15.03.2007
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 13

Der Perfektionist

Von Michael Haberlander

Der Perfek­tio­nist (auch Falscher Cineast genannt) gehört zu den Arten, die für eine besondere Form der Mimikry im Kino stehen.

Seine Bestim­mung fällt meist nicht schwer. Bereits vor Film­be­ginn ist der Perfek­tio­nist von einer steten Unruhe ergriffen. Miss­trau­isch verfolgt er jede Platz­nahme in seinem Umfeld, begut­achtet umständ­lich auch die hinter ihm sitzenden Menschen und rügt unvor­schrifts­mäßig plat­zierte Klei­dungs­stücke auf den Stuhl­lehnen vor sich.

Anstatt sich beim Film­be­ginn endlich zu beruhigen, nimmt seine Anspan­nung nun sogar noch zu.
Hier gilt es anzu­merken, dass der Film­be­ginn für den Perfek­tio­nisten nicht das Ende der Trailer der (oft zahl­rei­chen) Produk­ti­ons­firmen oder gar das Ende des Vorspanns (egal wie wenig dort passiert) ist, sondern tatsäch­lich die erste Sekunde der ersten Filmrolle.

Ab diesem Moment toleriert der Perfek­tio­nist keinerlei Störung mehr. Ihn deshalb für einen Gestörten (vgl. Folge 1) zu halten, ist nahe­lie­gend aber falsch.
Die Unter­schei­dung zwischen den beiden Arten ist relativ leicht zu treffen, da der Gestörte für seine Entrüs­tung eine tatsäch­liche und erheb­liche Störung benötigt, während sich der Perfek­tio­nist schon von der geringsten Norm­ab­wei­chung beein­träch­tigt fühlt.
Und wo der Gestörte aus Ärger halblaut vor sich hin lamen­tiert, da scheut der Perfek­tio­nist nicht vor direkten, unmiss­ver­s­tänd­li­chen und nicht­ver­han­del­baren Zurecht­wei­sungen zurück.

Kino­be­su­cher, die sich erdreisten, während der zweiten Sekunde des Vorspanns noch zu reden, müssen deshalb mit einem »Können Sie endlich (sic!) mal die Klappe halten!« rechnen. Ein im weiteren Verlauf des Films von ihm geäußertes »Ruhe!!« oder ein »Pschhhhhht!« von der Laut­stärke eines geplatzten Pneu­ma­tik­schlau­ches mag knapper sein, birgt aber das selbe Potential an kompro­miss­loser Aggres­sion.

Abge­straft wird auf diese Art ausnahmslos jede Form der Störung. Neben den verschie­denen Formen des Redens bzw. Flüsterns auch Zuspät­kommen, Handyläuten (»Schalten Sie gefäl­ligst Ihr scheiß Handy aus!«), Rascheln, uner­laubte Sitz­po­si­ti­ons­än­de­rungen, mehr­ma­liges Husten bzw. Nase­putzen und, und, und.

Als Recht­fer­ti­gung für sein Handeln dient dem Perfek­tio­nist dabei sein Selbst­bild als uner­schüt­ter­li­cher Kämpfer für die Filmkunst, woraus er folgenden Syllo­gismus zieht: Da Kunst alles darf, darf auch der, der für die Kunst kämpft, alles.
Nur so ist es zu erklären, dass er bei seinen Zurecht­wei­sungen alle Normen des allgemein üblichen Zusam­men­le­bens erwach­sener Menschen igno­rieren kann und wild­fremde Kino­be­su­cher in oben beschrie­bener Form nötigt.

Viele Leute lassen sich davon beein­dru­cken und beugen sich dem Willen dieses scheinbar so leiden­schaft­li­chen und bedin­gungs­losen Cineasten. Tatsäch­lich aber ist der Perfek­tio­nist kein Cineast, im besten Fall ist er als Mutation eines solchen zu betrachten.

Cineasten lieben Filme, die sie natürlich bevorzugt in Ruhe und ohne Störung betrachten. Dass im Kino­alltag Störungen nahezu unum­gäng­lich sind, ist für sie aber dahin­ge­hend nicht so schlimm, da sie (sofern es die äußeren Umständen nur halbwegs zulassen) ohnehin voll­kommen in die Betrach­tung des Filmes s.h. in den Film versinken.

Der Perfek­tio­nist dagegen ist besessen von der Idee, dass er einen Film nur dann genießen und erleben kann, wenn er ihn von der ersten bis zur letzten Sekunde ohne jegliche Störung sieht. Zu seinem Verhängnis ist eine solche »perfekte Vorstel­lung« eine Utopie.
Denn neben den schier unend­li­chen Störungen, die die anderen Kinogeher verur­sa­chen können, gibt es noch unge­zählte Beein­träch­ti­gungen, die ihn selbst in einem leeren Kinosaal ereilen können; schlechte Projek­tion und/oder mangel­hafter Ton, externe Stör­geräu­sche, unfähige Film­vor­führer, abge­nutzte Film­ko­pien, etc.

Der Perfek­tio­nist ist mit einem HiFi-/High-End-Fan zu verglei­chen, der bei seiner endlosen Suche nach dem perfekten Sound voll­kommen die Musik aus dem Auge verliert, während für den Cineast (vergleichbar mit dem echten Musik­lieb­haber) die äußeren, tech­ni­schen Nachteile des Mediums nur im Extrem­fall die Schönheit seiner Inhalte verdecken können.