25.08.2016

Maren Ade for President?

Dark Star
Für immer miteinander verbunden: Sandra Hüller mit Toni Erdmann

Jetzt wird sie erstmal deutsche Oscar-Kandi­datin – Wetten, dass...?

Von Rüdiger Suchsland

Wetten, dass...? Heute, Donnerstag, kurz nach 11 Uhr, wird bekannt­ge­geben, dass Toni Erdmann, der schöne Film der aus Karlsruhe stam­menden, Berliner Regis­seurin Maren Ade in diesem Jahr vom zustän­digen Auswahl­gre­mium aus neun Verbänden (darunter Produk­tion, Regie, Kino und Film­kritik) für die Abstim­mung über den Auslands-Oscar einge­reicht werden wird. Eine Nomi­nie­rung ist das zwar nicht – die unter­nimmt die ameri­ka­ni­sche Film-Academy selber. Immerhin achtzehn Mal in den letzten sechzig Jahren gelang es dem deutschen Kandi­daten unter die letzten fünf vorzu­rü­cken. Und dreimal gab es am Ende auch tatsäch­lich die begehrte Trophäe. Warum diese Einrei­chung quasi ein Selbst­läufer ist hat viele Gründe: Natürlich sind solche Benen­nungen immer auch poli­ti­sche State­ments, natürlich kann man es sich gar nicht leisten, den Film nicht ins Rennen zu schicken. Und überhaupt: Wen sollte man denn sonst ins Rennen schicken? Der wich­tigste Grund von allen ist aber: Toni Erdmann ist ein guter Film. Er hat die Film­kritik, auch die inter­na­tio­nale, begeis­tert, und er bringt das an Kunst und Irri­ta­tion inter­es­sierte Publikum in die Kinos. Und das sind erstaun­lich viele. Nicht, dass all dies für einen Oscar-Kandi­daten selbst­ver­s­tänd­lich wäre. In den letzten zehn Jahren wurden von der aus Verbands­ver­tre­tern etwas will­kür­lich kompo­nierten Entsen­dungs­jury Filme wie Die Fremde nominiert, Der Baader Meinhof Komplex, Der Untergang und andere, die im besten Fall moralisch staats­tra­gend und ästhe­tisch bieder waren, aber bestimmt nicht die Filmkunst voran­brachten, oder auch nur den in Hollywood geltenden Standard profes­sio­nell gemachter Unter­hal­tung oder Dramatik erfüllten. Maren Ade ist also keines­wegs nur in guter Gesell­schaft. Aber ihr Toni Erdmann ist über weite Strecken genau das Gegenteil dieses ganzen für das deutsche Gegen­warts­kino leider so typischen, sich an Stories, inhalt­li­cher Bedeutung und poli­ti­scher Relevanz verkrampft fest­klam­mernden deutschen Film­schaffen. Ander­seits ist Toni Erdmann dann aber auch ein Film, der einige sehr typische Elemente enthält, die man in Deutsch­land vom fast ausnahmslos staatlich subven­tio­nierten Film sehen möchte: Denn dieses Kino hat allzu oft etwas vom Werk eines Klas­sen­primus. Es ist didak­tisch, es heischt um Bedeutung, es ist stre­ber­haft, es will ja nichts falsch machen – und macht darum leider oft auch kaum etwas richtig. Bis in die sechziger Jahre hinein war das deutsche Kino zwar nicht immer gut, aber es war über­ra­schend, es wusste, dass zur Kino­er­fah­rung elementar der Exzess, die Über­schrei­tung, das Verbotene gehörten. Wenn wir im Bild der Schule bleiben wollen, dann war das Kino bis in die Sechziger nie Streber und Klas­sen­primus, sondern Klas­sen­clown. Es war vor allem subjektiv, also persön­lich und Ausdruck indi­vi­du­eller Vorlieben, Gelüste, Ängste. Dann kam die Film­för­de­rung, dann kam die soziale Gesin­nungs­po­lizei der Linken wie der Rechten und nahm die Stoffe in den Griff, dann kam vor allem das Fernsehen und zunehmend wurde diese Idee des Autors, des Films als Ausdruck eines Indi­vi­duums abge­schafft. Heutiges Fernsehen und das von ihm längst infi­zierte Kino wirkt zu neunzig Prozent so, als hätte den Film kein Mensch gemacht, sondern ein Roboter. Zu all dem verhält sich Toni Erdmann auf hoch­in­ter­es­sante Weise ambi­va­lent. Denn die Lehrer­s­tochter Maren Ade erfüllt gewis­ser­maßen das Pflicht­pro­gramm perfekt – sie hat ein bedeu­tungs­volles Thema: Die Familie, eine Vater-Tochter-Beziehung, und die Schlech­tig­keit der Wohl­stands­welt. Dass er von einer Frau stammt, schadet gerade auch nicht. Und er hat Erfolg – das ist sowieso das Kriterium, vor dem in der Film­branche noch die letzten Wider­s­tände einkni­cken. Zugleich macht Toni Erdmann aber unter der Ober­fläche sehr viel anderes anders. Man könnte sogar sagen: Wenn man diesen Film mag, dann kann man eigent­lich die meisten anderen deutsche Filme nicht mögen. Und nur, weil er so anders und so undeutsch ist und trotzdem sehr deutsch, darum kommt er auch inter­na­tional derart blendend an. Der Exzess in Toni Erdmann ist zwar sehr kontrol­liert. Aber er ist vorhanden. Genauso wie der Humor. Natürlich: Am Ende muss es in diesem Film wieder sehr ernst sein, und zwar irgendwie versöhn­lich, irgendwie aber auch melan­cho­lisch. Aber zwischen­drin herrscht Anarchie – zwar in ihrer bildungs­bür­ger­li­chen Variante, aber immerhin. Das deutsche Kino hat zur Zeit wenig bessere Aushän­ge­schilder als diesen Film.

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