22.03.2001

DER PUBERTÄRE AMERIKANER

Jerry Lewis in NUTTY PROFESSOR

DER PUBERTÄRE AMERIKANER

Zum 75. Geburtstag des begnadeten Filmemachers Jerry Lewis

Von Richard Oehmann

»Du musst den schlechten jüdischen Witz erzählen, bevor es der andere tut.« Jerry Lewis

Der Trottel liegt im Nachtzug und kann nicht schlafen. Die Notbe­leuch­tung stört ihn. Eine ganze Weile wälzt er sich in verschie­densten Varianten herum. All diese mimischen Verren­kungen sind bis dahin noch eini­ger­maßen Ansichts­sache – Wer den Trottel nicht sympa­thisch findet, lacht eben nicht. Dann findet der Trottel eine neue Lösung: Er zieht einen Socken über die Lampe, es scheint schönste Dunkel­heit zu herrschen, doch bald stellt sich heraus: An der blödesten Stelle hat der Socken ein Loch, das Spielchen geht weiter. Abblende.

Jerry Lewis ist mehr als ein Grimas­sen­schneider, er ist ein Architekt des Humors. Sein Hang zur Über­trei­bung hat ihn zu einem schlech­teren Komiker als Charlie Chaplin und zu einem schlech­teren Regisseur als Buster Keaton werden lassen. Dennoch war Lewis bei der uner­müd­li­chen Jagd nach abstrusen Gag-Varia­tionen diesen beiden geni­alsten Komiker-Regis­seuren ziemlich auf den Fersen. Die Franzosen haben ihn als erste als inno­va­tiven Künstler anerkannt, weil er besonders in den Sechziger Jahren nach beson­deren Wegen suchte. Damals expe­ri­men­tierte er einer­seits mit unge­wöhn­li­chen Über­blen­dungen, vertrackter Schnitt-Technik und photo­gra­phi­schen Artis­tik­ein­lagen – größ­ten­teils Sperenz­chen, die sich als unbrauchbar erwiesen haben, aber irgendwer mußte sie eben auspro­bieren. Andrer­seits warf er die Reali­täts­ebenen durch­ein­ander, ließ seinen Gummi-Körper echte Cartoon-Erfah­rungen machen, verlor sich im Surrealen und stieg über so manchen Zaun, den das bornierte Studio-Hollywood der Fünfziger stehen gelassen hatte.

»Ich bin nur extro­ver­tiert, um zu verbergen, was ich wirklich bin, nämlich intro­ver­tiert.« Joseph Levitch hatte familiär bedingt schon früh den Drang zum Show­busi­ness. Den kleinen jüdischen Jungen aus New Jersey trieb dabei, wie er später gestand, die Angst, als Freak verhöhnt zu werden. Den Anlass für die Lacher lieferte er lieber selbst, und seinen schlech­teren Filmen ist die Panik anzu­merken, nicht lustig gefunden zu werden. Dieser Freak wurde zum erfolg­reichsten Filmstar der Fünfziger Jahre. Sein Stil war noch geprägt vom Bühnen­s­lap­stick des Vaude­vil­let­hea­ters, und nach ihm kamen nurmehr Fernseh- oder Nacht­club­komö­di­anten, von Woody Allen bis zu den Lewis-Epigonen Steve Martin und Jim Carrey. Jerry Lewis wurde somit der letzte bril­li­ante Slapstick-Komiker, zugleich aber auch, was oft vergessen wird, der letzte große Slapstick-Filme­ma­cher, außerdem Nobel­preis­kan­didat, Univer­si­täts­pro­fessor und Marihuana-Befür­worter (»Das beste Schmerz­mittel, das der Mensch­heit bekannt ist.«).

Der Erfolg begann, als er sich mit dem zehn Jahre älteren Dean Martin zusam­mentat. Zunächst auf der Bühne entwi­ckelten Jerry und Dean – haupt­säch­lich Jerry, wenn man ihm glauben darf – das Schema vom kleinen Spinner, kurz »the kid«, und dem Schönling. Nach dem Erstling »My friend Irma« wurden ihre Filme atem­be­rau­bend erfolg­reich. Da waren die beiden schon die besten Freunde, die auch in ihrer Freizeit alles nieder­blö­delten, Studio-Bosse mit Butter beschmierten und unschul­dige Passanten verhöhnten. Dean Martin soll dabei übrigens stets der komi­schere gewesen sein. Doch während Dean Comics las oder golfte, lernte der Jerry alles über Film­technik, drehte Privat­filme mit Kollegen, die er am Abend zuvor auf Partys schnell gecastet hatte, und mischte sich zunehmend in die Entwick­lung seiner Kino­komö­dien ein. Gerade als der Cartoon-Spezia­list Frank Tashlin dem Duo zum künst­le­ri­schen Höhepunkt verholfen hatte, gingen Martin und Lewis im Streit ausein­ander. »Am 25.7.46 sind wir offiziell als Duo gestartet und am 25.7.56 , exakt zehn Jahre später haben wir uns getrennt.«

Tashlin, mit dem Jerry noch sechs weitere Filme drehte, blieb sein Lehrer. Origi­nalton Lewis: »Mr Tishman, spelled T.A.S.H.L.I.N. – He’s my techer.« Das pubertäre Amerika der Fünfziger Jahre mit seiner Verklemmt­heit und Aufstiegs­geil­heit einer­seits, mit seiner explo­die­renden Popkultur andrer­seits, war damals das Lieb­lings­thema des Regis­seurs, der in den Dreißi­gern mit Porky Pig-Cartoons bekannt wurde, und mit Jerry hatte er die ideale Karikatur des puber­tie­renden Ameri­ka­ners. Dass der politisch unbe­darfte Lewis nie so subversiv veranlagt war wie sein Lehr­meister, sollte sich bald zeigen. Lewis begann Filme zu produ­zieren und wurde, nach eigenen Angaben, stetig selbst­süch­tiger und größen­wahn­sin­niger. Seine Kame­ra­re­geln lauteten damals: Wenn ich davor bin, gibt es nichts besseres; wenn ich auf der anderen Seite bin, ist der Schau­spieler ein Schmock. Die erste Regie-Arbeit ist trotzdem ziemlich niedlich ausge­fallen. »The Bell-Boy« (1960) war merklich vom trockenen Slapstick des Franzosen Jacques Tati beein­flusst. Darin findet sich auch jene groß­ar­tige Nummer, in der Jerry als quasi stummer Hotelpage fünf Telefone hüten muß und es nicht schafft, trotz stetigem Klingeln einen einzigen Anruf entge­gen­zu­nehmen. Solche ewig ausge­dehnten Nummern waren Jerrys Spezia­lität, egal ob er Luft­schreib­ma­schine schrieb (»Who’s minding the store?« 1963), eine niemals endende Show­treppe herab­stieg (»Cinder­fella« 1959) oder als Pfleger Pati­en­ten­ge­spräche über Krank­heiten mitan­hörte und dabei vor mitfüh­lendem Schmerz zusam­men­brach (»The Disor­derly Orderly« 1964). Für seine Kunst der Poin­ten­deh­nung traten Zeit, Raum und Logik respekt­voll beiseite.

»Jerry hasst es, ernste Szenen zu spielen.« glaubte Tashlin noch 1962, doch bald drang bei Lewis eine recht vulgäre Sehnsucht nach Tiefe durch. »The kid« begegnete bei seinen Aben­teuern immer häufiger armen Waisen­kin­dern oder hatte eine trau­ma­ti­sche Kindheit zu verar­beiten. Und manchmal suchte er sich wieder einen Dean-Martin-Ersatz, einen großen Bruder-Typen, den »the kid« toll finden konnte. In Lewis' berühm­testen Film »Der verrückte Professor«, einer Variation und Parodie des Themas von »Dr Jekyll und Mr. Hyde«, übernahm er schließ­lich beide Rollen: Ein häßlicher, aber nette Professor verwan­delt sich durch Medi­ka­ment­ein­wir­kung zum schönen Macho. Inter­es­san­ter­weise attes­tierte sich Lewis selbst gerne mal Schi­zo­phrenie, »weil ich den Fort­schritt liebe und die Verän­de­rung hasse.« So wie der kleine Gauner Dean Martin durch den grund­un­schul­digen Jerry in die Gesell­schaft einge­glie­dert wurde, mündet die Satire unter Lewis' Regie oft im trie­fenden Bekenntnis zum Guten und Braven. Im Leben lief es manchmal umgekehrt. Sein offener Stolz, dass sein Sohn für Amerika in Vietnam kämpfen wollte, verwan­delte sich bald in laut­starke Ablehnung. Jerry landete auf einer ominösen Liste der Nixon-Feinde.

Am Ende seiner Glücks­strähne, nach der irrwit­zigen Nazi-Farce »Which way to the front?« (1969), hatte Lewis finan­zi­elle Einbrüche, war wegen seiner Rücken­schmerzen tablet­ten­ab­hängig geworden und kriegte die Orga­ni­sa­tion zu neuen Projekten nicht mehr in den Griff. 1972 versuchte er sich an einem Drama über einen Clown im KZ und schei­terte völlig. Nichts von dem gedrehten Material ist je in die Kinos gekommen. Nach der Entgif­tung wurde er plötzlich für den Frie­dens­no­bel­preis vorge­schlagen wegen seines Enga­ge­ments für Opfer muskulärer Krank­heiten. Es folgten matte Comeback-Versuche mit »Hardly Working« (1979), »Slapstick« (1981), »Smor­gas­board« (1982) und zwei hinfäl­lige Klamotten, die er 1984 bei seinen ewigen Anhängern in Frank­reich fabri­zierte. Ansonsten trat Lewis im Fernsehen und in Nacht-Clubs auf, hielt Vorträge auf Film­schulen und wurde u.a. zum Förderer des jungen Spielberg. Da hatte ihn Hollywood schon in die Vitrine gestellt. Nur ein paar Schlaue holten ihn manchmal heraus. Zuerst gab ihm Martin Scorsese die Rolle des sauer­töp­fi­schen Enter­tai­ners in der Medi­en­sa­tire »King of Comedy« (1983), die übrigens dem Geist Tashlins recht nah ist. Einen ähnlich kalten Show­ge­schäft-Profi spielte Lewis später in »Funny Bones« (1994) von Peter Chelsom, nur am Ende von Emir Kustu­ricas »Arizona Dream«(1991) kehrte er zu seinen alten Blödel­re­qui­siten, dem falschen Gebiss und der riesigen Horn­brille zurück.

»I love film, I love what I've done. I am not ashamed of anything I've done. I just wish the fuck I could have done it better.« Die Geschichte des Jerry Lewis ist einmal mehr eine verpatzte Komiker-Biogra­phie, die aber viele glor­reiche Momente hat, so wohl die Premiere im Pariser »Olympia« im Jahr 1970: »In der ersten Reihe saßen Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Catherine Deneve, ganz Paris kam zur Premiere. Maria Callas saß in der dritten Reihe.« Und im Beleuch­ter­raum hatte sich Charlie Chaplin versteckt, um unbemerkt zuzusehen. »Wenn ich ein Erlebnis nennen müßte, das für mein ganzes Leben steht, dann wäre es dieser Abend. Es war unglaub­lich.«

Seit dem 16. März ist Jerry Lewis bereits 75 Jahre alt, also deutlich aus der Pubertät heraus, und man mag gar nicht darüber nach­denken, was er in den letzten 25 Jahren – 17 Sekunden davon war er übrigens tot – alles nicht gedreht hat. Doch nach der Eddie-Murphy-Version von »Der verrückte professor« stehen nun einige Remakes von Lewis-Filmen an, er scheint wieder besser ins Geschäft zu kommen. Im letzten Jahr ließ er verlauten, er plane endlich wieder einen eigenen Film. Denn das kann ja noch nicht alles gewesen sein.