27.02.2014
Cinema Moralia – Folge 82

Das Kunstkartell schlägt zurück

Arne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Die Kunst der Fälschung: Wie ein Doku­men­tar­film skan­da­li­siert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 82. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ein Kritiker muss dem Main­stream wider­stehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffent­li­chen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Esta­blish­ment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.

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Empörung an sich mag vers­tänd­lich sein, ist aber immer auch etwas frag­wür­diges. Sehr nach­voll­ziehbar kriti­sierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empö­rungs­ten­denzen in der deutschen und inter­na­tio­nalen Öffent­lich­keit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopf­tuch­mä­dels, um euro­pa­feind­liche D-Mark-Freunde, um Recht­po­pu­listen oder zuletzt um Schweizer Frem­den­feinde – da standen die deutschen Jour­na­listen instinkt­si­cher gegen solch' vermeint­lich »gesundes Volks­emp­finden«, plädierten für Vernunft, Diffe­ren­zie­rung, Objek­ti­vität. Mit anderen Worten: Für Aufklä­rung.

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Gefähr­lich wird es dann aber schnell, wenn sich Jour­na­listen einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Recht­schaf­fen­heit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauf­los­le­dern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakee­lend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.

So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Jour­na­listen, der Inter­views frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Inter­views womöglich gut und inter­es­sant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunst­werke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahr­heiten über den Medien­be­trieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.

Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunst­kri­tiker und Kunst­jour­na­listen, die mit Schaum vorm Mund und wie gleich­ge­schaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelas­sen­heit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Doku­men­tar­film, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunst­händ­lers Wolfgang Belt­racchi und all den inter­es­santen Geschichten, die dazu­gehören: Belt­racchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angeb­liche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Belt­racchi wegen gewerbs­mäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verur­teilt, und in der Öffent­lich­keit zum »Jahr­hun­dert­fäl­scher« erklärt.

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Über­ra­schend ist für den, der den Film gesehen hat, nicht unbedingt, dass er bei manchen auf heftige Ablehnung stößt. Über­ra­schend ist aber sehr wohl, wie einhellig und hyste­risch im Ton diese Ablehnung ist, und wie falsch sich hier oft die Redak­ti­ons­lei­tungen verhalten.

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Falsch ist erst einmal etwas Grund­sät­z­li­ches, das immer wieder geschieht, wenn es um Kino geht: Die Tatsache, dass die Film­kritik auf stillem Weg ausge­schaltet wird, wenn ein Film scheinbar von einem »Thema« handelt. Wie oft hat man das erlebt: Handelt ein Film von Fußball oder Bobfahren, schreibt plötzlich der Sport­re­porter die Film­kritik, geht es um einen Kompo­nisten darf der Musik­re­dak­teur ran, bei Ziemlich beste Freunde die Frank­reich-Korre­spon­dentin, oder die Literatur-Redak­teurin, die Roma­nistik studiert hat, bei Die Mühle und das Kreuz die Kunst­re­dak­teurin, und bei Harry Potter die Mode­fach­frau, die einfach Fan ist.

Das ist einer­seits ein vertret­barer Ansatz und soll auch gar nicht grund­sät­z­lich verdammt werden. Es belegt aber die Gering­s­chät­zung des Kinos als Kunst, es beweist die Tatsache, dass man der Ansicht ist, von Film müsse man eigent­lich nicht mehr verstehen, als jeder im Publikum, um das Werk beur­teilen zu können, von Kunst (oder Literatur, oder Frank­reich oder Fußball) aber schon. Wäre es anders müsste dann ja konse­quen­ter­weise, wenn umgekehrt Harun Farocki im Museum Ludwig ausstellt, oder Haneke eine Oper insz­e­niert, oder Petzold ein Thea­ter­stück, dann »der Film­kri­tiker« zuständig sein. Das ist aber keines­wegs der Fall.

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Die Kunst der Fälschung wird nun in den ersten Berichten konse­quent von Kunst­kri­ti­kern bespro­chen, nicht von Film-Experten. Das Ergebnis ist fatal. Zum einen ist es überaus ober­fläch­lich: Regisseur Arne Birken­stock wird ständig überaus billigen persön­li­chen Anfein­dungen und Unter­stel­lungen ausge­setzt – er ist nämlich der Sohn von Belt­rac­chis Anwalt, was ihm überhaupt einen Vertrau­ens­vor­schuss und den Zugang zu diesem verschaffte. Natürlich hat er sich damit auch Blößen gegeben, und gewis­ser­maßen angreifbar gemacht. Ande­rer­seits ist die Sippen­haft in Deutsch­land abge­schafft, und die ande­ren­orts doch so unpar­tei­ischen und unvor­ein­ge­nom­menen Kollegen scheinen zu vergessen, dass der Anwalts­beruf nichts ehren­rüh­riges ist. Selbst gestän­dige Verbre­cher haben das Recht auf best­mög­liche Vertei­di­gung.
Zumindest könnte man ja Arne Birken­stock einmal die Frage stellen, warum und inwiefern er sich eigent­lich für unbe­fangen hält, oder wie er mit möglicher Befan­gen­heit umgeht.
Das fragt aber keiner, statt­dessen wird der Film behandelt wie eine Fort­set­zung des Plädoyers der Vertei­di­gung.

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Dafür müsste man den Film aller­dings erst mal überhaupt angucken. Was nicht ausrei­chend geschieht: Mit mehr als einer Handvoll Redak­teuren habe ich allein an diesem Mittwoch über den Fall Belt­racchi und über Birken­stocks Film disku­tiert – kein einziger hatte den Film gesehen, aber alle wussten Bescheid: Es gehe doch nicht, dass man einem Krimi­nellen auch noch den Roten Teppich ausrolle, meinte eine, ein anderer erzählte vom »Hype« um Belt­racchi, und davon, dass er »durch alle Talkshows gereicht« werde. Ist das Neid auf die Kollegen, oder gar Belt­racchi selbst. Man könnte das zum Anlass einer geist­rei­chen Betrach­tung über die Seele im medialen Zeitalter nehmen: Ist eigent­lich die Talkshow schuld, oder der Talk­show­gast?

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Statt dass man über diesen Film vernünftig und sach­ori­en­tiert debat­tiert, trium­phieren Halb­wissen und plumpe Gesinnung. Alles ist dermaßen einseitig, mit immer denselben Gesich­tern soge­nannter »Experten« – der offenbar sehr medi­en­af­fine Ermittler, und ein unbedingt medi­en­af­finer Buchautor, die ihre immer­glei­chen Sätze in alle Kameras sagen, egal, ob die ihnen nun von »Aspekte« oder von »ttt« vor die Nase gehalten werden.
Gesinnung trium­phiert. Main­stream-Gesinnung.

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Was dieser Fall eigent­lich belegt, ist, dass die Debatten- und Streit­kultur in Deutsch­land auf den Nullpunkt gekommen ist. Verstanden sich Jour­na­listen einst als Hecht im Karpfen­teich, war es Berufs­ehre, »Anti-Esta­blish­ment« (Susan Sontag) zu sein, schwimmen sie heute am liebsten im Schwarm, denn da ist es wärmer.
Sie sind Mitmacher.
»Manu­fac­tu­ring Consent« – was Noam Chomsky vermeint­lich ein bisschen paranoid für die Privat­fern­seh­sender der 80er-Jahre beschrieben hat, trifft längst auch auf große Teile der europäi­schen Medien, auf viele öffent­liche Sender und soge­nannte Qualitäts­z­ei­tungen zu: Überall steht das Gleiche, man verstärkt nur gegen­seitig den Lärm.
Selten habe ich mich so an Chomsky erinnert gefühlt wie dieser Tage.

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Die herr­schenden Empörer stellen die andere Seite gleich als Gegner moralisch in die dunkle Ecke und ersticken jede ernst­hafte Debatte im Keim. Ist ja klar, wer die Guten sind. Weil die Empörer ihre Meinung mit Gesinnung verwech­seln, und aus einem facet­ten­rei­chen Thema eine Grund­sat­zfrage machen, bei der die Moral­keule ausge­packt und drauf­los­ge­dro­schen wird.

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In diesem Fall geht es aber noch um etwas anderes, nicht um Moral, sondern um ihre hässliche Schwester, die Unmoral: Der Kunst­szene wurden Belt­racchi und sein Fall zum Objekt großer Aggres­sionen, schwan­kend zwischen Hass und Verach­tung. Das liegt ganz offen­kundig nicht allein daran, dass sie von Betracchi an der Nase herum­ge­führt wurde, oder an den hohen Beträgen, die von Galerien, Museen und Sammlern auf seine Konten flossen – denen übrigens noch weit höhere Einnahmen auf der Händ­ler­seite nach­folgten, von denen Belt­racchi nichts hatte. Sie liegt mindes­tens ebenso sehr in der Tatsache begründet, dass der Fall Belt­racchi und seine Folgen plötzlich grelles Licht auf eine Szene warfen, die selbst sehr daran inter­es­siert ist, ihren Geschäften in einem diffusen Halb­dunkel aus Diskre­tion und Insi­der­wissen, Heim­lich­tuerei und persön­li­chen Bezie­hungen, gegen­sei­tigen Gefallen und Exper­ten­krä­merei, Barzah­lung und Gerücht zu nach­zu­gehen. So ist es für nahezu alle Beob­achter kaum zu glauben, dass über drei Jahrzehnte niemand Verdacht schöpfte, keiner nach­fragte, was es mit der Herkunft der plötzlich auftau­chenden Belt­racchi-Bilder auf sich hatte. Auch bleibt unver­s­tänd­lich, wie sich namhafte Kenner, ob der geschäft­s­tüch­tige Max-Ernst-Experte Werner Spies oder die Leitung des Kunsthaus' Lempertz über Jahre täuschen ließen – es sei denn, man stellt die Tatsache in Rechnung, dass sie mit bezahlten Gutachten und lukra­tiven Aukti­ons­er­geb­nissen noch weit mehr verdienten, als die Fälscher.
Zudem steht ein zentraler Verdacht, der neben der Kompliz­en­schaft womöglich noch wichtiger ist, weiterhin unwi­der­legt im Raum: der, dass die größte Zahl der von Belt­racchi gefer­tigten Bilder weiterhin unent­larvt als vermeint­li­ches Original in Museen und Samm­lungen hängt. Ohne Frage haben hier viele Seiten kein Interesse an echter Aufklä­rung.

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Man hat hier also den unbe­dingten Eindruck, dass das Kunst­kar­tell zurück­schlägt, und gut orga­ni­siert einen Film, den es nicht verhin­dern konnte, nun auf anderem Weg fertig­zu­ma­chen versucht.

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Die Jour­na­listen, die über Kunst und Galerien und die Kunst­szene berichten, nagen an den Knochen, die von diesen reich gedeckten Tafeln abfallen. Manche dürfen sogar selbst am Tisch Platz nehmen. Sie brauchen das Wohl­wollen und die Gunst der Szene. Dass sie sich diese nicht verscherzen wollen, dass sie sogar etwas tun, um ihre Position zu verbes­sern, oder viel­leicht mal selbst ein hübsches Gutachten oder einen Kata­log­auf­satz zu schreiben, oder einen Kura­tor­sessel zu wärmen, kann man ihnen noch nicht einmal unbedingt verdenken. Auch wenn es nicht hübsch aussieht.

Schuld haben hier die Redak­tionen und Verlage, die sie nicht aus der Schuss­linie nehmen, die ihre Position nicht derart sichern, dass derlei Gunster­weise undenkbar wird. Eine Ursache ist auch, dass man offenbar gar nicht mehr den Willen und die Lust hat, aufzu­klären und einmal das System Kunst­be­trieb ehrlich in den Blick zu nehmen. Dass alle nur dabei sein und dazu­gehören wollen.

Ursache ist also letztlich das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis der Kritik. Von uns allen natürlich. Denn Film­kri­tiker sind nicht besser. Viele von uns verraten die Profes­sion genauso schnell, wenn es mit Macht und Geld gelohnt wird. Wir bieten kein Bild, dass die Kunst­kritik-Kollegen zwingen k önnte, sich ein Beispiel zu nehmen.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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