08.02.2001
51. Berlinale 2001

1:0 für die »Alten«

Jude Law und Rachel Weisz in ENEMY AT THE GATES
51. Berlinale 2001

1:0 für die »Alten«

ENEMY AT THE GATES vs. DETECTIVE STORY

Von André Grzeszyk

Dann alles auf Anfang. Berlinale. Karten holen und ab ins Kino. Erster Film, Wett­be­werb, ENEMY AT THE GATES. Bevor es überhaupt losgeht, fällt der Erste schon in Ohnmacht. Und die Treppe runter. Wie im Kino... Aufregung, Walkie-Talkie und Verzö­ge­rung. Macht schon. Endlich wird es dunkel im Saal, Berlinale Palast und nach­mit­tags um zwei schon ausver­kauft.

Das »Constantin«-Logo als erstes Bild. Deutsch­land (Wieso beharren hier alle darauf, dass deutsche Filme laufen sollen?) bis zur ersten Geste einer Diegetik. Dann Amerika, so viel Amerika wie es kein Ameri­kaner zeigen würde. THE MILLION DOLLAR HOTEL war des Deutschen reinste Seele im Vergleich hierzu, letztes Jahr. Eine kurze Sequenz um von »Frieden«auf »Krieg« umzu­schalten, Zivillok wird vertauscht gegen eine Gepan­zerte und fährt mit Sicher­heit gen Westen, nach Stalin­grad (Man hätte den Film auch »1942-Wo bitte geht’s nach Hollywood?« nennen können...). Die Indianer tragen später Nazi-Uniformen, aber das macht keinen Unter­schied.

Nach ein paar Minuten sind wir im Kriegs­ge­tümmel, so heftig, dass man sich permanent übergeben könnte. Reiß­schwenk runter, Reiß­schwenk hoch, links, rechts, hin und her. Hand­ka­mera, natürlich, die Blut­beutel an den Komparsen platzen im Sekun­den­takt. Man fühlt sich ständig an TITANIC erinnert, weil die Filmmusik auch hier von James Horner stammt. Klassisch, treibend schreit sie nach Emotion, Empathie, Emotion. Gebt mir eure Tränen. Bei Cameron sah man an dieser Stelle zum ersten Mal das Schiff, hier das erste Mal den Krieg, wie haben sie sich das gedacht, Mr. Annaud? 30 Minuten Panik, dann Anspan­nung, dann Hektik usw. Play­sta­tion auf der großen Leinwand, der Regisseur am Joystick. Level 1, 2, 3, 4... bis Jude Law, der uns den Scharf­schützen Zaitsev gibt, auf Danilov (Joseph Fiennes) trifft, den Denker, den Propa­gan­disten, der mit seiner Drucker­presse Zaitsev zum Helden, zum Mythos, zum Star machen wird. Aha, also selbst­re­fe­ren­tiell.

Und spätes­tens hier ist man sich sicher, dass die Titanic doch nicht so weit entfernt ist, denn der Film geht gnadenlos unter. Bis Minute 129 flacht die Drama­turgie ab, um auch dann keinen Höhepunkt mehr zu setzen. Sozio­me­lo­dram, zwei Freunde und eine Frau, ein Duell, ein Opfer, Spione, Doppel­spione usw. Der Versuch, großes Kino zu insze­nieren, wie bei Cameron. Aber der ist, man mag zu seinen Filmen stehen wie man will, zumindest ein ausge­zeich­neter Hand­werker. In ENEMY AT THE GATES ist zwar alles schön grau-braun getrimmt worden (damit die bren­nenden Ruinen besser zur Geltung kommen?), aber die Anschluß­fehler schmeißen einen immer wieder aus der Narration. Der Himmel ist grau, dann kurz blau, dann wieder grau. Innerhalb von einigen Momenten. Im vorletzten Gefecht liegen sich Zaitsev und der Über­scharf­schütze auf deutscher Seite, Major König (Ed Harris), im Stel­lungs­krieg gegenüber. Die Farben dunkel, blau und grün. Ankunft der Geliebten in einer Totalen; Schnitt in eine Halb­to­tale und das Licht ist plötzlich orange und warm. Ob Annaud damit Emotionen wecken will und ihm das wichtiger ist als zumindest ein Anschein von Logik, wird sich wohl so schnell nicht klären lassen.

Am Ende opfert sich Danilov, kurz bevor er den Kapi­ta­lismus zur natür­lichsten aller Ordnungen ausge­rufen hat und damit den bösen Bolsche­wisten, an die er geglaubt hat, noch eins auswischt. Aha, Politik also. Die Handlung scheint irgendwo voll­kommen stagniert zu sein und der Film schleppt sich mühsam über die Dauer. Neben­fi­guren werden etabliert, um in der nächsten Minute wieder erschossen zu werden. Schön, euch gesehen zu haben. Die span­nenste Erkenntnis bleibt , dass Rachel Weisz als Geliebte des Schützen Zaitsev beim Sex in die Runde schaut wie die BSE-Kuh. Und die Musik spielt weiter...

Kein guter Anfang, aber zumindest ein Anfang und immerhin kann jetzt alles nur noch besser werden. ENEMY AT THE GATES scheint sowieso die Ausnahme zu sein, beim Durch­blät­tern des Programms domi­nieren eher die kleinen Bezie­hungs­ge­schichten, nicht die großen Gesten.

Am Potsdamer Platz ist alles noch ein bißchen hekti­scher als sonst, die Schlangen vor den Verkaufs­schal­tern schon früh am Morgen hundert Meter lang und die Kluft zwischen den Touristen, die irgendwie den ganzen Tag Zeit haben und den Film­men­schen, die irgendwie nie Zeit haben, wächst von Stunde zu Stunde. Gegen­sätze aller­orten.

Am Abend dann die Hommage an Kirk Douglas: DETECTIVE STORY von William Wyler, von 1951. Das ist das Schöne hier, dass man innerhalb der Film­ge­schichte einfach so ein halbes Jahr­hun­dert zurück­springen kann und merkt, was dem Kino tenden­ziell seit damals verloren gegangen ist. Wyler braucht keine großen Bauten, keinen großen Krieg, er läßt sich einfach auf die Beschrän­kungen des Thea­ter­s­tücks, das ihm als Vorlage diente, ein. Der Beginn eine Weite von Oben auf die Straße und man hat den Eindruck, der Film greife nur eine der Geschichten heraus, die es in diesem Mikro­kosmos zu erzählen gäbe (Bei Annaud ging es wohl eher darum die endgültig letzte Geschichte zu erzählen).

Bis auf ein paar kurze Ausflüge spielt der Film auf einer Poli­zei­wache und es macht einfach Spaß zuzu­schauen, wie die Kamera, die Regie, den Schau­spie­lern (allen voran Kirk Douglas) Raum gibt, sich zu entfalten, das Innere nach Außen zu kehren. Es ist ein einziger Tanz durch die engen Räume mit einer strengen Choreo­gra­phie, mit klaren Schnitten und ruhigen Fahrten wird viel Tempo erzeugt. Drei, manchmal vier verschie­dene Gruppen die inein­ander verknüpft werden, einfach durch die Tiefe des Raumes. Die nahen und großen Einstel­lungen sind noch Teil einer beson­deren Drama­turgie, werden einge­setzt um Intimität zu erzeugen, so als würde am Ende des Kaders die Welt aufhören.

Mit ein paar Einstel­lungen schafft Wyler ein dichtes Millieu in dem Douglas als pflicht­be­wußter Detective voll­kommen aufgeht. Er ist Hiob, der fast seinen Job verliert, der ihm so viel bedeutet, der erkennen muß, dass seine Frau, die er so sehr liebt, ein Verhältnis hatte mit dem Mann, den er meisten hasst und am Ende an der Ohnmacht des Gesetzes scheitern muss.

Die Dialoge werden nicht über die Schnitte gelegt, was dem Film einen beson­nenen, eigenen Rhythmus verleiht, die Geschwin­dig­keit bei großer Nähe verlang­samt, den Worten ihre Bedeutung verleiht. Die Spannung entsteht aus der Psycho­logie der Figuren, der Mischung aus Typen und Indi­vi­duen. Der zerissene Detective neben dem Klein­kri­mi­nellen Charlie, der auf das Theater verweist und mit seinen Über­selbst­in­sze­nie­rungen immer wieder die Lacher auf sich zieht.

Am ersten Tag also 1:0 für die »Alten«, aber morgen kommt Soder­bergh und ich bin mir sicher, er kann ausglei­chen.