Tony Takitani

Japan 2004 · 76 min. · FSK: ab 0
Regie: Jun Ichikawa
Drehbuchvorlage: Haruki Murakami
Drehbuch:
Kamera: Taishi Hirokawa
Darsteller: Issei Ogata, Rie Miyazawa, Shinohara Takahum u.a.
Tony in jungen Jahren

Im »Flow« des Lebens

Ein Mann lebt einsam vor sich hin, scheinbar ohne echten Sinn im Dasein. Sein Zuhause ist vor allem von einer Schall­plat­ten­samm­lung dominiert, ein eigenes Zimmer ist überdies voll­ge­stopft mit ausge­suchter Damen­be­klei­dung der teuersten Firmen; alle Kleider haben dabei exakt die gleiche Größe. Per Zeitungs­an­nonce sucht der Mann eine Frau, die genau über die entspre­chenden Maße verfügt...

Durch seine phan­tas­ti­schen, dabei mit großem Detail­reichtum verse­henen Geschichten wurde der in New York lebende Japaner Haruki Murakami in den letzten Jahren zum Starautor. Murakami besitzt immer ein Geheimnis, einen Über­schuss an Poesie, der die Leser fesselt. Zudem scheinen die Storys dieses Autors mit ihrer sehr eigen­sin­nigen Mischung aus exis­ten­tia­lis­ti­scher Melan­cholie und Ästhe­ti­zismus, aus Erotik und Verlust­ge­fühl, aus Alltag und Absur­dität, aus Witz und Schönheit perfekt aufs Lebens­ge­fühl der Gegenwart zuge­schnitten – Murakami ist Kult, und das mit gutem Grund: Das von ihm immer wieder beschrie­bene Zusam­men­fallen scheinbar unver­ein­barer Gegen­sätze ist unsere condition moderne.

Wer die lite­ra­ri­sche Vorlage und andere Erzäh­lungen Murakamis kennt, weiß, wie filmisch dieser Autor erzählt. Ganz offen gesteht er, der einst an der Film­hoch­schule studierte, wie sehr er vom Kino beein­flusst ist. Dennoch mag man sich fragen, ob derart komplexe Stoffe wohl ins Kino zu über­tragen sind.

Jun Ichikawa gelingt dies in diesem aller­ersten Versuch, Murakami zu verfilmen, hervor­ra­gend. Ein Film, der bezaubert, der wie Tonys Lieb­lings­musik, der aus dem Hinter­grund erklin­gende Piano-Jazz, leicht, wie impro­vi­siert wirkt und dabei überaus genau gestaltet ist. Obschon der Regisseur den Erzählton der Vorlage beibehält, und vieles aus dem Off beschrieben wird, ist Tony Takitani ein visueller Film. Nie wird es »lite­ra­risch«, es ist immer ganz Kino. Das ist zual­ler­erst einer glän­zenden Kamera zu verdanken, die ständig im Bewegung bleibt, den Flow der Existenz und die Unüber­sicht­lich­keit, zugleich die Verlas­sen­heit, die Tony Takitanis Dasein prägen, ins Visuelle fasst. Schwe­relos, dabei mit medi­ta­tiver Lang­sam­keit gleitet sie wie Tonys Leben durch die Welt, fängt ihre Figuren manchmal nur am Rand des Bildraums ein, ein Verweilen gibt es auch in der Wieder­ho­lung nicht, und so geschehen noch die größten Dramen wie nebenbei.

Denn bevor Tony Takitani seine Such­an­zeige aufgeben wird, sehen wir sein einsames, langsames Leben. Wir erkennen, wie fein­fühlig und schüch­tern und zerbrech­lich er unter der Maske des Gleich­gül­tigen, Verschlos­senen ist, und freuen uns mit ihm, wenn er die anmutige, elegante Eiko kennen­lernt, eine 15 Jahre jüngere Frau, mit der Tony doch noch die ersehnte Zwei­sam­keit gelingt. Und wir erkennen traurig, dass auch Eiko ähnlich wie Tony unter einer unde­fi­nier­baren, unstill­baren Sehnsucht leidet, der sie nur in ihrer Sucht nach Mode kurz­fristig entkommt. Wir sehen die beiden beim stillen Frühstück in den mini­ma­lis­tisch möblierten, von Grautönen geprägten, dabei chic-modernen Räumen. Dann stirbt Eiko, Tony hat Grund sich schuldig zu fühlen, und gibt seine Annonce auf.

Da kommt es zum Vertigo-Effekt: Eine andere Frau erscheint, die genau so aussieht, wie die, die Tony verloren hat. Oder bildet er sich das alles nur ein? Auch der Zuschauer darf rätseln, zumal die Haupt­dar­steller Issey Ogata und Rie Miyazawa jeweils in Doppel­rollen zu sehen sind. So bewahrt Tony Takitani nicht nur den hypno­tisch-diskreten Charakter von Murakamis Erzählung, er enthüllt deren verbor­gene Bilder.

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