkatastrophe sich politisch
auswirkt. Besonders in Amerika. Die sind so arrogant, glauben
sicher, dass immer alles so weitergeht. Ich als Deutscher
wollte es denen einfach mal zeigen, dass das von einem Moment
zum anderen anders sein kann.
Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis? Wie kamen
Sie auf diesen Stoff?
Ich hatte zuerst ein Science-Fiction-Buch über "Globale
Erwärmung" gelesen. Und dann lernte ich, dass sich
die wichtigsten Vorgänge mit wissenschaftlichen Fakten
decken. Ich wollte keinen zweiten INDEPENDENCE DAY drehen.
Aber weil man von mir so etwas Ähnliches erwartete, fand
ich eine Katastrophenthriller ein recht gutes Mittel, um andere
Inhalte unterzubringen. Ähnliche Machart, ernstere Note.
Ich glaube, dass die Studios anfangs gar nicht so genau hingeguckt
haben, worum die Geschichte geht. Erst später wurden
manche. Einige Studios fragten ernsthaft, ob man nicht ein
paar Helden ins Drehbuch hineinschreiben könnte, die
den Supersturm und die Eiszeit aufhalten - vielleicht mit
einer Laserwaffe. Das ist natürlich lachhaft, aber so
denken manche in Hollywood. Die Fox-Studios haben mich machen
lassen, mir alle Freiheiten gegeben. Darum habe ich mit ihnen
zusammengearbeitet.
Sie hatten die volle Freiheit?
Ja! Mitten im Dreh habe ich noch sehr viel an der Geschichte
verändert, zusätzliche Szenen erfunden. Denn ich
spürte, dass im Mittelteil etwas nicht stimmte, zu wenig
Druck auf den Figuren lag. Auch haben wir die Figur des Präsidenten
gegenüber der ursprünglichen Version arg verknappt.
Dass er umkommt, war nicht vorgesehen. In solchen Momenten
muss man den Mut haben, alles zu ändern. Wenn man das
Sagen hat, geht das. Und wir waren am Schluss immer noch unter
unserem Budget.
Kaum zu glauben, dass das Studio sich gar nicht eingemischt
hat...
Natürlich hat man versucht, Einfluss zu nehmen. Es war
ein Eiertanz. Zum Beispiel auf die Vermarktung des Films.
Auf der Website wurde zum Beispiel das Thema globale Erwärmung
zunächst gar nicht erwähnt. Und es gab keinen Link
zu einer Umweltorganisation. Aber das haben wir ändern
lassen. Wäre das nicht möglich gewesen, hätten
wir den Film nicht gemacht. Man hat auch Macht als Regisseur.
Mir war es wichtig, auch die politischen Aspekte einer Umweltkatastrophe
darzustellen. Gerade in den USA ist man ja in der Hinsicht
sehr borniert, und glaubt, man könne mit seinem hohen
Ausstoß an Treibhausgasen ewig so weitermachen. Es muss
ja nicht immer Oliver Stone sein, der die Menschen aufwühlt.
Als immer noch Fremder: Wie empfinden Sie die derzeitige
gesellschaftliche Atmosphäre in den USA?
Ja, es ist gerade eine ganz komische Stimmung im Land. Man
merkt das auch an den Drehbüchern. Vor sechs Jahren habe
ich ein Drehbuch geschrieben namens "One Nation".
Darin geht es um einen Präsidenten, der sich im Weißen
Haus verbarrikadiert und es kommt zu einer Weltkrise. Es hieß,
das sei unverfilmbar. Zu gewagt. Plötzlich vor zwei Monaten
rief man mich an, und meinte: Wollen wir nicht noch mal an
dem Buch arbeiten? Es ist Bush! Wir werden den Film machen,
wenn die Wahl schlecht ausgeht. In Hollywood gehört es
ja zum guten Ton, die Demokraten zu unterstützen.
Und warum macht man dann immer wieder New York kaputt?
Warum nicht mal Chicago? Zumal man doch nach dem 11.September
manche Bilder nicht mehr unschuldig verwenden kann...
Die Stadt ist ein Symbol. Wenn man das nicht macht, sondern
Chicago nimmt, läuft man ihr davon. Wir wollten das nicht.
Und die New Yorker können damit gut leben.
Es gibt offensichtliche Ähnlichkeiten - sowohl im
Aussehen, als auch in den politischen Inhalten - zwischen
Ihrer Figur des Vizepräsidenten und Dick Cheney. War
das Absicht?
Wirklich nicht. Wir haben die Schauspieler gecastet, und
er war der Beste. Aber es hat natürlich gut gepasst.
Sie arbeiten nie mit ganz großen Stars. Warum?
Emmerich: Die Filme brauchen das nicht. In meinen Filmen
ist der Film selbst der Star. Mir macht es Spaß Leute
zu besetzen, die später mal Stars werden. Oder mit Schauspielern
wie Ian Holm. Den habe ich immer bewundert.
Schon bei Ihren letzten Filmen gab es Ihnen und Wolfgang
Petersen einen fast identischen Starttermin. Warum immer
wieder dieses Kassenduell der beiden Deutschen in Hollywood?
Wir haben tatsächlich beide versucht, das diesmal zu
verhindern. Aber über Starttermine entscheiden die Studios.
Wir sind befreundet und führen keinen Konkurrenzkampf.
Und wir beide sehen Amerika so, wie es ist. Auch mit seinen
Nachteilen. Wolfgang und ich sind Deutsche. Ich will keinen
amerikanischen Pass haben.
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