Strange Harvest

USA 2026 · 95 min.
Regie: Stuart Ortiz
Drehbuch:
Kamera: Seth Fuller
Darsteller: Peter Zizzo, Terri Apple, Andy Lauer, Matthew Peschio, Allen Marsh u.a.
Strange Harvest
Zweifellos spannend innerhalb seiner Illusion...
(Foto: Drop-Out Cinema)

Der falsche Krimi

Der Doku-Thriller Strange Harvest rekonstruiert die jahrelange Jagd nach einem Serienkiller mit einer Fülle an Archivmaterial. Der Haken: Alles in diesem Film ist Fiktion

Man kann diesen Bildern nicht trauen, aber sind sie zu sensa­tio­nell, um nicht immer wieder auf sie herein­zu­fallen. Das beginnt schon mit den bedroh­li­chen, sugges­tiven Nacht­auf­nahmen am Anfang von Strange Harvest. Auto­lichter ziehen im Dunkeln über die Straßen. Auf der Tonspur ist bedeu­tungs­schwer von seltsamen Puzzle­teilen und einem ominösen Krimi­nal­fall die Rede. Dann folgen die Text­ta­feln. Stuart Ortiz, der in der Vergan­gen­heit unter anderem für den Grusel­film Grave Encoun­ters mitver­ant­wort­lich war, hat das Geschäft und die Formen­sprache des True-Crime-Genres offenbar genau­es­tens studiert. Er weiß, welche Versatz­stücke von der Anhän­ger­schaft dieses popkul­tu­rellen Phänomens heute erwartet werden. Und er löst die Angst am vermeint­lich realen Schrecken recht schnell und drastisch ein. Die Kamera erstürmt schon nach kurzer Zeit mit Einsatz­kräften ein Haus, wo drei grausige, ausge­blu­tete Leichen und ein an die Decke gepin­seltes Symbol auf scho­ckierte Zeugen warten. Schnell steht fest: Der Seri­en­mörder Mr. Shiny ist wieder da. Die Spuren­suche beginnt.

Rekon­stru­iert werden so eine brutale Verbre­chens­serie und die Ermitt­lungs­ar­beiten, die schon in den 1990er-Jahren ihre Anfänge nahmen und versuchen, dem Täter das Handwerk zu legen. Warum aber ein vermeint­lich realer Schrecken? Ganz einfach: Strange Harvest kreiert für sein Publikum die reinste Illusion. Das ist ein Spielfilm im Gewand einer True-Crime-Doku. Ein Werk über die Täuschungs- und Wirkmacht bewegter Bilder. Alles ist ausge­dacht und gespielt, aber als doku­men­tierte Realität verkleidet. Ortiz‘ Insze­nie­rung zieht dabei alle Krimi-Register und es ist beein­dru­ckend, mit welcher Detail­freude all das Fake-Material aufgebaut und inein­ander verschach­telt wird.

Man sieht Inter­views mit Experten, Ermitt­lern und Opfern. Es gibt Ausschnitte aus TV-Berichten. Man spielt mit deren visueller Auflösung und Qualität, je nach Zeitpunkt der Ausstrah­lung. Zwischen­durch folgen Bilder aus Über­wa­chungs­ka­meras, Amateur­auf­nahmen. Jeden Monat kann man im Fernsehen und Streaming eine Vielzahl solcher True-Crime-Inhalte erleben. Aufklärungs­drang und Sensa­ti­ons­lust sind dabei selten zu trennen, wobei der letztere in aller Regel überwiegt. Um syste­mi­sche Fragen und Ursachen geht es da selten, schaut man sich etwa diverse Netflix-Dokus aus dieser Sparte an. Statt­dessen kreist man wieder­holt um das Indi­vi­du­elle, das aus allen Winkeln beleuchtet wird, um es als das Abson­der­liche, Grau­en­er­re­gende und Aussät­zige zu markieren.

Strange Harvest über­schreitet in der Kopie dieser Eigen­heiten und Konven­tionen schnell und reiße­risch mora­li­sche Grenzen. Der Film macht keinen Hehl daraus, vor allem als Horror­film wirken zu wollen, wenn er die Mord- und Folter­ex­zesse seines Täters zur Schau stellt. In einer Szene ist man direkt im Zimmer einer jungen Frau, bevor sie in selbigem blutig erschossen wird. Man besich­tigt weitere furcht­ein­flößende Tatorte. Einer davon ist besonders grotesk und ekelhaft mit dem Einsatz von Blutegeln geraten. Man kann dabei an die Todes­fallen der Saw-Reihe oder auch die Leichen­kunst­werke aus der HANNIBAL-Serie denken.

Der Fall selbst wird derweil immer rätsel­hafter. Spätes­tens dann, wenn das Okkulte und Fantas­ti­sche stärker in den Vorder­grund tritt. Der Name des Killers soll etwa an das lite­ra­ri­sche Schaffen von H.P. Lovecraft angelehnt sein und ein Stück des kosmi­schen Grauens spukt auch durch diesen Film. An diesen Stellen wird besonders die grobe Mate­ria­lität der Aufnahmen inter­es­sant. Da stellt Strange Harvest eine faszi­nie­rende Unein­deu­tig­keit her: Hat sich gerade ein Portal zu einer anderen Welt in der Szenerie aufgetan oder sind das einfach nur die Pixel und Glitches der Bilder, tech­ni­sche Störungen, die sich zu erkennen geben? Und was bedeutet das seltsame Leuchten am Nacht­himmel, um das es später gehen wird?

All das formt schließ­lich ein regel­rechtes Rabbit­hole aus Ritualen, Indizien und Verschwörungs­my­then, das man gemeinsam mit den O-Ton-Gebern als Guides im Grusel­ka­bi­nett erkunden kann. Strange Harvest führt damit einen Knack­punkt der Aufmerk­sam­keitsö­ko­nomie um derlei Stoffe vor: Zu einem aufregend adap­tier­baren Krimi­nal­fall gehört oftmals auch das Miträt­seln und Animieren des Publikums, um wiederum weiteres Publikum zu erreichen. Am besten so, dass man ganze Reddit-Foren und Kommen­tar­spalten mit Theorien und Diskurs füllen kann. Nur stellt sich die Frage: Reicht das als Spielfilm und künst­le­ri­sche Übernahme aus, um etwas über das Genre an sich zu erzählen? Zumal die Techniken von Found Footage oder der Mocku­men­tary, also der gestellten Doku­men­ta­tion, natürlich nicht neu sind. Seit Stoffe wie das Blair Witch Project ihr Publikum mit angeblich echtem Doku­ma­te­rial in Angst und Schrecken versetzen wollten, haben sich nur die mediale Band­breite und Gestal­tungs­weisen weiter ausdif­fe­ren­ziert. Auch ähnlich gelagerte Mocku­men­ta­ries wie Strange Harvest, die sich konkret bei True-Crime-Ästhe­tiken des Fern­se­hens bedienen, gab es bereits in den letzten Jahren, etwa in der HORROR IN THE HIGH DESERT-Reihe.

Stuart Ortiz’ Film ist zwei­fellos spannend innerhalb seiner Illusion geglückt. Wenn­gleich diese Illusion irgend­wann brüchig wird. Selbst für die, die vorher nicht wussten, dass das hier alles ein einziger Schwindel ist. Etwa dann, wenn ein Brand­opfer mit einer Maskerade auftritt, die eher an den örtlichen Kostüm-Shop denn an realis­ti­sche Narben erinnert. Nur ist dieser Thriller am Ende nicht das wendungs­reiche Meta-Werk, das er viel­leicht sein müsste, um die grund­le­gende Boulevard-Logik und Sensa­ti­ons­lust seines Materials produktiv zu befragen, zu kriti­sieren oder aufzu­lösen. Was folgt, nachdem der Schwindel latent auffliegt? Es bleibt im Großen und Ganzen bei einer bemühten Repro­duk­tion und Wieder­ho­lung, die sich viel­leicht etwas zu unbe­hag­lich auf ihrem bloßen Effekt ausruht.

Deshalb lautet die eigent­liche Frage: Ist Strange Harvest besser oder reflek­tierter als seine zahllosen Vorbilder? Will er das überhaupt sein? Diese Unein­deu­tig­keit ist viel­leicht das Inter­es­san­teste an diesem Doku-Thriller. Zumindest versucht er sich final an einem Denk­an­stoß, wenn man ihm das so positiv auslegen möchte. Nicht nur bezüglich der Unbann­bar­keit seines Schre­ckens. Auch bezüglich des Kults, der sich gern um ikonische Verbre­cher bildet und an dem solche True-Crime-Bear­bei­tungen inzwi­schen deut­li­chen Anteil haben. „Got what you need?“ Habt ihr alles, was ihr braucht? Das fragt einer der Detec­tives die Unsicht­baren hinter der Kamera. Und es ist dann doch schwer vorstellbar, dass das nicht auch als Seiten­hieb in Richtung Publikum gedacht ist.