| Deutschland 2026 · 98 min. · FSK: ab 0 Regie: Sandra Prechtel Drehbuch: Sandra Prechtel Musik: Samuel Wiese, Marie-Claire Schlameus Schnitt: Olaf Voigtländer, Katja Dringenberg |
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| (Foto: Filmgalerie 451) | ||
Einar Schleef ist die Chiffre für einen Theatermacher, der mit seinen ebenso bildgewaltigen wie überwältigenden Inszenierungen die Theatergeschichte seit den 60er Jahren geprägt hat. Einar Schleef aber war auch ein Bühnenbildner, Maler, Fotograf und Schriftsteller – und hat eine unfassbare Menge an Material hinterlassen. Videos von seinen Inszenierungen, seine Gemälde, Lesungen, Tonaufnahmen seiner Reden, Fotografien. Sein Leben hinterließ viele Spuren in der intellektuellen Welt der Künste – obwohl er sehr jung verstarb: mit nur 57 Jahren, das war im Juli 2001. Die Dokumentarfilmerin Sandra Prechtel sorgt nun mit einem außergewöhnlichen Film dafür, dass wir den Gesamtkünstler in Erinnerung behalten.
Einar Schleef kam aus Sangerhausen im Harz, einer Stadt, die sich mit dem Frühromantiker Novalis verbindet. Der Tourismus floriert hier, wie wir aus Julian Radlmeiers Sehnsucht in Sangerhausen wissen, ansonsten sind die Bürgersteige hochgeklappt. Davon hat Einar Schleef in seinen Tagebüchern geschrieben. Mit seinen Eltern ging er nach Berlin, die vor dem Mauerbau die DDR verlassen wollten, letztlich aber blieben. Er studierte Malerei, erhielt Aufträge als Bühnenbildner, u.a. bei B. K. Tragelehn, der viel Heiner Müller inszenierte und der selbst bei Bert Brecht studiert hatte. 1976 kam er mit Tragelehn nach Wien, um am Burgtheater zu inszenieren – und beschloss im Westen zu bleiben. Um es kurz zu machen: Mit seinen Bühnenentwürfen, dramaturgisch und visuell, begeisterte er nicht nur, er eckte auch an. Schleef war in der DDR ein unbequemer Künstler gewesen, in der BRD blieb er es, war inmitten der westdeutschen Saturiertheit ein Fremder. Einar Schleef hat kein Deutschland gefunden, wie es der Nebentitel des Films heißt.
In der »Ich«-Form wohlgemerkt: Ich habe kein Deutschland gefunden.
Diese strenge Subjektive Schleefs ist programmatisch für Prechtels Film. Denn Sandra Prechtel erzählt sein Leben nicht nach.
Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden ist ein Montagefilm, der zur Gänze aus Found Footage besteht. Prechtel ist die geniale Filmeditorin, die die Fährten legt und die Fäden zusammenhält. Ohne dass sie je in die auktoriale Erzählgeste verfällt und ohne dass sie uns etwas erklärt, aus dem Off. Als Autorin stellt sich Prechtel ganz in den Dienst von Einar Schleef, in aufrichtiger Bewunderung, und zeigt ihn als allumfassenden, politischen und künstlerischen Menschen. Dazu kommt auch dunkleres Material, Tagebuchauszüge und Briefe, die er als Zweifelnder verfasst hat.
Auch die für die Retrospektive üblichen Zeitgenossen sind im Film enthalten. Jedoch nicht als sich nostalgisch oder anekdotisch Erinnernde, sondern als buchstäbliche Zeitgenossen, in dem sie ebenfalls dem Archivmaterial entsteigen und sich im Kontext der Zeit mit Schleef auseinandersetzen. Das sind Martin Wuttke, nach Heiner Müllers Tod Intendant des Berliner Ensembles, Rolf Hochhuth, dessen Stück »Wessis in Weimar« Einar Schleef in den frühen Neunzigerjahren inszenierte, der Literaturkritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki, die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, die Autorin Elfriede Jelinek und andere mehr.
Bis auf diese wenigen fremden Stimmen hält sich die Dokumentarfilmerin sich ganz und gar an die Spuren, die Einar Schleef mit seinem Leben hinterlassen hat. Sandra Prechtels Vorgehen, Schleefs Leben aus dem Material zu erzählen, das einmal durch seine Hände geglitten oder aus seinem Munde gekommen war, erzeugt eine sehr große Nähe und Authentizität. Fast ist es, als würde uns Schleef selbst von seinem Leben erzählen, als wäre er der Autor dieses Films und der Film eigentlich seine Autobiographie. Diese Illusion ist das große Kunststück und dokumentarische Glück des Films. Bei Prechtel spricht Einar Schleef direkt zu uns: durch seine Bilder, seine Inszenierungen und seine Worte – in einer buchstäblichen Materialisierung seiner selbst. Dieser Film lässt Schleef wiederauferstehen.