18.09.2008
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 17

Der Hochkulturist

Von Michael Haberlander

Während die bisher hier beschrie­benen Arten das Kino als natür­li­ches Habitat betrachten, ist es für die folgende Spezies eine fremde, wenn nicht gar feind­liche Umgebung.
Darin unter­scheidet sich der Hoch­kul­turist auch vom Bildungs­bürger, mit dem er fälsch­li­cher­weise oft verwech­selt wird. Zur entspre­chenden Abgren­zung sollte man nicht auf Äußer­lich­keiten wie Kleidung oder Auftreten achten (hier gibt es tatsäch­lich Ähnlich­keiten), sondern auf die grund­sätz­liche Haltung gegenüber der Filmkunst bzw. der Insti­tu­tion Kino.

Der Bildungs­bürger fühlt sich im Kino wohl, betrachtet dieses als typischen Lebens­raum und zählt den Film zu einem der Aspekte, die seine namens­ge­bende Bildung ausmachen. Der Hoch­kul­turist dagegen misstraut im besten Fall dem Kino, übli­cher­weise hat er aber dafür nur Verach­tung. Seine Liste der echten Künste endet bei Nummer sechs. Den Film als siebte Kunst zu akzep­tieren, erscheint ihm ähnlich absurd, wie ein elftes Gebot oder ein achtes Welt­wunder anzu­er­kennen.

Warum aber begibt sich der Hoch­kul­turist dann überhaupt in die Niede­rungen des Films, warum steigt er wie Orpheus hinab in die Unterwelt aus bunten Bildern und hekti­schem Spektakel?
In dem Maß, in dem der Hoch­kul­turist das Kino verachtet, schätzt er die anderen, die wahren Künste, für die er auch bereit ist, persön­liche Opfer zu bringen. So reist er um die halbe Welt, um ein bestimmtes Bild zu sehen, reißt große Löcher in seine Finanzen, um kostbare Erst­aus­gaben zu kaufen oder sitzt vier bis sechs Stunden auf unvor­stellbar unbe­quemen Stühlen, um ausschwei­fenden Opern- und Thea­ter­auf­füh­rungen zu folgen.
In seinem Streben nach dem Höheren darf man eben nicht zimper­lich sein, darum hat Faust einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und geht der Hoch­kul­turist von Zeit zu Zeit ins Kino.

Notwendig wird dies immer dann, wenn er aus dem Feuil­leton erfahren muss, dass im Kino ein Film läuft, der z. B. auf Motiven von Schuberts »Winter­reise« beruht, oder der das Leben von El Greco behandelt und dabei dessen Ästhetik folgt, oder der die »Strudl­hof­stiege« von Heimito von Doderer umsetzt, oder der sich doku­men­ta­risch mit dem Schaffen von Robert Wilson beschäf­tigt.

Wenn er sich dann in die bizarre Welt der bewegten Bilder aufmacht, ist der Hoch­kul­turist meist sehr einfach zu erkennen. Sowie er durch die Tür eines Kinos tritt, umfängt ihn eine Aura aus Unsi­cher­heit, Befremden, Empörung und Abscheu. Diese ganz eigene Mischung lässt ihn sowohl beim Kauf der Eintritts­karte als auch bei der Konfron­ta­tion mit der Snack-Bar sowie beim Aussuchen und Belegen des Sitz­platzes aus den anderen Kino­be­su­chern hervor­ste­chen. Man merkt, dass ihm die Eigen­heiten und Rituale des Kino­ge­hens nicht vertraut sind; er sich im Grunde auch nicht damit vertraut machen will.

So erscheint ihm auch die Werbung vor dem Film, die der normale Kinogeher als unver­meid­li­ches Übel gelassen hinnimmt, als persön­li­cher Affront. Schließ­lich ist er hier her gekommen und hat teueres Geld gezahlt, um Kunst zu sehen und nicht, um sich mit plär­renden Obszö­ni­täten über Speiseeis, Erfri­schungs­ge­tränke oder Schund­jour­na­lismus behel­ligen zu lassen.
Ähnlich ange­wi­dert ist er von den hekti­schen Trailern von kommenden Filmen, die seine Meinung zur Ober­fläch­lich­keit des Mediums Film aufs Beste zu bestä­tigen scheinen.

Sein Befremden hält an, wenn nach Beginn des Haupt­films immer noch Zuschauer einge­lassen werden, manche bei der Vorfüh­rung essen und trinken oder sich unter­halten und besonders Dreiste sogar den Saal verlassen, um die Toilette aufzu­su­chen.

Als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, bietet auch der darge­bo­tene Film (der ja der eigent­li­chen Grund war, weshalb der Hoch­kul­turist das alles auf sich genommen hat) selten das, was er erwartet hat.
Zu frei, zu unver­s­tänd­lich, zu läster­lich, zu obszön, zu vulgär, zu profan wird da oft mit der geliebten Kunst umge­sprungen. Keine noch so moderne Thea­ter­in­sze­nie­rung kommt an den Wahnsinn, der sich ihm im Kino bietet, auch nur annähernd heran.
Nein, so wie hier gezeigt, hat er sich etwa die Schlacht bei den Ther­mo­pylen wirklich nicht vorge­stellt.

Übli­cher­weise leidet der Hoch­kul­turist leise vor sich hin (seine Disziplin und Selbst­be­herr­schung wurde in den großen Opern­häu­sern, Museen und Lesesälen dieser Welt geschult), nur wenn der Anmaßungen zu viele sind, wenn er erkennen muss, dass dieser verfluchte Film darauf besteht, eine originäre Ausdrucks­weise und Ästhetik zu haben, dann stößt er kurze aber apodik­ti­sche Kommen­tare zum Geschehen auf der Leinwand (oder im Kinosaal) hervor.

Oft hört man auch nur den an seine Beglei­tung gerich­teten Imperativ »Wir gehen!«, worauf er würdevoll, ohne für größere Störung zu sorgen, aufsteht und geht.
Manchmal, wenn die Tür des Kinosaals zu langsam zurück ins Schloss fällt, hallt dann von draußen, als letzter Nachweis seiner Existenz, ein knappes »Frechheit!« oder »Degoutant!« herein.