War Dogs

USA 2016 · 115 min. · FSK: ab 12
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: , ,
Kamera: Lawrence Sher
Darsteller: Jonah Hill, Miles Teller, Ana de Armas, JB Blanc, Bradley Cooper u.a.
Zwiespältige Antihelden

Scarface Junior aus der Bush-Ära

Nicht zwangs­läufig garan­tiert die Ankün­di­gung „Based on a True Story“ einen packenden Film, doch gele­gent­lich gebiert sich die Realität absurder als jede Fiktion. Guy Lawsons „Rolling Stone“-Artikel „Arms and Dudes“ von 2011 über zwei Mitz­wan­ziger-Waffen­händler aus der Mittel­schicht, die vor ihrem Fall zu Millionären aufstiegen, weckte sofort Holly­woods Interesse. Regisseur Todd Phillips, Spezia­list für derbe Komödien wie Road Trip oder die Hangover-Trilogie, erscheint nicht sofort als idealer Regisseur für eine Satire über Kriegs­ge­winnler, die Perver­tie­rung des „American Dream“ und lücken­hafte US-Gesetz­ge­bungen. Doch auch in seinem aktuellen Werk War Dogs finden sich zahl­reiche vertraute Motive wie verhäng­nis­volle Entschei­dungen, Reisen ins Chaos oder die Freund­schaft konträrer Charak­tere wieder. Ob die beiden Prot­ago­nisten überhaupt jemals wirkliche Freunde waren, ist eine Frage­stel­lung, um die sich das Finale vornehm­lich dreht.

Während der Kriege im Irak und in Afgha­nistan erlaubte eine Initia­tive der Bush-Regierung jedem Anbieter, sich um lukrative Waffen­auf­träge zu bewerben, wobei kleine Liefe­ranten bevorzugt wurden. Davon profi­tierten die Kumpane Efraim Diveroli (Jonah Hill) und David Packouz (Miles Teller), die sich schon seit High-School-Tagen kennen. Ihr jüdischer Hinter­grund fließt anfangs stark mit ein: Beide fühlen sich als Rettung Israels, doch im Grunde geht es schlicht um schnelles Geld. Gleich zu Beginn wird der Filmtitel erläutert: War Dogs steht für Blutegel, die an krie­ge­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen verdienen, ohne je den Fuß in ein Kampf­ge­biet gesetzt zu haben. Dass Diveroli und Packouz mit einer ihrer Waffen­lie­fe­rungen tatsäch­lich in Afgha­nistan landen, gehört zu den Span­nungs­mo­menten der skurrilen Geschichte, die mit reichlich fiktio­nalen Elementen nach Holly­wood­ma­nier aufbe­reitet wurde.

Im Stil von The Wolf of Wall Street verbinden Todd Phillips und seine beiden Co-Autoren einen leicht sati­ri­schen Blick auf eine gierige US-Gesell­schaft, eine Aufstieges- und Fall-Studie von allzu sorglosen Möch­te­gern-Geschäfts­leuten und Elemente des Culture Clash-Dramas, wobei Rumänien für Albanien herhalten musste. Der Stoff lebt vom Aufein­an­der­prallen der unter­schied­li­chen Figuren: Auf der einen Seite steht der reumütige Ich-Erzähler David Packouz, der einst als glück­loser Masseur und Vertreter kaum genug verdiente, um sich und seine junge Ehefrau Iz (Ana de Armaz) ernähren zu können. Dass der echte David Packouz dem Stoff seinen Segen erteilte, lässt sich schon an seinem Gast­auf­tritt erkennen, als er in einem Senio­ren­stift eine Gitar­ren­ver­sion von „Feel The Reaper“ inter­pre­tiert. Ähnlich bissig kommen­tieren Popmu­sik­stücke häufig im Hinter­grund das Geschehen.

Auf der anderen Seite tritt sein Ex-Kompagnon Efraim Diveroli als Selfmade-Aufsteiger mit Sonnen­brille, gegeltem Haar und protzigen Gold­kett­chen auf, der dank seines Verhand­lungs­ge­schicks und Selbst­be­wusst­seins lukrative Aufträge an Land und sich aus mancher Bredouille zu ziehen versteht. Jonah Hills Tour de Force unter­streicht die Ausstat­tung mit Beweisen für seinen wach­senden Größen­wahn wie goldene Lampen­halter im Maschi­nen­ge­wehr-Design. Angeblich stellte das Scarface-Remake Diverolis Lieb­lings­film dar, war sich als roter Faden vom parodis­ti­schen Film­plakat über den Schau­platz Miami Beach oder Dialog­zi­tate bis zum riesigen Al Pacino-Foto im Verhand­lungs­raum der Firma AEY Inc. zieht. In Wahrheit war das Polit­drama Lord of War – Händler des Todes Diverolis Lieb­lings­film, doch damit hätte man ein weiteres filmi­sches Vorbild der Produk­tion in den Fokus gerückt.

Nach The Wolf of Wall Street und Die Kunst zu gewinnen – Moneyball bewährt sich Jonah Hill mit einem zwie­späl­tigen Anti­helden erneut in einer drama­ti­schen Rolle. Dagegen erinnert Miles Tellers Part stark an Whiplash, wo er sich ebenfalls erst langsam aus dem Schatten eines über­mäch­tigen Mentors mit negativen Auswir­kungen auf sein Privat­leben lösen musste. Die steten Lügen über Packouz’ wahre Geschäfts­prak­tiken treiben allmäh­lich einen Keil in seine junge Ehe, zumal seine schwan­gere Gattin von den legalen, aber windigen Deals nichts hält. Ihr luxu­riöser Lebens­stil vermag sie nur vorüber­ge­hend zu besänf­tigen.

War Dogs erweist sich als Todd Phillips bislang bestes Werk, bei dem die Farb­dra­ma­turgie zwischen leuch­tendem Party­treiben in Miami Beach und der entsät­tigten, düsteren Beleuch­tung in der Alba­ni­en­pas­sage den Plot unter­s­tützt. Ganz ohne Schwächen bleibt die Tragi­komödie dennoch nicht: Mitunter wieder­holt der Off-Kommentar lediglich das bizarre Geschehen auf der Leinwand. Die Rück­blen­den­struktur im Martin Scorsese-Stil mit Packouz in den Händen alba­ni­scher Krimi­neller soll von Beginn an die Spannung schüren, wirkt aber eher über­flüssig. Nur gele­gent­lich greift Phillips den sati­ri­schen Tonfall des Anfangs wieder auf, wo die Kosten eines Kriegs minuziös aufge­rechnet werden – etwa während einer Waffen­händ­ler­messe in Las Vegas, die wie eine schrille Comic Conven­tion des Todes erscheint und der Realität vermut­lich reichlich nahe kommt. Gegen die absurden Verket­tungen von Politik, Finanz­wesen und Gesell­schaft kommt die Fiktion mitunter nur schwer nach.

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