13.02.2017

67. Berlinale 2017

»We are all warriors!«

Dheepan
Sozialdrama mit heftigen Action-Elementen: Dheepan

Eine Auftakt­de­batte zum poli­ti­schen Film

Von Dunja Bialas

Der Auftakt der Berlinale findet seit letztem Jahr immer einen Tag vor offi­zi­ellem Festi­valstart statt. Die Woche der Kritik, Dreh- und Angel­punkt für Film­kri­tiker und Diskur­s­in­ter­es­sierte, die dieses Jahr zum dritten Mal parallel zur Berlinale statt­findet, ergreift seit letztem Jahr die Gele­gen­heit, aus einer pole position heraus der Berlinale das entspre­chende Framing zu geben. Dieses Jahr griff die »Konferenz« das Label der Berlinale auf, das »poli­tischste der A-Festivals« zu sein und fragte: Müssen Filme politisch sein?

Dabei kann man hoffen, dass sich die Veran­stal­tung in umge­kehrter Weise prognis­ti­zie­rend verhält. Bei der ersten Auftakt­kon­fe­renz wurde gefragt, weshalb der deutsche Film eigent­lich keine Rolle bei inter­na­tio­nalen Festivals spiele; das Jahr wurde geprägt durch die inter­na­tio­nalen Erfolge von Toni Erdmann, Vor der Morgen­röte, Wild. Wenn nun dieses Jahr, im Jahr 1 von Trump, gefragt wird, wieso eigent­lich die poli­ti­schen Filme derzeit so gute Erfolgs­aus­sichten auf Preise haben, und Wim Wenders bereits die Forderung nach mehr poli­ti­schen Filmen erhoben hatte (vor allem fordert er mehr Filme zum Thema Klima­ka­ta­strophe), kann man nun also hoffen, dass im Gegenteil wieder zu einem Kino der Cine­philie zurück­ge­kehrt wird. Nicht aus einer Apoli­ti­sie­rung heraus, vielmehr, weil die kine­ma­to­gra­phi­schen Formen Poli­ti­sie­rung beinhalten, wie artechock-Autor Rüdiger Suchsland, der das Podium mode­rierte, im Hinblick auf Godards berühmte Forderung formu­lierte, nicht poli­ti­sche Film zu machen, sondern Filme politisch.

Diskus­si­ons­grund­lage für den »poli­ti­schen« Film war also der Themen­film, der kine­ma­to­gra­phi­sche Aspekte einer Message unter­ordnet und auch mal provo­ziert, um wach­zu­rüt­teln. Wie zum Beispiel Jacques Audiards Dämonen und Wunder – Dheepan (Cannes-Gewinner 2015) der sein Sozi­al­drama mit heftigen Action-Elementen versieht, oder wie Gian­franco Rosis Fuoco­ammare (Berlinale-Gewinner 2016), der die Kamera »draufhält«: auf im Laderaum eines Schiffes verendete Flücht­linge.

Das Podium, auf dem unter anderen die grie­chi­sche Regis­seurin Athina Rachel Tsangari (Attenberg, Chevalier), die ehemalige Leiterin des Istanbul Film­fes­ti­vals Azize Tan und Alexander García Düttmann, Philosoph der Univer­sität der Künste zu Berlin, saßen, zeigte zunächst einigen Wider­stand, die Frage überhaupt zu disku­tieren, brachte dann aber doch einige schöne Ideen zum Thema hervor. Düttmann hob darauf ab, dass »politisch« vor allem als das darge­stellt wird, was »bereits da« sei, es also den so gemeinten Filmen nicht darum gehe, eine Vision zu entwi­ckeln, sondern lediglich die Wirk­lich­keit unter bekanntem Vorzei­chen abzu­bilden. Seine Folgerung: das politisch gemeinte Kino depo­li­ti­siere in Wahrheit, wie ein Sedativ, das nur Bekanntes hervor­bringe und in dem man sich bequem einrichten könne. Tsangari fasste (im Hinblick auf die Finanz­krise und die aus ihr entwach­sene Neue grie­chi­sche Welle) das Poli­ti­sche universal auf: »We are warriors. We are fighting against all what we're supposed to do. Asking this question is wrong!« Kino sei per se politisch, aber auch das Leben und überhaupt: »Ever­y­thing!«

Poli­ti­sie­rung beginne jeden­falls dort, so Düttmann – der sich selbst im weiteren ironisch »der Philosoph« nannte, wie auch überhaupt das Podium bei aller Substanz locker und unter­hal­tend war –, wo eine gewisse Notwen­dig­keit entstehe, etwas nicht mehr toleriert werden könne. »Urgence« sei das Stichwort, »when you can't wait.« Und als Demons­tra­tivum trank er aus seinem Glas, um seinen nicht mehr tole­rier­baren Durst zu stillen.

Aziz als ehemalige Leiterin des Istan­buler Festivals, die in der Vergan­gen­heit mit etlichen Skandalen zu tun hatte, weil sie kurdische Filme gezeigt hatte, hielt vergleichs­weise hinterm Berg. Offen­sicht­lich hatte sie sich für den Abend eine mittel­eu­ropäi­sche Perspek­tive ange­eignet, nach der das Poli­ti­sche vor allem als »Label« einge­setzt werde, um Filme an den Zuschauer zu bringen. Hier hätte es spannend werden können, da zum Beispiel Bakur von Cayan Demirel, der vor zwei Jahren in Istanbul zu einem Auffüh­rungs­verbot und zur Krise des Festivals geführt hatte, hart an der Propa­ganda vorbei­schrammt und zugleich zeigt, wie poli­ti­sches Kino auch Instru­ment sein kann – wovon die von den Orga­ni­sa­toren der Konferenz heran­ge­zo­genen Filme wie Gian­franco Rosis Fuoco­ammare oder Dämonen und Wunder – Dheepan dann doch meilen­weit entfernt waren. Man hätte sich auch einen Vertreter des Doku­men­tar­films auf dem Podium gewünscht. Hier ist die Unver­han­del­bar­keit von rele­vanten Themen und Brisanz Agenda: Das Doku­men­tar­film­schaffen entwi­ckelt sich derzeit zu einem nahezu obszönen Betrof­fen­heits­kino, auf dem das Elend der Welt zu Markte getragen wird. Das könnte doch ganz anders aussehen, wie Philip Scheffner mit seinem expe­ri­men­tellen Doku­men­tar­film Havarie zeigt, für den er jetzt den Preis der deutschen Film­kritik erhielt.

»Wir sollten 'politisch' als Stichwort in einem sehr aufmerk­samen Sinne einsetzen«, appel­lierte Aziz. Es solle sich organisch anfühlen, sich aus dem Film entwi­ckeln und nicht aus Marke­ting­stra­te­gien den Filmen angeklebt werden. Düttmann stellte am Ende noch ein paar Begriffe in den Raum, um das Poli­ti­sche besser zu fassen: »urgence«, »resis­tance«. Danach gefragt, was für sie das Kino­ma­chen und Filme­schauen bedeute, nannte Tsangari »trans­cen­dence« und »hope«, aus ihnen entstünde »power«, »conso­la­tion« und »Katharsis«. Düttmann stimmte zu: auf eine seltsame Art fühle man sich mit den Filmen weniger allein. Mit diesen letzten Bemer­kungen wurden dann doch wieder recht priva­tis­ti­sche Perspek­tiven für das Kino entworfen, die auch jenseits von Cine­philie funk­tio­nieren. Mal sehen, was das Kino dieses Jahr so hervor­bringt.

Die Autorin ist im Vorstand des Verbands der deutschen Film­kritik, der das Podium mitver­an­staltet hat, war bei der Orga­ni­sa­tion jedoch nicht beteiligt.

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