Persepolis

Frankreich 2007 · 98 min. · FSK: ab 12
Regie: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi
Drehbuch: ,
Musik: Olivier Bernet
Zeugin des Mullah-Regimes

»Jeder hat immer eine Wahl«

Heimatverlust und Selbstbehauptung

Eine Jugend zwischen Iran und Europa, eine gefühl­volle Geschichte über Toleranz, Selbst­be­haup­tung und Nonkon­for­mismus – Perse­polis, die bisher zwei­tei­lige Graphic Novel von Marjane Satrapi gehört zu den inter­es­san­testen Kunst­werken des letzten Jahr­zehnts. Glei­cher­maßen ästhe­ti­sches Neuland betretend wie kulturell und politisch brisant, kam der erste Band 2004 quasi aus dem Nichts und wurde zum Best­seller, der – eindring­lich und über­ra­schend – gleich die Wahr­neh­mung seines Genres revo­lu­tio­nierte. Jetzt hat Satrapi, in Paris lebende iranische Emigrantin, Jahrgang 1969, gemeinsam mit Vincent Paronnaud ihr Werk kongenial für die Kino­lein­wand umgesetzt – das Ergebnis ist ein überaus span­nender, zugleich berüh­render wie heraus­for­dernder Anima­ti­ons­film. Die unkon­ven­tio­nelle Animation wirkt dabei wie der Buch-Stil einfach, zugleich schlicht und elegant, ein wenig wie ein Holz­schnitt. Durchaus erinnert das Ganze auch an Art Spie­gel­mans vielfach gefei­erten Schwarz­weiß-Comic Maus – Die Geschichte eines Über­le­benden über den Holocaust. Subtil wird das Schwarz­weiß durch Grautöne und wenige, umso eindring­li­chere Farbein­sätze ergänzt und treffend in Bewegung gebracht – eine aufre­gende Erfahrung. Hübsch und im Ergebnis über­zeu­gend ist auch der Einfall, die Rolle der Satrapi im Original von Chiara Mastrio­anni sprechen zu lassen, und die ihrer Mutter von Mastroi­annis leib­li­cher Mutter Catherine Deneuve. Die deutsche Synchro­ni­sa­tion arbeitet unter anderem mit den Stimmen von Jasmin Tabatabai, Nadja Tiller und Hanns Zischler.

Erzählt wird analog zu den Buch­aus­gaben (Perse­polis – Eine Kindheit im Iran, Perse­polis II – Jugend­jahre) weit­ge­hend auto­bio­gra­phisch die Lebens­ge­schichte der Autorin und ihrer in Teheran lebenden Familie. Als Kind erlebte sie noch die letzten Jahre der Schah-Herr­schaft, wurde dann 1979 Zeugin der Revo­lu­tion und der ersten Jahre unter dem Regime der Mullahs. Vor allem diese Phase, in der sich die Hoff­nungen auf ein besseres Leben und gesell­schaft­liche Libe­ra­li­sie­rung als Illu­sionen erwiesen, in denen der Aufbruch­selan der Revo­lu­tion in einer bleiernen Schre­ckens­herr­schaft zerbarst, die die Repres­sionen der Schah-Diktatur noch um ein Viel­fa­ches über­trifft, wird ausführ­lich geschil­dert.

Dem kleinen Mädchen machte das Revo­lu­tions-Spiel zunächst einmal einfach nur Spaß: »Es ging vielen Kindern so. Man hatte diese Massen­be­we­gung, die Strassen waren voller Leute, die herum­rannten, Flug­blätter trans­por­tierten, Geheim­nisse hatten. Alle sprachen plötzlich mit allen. Es hat etwas Erhe­bendes, wenn Leute so stark an etwas glauben. Speziell die Frauen, die unter ihren Tschadors Gewehre trans­por­tierten – das war einfach ein Riesen­a­ben­teuer für uns Kinder. Wir spielten Schießen, Verfolgen, Verhaften, zum Horror unserer Eltern.«

Satrapi stammt aus dem gehobenen Bürgertum der Haupt­stadt, einer links­li­be­ralen, repu­bli­ka­nisch gesonnen welt­of­fenen Schicht, zu der es in Deutsch­land kein Pendant gibt, während sie auch in den roma­ni­schen Ländern Europas verbreitet ist: Sehr gebildet, sehr politisch, sehr bürger­lich, unter­s­tützte man die Revo­lu­tion aus Frei­heits­sinn, obwohl man von ihr ökono­misch kaum profi­tierte, und wurde dann bald bitter enttäuscht. Proto­ty­pisch steht für diese Entwick­lung vor allem Satrapis geliebter Onkel, ein Intel­lek­tu­eller, der unter dem Schah oppo­nierte, und seinen bereits skep­ti­schen Verwandten noch opti­mis­tisch »Vertraut dem Volk« erwidert – nur einen Tag, bevor ihn die Häscher der Mullahs in die Todes­zelle werfen.

Satrapi erinnert entschieden daran: Der Iran war immer ein laizis­ti­sches Land, die Revo­lu­tion war eine poli­ti­sche, bürger­liche, pro-westliche, die dann von den Mullahs ins Reak­ti­onäre, Religiös-Funda­men­ta­lis­ti­sche umfunk­tio­niert wurde. Der Film stellt schwie­rige Fragen und verwei­gert einfache Antworten, er ist voller unbe­kannter Geschichten und Infor­ma­tionen, wie der, dass es unter dem Schah im Iran 3000 poli­ti­sche Gefangene gab, unter Khomeini 300.000, fast noch bemer­kens­werter sind aber die detail­lierten Schil­de­rungen des Alltags einer Kindheit im Iran, deren Heran­wach­sende zunächst kaum etwas von den Kindern des Westens trennte: Sie schwärmten für Punk und Adidas, Bruce Lee, ABBA und Kim Wilde, liebten Pommes Frites und Coca Cola, bevor ihnen die religiöse Raser all das als »westliche Dekadenz« verboten. Dabei überwiegt im Film das Gefühl einer großen Enttäu­schung über ein Land, das plötzlich verrückt spielt, und darüber, dass es vor allem das Volk war, das vom Schah befreit wurde, sich aber dann leicht­fertig selbst neuen, ungleich schlim­meren Dikta­toren hingab.

Und auch die Erin­ne­rung an die histo­ri­sche Vorge­schichte des Ayatolla-Regime kommt nicht zu kurz. eine der trau­rigsten Momente des Films ist der Bericht vom Zwischen­spiel des Premier­mi­nis­ters Mossadegh ein, der die Ölin­dus­trie verstaat­lichte und daraufhin 1953 vom CIA gestürzt wurde – ein symbo­li­scher Augen­blick. Die Verstaat­li­chung des Öls wurde rück­gängig gemacht, und von nun an war der Schah für 25 Jahre eine Mario­nette der USA.

Trotz all dieser Bemer­kungen ist Perse­polis keines­wegs eine Geschichts­lek­tion oder ein poli­ti­sches Traktat. Voller mensch­li­cher Wärme stehen vielmehr der Zusam­men­halt der Familie und die zuneh­menden Gefahren des Lebens im Gottes­staat im Zentrum. In bezau­bernder Weise gelingt es dem Film dabei, die Perspek­tive eines Kindes in ihrer Mischung aus Naivität und Klarsicht zu repro­du­zieren. Immer wieder kommt es zu Momenten wie Marjanes Fanta­sie­gesprächen mit Gott oder Karl Marx, die zunächst »nur« witzig scheinen, plötzlich aber erschre­ckenden Ernst entfalten – und überaus kluge Einsichten vermit­teln.
Der Film zeigt mit einfachsten Mitteln und Szenen, wie drastisch sich das Leben ändern kann, wenn Into­le­ranz überhand nimmt, wenn Regie­rungen und Insti­tu­tionen aller Welt ihre singuläre Version Gottes oder andere Welt­an­schau­ungen in eine ideo­lo­gi­schen Waffe verwan­deln.

In Perse­polis siegt die indi­vi­du­elle Selbst­be­haup­tung. Dies gilt doppelt, denn wenn Marjane in der zweiten Film­hälfte von ihren Eltern – um sie vor Repres­sionen der Mullahs zu schützen – ins öster­rei­chi­sche Ausland wechselt, und dort zu Schule geht, ist sie neuen Anfech­tungen ausge­setzt. Insofern ist Perse­polis weniger ein Film über Heimat­ver­lust, als über Freiheit, dessen einzige Moral lautet: »Jeder hat immer eine Wahl.«

top