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Berlinale 2000 11.2.2000
 
 
   

Ein Blick in die Zukunft
Perfektionierungssträume und Schreckensvisionen: Die Berlinale-Retrospektive "Künstliche Menschen"

 
 
 
 
 

"I am alive - Ich lebe" - was das künstlich geschaffene Monster des Doktor Frankenstein leidend von sich behauptet, hat die Menschen seit jeher fasziniert: Die Belebung des Künstlichen und die Aufhebung des Unterschieds von Kunst und Natur in der Verschmelzung von Mensch mit unmenschlichen Objekten.
Manche mögen es bedauern, aber bei "Frankenstein" denken heute gewiß mehr Menschen an die 1931er Verfilmung von James Whale und ihre 70 bis 80 Fortsetzungen und Varianten, als an Mary Shelleys berühmte Romanvorlage. Das Gesicht Boris Karloffs mit Monstermaske ist zu einer kulturellen Ikone geworden, vergleichbar mit den berühmten Bildern von Marylin Monroe und James Dean. Und das Thema der künstlichen Menschen und "Cyborgs", also dem ununterscheidbaren Amalgam von Mensch und Technik, ist spätestens durch Biotechnologie und Computerrevolution der 90er Jahre aktueller denn je.

Folgerichtig stehen "Künstliche Menschen. Manische Maschinen. Kontrollierte Körper" jetzt im Mittelpunkt der filmhistorischen Berlinale-Retrospektive. Denn seit den Pionierjahren vor dem Ersten Weltkrieg hat kein zweites Medium den entsprechenden Zukunftsvisionen der Menschheit in gleicher Weise Gestalt verliehen, wie der Film - bis zuletzt zu den einer Cyber-Welt entsprungenen chimärischen Kreaturen in "Matrix" und "eXistenZ".

Ganz am Anfang waren es die Alraune und Homunculi, die den romantischen Märchen und "gothic tales" der Engländer entstiegen waren. Auch die wichtigsten Motive wurden schon früh entwickelt: "Golem" die Entsprechung Adams, und Brigitte Helm als "Alraune" und dann Maschinen-Mensch in Fritz Langs "Metropolis" (1927) wurden zur Urform des Automaten, dem der Lebensodem eingehaucht wird, und begründeten damit ein ganzes Genre. Nur vier Jahre später folgte der erste Fall von Bio-Tech eben in der Urverfilmung von "Frankenstein".

Gespiegelt erzählen diese Geschöpfe immer auch die Geschichten ihrer Schöpfer. Oft sind es "mad scientists", klassisch gewordene Verkörperungen von wissenschaftlichem Caesarenwahn, Allmachtsphantasien und Fortschrittshybris, seltener auch Zauberlehrlinge, die sich vor den Folgen ihres eigenen Genies erschrecken.

Lange Zeit stehen diese menschlichen Dramen im Zentrum: Das Publikum soll sich mit dem kreativen Humanum identifizieren, dem Subjekt, das sich übernommen hat, das vor sich selbst erschrickt, oder das schließlich die Gemeinschaft der Menschheit vor dem Egoismus eines Einzelnen beschützt. Die Kreaturen sind Monster, Verkörperungen des Unbewußten, vielleicht ein alter ego, aber doch gewiß etwas Äußeres, dessen Zerstörung am Ende wieder einen prekären Frieden herstellt.
Aber mit der Zeit verkehrt sich die Perspektive vorsichtig. Was in "Metropolis" noch fehlte, begegnet einem bereits in "Frankenstein": Eine Ahnung davon, dass auch diese Monster - eben weil sie ja Menschliches in sich tragen - Gefühle haben und leiden können. Mehr und mehr nimmt solches Mitleid zu, man entdeckt im Bedrohenden - noch schrecklicher - das Opfer und der Zuschauer damit sich selbst auch als Täter.
Das Künstliche ist nicht länger nur Objekt, es wird zum selbst Handelnden, bekommt Individualität und seine eigene Geschichte. In "Westworld" (1972), einer der schärfsten (Western-)Parodien der Filmgeschichte revoltiert der von Yul Brynner vertraut statisch gespielte Maschinensklave. Die Mischwesen können auch ihre eigenen Melancholien entwickeln. Ridley Scotts glänzender "Blade Runner" (1982) macht die Tristesse des Replikanten zum Thema, der Mensch werden will und es nicht kann. Winona Ryder sollte in "Alien 4" später die Antwort darauf liefern: Die von ihr verkörperte Androidin ist qua Programmierung menschlicher, als alle "echten" Menschen zusammen. Aber was ist überhaupt dieses Menschliche? Jene implizit immer zu stellende Frage ist das verbindende Thema aller in Berlin gezeigten Filme. Weite Perspektiven werden aufgespannt, den Transformationen des Lebendigen in allen Varianten ein visueller Ausdruck verliehen. Populäres ("Terminator"1+2) und Trashiges ("Robocop"1-3) wird ebenso gezeigt wie Unbekannteres ("Tetsuo"). In ihrer Bedeutungsvielfalt sind viele dieser sagenhaften Zukunftsträume und Schreckensvisionen moderne Mythen, Utopien und Romantizismen, die ans Innerste des Menschlichen rühren. Mehr denn je ist es dem Menschen selbst ein Rätsel, was es heißt, wenn es selbst von sich sagt: "Ich lebe."

Rüdiger Suchsland

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