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22.06.2000
 
 
   
 

"Wir haben mehr zu kämpfen!"
Ulla Rapp über ihre Independent-Reihe beim Filmfest

 
Das tut weh!
     
 
 
 
 

Am kommenden Samstag startet das 18. Filmfest München. Seit dem allerersten Mal 1983 ist Ulla Rapp dabei. Man kennt sie als "gute Seele" des Festivals und noch mehr als Programmerin der Independent-Reihe, also der Sektion, die nicht nur Charme, sondern auch Renommee des Filmfests wesentlich mitbestimmt. Über die Indie-Szene im Allgemeinen und das diesjährige Programm sprach sie für Artechock mit Rüdiger Suchsland

Artechock. Wie beurteilst Du die Independent-Szene? Wie hat sie sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Rapp: Es gibt große Veränderungen. Vor 11 Jahren lief Soderberghs SEX, LIES AND VIDEOTAPE in Sundance. Das hat die Szene grundlegend verändert. Davor kamen vielleicht fünf, sechs Europäer nach Sundance, Einkäufer so gut wie nicht, man hörte so: das sei das Festival von Robert Redford irgendwo in den Bergen. Und dann dieser Hit, der ein Welthit wurde. Von da an hat man die Independents entdeckt. Für uns war die Folge, daß alles wesentlich schwerer ist. Früher konnte man die besten Filme relativ leicht einladen, und sie kamen dann auch; jetzt haben alle Verleihe und pokern lange. Was aber wiederum gut ist. Die Amerikaner haben ihr Potential entdeckt.

>>Was sich etabliert, erstarrt auch. Ist Sundance heute überhaupt noch der Maßstab?

Dieses Jahr und schon im letzten wurde es sehr stark kritisiert, als sehr enttäuschend beurteilt. Ich glaube, daß auch Sundance große Zugeständnisse an die Verleiher machen muß. Wenn sie von wichtigen, mächtigen Verleihern acht Filme angeboten bekommen, können sie unmöglich alle Filme ablehnen. Sie müssen auch etwas für die US-Filmindustrie tun. Und man fragt sich sehr häufig: Wie kam dieser Film hierher.
Andererseits gibt es seit drei Jahren eine neue Sektion, "American Spectrum", da geben sie diesen kleinen rohen Filmen noch eine Chance.

>>Das belegt andererseits erst recht, wie etabliert der Rest bereits ist. Eine Independent-Sektion auf dem Independent-Festival. Vor zwei, drei Jahren hattest Du mehrere Filme von Slamdance und noch kleineren Independent-Festivals im Programm...

Man muß sich auch woanders umschauen. Das liegt einmal daran, daß wir in unser Programm nicht alle Filme bekommen, die wir gerne hätten. Grundsätzlich entgeht Sundance natürlich auch einiges. Bei 3000 Einreichungen, die die innerhalb eines halben Jahres beurteilen müssen, machen sie auch gewisse Fehler.

>>Welche Festivals sind noch wichtig?

Das AFI-Festival in Los Angeles. Da würde ich gerne einmal hin. Leider ist das ganz knapp vor uns, im April. Da sind sehr viel gewagtere, sehr viel schrägere Filme. Sundance ist im Verhältnis schon so ein bißchen glatt geworden. Es hat auch Budget-mäßig einen gewissen Standard. Weil die ganze Filmindustrie da sitzt. Und die anderen Festivals sind schon gewagter. Das Festival von Taos ist auch sehr interessant, und das von Santa Barbara. 1999 hatten wir einen Film von dort, THE PORNOGRAPHER, der hier auch sehr gut angekommen ist. Der Regisseur, Doug Atchinson, lernte auf der Independent-Party Franka Potente kennen. Jetzt stehen die beiden in Kontakt, er schickt ihr immer Teile aus einem neuen Drehbuch, und vielleicht spielt sie sogar in seinem neuen Film mit.
Auf diesen Festivals gibt es natürlich auch viel Belangloses. Aber die Geduld lohnt sich, denn man findet drei, vier echte Überraschungen.

>>Die Independent-Szene hat sich zuletzt stark verändert...

Ja, unbedingt. Viele Independents schielen nach Hollywood. Vor zehn Jahren hatten zwei Drittel unserer Filme keinen Verleiher, sie haben dann oft hier während des Festivals Angebote bekommen und Verträge abgeschlossen. Dadurch wurde umgekehrt das Filmfest auch attraktiv für Filmemacher. Sie wollten hierher, um sich auf dem europäischen Markt zu präsentieren. Das ist ganz anders geworden. Weil die schon einen Verleih haben, weil Cannes auch ein gutes Forum für die Indies geworden ist, und weil die ganz kleinen Filme in Europa keine Chance haben. Auch Filme, die in den USA sehr gut gelaufen sind, wie THE BROTHERS MACMULLAN, dem ich große Chancen gegeben habe, sind hier gar nicht gelaufen. Ganz komisch.

>>Bei dem versteh' ich's auch nicht.

Ein bißchen liegt das an der Vermarktung, daran, daß gar nicht das Budget zur Verfügung steht, einen Film gut zu vermarkten. Und dann geht natürlich durch die Synchronisation einiges verloren.

>>Wieviele Filme siehst Du Dir pro Jahr an?

Allein für das Programm sind es so 250 - über das ganze Jahr. Bei verschiedenen Festivals vor allem. Das ist viel. Und ich glaube, daß es in Deutschland nicht so viele schlechte Filme gibt, wie in den USA. Nach dem wunderbaren EL MARIACHI (von Robert Rodriguez; d.Red.) gab es eine Explosion. Jeder dritte Filminteressierte griff zur Kamera, und meinte: Für achteinhalbtausend Dollar einen Film machen. Und die müssen wir uns dann alle angucken.
Und in Cannes stöhnen alle nur noch. Es ist unfaßbar, was die dann als einen Film bezeichnen. Das wäre in Deutschland nicht möglich. Da gehen Filme noch durch ein paar kritische Raster. Aber die beleihen ihre Großmutter und noch ein paar Tanten und dann legen sie los. Und das ist unsäglich. Aber das brauchen wir nicht immer ganz zuende anzugucken.
Wir Programmer können ja leider nicht überall hinfahren, dazu ist einfach nicht genug Geld da. Es heißt einfach: gute Kontakte zu haben, und die auch abrufen. Aber gerade das AFI-Festival, so mein Eindruck, wäre jetzt gerade sehr spannend.

>>Wenn Du sagst, daß viele Independents nach Hollywood schielen, läßt sich doch auch das Umgekehrte beobachten: Hollywood lernt von den Independents. In Deiner Einleitung zum Filmfest-Katalog verweist Du auf FIGHT CLUB, AMERICAN BEAUTY, MAGNOLIA - die seien in gewisser Weise Independent-Produktionen, zumindest von den Indies inspiriert. Man könnte auch einen Film wie BLAIR WITCH PROJECT nennen, schon von seiner Finanzierung her; aber noch viele andere.

Ja, diese Tendenz ist gewiß vorhanden. Besonders gut läßt sie sich bei Schauspielern beobachten. Wenn man mit ihnen redet, hört man immer wieder: Sie haben es satt, in Hollywood-Filmen zu spielen, in diesen immergleichen aalglatten Sachen, und machen liebend gern in einem Independent mit. Sogar wahnsinnig gerne, und lassen sich auf Rückstellungen der Gelder ein - bei denen geht es ja nicht so sehr ums Geld. Hauptsache, das Drehbuch gefällt ihnen. Christopher Walken zum Beispiel, der in THE OPPORTUNISTS zu sehen ist.
Insgesamt ist Hollywood aber schon offener geworden.

>>Wie beurteilst Du die Qualität der derzeitigen Filme?

Ich fand, die Independents waren zwei Jahre nicht sehr gut. Aber das sind Wellenbewegungen. Die USA haben eine unglaubliche Urkraft. Aus der schöpfen sie. Es gibt immer ein paar ganz spannende Sachen. Zum Beispiel auch ein Film, den wir leider nicht im Programm haben, GIRL FIGHT. Hätten wir den, und auch noch HAMLET, den wir haben wollten, wäre es dieses Jahr ein brillantes Programm geworden. So ist es immerhin sehr gut.

>>Die internationale Stellung des Münchner Filmfests für Independent-Filme war über einige Jahre absolut führend. Hat sie nachgelassen, oder gibt es unter den Festivals mehr Konkurrenz?

Die Konkurrenz gibt es, aber die ist es nicht. Das Problem, mit dem wir zu kämpfen haben, ist, daß die Independents auf dem normalen Kinomarkt nicht gut laufen. Die kleinen, wenn man die großen nimmt, wie MAGNOLIA sieht es anders aus, aber die sind andererseits keine richtigen Independents.

>>Was ist denn überhaupt ein Independent-Film? Was ist Dein Kriterium? Wenn man die Finanzierung zum Maßstab nimmt, dann könnte man gleich erwidern, daß zwei Deiner Regisseure privat über sehr viel Geld verfügen: Frank Novak von GOOD HOUSEKEEPING und Tim Disney von BLESSED ART THOUGH...

Nein, es geht nicht allein um Finanzen. Inhaltliche Unabhängigkeit ist der Maßstab, daß sich einer nicht reinreden läßt, und seine Vision umsetzen möchte, das ist glaub' ich das wichtigste. Gar nicht, wie hoch das Budget ist. Das er seine Geschichte verwirklicht, die meistens sehr persönlich ist. Deshalb sind sie so interessant.
Es kann sich aber auch formale Kriterien handeln, eine stilistische Originalität. Bei unserem Film NIGHT TRAIN haut mich das regelrecht um. Man kann sagen, der klaut vom deutschen Expressionismus und von Orson Welles, aber das ist legal. Alles ist künstlerisch sehr gut umgesetzt, formal ist der vielleicht am interesantesten.

>>Würdest Du sagen, daß man Independents an der Form erkennt?

Nein, das kann man gar nicht sagen. Natürlich haben Leute wie Jarmush und Soderbergh eine neue Ästhetik eingeführt. Und auch EL MARIACHI. Innovative Einfälle, sich über budgettäre Notwendigkeiten hinwegzusetzen, Phantasie statt Budget, das war die Formel. Der ist für mich nach wie vor einer der genialsten Independent-Filme, der auch noch kommerziell sehr erfolgreich war. BLAIR WITCH PROJECT ist nicht so sehr mein Film, aber der Ansatz ist natürlich etwas ganz Besonderes.
Es geht um Unabhängigkeit in der Perspektive, darum, nicht gradlinig zu sein. Bei Hollywood hast Du doch immer das Gefühl: Da waren jetzt drei Psychologen dran, sehr versierte Screenwriter, dann wurde es vor Publikum getestet, um noch die letzten Ecken wegzumachen. Dann ist es perfekt. Aber das Unperfekte finde ich oft viel interessanter. Und da haben wir dieses Jahr sehr starke Filme.

>>Aber darum würdest Du einen Film wie MAGNOLIA auch als independent bezeichnen, weil der noch Ecken und Kanten besitzt?

Unbedingt. Und die wenigsten werden nein sagen, wenn das Angebot kommt.

>>Was auch zur Vermischung von Hollywood und Independent paßt: Es kommt mir so vor, als ob es auch in der World-Cinema-Reihe diesmal ein paar Filme gibt, die man als Independent bezeichnen muß.

Unbedingt, der James Toback (BLACK AND WHITE) ist hochinteressant.

>>Wollte ich gerade sagen, der müßte bei Dir sein...

Ist schon ok. Das ist für mich der wichtigste Film der Internationalen Reihe. Bei uns ist es schon so, daß wir die größeren Independents manchmal ins Hauptprogramm tun. Die Debüts und Entdeckungen in der Indie-Reihe. James Toback ist schon in Insider-Kreisen seit zehn Jahren ein berühmter Name. Fürs große Publikum vielleicht noch nicht. Die Independent-Reihe besteht ja in diesem Jahr auch fast nur aus Debüt-Filmen.
Manche Filme sind auch großartige Zeitdokumente: Milton Moses Ginsberg zum Beispiel, mit COMING APART. Ein guter Film, auch der Typ ist interessant.

>>Was macht der sonst?

Das ist ein unglaublich guter Cutter. Er schneidet gerade für Pennebaker. Außerdem schreibt er Drehbücher; andere Filme hat er nicht viel gemacht. Nur einen kleinen Video-Film. Aber als Cutter ist er gut im Geschäft.

>>Welches ist Dein persönlicher Lieblingsfilm?

NIGHT TRAIN. Zu dem stehe ich sehr stark, das ist mein persönlicher Favorit. Interessant sind die Dokumentarfilme. Wir geben da vieles ab ans Dokumentarfilmfestival, das ist auch gut so. Aber der DOWNTOWN 81 hat mich sehr beeindruckt. Und auch COMING APART ist ein Zeitdokument, ein großer Festivalerfolg.

>>Der ist auch interessant. Mir fiel spontan HI MOM von Brian DePalma ein, diese REAR WINDOW-Situation nach innen gekehrt.
Was ist wäre für Dich der gemeinsame Nenner der Filme? Oder gibt es keinen?

Am ehesten ist es die Hommage an den Film-Noir. Sowohl in DEAD DOGS und THE MINUS MAN, als auch in NIGHT TRAIN. Ein kleiner Schwerpunkt. Sie tragen es alle drei, sind auch für Verleiher sehr interessant.
TAO OF STEVE kam beim Publikum gut an. Aber das ist auch das Gefährliche an "Sundance": Die haben dieses Riesenkino mit über 1400 Plätzen - die bejubeln alles, das ist ganz verführerisch. Und es ist schwer, in dieser Festivalhysterie noch objektiv zu bleiben. Manche haben gar keine eigene Meinung, und urteilen nur nach dem Publikum. Manchmal gibt es ja Filme, die auf Festivals gut funktionieren, und im Kino dann ganz untergehen...

>>Wie siehst Du die zukünftige Entwicklung der Independents?

Ich bin da etwas ratlos. Ich hoffe, daß sie ihre eigene Handschrift behalten, daß sie sich zu sich bekennen, ihrer eigenen Kraft. Über die neuen Techniken gibt es Möglichkeiten wie nie. Die Amerikaner sind total dabei, und haben Mut zum Experimentellen. Da entstehen risikoreichere, gewagtere Sachen.

>>Letzte Frage: Bist Du eigentlich froh, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der EM herausgefallen ist?

Für uns ist das gut. Wenn sie rausfallen, dann wird das Fußball-Interesse nicht mehr so groß sein, und die Leute gehen ins Kino. Auch etwas kühler dürfte es noch werden. Aber hoffentlich haben wir schönes Wetter bei der Indie-Party. Wenn's morgens regnet, ist es später immer gut.

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