Our Beloved Month of August

Aquele Querido Mês de Agosto

Portugal/Frankreich 2008 · 150 min. · FSK: -
Regie: Miguel Gomes
Drehbuch: , ,
Kamera: Rui Poças
Darsteller: Sónia Bandeira, Fábio Oliveira, Joaquim Carvalho, Andreia Santos, Armando Nuñes u.a.
Karaoke: Augen zu und durch

Später Sommer

Ein leichter Sonnen­stich der Absur­dität durch­dringt in positiver Weise Aquele Querido Mês de Agosto. Es geht um eine Coming-of-Age-Geschichte, dazu kommt noch die Möglich­keit eines inzes­tuösen Verhält­nisses zwischen Vater und Tochter, die ihrer verschwun­denen Mutter zum Verwech­seln ähnlich sieht. Die Figu­ren­kon­stel­la­tion löst sich schließ­lich wie in einer klas­si­schem Komödie zugunsten der jungen Liebenden (Cousin und Cousine) und gegen die »dummen« Alten auf. Aber nicht diese von Abgrün­dig­keit durch­setzte Feuilleton-Geschichte macht den Film aus; will man von ihm sprechen, so muss ein völlig anderer Zugang gewählt werden, um das unfassbar Schöne, den reinen Sonnen­schein, den der Film ausstrahlt, zu begreifen.

Der Film erzählt nicht auf konven­tio­nelle Weise. Vielmehr ist mehr als sein Drittel ein fast unver­bun­denes Anein­an­der­reihen von einge­fan­genen, scheinbar oder anschei­nend (je nachdem, welche Inten­tio­na­lität man dem Regisseur unter­stellen mag) doku­men­ta­ri­schen Momenten: ein Hühner­ge­hege, um das der Fuchs schleicht und plötzlich mit einem Satz die Hühner in alle Rich­tungen fliehen lässt; ein gejagtes Wild­schwein, dem man beginnt, das Fell abzu­ziehen; ein hinkender Dorf­bur­sche, der von seinem alljähr­li­chen Sprung von der Brücke in den Fluss beim Dorf Arganil berichtet; das Interview des Filme­ma­chers mit einem Engländer, der sich in dem portu­gie­si­schen Dorf nieder­ge­lassen hat, weil er es für das immer­wäh­rende Urlaubs­pa­ra­dies hält, während seine weibliche Beglei­tung beharr­lich von Ressen­ti­ments und Rassismus gegenüber Fremden spricht. Die Moment­auf­nahmen sommer­li­chen Tuns oder Nichttuns rhyth­mi­siert Gomes durch die Auftritte von Dorfbands und Karaoke-Abende, deren Namen in doku­men­ta­ri­scher Manier einge­blendet werden. Die Musik ist eher trashig, oft melan­cho­lisch, versonnen und hoffend. Mittel­mäßige Kapellen spielen hier vergnü­gungs- und liebeshung­rigen Dorf­be­woh­nern ein Ständchen und bringen sie mit den schnul­zigen Texten ihrer Lieder zum Träumen.

Gomes hat diesen ersten Part des Films, der mehr als eine Stunde einnimmt, aus einer Art Verle­gen­heit heraus gedreht. So jeden­falls will es die Legende, die sich um die Entste­hung des Films rankt, und die im Film selbst thema­ti­siert wird. Gomes kam im August 2006 in das Städtchen Arganil in Zentral­por­tugal, einer Gegend, die ihm seit seiner Kindheit bekannt ist für das ausge­las­sene Abfeiern im Monat August. Vor der karne­val­esken Kulisse der Sommer­fe­rien wollte er ein musi­ka­li­sches Melodram drehen mit der oben skiz­zierten Coming-of-Age-/Inzest-Geschichte. Nur hatte er leider zu wenig Mittel für seinen Film auftreiben können, und kam also mit seinem Filmteam an den Ort ohne die Möglich­keit, Schau­spieler enga­gieren zu können. Aus Verle­gen­heit – »und weil man nun mal schon da war« – so wird gesagt, begann er, seine Umgebung doku­men­ta­risch abzu­filmen. In der Montage hat er dieses Material der Wirk­lich­keit zu unver­bun­denen szeni­schen Momenten zusam­men­ge­schnitten, ein post­kar­ten­ar­tiges Aufbe­wahren von Erleb­nissen, die er in diesem Drehmonat hatte.

Der Film thema­ti­siert die Misere, kein Geld für Schau­spieler zu haben und dem eigent­li­chen Film­pro­jekt nicht gerecht zu werden, auf einer Meta-Ebene, einem Film-im-Film, in dem Regisseur und Produzent zusammen an einem Tisch sitzen, der Produzent sorgen­voll über das Drehbuch gebeugt, der Regisseur zerknirscht sein Vorgehen erläu­ternd. Eine dieser Meta­szenen wird dann Schar­nier­funk­tion über­nehmen, und in der Frage nach den Schau­spie­lern, die aufgrund mangelnder Gelder nicht gecastet werden können, in den gespielten Teil des Films über­leiten.

Diesen zweiten Teil reali­sierte Gomes dann ein Jahr später, wieder im August, am selben Fleck. Seine finan­zi­elle Not hat sich nur zum Teil gelöst. Profes­sio­nelle Schau­spieler wurden nicht gefunden, der Produzent spielt höchst­per­sön­lich den unter Inzest­ver­dacht stehenden Vater, und die beiden Mädels, die im Film agieren, stammen aus dem Dorf. Sie bewarben sich infolge eines Casting-Aufrufs, was im Film miter­zählt wird. Diese selbst­re­fle­xive Brechung der Spiel­hand­lung wird immer wieder als Hinweise auf den Akt des Filmens aufge­griffen: des öfteren sind Tonarme im Bild zu sehen, der Kame­ra­mann wird von den Prot­ago­nisten erwähnt. Die erzählte Ebene wird damit immer wieder verlassen und von außen ange­blickt, woraus ein leicht­füßiges Sich-nicht-ernst-Nehmen des Films entsteht.

Es dauert lange, bis sich aus den eher unver­bun­denen Moment­auf­nahmen des Dorf­ge­sche­hens und den vielen poten­ti­ellen Prot­ago­nisten die eigent­li­chen Hand­lungs­träger und ihre Geschichte heraus­schälen. Gomes kommt auch hier immer wieder auf seine doku­men­ta­ri­sche »Expo­si­tion« zurück, indem Motive oder Gesprächs­themen wie ein Echo wieder­kehren, und vor allem, indem er die Haupt­figur, Tânia, Popstar des Dorfes sein lässt. Sie lässt, wie die doku­men­ta­ri­schen Bands zuvor, die Dorf­be­wohner durch die Texte ihrer Lieder träumen, und Gomes lässt sie mit ihren Texten zugleich auch die melo­dra­ma­ti­sche Handlung des Films kommen­tieren, gleich einem antiken Chor, der von außen auf das Geschehen blickt und dem Ganzen ein zusätz­li­ches Durch­schlupf­loch bietet, um der Fiktion zu entkommen.

In Aquele Querido Mês de Agosto ist alles erlaubt: von den doku­men­ta­ri­schen Bildern in die Fiktion hinein­zu­gleiten, und wieder zurück; aus den gefilmten Bildern heraus­zu­treten in die Ebene des Filmens, und einfach wieder hinein (wie ein Blick in und hinter den Spiegel). Was dabei Ernst ist, also unin­sze­nierte, doku­men­ta­ri­sche, »echte« Wirk­lich­keit, und was Spaß, also freies Spiel der Insze­nie­rung, das bleibt letztlich schwer entscheidbar. Wie im Vexier­bild, je nachdem, welche Ebene fokus­siert wird, erscheint das eine oder das andere mehr plausibel. Fest steht: das Verwirr­spiel mit den Ebenen des Realen und des Fiktiven hat die narra­tiven Konven­tionen aus ihrem Korsett befreit, und das Jonglieren mit den doku­men­ta­ri­schen Versatz­stü­cken ist die geniale Voraus­set­zung für diesen sommer­leichten Film.

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