Scherbenpark

Deutschland 2013 · 95 min. · FSK: ab 12
Regie: Bettina Blümner
Drehbuch:
Kamera: Mathias Schöningh
Darsteller: Jasna Fitzi Bauer, Ulrich Noethen, Max Hegewald, Vladimir Burlakov, Jana Lissovkaja u.a.
Bildsprache ohne alle Klischees

Rachephantasie in den Stuttgarter Hochhausfeldern

Man nennt so etwas wohl einen sozialen Brenn­punkt: Scher­ben­park, das ist die scher­ben­be­deckte Mitte einer recht depri­mie­renden, häss­li­chen Plat­ten­bau­sied­lung irgendwo am Rande einer großen Stadt. Gedreht wurde der Film erkennbar in Stuttgart, es könnte aber auch woanders sein, Frankfurt, Köln, Berlin...

In diesem Scher­ben­park rotten sich die gelang­weilten Kids der sozialen Absteiger zusammen: Kleine Schlampen und große Jungs, Kinder, die schon früh alt aussehen und ohne Hoffnung sind. Außer einer: Sascha, eine kesse 16-jährige, die leicht erkennbar zu Besserem taugt, als zu diesem Leben in der Einsam­keit der Hoch­h­aus­felder.
Für den Alltag hat sich dieses Little Lost Girl harte Bandagen zugelegt: Eine kesse Lippe, um auf jeden sexis­ti­schen Spruch der dummen Jungs von nebenan eine Antwort zu haben, und eine raue Schale, um die vielen Kata­stro­phen ihres Lebens auszu­halten: Der Stief­vater hat die Mutter totge­schlagen, der kleine Bruder hat zugeguckt. Wenn sie gerade nichts Besseres zu tun hat, gibt sich Sascha halb scher­zhaften, halb ernst­haften Rache­phan­ta­sien hin: »Es gibt tausend Möglich­keiten: Ich könnte ihn vergiften, erwürgen, erstechen vom Balkon schmeißen, oder vom Auto über­fahren.«

Weil dies alles bis jetzt viel­leicht so geklungen hat, als habe man es bei dieser Verfil­mung von Alina Bronskys Debü­troman und Best­seller mit einem tristen Sozi­al­drama zu tun, in dem wir hässliche Menschen in häss­li­chen Umge­bungen schön finden sollen – so ist Scher­ben­park doch tatsäch­lich das Gegenteil. Denn es ist eine Befrei­ungs­ge­schichte, ein opti­mis­ti­scher Film, voller Humor, voller prak­ti­scher Lebens­klug­heit, dabei mit dem nötigen Schuss Verrückt­heit, mit einer durchweg tollen Darstel­ler­riege.

Allen voran die berü­ckende Jasna Fritzi Bauer als Sascha. Hinter der harten Schale dieser rotzf­re­chen Göre verbirgt sich selbst­ver­s­tänd­lich eine verlet­z­liche Seele. Der begegnen wir in dem Moment, in dem Sascha den Jour­na­listen Volker kennen­lernt, der ihr Ersat­zvater wird, gespielt von Ulrich Noethen, und dessen Sohn Felix, in den sie sich ein bisschen verguckt. Beide zusammen öffnen ihr eine andere Welt voller Bildung und Wohlstand, aber auch mit wiederum ganz eigenen Nöten. In dieser Welt, in der ganz andere Regeln gelten, als im Scher­ben­park, ist sie eine Weile zu Gast, ohne ihre Herkunft doch zu verraten. So entspinnt sich eine filmische Konfron­ta­tion der Kulturen und eine unge­wöhn­liche Drei­ecks­ge­schichte.

Die Regis­seurin Bettina Blümner ist durch ihren frechen Doku­men­tar­film Prinz­es­sin­nenbad bekannt geworden – auch diese eine intime, sensible, realis­ti­sche Studie von Mädchen an der Schwelle zum Erwach­sen­sein.

Blümner findet für Saschas Geschichte einen warm­her­zigen, unprä­ten­tiösen Ton und eine Bild­sprache, die ohne alle Klischees auskommt. Ihre Groß­stadt­prinz­essin lebt in keinem Märchen­land, vielmehr in der Wirk­lich­keit. Von dieser erzählt sie mit Würde und vor allem mit viel Witz.

Scher­ben­park doziert nicht, ist lebensnah und ehrlich – ein zeit­ge­mäßer, filmi­scher Roman des Erwach­sen­wer­dens, der uns Zuschauer bis zur letzten Minute in Atem hält.

»Manchmal denke ich, ich bin die einzige in unserem Viertel, die noch Träume hat. Ich hab' zwei: Ich will meinen Stief­vater Vadim töten. Und ich will ein Buch schreiben. Über meine Mutter Ich hab auch schon den Titel: »Die Geschichte einer hirnlosen rothaa­rigen Frau, die noch leben könnte, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte.«

Irgend­wann bricht Sascha dann auf. Sie ist noch lange nicht an ihrem Ziel ange­kommen. Erst muss sie die Scherben ihres Lebens wieder zu einem Gesamt­bild zusam­men­fügen.

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