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Berlinale 2005 17.02.2005
 
 

Tagebuchnotizen: 17.02.2005

von Thomas Willmann
und Dunja Bialas
GESPENSTER
 
 
 
 

Kohlrabi für 0,29
oder: Ich hatte viel Bekümmernis

Jetzt hat es hier so eine schöne Retro zum Thema „Production Design“. Die versucht den Blick zu öffnen dafür, wie der „reale“ Raum vor der Kameralinse – ob es nun ein eigens gebauter, künstlicher ist oder eine vorgefundenen Location – mit der Bildermach-Apparatur des Films zusammenspielt, um zu Geschichten, Gedanken, Gefühlen zu werden.
Aber: Sie kommt zu spät für Christian Petzold, dessen GESPENSTER der erste Film war dieses Festivals, der mich richtig genervt hat.
Freilich muss man sagen: Wenigstens einer, der was versucht in der deutschen Filmlandschaft, etc., etc. Aber manchmal ist halt der Grat auch schmal zwischen einem Film, der seinem Publikum was zumutet – und einer Zumutung. GESPENSTER ist ein prätentiöser Film, da würde womöglich noch nicht mal Petzold widersprechen. Prätentiös wäre ja auch okay, wenn all das gewichtige Wollen von dem Film hinreichend getragen würde. Die Gefahr des unfreiwillig komischen Kunstgehuberes liegt freilich allemal nah, wenn ein deutscher Film ein wortlos unglückliches französisches Paar in einem Auto über die Interpretation einer Bach-Kantate aus dem Radio reden lässt : „C’est Gardiner?“ – „Non, c’est Richter.“ – „C’est beau!“ und so...
Aber selbst solch eine Szene kriegen manche Leute – Franzosen allen voran – manchmal zum Funktionieren. Das Problem von GESPENSTER ist schlicht und einfach: Er kann keine Bilder, die Atmosphäre hätten, Gefühl. Da kommt alles vom Kopf, vom „Inhalt“, ist alles semantisch und symbolisch ungemein aufgeladen, aber es verdichtet sich nicht zu einem echten Feeling. Die Lichtsetzung, die Farbsättigungen, die Texturen der Bilder kommen direkt aus der Schule des hiesigen Fernsehspiels - diese gleichmäßig ausgeleuchtete, kunstlose Klarheit, die einen Film sofort als deutsch brandmarkt. Der Umgang mit Räumen ist - hat man frisch all die Meisterwerke aus der Production Design-Retro im Kopf, die genau damit genial glänzen – eher unbeholfen. Man ahnt, dass GESPENSTER was von der Leere und Einsamkeit, von der er handelt, in Raum umzusetzen sucht, aber meist sabotiert die Umgebung genau das Gefühl einer Szene.
Ob da bei einem zentralen Dialog des französischen Pärchens sich ein häßliches Creme-orangenes Hotelbadezimmer aufdrängt, ob da beim „Wiedersehen“ der Mutter mit ihrem vermeintlichen Kind ein dicker Hydrant die untere Bildmitte okupiert, oder ob als Ort der schmerzhaften Erinnerung ausgerechnet ein „Rüttgers Frischemarkt“ herhalten muss, der auf großen Plakaten mit Kohlrabi für 29 Cent wirbt: Der Film hat soviel beladenes Bedeutungsgehubere im Kopf, dass er keine Augen mehr hat für die konkreten Details. Und wenn man was lernen konnte in der PD-Retro, dann, dass es genau auf die Details ankommt.
Leben bekommen die GESPENSTER nur ab und an durch die Schauspieler – das Problem des jüngeren deutschen Kinos war noch nie, dass wir nicht genügend absolut hervorragende Darsteller hätten. Vor allem Sabine Timoteo ist sagenhaft, hat genau jene Kontrolle über die entscheideneden Kleinigkeiten, die dem Film selbst abgeht. Freilich hat sie auch die lebendigere Rolle – Julia Hummer als das gehemmte, verschlossene Heimkind muss dauernd mit gesenktem Blick herumschlurfen, und wenn sie dann mal einen großen Monolog hat, dann raschelt bei dem sehr das Drehbuchpapier. Ist aber immer noch dankbarer, als wenn Marianne Basler Sachen sagen muss wie „Du 'ast ainen Läbärfläck swischen dän Schulterblätterrrn. Ainen klainen, in därr Form aines 'erzens.“ Nicht, dass es dieser Präzisierung bräuchte – GESPENSTER ist diese Art von Film, in der es sich von selbst versteht, dass Leberflecken wenn schon, dann in der bedeutungsbeladenen Form eines Herzens auftreten.

Thomas Willmann

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Göttliche Gespenster

Das Festival geht langsam aber sicher seinem Ende zu. Die Frage, die einen dieser Tage an jeder Ecke überfällt, lautet: "Und, hast Du was schönes gesehen?" - Ja, hab ich denn was schönes gesehen?

Bislang war der Wettbewerb eigentlich eher lau gewesen. Vielleicht war schuld daran auch das eigene Kaprizieren auf die französischen Filme, in der Hoffnung, dort einige kleine Juwelen zu entdecken. Erst aber mit Christian Petzold und GESPENSTER kam der Wettbewerb in Bewegung, fand erfreute Erleichterung ob dieses leisen, verwunschenen, seine Geschichte als viele Geschichten erzählenden und dann wieder revidierenden Films. Eine Geschichte wie BLOW UP, in dem ein Bild imaginiert wird, hier werden die Geschichten imaginiert, von Begegnungen. Zu Beginn des Filmes sieht man ein Mädchen, Nina (Julia Hummer) frühmorgens auf einer Wiese im Berliner Tiergarten, sie sammelt Abfall auf, eine Beschäftigungstherapie, die den Jugendlichen von dem Heim für betreutes Wohnen zugeteilt wurde. Sie sieht, wie ein Mädchen von zwei Männern verfolgt wird. Sie sieht, wie das Mädchen schreit, sich wehrt. Dann tauchen sie ab ins Gebüsch, verschwinden hinter einem Baum. Nina geht langsam, zögerlich auf den Baum zu. Als sie ankommt, ist das Mädchen allein, liegt auf der Erden, ihre weißen Jeans sind dreckig. Sie sagt: "Hilfst du mir auf?" - Ein Begebenheit, die wie eine Novelle den Film in Gang bringt, zugleich ein Rätsel setzt von dem, was in der Zeit, als sich Nina dem Baum zubewegte, passiert ist. Eine Loch in der Erzählung, eine Leerstelle, in die hinein Nina ihre eigenen Erzählungen legt, die Geschichte des Mädchens, das sie kennengelernt hat, immer wieder neu erfindet, bis es schließlich wieder aus ihrem Leben verschwindet. Die Lücke, die Leere, die sich in den Erzählungen auftut, setzt Petzold visuell in den Räumen fort, platziert seine Figuren in der weiten grünen Wiese des Stadtparks und den kühlen, grauen Steinlandschaften der Hinternischen des Potsdamer Platzes, diesem neugeschaffenen Nicht-Ort, unter dem sich die Geschichten verborgen halten. Und auch der Rhythmus des Films erzeugt diese Leere, öffnet Platz für die Erzählungen - die Figuren gehen lange Wege, bewegenen sich durch die weiten, freien Räume, in die hinein neue Begegnungen und Begebenheiten fallen. Mit GESPENSTER ist Christian Petzold eine erzählerische Meisterleistung gelungen: leicht ist und frei öffnet sie sich immer wieder auf neue "Gespenstergeschichten" über die Begegnung mit Figuren, die wie Traumbilder auftauchen und verschwinden.

Und heute dann SOLNZE von Alexander Sokurov, ein Film über den japanischen Kaiser Hirohito, der sich im Sommer 1945 nach der Kapitulation Japans unter dem Eindruck der amerikanischen Besatzung demokratisiert, vermenschlicht und am Ende seine göttliche Herkunft ablegt. SOLNZE ist ein düsterer Film, mit einem langsam atmenden Rhythmus, der viel Stille zulässt. Immer wieder dumpf zu hören durch die Wände des Palastes mit seinem unterirdischen Bunker sind die Motorengeräusche der Flugzeuge der Alliierten, die auf Tokio anfliegen. Manchmal kommt der Film ganz zum Stillstand, wenn Hirohito eine Radierung betrachtet, wenn er seinen Kalligraphiepinsel in Farbe taucht, auf dickes Papier Schriftzeichen setzt. SOLNZE ist ein großer Film, groß, wie er den Räumen ein dumpfes, umschließendes Eigenleben zu geben vermag, in das die Geschichte des Kaisers wie hineinzusinken scheint. Groß auch, wie er die historische Begegnung zwischen dem Kaiser und dem amerikanischen Oberbefehlshaber erzählt, wie der Film sie als Menschen begegnen lässt, ohne die Szene zusätzliche durch einen inszenierten Gestus des Historischen aufzuladen. Und groß auch, wie sich über den schmalen Hirohito das Chaplineske in das Düstere hineinwebt, der Film durch seine Präsenz eine Tonalität erhält, die leicht ist, staunend und heiter. Für mich ist SOLNZE ein klarer Anwärter auf einen Bären.

Ganz anders der Wettbewerbsbeitrag LE PROMENEUR DU CHAMPS DE MARS (DER SPÄTE MITTERAND) über die letzten Lebensmonate François Mitterands. Der französische Präsident, der für eine ganze Generation Frankreichs prägend war, wird hier gezeigt als unbescheidener, intellektueller Literat. "Ich bin der letzte große Präsident Frankreichs", lässt ihn Regisseur Robert Guédiguian zu Beginn des Films sagen, "nach mir kommen nur noch die EU und die Globalisierung." Der Präsident der großen Worte wird durch die fiktionale Figur des jungen Antoine Moreau gesehen, dessen Perspektive der Film verfolgt. Der Journalist führt Gespräche mit Mitterand über seine Memoiren, und vor allem interessiert ihn seine Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Vichy-Regime. Abkürzend ist über den Film zu sagen, dass er nicht so schlecht war, wie befürchtet, ganz gut die Balance zwischen Denkmalpflege und dem Kratzen am Denkmal hält. Nichtdestotrotz ein Film von einem Franzosen für die Franzosen, damit von Special Interest, und es bleibt die Frage offen, wie er denn eigentlich den Weg in den Wettbewerb finden konnte. Zumal der Regisseur Robert Guédiguian Produzent des wunderbaren Panorama-Fims CRUSTACÉ ET COQUILLAGES ist. Aber wahrscheinlich liegt ja genau hier der Grund für die Filmeverteilung begraben.

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Übrigens gab es Tumulte vor der Pressevorstellung zu GESPENSTER. Plötzlich mussten die nahezu 1.500 Journalisten ihre Tasche an der Gaderobe abgeben. Das lag aber nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, an dem schützenswerten deutschen Kulturgut, sondern daran, dass Kosslik ein Videoband mit einem illegalerweise abgefilmeten Wettbewerbsbeitrag zugeschoben wurde. Und zwar von den Leuten der Anti-Piraterie-Kampagne, die so in Hackermanier auf Sicherheitslücken im System hinweisen wollen.

Noch eine Unterwanderung, moralischer Art, die leider nicht strafbar ist: In der U-Bahn war die Tage eine fette Schlagzeile zu lesen, die über die Monitore des B.Z.-Fernsehens, dem Berliner Konkurrenzunternehmen zur "BILD", lief: Der Schauspieler Horst Buchholz war schwul und alkoholabhängig! Geoutet von seinem Sohn Christopher im Dokumentarfilm HORST BUCHHOLZ, MEIN PAPA! Es gibt also auch Film-Reporter, die sich in Paparazzi-Manier in Dokumentarfilme reinschleichen, um sich am Lebensschicksal anderer Menschen nicht nur zu ergötzen, sondern auch Profit daraus zu schlagen.

Profit schlagen lässt sich neuerdings anscheinend auch über die Kritik von Kritikern, die jetzt endlich auch in die Glamour-Riege aufgestiegen sind: Die BUNTE hat in ihrer Berlinale-Spezialausgabe Filmkritiker unter die Lupe genommen. Unserem allseits geliebten Fritz Göttler wird darin ein Hang zu Seventies-Klamotten bescheinigt, der bei ihm nicht retro, sondern authentisch sein soll, und auch sonst wird ihm eine Liebe zu allen (Film-) Skurrilitäten zugesprochen.
Da bleibt nur zu sagen: Und das ist gut so.

Dunja Bialas

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