26.02.2015
Cinema Moralia – Folge 101

Von der Rolle

Der Protest der dffb auf dem roten Teppich

Die Sozi­al­de­mo­kratie, die Kunst und ihr Tod: Die dffb, halb­ver­kauft, vor der Entschei­dung über ihr Selbst­ver­s­tändnis und die Berliner SPD im intel­lek­tu­ellen Koma – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 101. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Art is by so much the most exiting thing in the world.«
Philip Larkin, 15. Juni 1943

»A little mouse of thought appears in the room, and even the mightiest poten­tates are thrown into panic.«
Winston Churchill (»The Defence of Freedom and Peace (The Lights are Going Out)«)

»Warum muss die dffb gerettet werden?«, fragte Oskar Roehler, so wie es schon Erna Kiefer (NRW-Film­stif­tung) und Kathrin Stein­brenner (EFM-Presse) am Eingang gefragt hatten. Und als dann auch noch Stefan Arndt mich fragte: »Warum muss die dffb gerettet werden?«, da spätes­tens wusste ich, dass es die richtige Entschei­dung gewesen war, mir während der Berlinale den Sticker »SAVE dffb!« anzu­ste­cken.

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Die Studenten der dffb, der Berliner »Deutschen Akademie für Film und Fernsehen« proben seit einigen Wochen den Aufstand. Bisher hätte ich in dieser Formu­lie­rung unbedingt das Wort »Aufstand« betont, gerade möchte ich lieber von Probe sprechen. Denn im Augen­blick sieht es so aus, als ob die Studenten in Gefahr laufen, sich von den Macht­ha­bern der soge­nannten Berliner Film­kultur, die den Prozess aussitzen wollen, über den Tisch ziehen zu lassen, von den Funk­ti­onären und ihren Wasser­trä­gern, aus Naivität, mindes­tens, und vers­tänd­li­cher Furcht, und vieles von dem, was sie in den letzten Wochen aufgebaut und erreicht haben, krachern wieder zunichte werden zu lassen.

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Wer bisher noch nicht verstanden hat, was die Studenten wollen oder Protest sowieso blöd findet, und meint, die sollen besser mal Filme machen, der hat zwar meiner Ansicht nach ganz prin­zi­piell ein paar Dinge nicht gelernt, aber zumindest das dffb-Kapitel kann er jetzt nachholen: Denn der vom Wowereit-Nach­folger frisch wieder in seinem Posten verlän­gerte Chef der Berliner Staats­kanzlei, Björn Böhning, nominell Sozi­al­de­mo­krat, tatsäch­lich Lobbyist kultur­po­li­ti­schen Neoli­be­ra­lismus' hat die Maske hinter seinem netter-Schwie­ger­sohn-Gesicht fallen lassen. In einer Rede auf dem »Deutschen Produ­zen­tentag«, die an recht versteckter Stelle komplett nach­zu­lesen ist, formu­liert Böhning nichts Gerin­geres als eine Bank­rotter­klä­rung sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Kultur­po­litik.

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»Wandel als Chance« heißt die Rede, die Böhning am 5. Februar 2015 hielt – ein erschre­ckendes, und nicht nur, aber insbe­son­dere für Sozi­al­de­mo­kraten erschüt­terndes Dokument: In seiner Essenz begreift diese Rede Film als ausschließ­liche Wirt­schaftsgut. Die Bemer­kungen zur Kultur sind wenige Halbsätze, reine Lippen­be­kennt­nisse, formu­liert in abwie­gelnder Rhetorik: »Film und Fernsehen sind ein Kulturgut – das wissen wir.«
Direkt danach folgt das Entschei­dende: »Wir müssen uns aber noch konse­quenter ange­wöhnen, Film und Fernsehen als Indus­trie­zweig zu betrachten.«
Zur »Zukunfts­fähig­keit als Indus­trie­standort« gehöre, behauptet Böhning, »eine ständige Evalu­ie­rung der Förderung nach wirt­schaft­li­chen Kriterien.« Film­för­de­rung müsse »Teil einer indus­trie­po­li­ti­schen Strategie« sein. »Das heißt: Die Förder­po­litik muss sich danach richten, dass die größt­mög­li­chen Wachstums- und Beschäf­ti­gungs­ef­fekte erzielt werden.

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Erschüt­ternd ist nicht dass Böhning »eine Indus­trie­po­litik für den Film« fordert – so etwas gehört seit 30 Jahren zum Stan­dar­dar­senal sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Rhetorik: »Indus­trie­po­litik« ist da ein Synonym für »staat­liche Steuerung der Wirt­schaft« und »Staats­an­teile in Schlüs­sel­in­dus­trien«.
Das Erschüt­ternde ist die Kultur­lo­sig­keit die in dieser Rede deutlich wird, die völlige Anwe­sen­heit irgend­wel­cher kultu­reller Ideen oder Vorstel­lungen, die etwas mit Kunst­för­de­rung oder auch nur Kulturö­ko­nomie zu tun haben.
Dieser Sozi­al­de­mo­krat hat offen­kundig überhaupt keine Vorstel­lung von Kunst und Kultur – noch nicht mal eine falsche. Er sieht in Kultur keinen Zweck, sondern nur ein Mittel für »Wachstum und Entwick­lung, zukunfts­fähige Arbeits­plätze, wirt­schaft­liche Zukunfts­chancen nicht nur für die Haupt­stadt­re­gion, sondern für das ganze Land« zu schaffen.
Das ist ein Armuts­zeugnis. Es fällt auf den Mann selbst und seine Partei zurück.

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Alles, was Böhning sagt, ist auch hoch­gradig naiv: Böhning fordert zwar recht forsch »ein neues Denken«. Man man müsse »Konzepte entwi­ckeln, um unsere Erfolgs­ge­schichte fort­zu­schreiben.« Mit neuem Denken hat so etwas aber in der Sache nichts zu tun, vielmehr ist es abge­stan­dene Suppe aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Vorrats­keller.
Schon vor über 60 Jahren, 1953, schrieb Gunter Groll, seiner­zeit Film­kri­tiker der »Süddeut­schen Zeitung«, zu solchen Ideen in wenigen Sätzen, warum die Alter­na­tive Kultur gegen Wirt­schaft erstens falsch gedacht und zweitens gar nicht das Problem ist: »Natürlich wird immer der künst­le­ri­sche Film die Ausnahme sein. Doch auch der Gebrauchs­film (…) unter­steht dem Gesetz der Gattung auf seine Weise, auch er kann, auf seine Weise, glanzvoll oder jammer­voll sein. Auch er kann originell sein, oder Schablone.«
Die Aufgabe selbst einer wirt­schaft­lich orien­tierten Kultur­po­litik müsste Qualitäts­si­che­rung oder -stei­ge­rung sein.

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Böhnings Ausfüh­rungen zeigen aber, wes Geistes Kind der Mann ist. Ausge­rechnet dieser Mann entscheidet auch – als Vorsit­zender des Kura­to­riums – maßgeb­lich über die Neube­set­zung des Direk­to­ren­pos­tens der dffb. Sein falsches Vers­tändnis von Film­po­litik wirkt sich fatal auf den Entschei­dungs­pro­zess aus.
Diese Entschei­dung ist mitt­ler­weile zu einer Hänge­partie geworden. Es ist aus dem, was bisher bereits öffent­lich wurde, oder zu erfahren war, deutlich geworden, dass es im Kura­to­rium ein großes Interesse daran gibt, den Charakter der dffb massiv zu verändern. Eine Kunst­aka­demie mit beson­derer, einma­liger Geschichte soll zerstört und in ein zweites Ludwigs­burg verwan­delt werden. Nun ist Ludwigs­burg eine sehr gute Film­schule, aber eben ein völlig anderes Modell. Wozu muss man das kopieren und eine gewach­sene, überdies sehr erfolg­reiche Insti­tu­tion zerstören? Wer in Ludwigs­burg studieren möchte, kann sich dort bewerben.
Ganz offen­kundig setzten Böhning, aber auch andere an einer indus­trie­nahen Lösung inter­es­sierte Kura­to­ri­ums­mit­glieder, auf Zeit. Und auf die Trägheit des Publikums: Man hofft und setzt darauf, dass die Proteste der Studenten – die seit immerhin über zehn Wochen höchst pene­trante und dadurch erfolg­reiche Mahn­wa­chen vor Böhnings Büro im Roten Rathaus abhalten, abflauen. Und darauf, dass die Öffent­lich­keit es nicht merkt, wenn das Kura­to­rium in diesen Tagen eine Entschei­dung fällen sollte.

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Was glauben Böhning und seine Verbün­deten eigent­lich? Sie haben es nicht geschafft, ihren Wunsch­kan­di­daten zu instal­lieren, einen eigens ange­fragten, bekannten, gut vernetzten Herren aus dem Herz der deutschen Filmszene – aus Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen, um dem betref­fenden Herrn nicht weiter zu schaden, wurde das nichts. Daraufhin wurde ein zweiter ebenfalls ange­fragter Kandidat zum Wunsch­kan­di­daten. Dessen Name Julian Pölsler wurde bekannt – kurz darauf baten ihn die komplette dffb-Studen­ten­schaft und die Dozenten der dffb darum, seine Bewerbung zurück­zu­ziehen. Pölsler, ein vermut­lich ehren­werter und durchaus sympa­thi­scher Mann wurde von den Verant­wort­li­chen schlicht und einfach aufs Übelste verheizt, als Kano­nen­futter in einem Feldzug, in dem es erkennbar darum ging, die andere Kandi­datin, die Filme­ma­cherin Sophie Main­ti­gneux, Dozentin an der dffb und Kölner KHM, und Wunsch­kan­di­datin der Dozenten und Studenten der dffb, nicht zum Zug kommen zu lassen.

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Kultur­po­li­tisch ist der ganze Vorgang, für den Böhning mass­geb­lich verant­wort­lich zeichnet, frag­würdig. Rechtlich als gemein­nüt­zige GmbH orga­ni­siert, ist die dffb ihrem von allen getra­genen Selbst­ver­s­tändnis nach eine Kunst­hoch­schule, deren Profil und Leitung eine kultur­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit ist. Derartige Kultur­po­li­ti­sche Entschei­dungen müssen auch öffent­lich debat­tiert und in trans­pa­rentem Verfahren getroffen werden. Bisher hat Björn Böhning keinerlei Konzept für die Zukunft der dffb erkennen lassen. Das Verhalten des Chefs der Senats­kanzlei ist, das teilt die Studen­ten­schaft der dffb mit, »auf jeder Ebene unver­ant­wort­lich.«

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Davor, vor solchen Nicht-Verfahren und vor solchen Verant­wor­tungs­trä­gern muss die dffb gerettet werden.

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Einen einzigen bemer­kens­werten und viel­ver­spre­chenden Punkt enthält die erwähnte Böhning-Rede aller­dings auch noch: »Da sich das Geschäft immer mehr hin zu den digitalen Verbrei­tungs­wegen verlagert, ist ein logischer Schluss die Einfüh­rung neuer Abga­be­pflichten für Kabel­netz­be­treiber und Anbieter von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tungen. Das ist eine Frage der Abga­ben­ge­rech­tig­keit.«
Inter­es­sant ist daran, dass endlich ein SPD-Vertreter die Forderung vertritt, Netz­be­treiber zur Kasse zu bitten. Das ist über­fällig. Böhnings grober Denk­fehler liegt aber darin, dass er diese Abgaben in die Film­för­der­töpfe fließen lassen will. Das ist sach­li­cher Unsinn (denn im Netz wird ja nicht nur mit Filmen, und schon gar nicht nur mit geför­derten Filmen Geld verdient), es ist aber de facto auch eine neuer­liche Aushe­be­lung der Urheber.

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Tja, von Frank­reich kann man vieles lernen. Gerade als ich das wieder mal dachte, flattert die eine Pres­se­mit­tei­lung herein: Nicht nur, dass der frisch­ge­ba­ckene Oscar-Gewinner Ida oder Abder­rah­mane Sissakos Timbuktu in Frank­reich locker zehnmal so viele Kino-Zuschauer haben wie in Deutsch­land. Sondern sogar die Einspiel­ergeb­nisse von Christan Petzolds Phoenix über­steigen in Frank­reich schon nach zehn Tagen die an den deutschen Kino­kassen. Gratu­la­tion! Aber auch traurig.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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