14.02.2017

67. Berlinale 2017

»Du Jane!«

Jennifer Fey [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Heike-Melba Fendel (Photo Jenny Fey)

Heike-Melba-Fendels Berlinale-Roman »Zehn Tage im Februar« ist ein großer Spaß – Berlinale-Tagebuch, Folge 04

Von Rüdiger Suchsland

»Ahnungslos bin ich vor 16 Tagen zum „Haus der Pres­se­kon­fe­renz“ geradelt, wo der Direktor der Berlinale 600 Jour­na­listen das bereits in weiten Teilen bekannte Programm vorstellte.
Hinter der letzten Stuhl­reihe filmten Kame­ra­teams über die Köpfe der schrei­benden Kollegen hinweg, wie sie es ab morgen bei den täglichen Pres­se­kon­fe­renzen im ersten Stock des Hyatt tun werden, wo Macher und Stars Fragen zu Film oder Rolle oder – wenn es blöd läuft – zu Figur und Frisur beant­worten werden.«

So ist sie, die Berlinale – der Rote Teppich führt hier nicht etwa bergauf, wie bei den Film­fest­spielen in Cannes, sondern abwärts, auf einer schiefen Ebene, tief bis fast in einen Keller hinein, und manchmal weiß man nicht mehr, ob hier jetzt ein Film die Haupt­sache ist, oder eine Frisur.

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»Zehn Tage im Februar« – so heißt jetzt ein Roman aus dem die zitierten Passagen stammen. Er spielt mitten auf der Berlinale und bietet kennt­nis­reiche, lustige, aber auch beißend spöt­ti­sche Innen­an­sichten von Deutsch­lands größtem Film­fes­tival.

Verfasst wurde er von Heike-Melba Fendel, die einer­seits Autorin von Artikeln über das Kino und andere Medien ist, ande­rer­seits auch eine Agentur für Film­schaf­fende, Events und PR hat. In ihrem zweiten Roman nimmt sie jetzt gewis­ser­maßen ihr eigenes Metier aufs Korn, die Marketing Maschine, die natürlich auch die Berlinale hat:

»Wir nahmen zur Kenntnis, welche Gäste zu den jewei­ligen Filmen erwartet werden und welche Produkte die Sponsoren, die der Direktor „Partner“ nannte, bereit­halten. Diese Partner wurden, in Anwe­sen­heit ihrer in der ersten Reihe sitzenden Marke­ting­chefs, noch einmal ausgiebig gelobt für ihr Enga­ge­ment.«

Dies ist also ein Roman über die PR-Gesell­schaft, über den Medien­be­trieb und die Form in der wir alle uns heimlich steuern lassen von Spin-Doktoren und Pres­se­agenten.

Es ist ein Roman, der den dort gras­sie­renden Zynismus anklagt:

»Und dann das: Mitten in die Verkün­di­gungen, die Verspre­cher, die Floskeln und die Dank­sa­gungen, mitten in den connais­seur­haften Zynismus, mitten in die eigene zirkus­pferd­haft fröhliche Grüßerei und Plauderei fiel ein keines­falls vorab verkün­deter Name: Der Festi­val­di­rektor sagte, sie würden eine großar­tige Miniserie einer bedeu­tenden Regis­seurin und Oscar-Preis­trä­gerin vorstellen.
›Wir freuen uns sehr‹, sagte er, und man mochte es ange­sichts seines Varieté-Tremolos beinahe glauben, ›wir freuen uns auf – Jane Campion‹.««

Es ist auch ein Roman über den Film­be­trieb, prall gefüllt mit Realität­s­par­ti­keln aus einer irrealen Welt. Denn Jane Campion gibt es wirklich. So wie einen Berlinale-Direktor, der seine eigenen Gäste nicht kennt.
Und doch ist dies ganz Fiktion.

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Denn »Zehn Tage im Februar« ist vor allem ein Roman, der die Welt, vor allem die Welt der Schönen und Reichen, aus der Sicht einer Frau zeigt.
Das Buch beginnt kurz vor Eröffnung der Film­fest­spiele in Berlin. Die Ich-Erzäh­lerin kommt nach Hause, und ihr Mann ist nicht mehr da. Die Haupt­figur verbringt dann die ganze Berlinale damit, sich von diesem Schock zu erholen – statt sich in allge­meinem Männer­hass zu ergehen, ohne das Selbst­mit­leid und die Senti­men­ta­lität, die die Männer an Frauen so lieben, sucht sie Affairen – und Jane Campion. Die hatte sie nämlich vor Jahr­zehnten mal kennen­ge­lernt.

Zugleich bietet es – gewis­ser­maßen aus der Schlüs­sel­loch­per­spek­tive – in den geplanten Ausnah­me­zu­stand eines Film­fes­ti­vals. Der ist, glaubt man der Autorin gar nicht so anders wie eine Liebes­be­zie­hung: Ernst sei eine Beziehung, schreibt sie, »wenn man nicht rauskommt – weil man es nicht schafft oder weil man es nicht will. Vor allem aber, wenn das eine vom anderen nicht zu unter­scheiden ist.«

Um keine Pointe verlegen, ist Heike Melba Fendels Buch ein großer, intel­li­genter Spaß.

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