02.08.2001

Der unsichtbare Superstar

Sam Neill in JURASSIC PARK III

Der unsichtbare Superstar

Eine lobende Erwähnung für Sam Neill

Von Michael Haberlander

Ab 2. August 2001 bevölkern nun schon zum dritten Mal die Dino­sau­rier aus dem JURASSIC PARK unsere Leinwände. Ihnen entgegen stellt sich erneut ein Mann mit Safarihut, der selbst im Angesicht von haushohen Fleisch­fres­sern die Nerven behält und immer noch Zeit für ein kluges Wort oder ein teuf­li­sches Lächeln hat: Dr. Alan Grant, gespielt von Sam Neill.
Bereits jetzt kann (und sollte) man sich die austra­li­sche Komödie THE DISH ansehen, denn hier begegnet man dem Pfeife rauchenden Astro­logen Cliff Buxton, der mit uner­schüt­ter­li­chem Gleichmut und stoischer Freund­lich­keit die Probleme eines Teleskops in der austra­li­schen Einöde löst; darge­stellt ebenfalls von Sam Neill.

Es ist schon erstaun­lich, wie relativ unbekannt Sam Neill immer noch ist und das, obwohl viele seiner Film­auf­tritte entweder finan­ziell und künst­le­risch enorm erfolg­reich waren. Sicher­lich ist er kein total Unbe­kannter aber von 20 Mio. Gagen wie Tom Hanks oder einem Kult­status wie de Niro ist er weit entfernt. Um so erstaun­li­cher ist dies, da er keiner der ewigen Neben­dar­steller wie etwa Ian Holm oder John Hurt ist, sondern fast immer eine der Haupt­rollen einnimmt.

Viel­leicht liegt es ja daran, dass er nicht ausschließ­lich in Amerika arbeitet, sondern oft an Projekten in seinen verschie­denen Heimat­län­dern arbeitet. 1947 in Irland geboren, wuchs er in Neusee­land auf, ging dann nach Austra­lien, schließ­lich nach England und lebt zeitweise auch in den USA. Ihm ist damit beinahe die gesamten englisch­spra­chigen Welt vertraut, was man seinem viel­fäl­tigen Rollen­re­per­toire positiv anmerkt.

So verschieden seine Rollen zwischen OMEN III und DER PFERDEFLÜSTERER auch gewesen sind, so zeichnen sich doch zwei Konstanten ab: Sam Neill ist kein Mann der großen Gefühls­aus­brüche. Panik, Hysterie, Entsetzen, Euphorie, Raserei zeigen sich bei ihm nur sehr unter­schwellig, selten durch starke körper­liche Aktivität. Das gibt ihm in Extrem­si­tua­tionen oft etwas Somnam­bules, leicht Abwe­sendes (sowohl als betro­gener Ehemann in DAS PIANO, als auch in der Alptraum­welt von IN THE MOUTH OF MADNESS oder als verzwei­felnd kämp­fender Ehemann in TODESSTILLE), quali­fi­ziert ihn aber auch für undurch­sich­tige Figuren wie Agenten (CHILDREN OF THE REVOLUTION, JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN) oder den exzen­tri­schen Künstler in VERFÜHRUNG DER SIRENEN.

Zum anderen scheint Sam Neill zu Höherem berufen zu sein. Seine seriöse und ernst­hafte Ausstrah­lung beschert ihm immer wieder Rollen als Wissen­schaftler (JURASSIC PARK, THE DISH, EVENT HORIZON), mili­täri­scher Würden­träger (JAGD AUF ROTER OKTOBER, TODESSTILLE) oder Adeligem vom Lord Hoffman in der 1997er Version von SCHNEEWITTCHEN bis hin zum König Charles II in RESTORATION. Nicht zu vergessen, dass er in OMEN III den Leib­haf­tigen verkör­pert hat.

Erstaun­lich bleibt auch die kunter­bunte Auswahl seiner Rollen. Anspruchs­volle Kunst­filme wie BIS ANS ENDE DER WELT oder DAS PIANO stehen neben Hollywood Groß­pro­duk­tionen wie JURASSIC PARK oder der 200-JAHRE MANN, Horror­filme wie EVENT HORIZON neben »großem Gefühls­kino« wie DER PFERDEFLÜSTERER, kinder­ge­rechte Lite­ra­tur­ver­fil­mungen wie DAS DSCHUNGELBUCH (1994) neben makaberen Komödien wie GESELLSCHAFT FÜR MRS. DIMARCO oder RACHE IST SÜSS.

Um viel­leicht zu verstehen, was Sam Neill zu einer solchen Vielfalt antreibt, sollte man sich Peter Jacksons kaum bekannte Mocku­men­tary FORGOTTEN SILVER ansehen. In dieser aber­wit­zigen Neuin­ter­pre­ta­tion der Film­ge­schichte spielt sich Sam Neill selbst und gibt in gestellten Inter­view­szenen Auskunft zum Thema Film. Seine Betei­li­gung an diesem Film und die sicht­liche Freude die er dabei hat, zeugt von einer großen Leiden­schaft für diese Kunst. Doch wie in seinen Rollen auch, äußert sich das bei Sam Neill als eine stille Beses­sen­heit.

Jemand der so film­ver­liebt ist, schreckt natürlich auch vor Spiel­bergs Dino­sau­riern nicht zurück.