23.03.2017
Cinema Moralia – Folge 151

»Wir brauchen Solidarität!«

High and Low
Emin Alper bekam nun von der Berliner Akademie der Künste den »Großen Kunstpreis Berlin« verliehen. Hier ein Szenenbild aus Tepenin ardi – Beyond the Hill

Risiko und Haltung, insis­tie­rendes Hinschauen und Irri­ta­tion: Der Große Kunst­preis für Emin Alper, die Türkei und das Kino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 151. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Und kenne ich recht meine lieben Deutschen, die vollen Säue. Die sollen sich jetzt wieder, wie sie es immer tun, ruhig hinsetzen und wohlgemut in aller Sicher­heit zechen und wohlleben. Und sie ... denken: Ha! Der Türke ist nun weg und geflohen, was sollen wir viel sorgen und unnütze Kosten ausgeben? Er kommt viel­leicht nimmer mehr wieder.«
„Eine Heer­pre­digt widder den Tuercken“ – Martinus Luther, 1529

»Es ist eine unfreund­liche Zeit, für Künstler noch einmal ganz besonders. Wir müssen immer damit rechnen, dass unsere Werke zensiert werden. Tag für Tag verlieren wir mehr von unseren demo­kra­ti­schen Grund­rechten.«
– Emin Alper im Sommer 2016

»Für Europäer gibt es nur eine Form des Ja-Sagens, nämlich die Kritik.«
– Bazon Brock

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Der Film zur Stunde läuft an diesem Donnerstag im Film­mu­seum. Im Rahmen der Veran­stal­tungs­reihe »Drinnen oder draußen? Zusam­men­leben in Europa« läuft in der »Open Scene« um 19:00 Uhr der Doku­men­tar­film Haymatloz – Exil in der Türkei von Eren Önsöz. Er erzählt von einer Zeit, in der die Türkei ein welt­of­fenes kosmo­po­li­ti­sches Land war und Deutsch­land eine faschis­ti­sche Diktatur. Deutsche Emigranten fanden während der NS-Zeit in der Türkei Zuflucht – eine viel zu unbe­kannte Geschichte, die manche Borniert­heiten der Gegenwart zurech­trückt. Auf der Leinwand ersteht jene moderne Türkei Atatürks wieder auf, die Erdogan gerade zu vernichten droht.
Anschließend sprechen Chris­tiane Schlötzer (SZ) und Hasnain Kazim (Der Spiegel) über das schwie­rige Verhältnis von Heimat und Exil – damals wie heute.

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Gut möglich, dass wir bald die einstige Gast­freund­schaft der Türkei erwidern müssen.

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Den »Großen Kunst­preis Berlin«, der jährlich von der Berliner Akademie der Künste vergeben wird, alle sechs Jahre von der dortigen Sektion »Film«, erhielt in diesem Jahr der türkische Regisseur Emin Alper. Der Jury gehörten die Regis­seurin Jutta Brückner an, der Film­kri­tiker Georg Seeßlen und der Regisseur Andres Veiel. Veiel hielt die Laudatio (Seis­mo­graph – Visionär – Cineast), in der er Alpers bislang erst zwei Spiel­filme Tepenin ardi – Beyond the Hill und Abluka (Frenzy) so zusam­men­fasst: »Das Ergebnis erscheint wie ein in langen Jahren der Vorarbeit gepresster Diamant, klug kompo­niert, formal bis ins letzte Detail gestaltet: Alper ist ein Meister der Andeutung, … Die Bilder leben aus der Geschichte der Figuren, sie sind über­wäl­ti­gend schön, ohne jemals kunst­ge­werb­lich zu sein.« Und weiter: »Emin Alper steht für ein Kino des insis­tie­renden Hinschauens, für ein Kino der Unruhe, der Irri­ta­tion, das mehr ist als nur ein psycho­lo­gi­sches oder sozio­lo­gi­sches Labor. … Alper riskiert etwas, mit seiner unbeug­samen Haltung, aber auch mit seinen Filmen.«

Veiel findet Worte, die sich auch auf die gegen­wär­tige Situation in der Türkei beziehen lassen: »Die Kultur der Verdäch­ti­gungen und des Miss­trauens bilden einen Nährboden unbe­re­chen­barer Gewalt. Emin Alper findet dafür alptraum­ar­tige Bilder, die er zu einer klaus­tro­pho­bi­schen Beschrei­bung türki­scher Verhält­nisse verdichtet. … Der Film erzählt damit auch, wie ein Staat auto­ritäts­hö­rige Menschen selbst zu Hand­lan­gern des Systems macht, indem er ihnen den Zugang zu Autorität und Bedeutung ermög­licht.«

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In seiner Dankes­rede sprach Alper relativ offen über die »mögli­cher­weise eine der dunkelsten Perioden in der Geschichte meines Landes«, den perma­nenten Ausnah­me­zu­stand, ohne Rechts­si­cher­heit und Rechts­staat­lich­keit.
Und weiter:
»In these days, I got so many mails from my relatives, from academics, filmma­kers, producers and friends living abroad, who expressed their empathy with our situation and offered any kind of help they can provide. The soli­da­rity of people all around the world, but espe­cially in Europe was moving. I want to thank all these people because of their support and just because they did not let us feel alone. We need soli­da­rity. We really need it today maybe more than any other time. Because the recent deve­lop­ments all around the world showed us that our liberties and demo­cratic rights are not still guaran­teed safely enough and they can be under threat any moment in anywhere, even in the Western countries.

And I also want to send my special thanks to the jour­na­lists of my country who are in jail now. I thank them because of their articles, the news they made, the effort to uncover the blanket over the truth. And of course, I thank them for their bravery that gives us hope.
I also want to thank the politi­cians in jail. Since they made democracy meaningful. They showed their people the peaceful ways of claiming their rights rather than resorting to violence. They made our political life colourful.

I thank all the innocent people in jails, who pay the cost of being oppo­si­tional, believing in democracy and fighting for democracy. I thank them because they made my country a liveable place. As long as they are in jail, it is not so... But I do not loose my hope. We, the Turkish people, can make our country again a liveable place, a country progres­sing towards democracy and liberty. We should not loose our hope. We can imagine a new start in the refe­rendum in April. And then we will start hoping again, we will start to hope to build our country again.«

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In der Welt gab es bereits Anfang März (1.3.17) ein Interview mit Can Dündar, dem Ex-Chef­re­dak­teur der renom­mierten links­li­be­ralen Tages­zei­tung Cumhu­riyet: »Wir erleben die letzte Phase von Erdogans Regime« war es hoff­nungs­voll über­schrieben. Inschallah!
Dündar macht zugleich klar: »Ich hoffe, inzwi­schen hat jeder begriffen, wie schlecht es um die Presse- und Meinungs­frei­heit in der Türkei bestellt ist. Deniz Yücel ist einer der 150 Jour­na­listen, die im Gefängnis sitzen. ... Die Kollegen wissen, dass die türkische Regierung sie als Geiseln genommen hat. Recht und Gesetz sind ausge­schaltet. Jetzt richten sich alle Augen auf den Ausgang des Refe­ren­dums. Wir müssen diesen poli­ti­schen Kampf gewinnen. ... Viele haben den Eindruck, dass sich die Türkei auf dem Weg in eine Art Diktatur befindet. ... Durch den Flücht­lings­deal hat sich Erdogan das Still­schweigen der europäi­schen Regie­rungen erkauft. Die Konse­quenzen können wir jetzt besich­tigen. Es sollte uns eine Warnung sein: Dieser Deal hatte einen Preis. Der nächste Flücht­lings­strom kommt nicht aus Syrien, sondern aus der Türkei selbst.«
Wer Can Dündar, andere drang­sa­lierte Jour­na­listen und die Meinungs­frei­heit in der Türkei unter­s­tützen will, sollte diese Petition unter­zeichnen.

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In unserer inof­fi­zi­ellen Rubrik »Besseres Kino jenseits des Kinos »möchten wir heute mal auf die „Denkerei“ von Bazon Brock hinweisen. Da findet man wöchent­lich großar­tige, anregende, im besten Sinn ruhe­stö­rende Programme. Am kommenden Samstag zeigt Brock drei Filme von Werner Nekes, um den verstor­benen Filme­ma­cher in die Unsterb­lich­keit zu begleiten. Es lohnen auch Brocks Texte zu Nekes die Lektüre, zum Beispiel dieser hier über »Barocke Evidenz­kritik der Avant­garde« im Werk von Nekes. Zuvor ging es in der Denkerei um die berühmte Beuys-Behaup­tung »Jeder ist ein Künstler« und deren gegen­wär­tige Auslegung. Für Bazon Brock war da der Begriff der „Haltung“ entschei­dent. Künstler ist jemand, der eine Haltung hat. Und »Haltung hat jemand, der sich nicht verbiegen lässt von der Angst des Versagens.« (Brock).
Da spätes­tens fiel mir das Interview der letzten Woche mit Heike-Melba Fendel zur Frau­en­frage wieder ein, dass ja für allerhand, erwart­bares und meist erwartbar unter­kom­plexes Rumoren gesorgt hat.
»Jeder ist ein Künstler« heißt nämlich auch: Man ist das, was man beschließt zu sein. Frage also: Warum defi­nieren sich Frauen in letzter Zeit so gern „als Frau“. Anstatt als Filme­ma­cherin. Oder einfach als Mensch. Das könnte grund­sätz­lich im Kampf für Gleich­be­hand­lung helfen. Freilich muss, wer sich Filme­ma­cherin nennt, dann irgend­wann dann natürlich auch welche machen, zu denen sie steht.
Mir scheint, sich „als Frau“ zu defi­nieren, heißt schon, sich klein zu machen. Versteht man, was ich meine?

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.