15.09.2011
Venedig 2011

Der Tsunami von Venedig

Tagebuchnotizen, 5. Folge

Nur eine halbe Überraschung: Sokurovs Faust

Ein paar Filme, Preise und Verschwö­rungs­theo­rien, und die Zukunft von Marco Müller

Venedig, 10.9.2011, letzter Tag – »Wenn's nen Tsunami gäbe, wären wir alle verloren auf dem Lido.« Ziemlich unver­mit­telt sagt Carlos am Maleti diesen Satz. Mag schon sein, aber wie soll's denn hier einen Tsunami geben? »Wenn in Sizilien ein Vulkan explo­diert...« Da liegt doch immerhin ganz Italien dazwi­schen. »Du hast keine Ahnung, was für Wege Tsunamis nehmen.« Das stimmt natürlich. Das Festival ist offen­kundig am Ende.

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Am letzten Tag eine Pres­se­kon­fe­renz mit Lav Diaz. »Dogmatism is really destruc­tive,« sagt er. »Wir brauchen eine Wieder­ge­burt der Welt.« Auch nichts Neues.

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Aber noch drei Filme, die nicht übersehen werden sollten: Der israe­li­sche Beitrag Hahit­halfut (The Exchange) von Eran Kolirin blieb zwar am Ende eines unge­wöhn­lich starken Wett­be­werbs ohne Preis, kam aber durchaus gut an. Der Film ist eine intel­lek­tu­elle Komödie und wirkt am ehesten wie eine humor­volle Version von Anto­nionis Blow Up: Ein Physiker kommt eines Tages früher als sonst nach Hause, und erkennt nichts wieder. Eine stille Studie über die Ängste eines Menschen vor Verän­de­rungen – ein rätsel­hafter Horror­film ohne Horror. In einem gewissen Sinn trifft diese Beschrei­bung auch auf Shlomi Elkabetz Edut (Testimony) zu, der in der Neben­reihe Venice Days gezeigt wurde. In stati­schen Einstel­lungen, in freier Natur gefilmt, sprechen israe­li­sche Schau­spieler Aussagen von Paläs­ti­nen­sern nach – eine Verschie­bung der Perspek­tiven, zugleich ein repe­ti­tiver Film, der auf Dauer einfach lang­weilig war.

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Das Gegenteil galt für Yolande Zauber­mans Doku­men­tar­film Would you have Sex with an Arab? was natürlich auch am vergnüg­li­chen Ansatz lag, mit jüdischen wie arabi­schen Israelis über ihr Liebes­leben zu plaudern. Ist zumindest sexuell die Verschmel­zung mit der anderen Seite möglich? Während dies einige für tabu erklärten, bejahte die Mehrheit, ohne die Belas­tungen und den sozialen Druck herun­ter­zu­spielen, der folgt, wenn aus einem »One Night Stand« Liebe wird. Wie ernst und traurig das Thema ist, zeigte sich gegen Ende des span­nenden Films. Da zeigt Zauberman Passagen aus einem Gespräch mit dem Regisseur und Schau­spieler Juliano Mer-Khamis. Es war das letzte Interview seines Lebens, nur Tage danach wurde er von einem Araber ermordet. »Man kann das paläs­ti­nen­si­sche Problem nicht im Bett lösen.« sagt Mer-Khamis, Sohn einer Jüdin und eines christ­li­chen Arabers, und bringt seine absurde Identität auf den Punkt: »Ich habe eine Familie, die in Auschwitz ermordet wurde und ich habe eine Familie, die von denen vertrieben wurde, die Auschwitz überlebt hatten.«

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Erik und Erika – das hört sich an, wie ein Schla­gerduo aus den 70ern. Es sind aber die schwe­di­schen Produ­z­enten Erik Hemmen­dorff von Play, der im Mai in der Quinzaine von Cannes Premiere hatte, und die schwe­di­sche Produ­z­entin Erika Wasserman – 2009 hatte sie Man tänker sitt im Forum der Berlinale. Erika hatte ich seinerzeit in Gijon kennen­ge­lernt – eine jener schönen Zufalls­be­geg­nungen, wegen derer sich Film­fes­ti­vals immer lohnen. Und wir freuten uns, uns jetzt in Venedig wieder über den Weg zu laufen. Erikas ihre Firma Fasad hat in den letzten Jahren mit Ape auch einen zweiten inter­es­santen Film des jungen schwe­di­schen Kinos gemacht. Hier in Venedig läuft der von ihr produ­zierte Kurzfilm The Track of My Tears 2 von Axel Petersén, als Vorfilm zu Yolande Zauber­mans Would you have Sex with an Arab?, der schon wegen seines Titels gut besucht ist.

Alle Schweden – ein paar mehr saßen noch in der Runde, darunter Play-Regisseur Ruben Östlund – waren im Gegensatz zu mir vom schwe­di­schen Wett­be­werbs­bei­trag Tinker, Taylor, Soldier, Spy nicht begeis­tert. Obwohl sie alle selbst stylische Filme machen, konnten sie Thomas Alfred­sons Style-Statement nichts abge­winnen. »Ich habe mich ganz schön gelang­weilt, und wusste nie, was das alles soll«, meinte Erika.

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»Es gibt viele Filme, die in den vergan­genen Jahren mit einem Haupt­preis nach Hause gegangen wären, die diesmal leer ausgehen mussten.« meinte Jury­prä­si­dent Darren Aronofsky zu Beginn der Preis­ver­lei­hung.
Wo er recht hat, hat er recht. Aronofsky bestä­tigte damit den unter den Besuchern allgemein verbrei­teten Eindruck eines sehr starken Wett­be­werbs­pro­gramms, in dem eine ganze Reihe heraus­ra­gender Filme gezeigt wurden. Zugleich fehlten die ganz klaren Höhe­punkte ebenso, wie der Vari­an­ten­reichtum, der Venedig sonst ausz­eichnet. Die Filme waren einander sehr ähnlich. Es gab zwar ziemlich wenig Enttäu­schungen, ande­rer­seits aber gar keine Entde­ckungen – außer dem bisher nur Kennern bekannten Chinesen Cai Shangjun.

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Der Goldene Löwe für den Russen Alexander Sokurov und dessen Film Faust war somit am Sams­tag­abend nur eine halbe Über­ra­schung. Bei der Mehrheit der Kritiker war der Film gut ange­kommen, nicht alle sahen in dem Film zwar den besten Film, doch auch im Hinblick auf das Gesamt­werk Sokurovs gehörte er zum engeren Favo­ri­ten­kreis.

Die Drama­turgie der Preis­ver­lei­hung war dann inter­es­sant: Alle Favoriten wurden nach­ein­ander heraus­ge­ke­gelt: Zuerst Andrea Arnold, dann der – sichtbar enttäuschte – Grieche Yorgos Lanthimos, dann Sono Sion – für viele wegen der poli­ti­schen Aktua­lität des Erdbebens ein Geheim­fa­vorit –, dann Steve McQueens Shame und Ann Huis A Still Life durch die Schau­spiel­preise, und als der Regie­preis an Cai Shangjun ging konnte man ahnen, wer übrig­blieb.

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Für den 60jährigen russi­schen Auto­ren­filmer Alexander Sokurov ist dies nach rund 50 Filmen (unter anderem Russian Ark, Moloch) und ersten Würdi­gungen für sein Lebens­werk, wie dem »Master of Cinema«-Award des Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg im Jahr 2006, tatsäch­lich die erste große inter­na­tio­nale Ausz­eich­nung – und eine über­fäl­lige Aner­ken­nung Sokurovs.

Dieser nutzte die Gele­gen­heit der Preis­ver­lei­hung sofort zu einem Appell an die europäi­schen Kultur­po­li­tiker: »Kultur ist kein Luxus, sie ist eine Notwen­dig­keit. Aber ohne Hilfe des Staates und öffent­li­cher Insti­tu­tionen lässt sich unsere Kultur nicht bewahren.« Und schob auf Nachfrage gleich eine scharfe Kritik der deutschen Förderung nach, die »Faust« nicht fördern wollte: »Ich habe den Eindruck, dass in Deutsch­land das Interesse für die klas­si­sche Kultur nicht sehr stark ist, noch nicht einmal für die eigene.« Zur Erin­ne­rung: Faust ist eine sehr freie Adaption vom ersten Teil von Goethes Drama, gedreht im Stil alter Stumm­filme, mit starken Anleihen an das große Vorbild F.W.Murnau und dessen Faust-Film von 1926.

In der Pres­se­kon­fe­renz betonte Sokurov außerdem, dass ihn visuelle Fragen weitaus mehr inter­es­sierten, als inhalt­liche – was jeden­falls einige Merk­wür­dig­keiten seines Films erklärt: »Das Bild­for­mart, die Farben, die ganzen visuellen Aspekte sind meine Haupt­ar­beit. In welcher Farbe drücken sich die Deutschen aus? Ich habe die Ideen für das visuelle Konzept meines Films auf deutscher Malerei des 19. Jahr­hun­derts basiert.«

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Kurz nach der Preis­ver­lei­hung kursierten dann die ersten Verschwö­rungs­theo­rien: »Aronofsky ist ja ein halber Russe« meinte Carlos, wie ich auch eher ein Faust-Agnos­tiker. »Der ist in Little Odessa aufge­wachsen. Du hättest mal sehen sollen, wie sich Sokurov und Aronofsky geküsst haben nach der Preis­ver­lei­hung« – was alles stimmt. Aber natürlich noch nichts beweist, nur Sympa­thien erklärt.

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Im Nach­hinein ist man immer klüger, und daher könnte man nun auch etwas anderes sagen: Es über­rascht überhaupt nicht, dass einer, der Filme wie The Fountain und The Wrestler gemacht hat, einen Film wie Faust gut findet. Denn Faust ist genauso präten­tiös wie die Filme von Aronofsky; was hier dominiert, ist eine genauso altmo­di­sche Vorstel­lung von Kunst, wie in The Wrestler – dass Kunst mit Blut Schweiß und Tränen zu haben muss, dass sie hässlich sein muss, um groß zu sein –, und genau so eine schlichte, esote­risch ange­hauchte Vorstel­lung von Meta­physik und Tran­sz­en­denz, wie in The Fountain. Um an dieser Stelle den erklärten Sokurov-Fan Guiseppe Rapido zu zitieren: »Man glaubt ja nur, dass die Leute,. die in so einer Jury sitzen, viele Filme kennen würden. Aber Regis­seure kennen gar nichts. Die sehen ganz wenig Filme.« Ja ja, man kann sich das schon vorstellen, wie die Jury da saß: Ich versteh's nicht, also muss es wohl tief sein. »Oh... that must be art«.

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So ähnlich fand es auch Viennale-Direktor Hans Hurch am Abend: Es wirke, als hätten die Ameri­kaner in der Jury beweisen wollen, dass sie viel von Kunst verstehen.

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Ande­rer­seits geht der Goldene Löwe auch völlig in Ordnung. Sokurovs Film ist zusammen mit Alpeis der origi­nellste Film im Wett­be­werb, ein Werk mit singu­lärer Hand­schrift, das große Mensch­heits­fragen berührt, und eine sehr eigene Vision der Welt bietet. Das kann man nun fast alles zwar auch über People Mountain People Sea sagen, und viel­leicht noch über zwei, drei andere Filme, aber am Ende musste sich die Jury halt entscheiden. Und da Cai Shangjun mit dem Regie­preis die zweit­wich­tigste Ausz­eich­nung bekommen hat, ist offen­kundig, dass es sich am Ende zwischen diesen beiden Filmen entschied.

Beide Filme haben zumindest inhalt­lich mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint: Es sind Höllen­fahrten, es geht um Suche und Versu­chung, das Bild der Welt ist eines von Chaos, Zweifel und Verzweif­lung.

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Ästhe­tisch musste hier zwischen zwei Auffas­sungen von Kino entschieden werden, zwischen denen kein Kompro­miss möglich ist. Zuge­spitzt gesagt: Behaupten oder zeigen, fragen oder antworten, magischer Realismus oder Magie der Realität. Was lässt sich aus dieser Preis­ver­lei­hung noch heraus­lesen? Eine klare Absage an Hollywood.

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Keines­wegs muss man daher nun so weit gehen, wie Guiseppe Rapido, dem vor lauter Freude – wes Herz voll ist... – aus meiner Sicht die Gäule durch­gehen, wenn er nicht nur von einem »glück­li­chen Abschluss des Festivals« spricht, von einem »großen positiven Knall, den diese grandiose Preis­ent­schei­dung hinter­ließ«, sondern gleich den ganzen Wett­be­werb in die Tonne tritt: »äußerst durch­wachsen« sei die dies­jäh­rige Auswahl des Festivals gewesen. Ja – entwertet das denn nicht Sokurovs Sieg?

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Die Venedig-Sendung von »ttt« am Sonntag im ersten Programm, beginnt mit der Ankün­di­gung einer Warnung vor den Filmen, »die sie auf keinen Fall sehen sollten«. Da liegt »ttt« doch ein ziemlich spießiger Begriff der eigenen Tätigkeit zugrunde. Kritik nicht als Nach­denken und Entde­ckung, sondern als Gastro­kritik, als Insti­tu­tion, die säuber­lich zwischen Gut und Schlecht scheidet.
Polanskis Film wird als »polnische Verfil­mung« beschrieben. Naja. Macht Fatih Akin türkische Filme?

Auffällig ist, das »ttt« vor allem Filme bespricht, die aus Hollywood kommen, und offenbar eine deutsche Synchro­ni­sa­tion liefern konnten. Daneben werden kostbare Minuten mit einem Pacino-Portrait aus der Konserve verschwendet, mit billigem Madonna-Bashing, dann immerhin etwas über italie­ni­sche Künst­ler­pro­teste gegen Kultur­po­litik. Aber vor der Aufgabe, dem Kultur­er­eignis der Mostra aber auch nur ansatz­weise gerecht zu werden, kapi­tu­liert die ARD, denn sie berichtet nicht wirklich. Nur ein einziger Preis­trä­ger­film kommt vor, und der nur, weil es um Michael Fass­bender geht. Ansonsten: Venedig ist Soder­bergh und Polanski und Pacino. Muss das eigent­lich sein?

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Einmal mehr bestä­tigte die Mostra von Venedig in diesem Jahr ihren Platz als klare Nummer zwei unter den Film­fes­ti­vals der Welt. Im Vergleich mit diesem Programm kann die Berlinale nicht mithalten. Aber auch die Mostra blickt wieder einer unsi­cheren Zukunft entgegen: »Es ist etwas zuende« sagte Festi­val­leiter Marco Müller am letzten Abend in viele Mikro­phone. »Sie lieben mich nicht.« War das ein Abschied des am längsten amtie­renden Leiters der Festi­val­ge­schichte, der es sich auf dem Schleu­der­sitz gut einge­richtet und die Mostra verändert hat, wie keiner vor ihm? Oder nur der neueste Zug einer Diva im unend­li­chen italie­ni­schen Poker­spiel?

Mehrere öster­rei­chi­sche Zeitungen melden: »Film­fes­tival muss neue Leitung suchen, … Direktor Marco Müller lässt frei­willig mit Jahres­ende seinen Vertrag auslaufen.« Das war voreilig. Variety meldet: »Though Mueller says he plans to go back to producing, he is expected to instead make a bid to be reupped.«
Ohnehin wird die instabile Situation der italie­ni­schen »Politik« die Entschei­dung hinaus­zö­gern.

Rüdiger Suchsland

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