06.07.2017
35. Filmfest München

The Strength of Youth

Lemkes Making Judith
Das bessere Pubertier: Jugend im belgischen Home

Das kurze Aufblitzen der Jugend: Das Filmfest München zeigt den Franzosen Kévin Azaïsin als starken Schau­spieler in Jeunesse und mit Home die beein­dru­ckende Frische des belgi­schen doku­men­ta­ri­schen Stils

Von Stefanie Schulte-Krude

Ob es viel­leicht ein Mistral, Libeccio, eine Tramon­tana oder ein Schirokko ist, der in Julien Samanis Jeunesse auf hoher See wütet? Oder doch die Nevera, von dem Reise­schrift­steller Paolo Rumiz in dem Buch »Der Leucht­turm« mit gebüh­rendem Respekt schreibt, »ein kurzer gefähr­li­cher Sturm, der imstande ist, ein Schiff im Hafen zu versenken«. Der Name des Windes, der in diesem Seefah­r­er­film den Sturm entfacht hat, bleibt letzt­end­lich uner­heb­lich, ange­sichts seiner unge­heuren wütenden Kraft. Wellen brechen haushoch über das Fracht­schiff Judée herein, bringen es bedroh­lich in Schief­lage. Die Außen­wände des Schiffes knarzen nervenz­er­fet­zend.

Auf diesem Frachter hat der 22-jährige Zico ange­heuert (Kévin Azaïs spielt ihn, der derzeit auch in Souvenir an der Seite von Isabelle Huppert zu sehen ist). Seine Begeis­te­rung für die Seefah­rerei ist zügellos, seine Selbstüber­schät­zung auch. »Ich lerne schnell, ich könnte gut auch Leutnant«, so wird Zico beim Kapitän vorstellig. Es ist der Drang, sich beweisen zu wollen, sich spüren zu wollen. Die Welt zu erobern. Die Hier­ar­chie innerhalb der Mann­schaft an Bord ist ihm gleich. Kennt­nisse über die Seefah­rerei auch. Während dieser Odyssee verändert sich der junge Mann, reift von der Landratte zum Seemann heran (Kévin Azaïsin verkör­pert diesen Typ kongenial, mal verträumt, zart oder ungestüm). Illu­sionen zerschellen. Doch in dieser Zeit blitzt auch das Moment der Jugend roh auf, bevor es verglimmt. »Da kämpft man, arbeitet, schwitzt, bringt sich beinahe, manchmal auch ganz um, immer in dem Bestreben, irgendwas durch­zu­führen – das man dann doch nicht fertig­bringt. Nicht aus eigenem Verschulden. Man kann nur einfach nichts vollenden, nichts Großes und nichts Kleines – kein Ding auf dieser Welt«, schrieb Joseph Conrad 1898 in seiner Erzählung »Jugend«. Seine Worte ummanteln das Geschehen auf der Judée – anfangs und am Ende. So nehmen die Ereig­nisse auf dem rostigen Frachter unwi­der­ruf­lich ihren Lauf. Nach einem ersten, herben Rück­schlag setzt die Mann­schaft auf dem Fracht­schiff hoff­nungs­voll ihre Reise fort, um erneut ihr Glück zu versuchen.

Der fran­zö­si­sche Regisseur Julien Samani hat Conrad's Erzählung klug und visuell inter­es­sant in die Jetztzeit geholt – in dem er von einem Traum eines jungen Mannes erzählt. In einer Zeit, wo die Seefah­rerei ein schnelles Geschäft ist, wo kaum eine Reederei Verant­wor­tung oder gar Kosten über­nehmen will, Natur­ka­ta­stro­phen billigend in Kauf nehmend. Klas­si­sche Cello­ein­sätze und elek­tro­ni­sche Musik unter­malen, vers­tärken, kontra­punk­tieren die Seebilder. Rauh, sperrig und versöhn­lich insze­niert Samani dieses gewaltige Seeaben­teuer; mit einem guten Händchen für Dialoge und die Besetzung der Seemänner. Auf dieser Odyssee macht der Prot­ago­nist erste bittere Erfah­rungen über das Leben. Und dennoch erinnert man sich am Ende wehmütig an das Aufblitzen der Jugend. Sein Chuzpe, seine Unver­fro­ren­heit und Unbe­re­chen­bar­keit.

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Eine ganz andere Tonart schlägt da der Spielfilm Home der Belgierin Fien Troch an, dessen Story um eine Gruppe Jugend­li­cher kreist. Kevin (Sebastian Van Dun) wurde gerade aus dem Jugend­ge­fängnis entlassen, wo er wegen schwerer Körper­ver­let­zung einige Monate einge­sessen hatte. Und da Kevin vorerst nicht nach Hause kann – die Strei­te­reien mit seinem Vater enden zumeist in einer Schlä­gerei – nimmt ihn seine Tante kurzer­hand auf; sein Onkel bietet ihm zudem einen Job als Lehrling in seinem Sanitäts­be­trieb an. Leicht befangen nimmt Kevin das Angebot, ein neues Leben zu beginnen, an und zieht in das geräumige Kell­erzimmer im Haus ein. So lernt er über seinen Cousin Sammy John und Lisa kennen; bald schon gehört Kevin zu ihrer Clique. Gemeinsam hängen sie auf einem Parkplatz hinter einem Discounter ab, abends ziehen sie um die Häuser. Auf einem ihrer Streif­züge schaut Lisa ein Video auf ihrem Handy. Sie spult erneut zu der Sequenz, in der Kevin einen Mann des nächtens brutal zusam­men­schlägt, bis dieser wehrlos am Boden liegt. Dann tritt er noch einmal nach. Lisa blickt zu Kevin hinüber, der ihren Blick still schwei­gend erwidert.

Es ist eine große Stärke von Home, Szenen ihre Mehr­deu­tig­keit zu lassen, auf Details um zu schwenken und dennoch straight eine Geschichte zu entwi­ckeln. Für diesen doku­men­ta­ri­schen Stil wurde die belgische Regis­seurin Fien Troch in Venedig – im Paral­lel­wett­be­werb »Orizzonti« – mit dem Preis für die beste Regie ausge­zeichnet. Gleich von der ersten Szene an zieht Troch den Zuschauer tief ins Geschehen hinein. Sie führt den Betrachter nah an die Prot­ago­nisten einer lost gene­ra­tion heran und überlässt die Einord­nung des Gesehenen seiner Urteils­kraft. Wenn Lehrer Schüler strikt zur Rede stellen, wenn die Jugend­li­chen Selfies auf Partys erstellen (nahtlos geht hier die Kame­ra­auf­nahme in die Handy­auf­nahmen der Hand­lungs­ebene über). Oder wenn John, nach einem zermür­benden Gespräch mit seiner Mutter, sich zwanghaft an den Armen kratzt.

Neben dem doku­men­ta­ri­schen Stil spielt auch verbales und nonver­bales in Home eine zentrale Rolle. Die Kommu­ni­ka­tion zwischen den Jugend­li­chen läuft größ­ten­teils übers Smart­phone ab. Per SMS können sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen, können gegen eine stark regle­men­tierte Welt aufbe­gehren. Auch wenn dies als Verleug­nungs­rund­mail oder Hassausruf sicher­lich nicht das richtige Maß annimmt. Die Kommu­ni­ka­tion der Erwach­senen hingegen pocht auf Autorität – und läuft bei den Jugend­li­chen ins Leere. Ein tiefer Graben zieht sich zwischen den Gene­ra­tionen. So dass sich in Home der Konflikt zwischen den Jugend­li­chen und der Welt der Erwach­senen mehr und mehr verdichtet, bis sich dieser eines Nachts entlädt.

Fien Trochs Bild einer Jugend, ist das, einer in sich gefan­genen und stark unter Druck stehenden Gene­ra­tion. Körper­lich­keit, Sexua­lität und Selbst­be­stim­mung sind Themen, die sie stark beschäf­tigen. Wie Gene­ra­tionen zuvor. Nur ist die Gesell­schaft in den medialen Zeiten eine andere; sie lässt wenig Raum für jugend­li­ches Drängen und Sich­aus­pro­bieren. Die Träume dieser Jugend werden ignorant beiseite geschoben, ohne das Ausmaß dieser Ablehnung zu erkennen. Die Kommu­ni­ka­tion zwischen den Gene­ra­tionen erlahmt. Home wirft somit Fragen auf über unsere Gesell­schaft auf, die Leistung als höchstes Ziel prokla­miert. Am Ende ein Hoff­nungs­schimmer. Kevin lässt seine Kraft nicht impulsiv wie ein junger Stier heraus. Er steigt aus dem Auto und dreht eine Runde, bis die Wut verflogen ist. Beein­dru­ckend.

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