Stiller Sommer

Deutschland 2013 86 min. FSK: ab 6
Regie: Nana Neul
Drehbuch:
Kamera: Leah Striker
Darsteller: Dagmar Manzel, Ernst Sttzner, Victoria Trauttmansdorff, Marie Rosa Tietjen, Arthur Igual u.a.
Unaufgeregtes Sommerglck in Sdfrankreich

Die wilden Fnfziger

Bist du eigentlich glcklich, oder stellst du dir ein anderes Leben vor? – Szenen einer Ehe in Sdfrankreich: Kristine, eine Kunsthistorikerin und Herbert sind ein Paar. Zwei Alphatiere, die seit bald 30 Jahren verheiratet sind, und deren Partnerschaft schon einige Hhen und Tiefen erlebt hat, im Groen und Ganzen aber erstaunlich stabil und immer noch sehr gut funktionierend ist.

Pltzlich verliert sie ihre Stimme – und nimmt das als Zeichen, dass sie eine Auszeit braucht. Sie zieht sich in ihr Ferienhaus in den Cevennen zurck. Dort trifft sie berraschend ihre Tochter Anna, die durch eine wichtige Uni-Prfung gerasselt ist und sich mit ihrem Lover Franck zurckgezogen hat.

Bald trifft Kristine alte Freunde, auch Herbert kommt nach, und peu peu spitzt sich die Situation zu: Franck lsst nichts anbrennen und flirtet auch mit der Mutter seiner Freundin. So erlebt man eine Gruppe aus lauter ber 50-jhrigen, die sich im heien sdfranzsischen Sommer wie Teenager benehmen, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen. Aber auch Lebens- und Liebeslgen prallen aufeinander, unausgetragene Konflikte werden mit sich herum geschleppt. Die Tatsache, dass Hauptfigur Kristine nicht reden kann, ist da mehr ein – beraus sprechendes – Kuriosum am Rande. Zugleich nehmen alle Mitmenschen dieser sonst wohl sehr beredten Frau ihr erzwungenes Schweigen zum Anlass, endlich mal selbst zu sagen, was sie denken: Das Tolle an deinem Stimmverlust ist: Wir knnen gar nicht streiten. Du hrst mir zu. – Willst du nicht, oder kannst du nicht?

Regisseurin und Drehbuchautorin Nana Neul ist mit ihrem zweiten Spielfilm – ihr Debt Mein Freund aus Faro war vor einigen Jahren ein groer Festivalerfolg – ein sehr spannender und ungewhnlicher Film geglckt, der von einer sehr gelassenen, frhlichen Grundstimmung durchzogen ist. Gerade auch im Vergleich zu den blichen Beziehungsstoffen des deutschen Kinos wirkt er untypisch in seiner heiteren Leichtigkeit, seinem Charme, den nicht zuletzt die Tatsache ausmacht, dass hier endlich einmal ein Film seinem Publikum keine Lektionen erteilen will: Keiner MUSS sich hier den eigenen Lebenslgen und Abgrnden stellen, keineswegs findet jeder Topf einen Deckel und jedes Problem eine Lsung. Stattdessen werden wir Zeugen einer unausgesprochenen, auch unaufdringlichen Feier des Inkompletten, des ganz normalen Lebens: Was macht denn der da mit meiner Frau? – Flirten. Wir sind hier in Frankreich!

In vielem ist dies auch eine multiperspektivische Charakterstudie ber die verschiedenen Generationen: Die Hauptfigur Kristine ist manchmal aufgedreht und experimentierfreudig, eine Art Spthippie. Dann aber wieder still und melancholisch. Dagmar Manzel spielt diese Hauptrolle.

Auch sonst ist die Besetzung hervorragend: Ernst Sttzner spielt den immer vernnftigen, emotional scheinbar zugeknpften Ehemann, Hans Jochen Wagner und Victoria Trauttmansdorff sind in weiteren Rollen zu sehen.

Die gelassenste von allen Figuren ist die von Marie Rosa Tietjen gespielte Tochter. Von den vielen egozentrischen lteren wird sie ein bisschen vernachlssigt, links liegen gelassen. Schon deswegen fliegen ihr die Sympathien des Publikums zu. Man wei nicht recht, was sie antreibt, aber sie ist eine typische Reprsentantin ihrer Generation, auch darin, dass ihr die Eltern und ein gutes Verhltnis zu ihnen viel wichtiger ist, als es das ihren Eltern umgekehrt ist. Sie wirkt etwas unreif fr ihr Alter, muss sich abnabeln. Sie kommt immer wieder, Rebellion oder Boheme-Verhalten erlebt man bei ihr nur in zarten Anstzen.

Mit einer guten, entspannten Kamera, gefhrt von Ridley Scotts ehemaliger Kameraassistentin Leah Striker, die ihre Figutren mit poetischen Naturbildern der sdfranzsischen Landschaft kontrastiert, und in einer Erzhlweise, zu der gelungene Rckblickspassagen gehren, entfaltet der Film eine angenehme Rtselhaftigkeit. Filmsthetik und Handlung entsprechen einander auch darin, dass der Film mitunter etwas gefllig und gutgelaunt, aber richtungslos dahinpltschert wie ein ruhiges Gewsser, sich dann aber pltzlich in einen reienden Gebirgsfluss verwandelt, so wie in der Geschichte eine sommerliche Kanufahrt pltzlich eskaliert und zum Katalysator der Gefhle wird.

Denn Stiller Sommer legt Spuren und Rtsel, die sich im letzten Drittel zu einem dramatischen Finale bndeln. Allein schon deshalb sollte man sich den Film nicht entgehen lassen.

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