28.04.2011

Das Wildcard-Gemauschel

Buster Keaton – The Cameraman

Geht mit fetter Staatsknete nach Hause:
Senator-Film Der ganz große Traum

Alle Jahre wieder ändern sich die Nominierungs-Verfahrens-Regeln beim Bundesfilmpreis – besser wird nichts. Ein Rückblick

Klar: Einer wird gewinnen. Aber nicht irgendwer bitteschön.

Man kann von den Filmkritikern wirklich eine Menge lernen. Aber bitte nicht gerade, jedes Jahr die Verfahren zu ändern, wie beim »Preis der Deutschen Filmkritik«. Das Ergebnis, über das wir an dieser Stelle schamhaft geschwiegen haben, war der Kritikergeneralversammlung auf der letzten Berlinale immerhin (und sehr zu Recht!!!) derart peinlich, dass man prompt – zum vierten Mal in acht Jahren – das Vergabeverfahren änderte.

Es gibt jedes Jahr wieder Menschen, die sich von der Vornominierung unter die »besten 20 Spielfilme« des Jahrgangs derart blenden lassen, dass sie den kleinen Finger für die Hand nehmen, und ernsthaft glauben, sie hätten eine seriöse Preischance. Diesmal allerdings – ausgerechnet in einem der schwächsten deutschen Filmjahre seit langem –, kam überhaupt keiner der kleinen frechen Independent-Filme durch, die in den vergangenen Jahren immer unter den Endnominierten aufgetaucht sind.

Das Filmpreis-Abstimmungsprozedere der Vorjahre war so angelegt, dass man einfach sechs Filme ankreuzen musste, die nominiert werden sollten. Da schaffte es immer Halbkunst wie in diesem Jahr der Tom Tykwer-Film Drei, aber kaum echter Mainstream-Blödsinn.

Dieses Jahr wurde nun alles anders.... Es gab wieder ein ganz neues Auszählungsverfahren, das angeblich noch gerechter und noch besser wäre, gerade für kleine Filme. Von wegen: Denn nun wählt man keine Filme mehr aus, sondern vergibt »Zensuren«: Für »schlecht« einen Punkt, für »gut« fünf Punkte. So wurde dann aus den Voten, die man für jeden vornominierten Film abgab, ein Mittelwert errechnet. Mit dem Ergebnis: Der Filmpreis funktioniert wie jeder Publikumspreis bei einem Festival, der schönes braves Mittelmaß auszeichnet. Wer mit seinem Film nicht aneckt, bekommt die Nominierung, aber bitte nicht kontrovers sein oder schwierig, sonst gibt es schlechte Noten. Am besten man hat einen großen Etat, schöne Werbung und hatte gerade erst bei der Berlinale Premiere, dann kommt man weiter. Und natürlich auch dann, wenn man viele Freunde und Mitglieder aus dem eigenen Team in der Filmakademie hat – die votieren dann nämlich brav für alle anderen Filmen mit einer schlechten Note ab... man gibt sich also selber den Preis: je 250.000 Euro Nominierungsprämie aus dem Haushalt des BKM, der sogenannten Branche zur Selbstbedienung überlassen.

Für zusätzliches Chaos und Unfairness sorgt die sogenannte Wildcard-Regelung, die Möglichkeit, am gängigen Auswahlverfahren vorbei Filme in die Nominierungsliste zu hieven. In diesem Jahr zeigte sich das am Beispiel des Films Der ganz grosse Traum. Eine hundsmiserable, peinlich gemachte Scheiße, die völlig zu recht an der Kinokasse floppte, und ebenso völlig zurecht von der Akademie in keiner Kategorie vornominiert wurde. Der aber einen starken Verleih hinter sich hat: Senator, bei dem man sich schon lange fragt, warum sie immer noch am Tropf der Filmförderung weitervegetieren dürfen.

Anatol Nitschke, Ex-Punk und Ex-Werkstattkinomacher, der heute einer Firma mit dem hübsch sprechenden Namen »deutschfilm«, die eigentlich Senator gehört, die eigentlich irgendwelchen Heuschreckeninvestmentfonds in Übersee gehört, zog eine Wildcard für den Film: Das ist sein gutes Recht. Weniger guter Stil ist es allerdings, die Konkurrenz zu beschimpfen, und die Akademie gleich mit: Man habe wohl ein »Problem mit populären Filmen«, grantelte er. Das ist schon deswegen eine selten dumme Bemerkung, weil Der ganz grosse Traum keineswegs ein »populärer Film« ist: In zwei Wochen bekam man nur 100.000 Zuschauer, und verdiente nur 626.837 Euro. Für einen Film mit Daniel Brühl extrem schwach, bei 5,5 Millionen Euro Produktionskosten das übliche Senator-Maß: eine Katastrophe. Aber die Filmförderung zahlt es ja.

Nun ist die Akademie wie ein Hund, der wenn man ihn tritt, winselt und Unterwerfungsgesten zeigt. So konnten Nitschke und sein Film trotzdem in die Kiste der DVDs kommen und von den Mitgliedern auf den Abstimmzettel geschrieben werden. Dummerweise hatte die Akademie überdies vergessen, ihr Verfahren anzugleichen: Wenn nämlich nach Zensuren für alle abgestimmt wird, dann hat natürlich ein Film, der sich gar nicht im normalen Verfahren befindet, den Vorteil, dass nur die vielen Freunde und »Verpflichteten« von Senator die Wildcard-Spalte mit diesem Film besetzen und natürlich dann immer nur gute Zensuren vergeben. Weil ja niemand einem Film, der gar nicht auf der Liste steht, und auch gar nicht angesehen werden muss, freiwillig eine schlechte Note gibt – wozu auch, er ist ja nicht vorausgewählt.

So zog Der ganz grosse Traum in mehreren Kategorien an anderen vornominierten Filmen vorbei – und Senator reibt sich die Hände über 250.000 Euro Staatsknete. Der Höhepunkt ist, dass sich Burghardt Klausner, nebenbei ein Hauptdarsteller von Der ganz grosse Traum, auch noch entblödet hat, nach der Nominierung zu sagen, er freue sich für den Film, weil es ja ein Außenseiter-Film sei!!! Ein Außenseiter, der 5,5 Millionen Euro gekostet hat. Klausner sagt allerdings nicht, dass er als Mitglied des Vorstandes der Filmakademie diese dumme Ausnahmeregelung auch noch aktiv mitbestimmt.

Was kann man dagegen tun? Viele deutsche Produzenten finden die ganze Abstimmung und alles Drumherum auch zum Kotzen. Sie sind aber zu müde, um gegen den Koloss Akademie vorzugehen... »Eigentlich müsste die Akademie sich auflösen wegen kollektiver Blödheit«, sagte ein Filmemacher, der naturgemäß ungenannt bleiben wollte. Früher hieß es noch, man wolle die Akademie von innen verändern. Aber wie will man Iris Berben von innen her ändern? Die Akademie ist für viele Mitglieder eigentlich nur dazu da, dass sie eine schöne Sammlung an DVDs besitzen.

Es bleibt eigentlich nur, eine zweite Akademie, eine »Indie-Akademie« zu gründen und dann auch einen Batzen Geld vom BKM zu fordern. Oder das Ganze einmal gerichtlich prüfen zu lassen: Wie geht es, dass Staatsgelder, die laut Definition für Kunst und Kultur ausgegeben werden sollen, von einem Privatverein an sich selber vergeben werden?

Rüdiger Suchsland

PS: Ein kurzer unvollständiger Überblick, dazu, wer alles sein Fördergeld in den sechs für den »besten Film« nominierten Filmpreisfilmen stecken hat. Es sind zu viele. Zu viel Geld und zu viel Fernsehsender.

Almanya
FFFBayern 400.000 EUR
DFFF 500.000 EUR
FFA
BKM

Drei
MBB 500.000 EUR
DFFF
FFA
Filmstiftung
NRW
BKM

Der ganz grosse Traum
FFA
DFFF
FF-Hamburg-Schleswig-Holstein
Nordmedia
MBB 350.000 EUR
BKM

Goethe!
MDM
Filmstiftung NRW
FF-Hamburg-Schleswig-Holstein
MBB 450.000 EUR
FFA
FFFBayern

Vincent will meer
FFFBayern
DFFF
MBB 180.000 EUR
FFA

Wer wenn nicht wir
FFA
BKM
MBB 500.000 EUR
MFG FF-Hamburg-Schleswig-Holstein
Hessen
DFFF

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