Toy Story 2

USA 1999 · 94 min. · FSK: ab 0
Regie: Ash Brannon, John Lasseter
Drehbuch: , ,
Musik: Randy Newman
Kamera: Sharon Calahan

Einübung in die Wirklichkeit

John Lasseters Toy Story 2

Die Bezie­hungen zwischen Mensch und Spielzeug sind seit jeher Feind­ver­hält­nisse. Bereits vor vier Jahren zeigte John Lasseters mit großem tech­ni­schen Aufwand vom Hause Pixar insze­nierter Anima­ti­ons­film Toy Story, wie brutal es im Kinder­zimmer wirklich zugeht: Sobald sie unbe­ob­achtet sind, erwachen die Spiel­sa­chen wie die Hein­zel­männ­chen und leben ihr eigenes Leben – das mit seinen Konkur­renz­kämpfen und Iden­ti­täts­krisen dem unsrigen zum Verwech­seln ähnlich sieht. Und da diese Toys auch echte Gefühle haben, sind die Menschen ihre größte Bedrohung. Im ersten Teil war es der Nach­bars­junge Sid, ein destruk­tiver Charakter, der seinen Zers­tö­rungs­trieb phan­ta­sie­voll an den Spiel­sa­chen seines Freundes Andy ausließ.

Auch in Toy Story 2 kann sich das Spielzeug nur auf sich selbst verlassen. Denn als Cowboy Woody, schon eine der Haupt­fi­guren des ersten Teils, eines Tages beim Spielen beschä­digt wird, reagiert sein Besitzer Andy mit kurz­fris­tigem Liebes­entzug. Auch dessen Mutter wird zur Bedrohung, schleicht sie sich doch heimlich ins Kinder­zimmer und rangiert das alte Spielzeug ihres Sohnes aus. Eine erste Ahnung seiner eigenen Zukunft schleicht sich bei Woody ein, das Bewußt­sein der Tragik seiner eigenen Existenz und der skla­vi­schen Abhän­gig­keit von seinem Besitzer. Das Ende von dessen Kindheit wird auch das Ende des Spiel­zeugs sein. So wird Woody sich seiner eigenen Sterb­lich­keit bewußt; und Albträume zeugen von der Ahnung eines möglichen Todes in irgend­einer Floh­markt­kiste.

Hat man die meta­phy­si­sche Ausgangs­prä­misse Spiel­zeuge sind eigent­lich auch beseelte Lebewesen einmal akzep­tiert, geht somit alles im gewohnten Erzähl­muster des durch­schnitt­li­chen US-Main­stream weiter. Im Grunde ist Ttoy Story 2 zumindest in der Hinsicht ein geradezu hyper­rea­lis­ti­scher Film, als er die Wirk­lich­keit der Außenwelt und die Gültig­keit ihrer Wahr­neh­mung niemals infra­ge­stellt. Anders als in den Cyber­filmen der letzten Zeit geht es in Toy Story nicht um Sein und Schein, nicht darum, dass sich Puppen (oder Androiden) der Differenz bewußt werden, die sie von den Menschen trennt. Bewußt werden sie sich nur ihrer Abhän­gig­keit, in ihren inneren Erleb­nissen sind sie von ihren Besitzern eigent­lich ganz unun­ter­scheidbar.

Darum durch­leben sie auch – egal was passiert – keine anderen als mensch­liche Probleme. Als Woody auf einigen Umwegen von einem erwach­senen Spiel­zeug­sammler gestohlen wird, wird sich die Cowboy­figur nach dem Blick in die Zukunft analog auch ihrer eigenen Geschicht­lich­keit bewußt. Denn in den späten 50ern war Woody ein berühmtes Spielzeug – bis zum Sput­nik­schock, als mit einem Mal nur noch Welt­raum­spiel­zeug Mode war. Jetzt will der garstige Sammler das wertvolle Samm­ler­stück gemeinsam mit anderen Figuren in ein japa­ni­sches Museum verkaufen. Das kitzelt Woodys Narzißmus. Denn im Museum winkt auch die Über­win­dung des Kinder­zim­mer­todes, das Verspre­chen einer sterilen Unsterb­lich­keit: »Und Gene­ra­tionen von Kindern werden Dich besuchen« erklärt ihm eine andere Figur. Zugleich sehnt sich Woody aber zurück in Andys Kinder­zimmer, von wo aus sich Buzz Lightyear und andere Spiel­sa­chen bereits auf die Suche gemacht haben...

Der Showdown ist technisch furios und unter­haltsam umgesetzt. Viele Anspie­lungen auf andere Filme – besonders eine grandiose Parodie auf Luke Skywal­kers Duell mit Darth Vader – machen den Kinder­film auch für Erwach­sene kurz­weilig. Doch alle Technik kann nicht über den tradi­tio­nellen Kern dieser Toy Story über die Kürze des Lebens hinweg­täu­schen: keine Freiheit winkt Woody, sondern zwei unter­schied­liche Formen von Gefan­gen­schaft. Indem er seinen Loya­litäts­kon­flikt gegen die »große« Ehre und ewige Jugend im Museum und für den sicheren Zukunfts-Tod als Knecht im Kinder­zimmer entscheidet, wählt er auch Heimat statt Aufbruch, Dienst und Selbstopfer statt Selbst­ver­wirk­li­chung. Ein Kampf um Aner­ken­nung findet nicht statt, die Herr-Knecht-Dialektik wird gestoppt, bevor sich richtig in Gang gesetzt war. Und die Moral der Spiel­fi­guren bleibt eine senti­mental-tradi­tio­nelle wie man sie schon aus alten Capra-Filmen kennt: »Wir müssen für Andy da sein.«

Wo Matrix die Realität als Ganze bestreitet, wo American Beauty gerade die ameri­ka­ni­sche Muster­fa­milie dekon­stru­iert und uns selbst Lasseters letzter Pixar-Film A Bugs Life auf unser eigenes großes Krabbeln in der Massen­ge­sell­schaft aufmerksam machte, da unter­nimmt Toy Story 2 die (Wieder-)Einübung in die tradi­tio­nelle Wirk­lich­keit.

(Eine gering­fügig verän­derte Fassung dieses Textes erschien auch in der Frank­furter Rundschau)

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