Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat

Valkyrie

USA/D 2008 · 120 min. · FSK: ab 12
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: ,
Kamera: Newton Thomas Sigel
Darsteller: Tom Cruise, Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson u.a.
Wie man weiß: Tom Cruise spielt Stauffenberg...

Superman gegen Hitler

»God promised Abraham that he would not destroy Sodom unless he could find ten righteous men... I have a feeling that for Germany it may come down to one.« Der Ton ist hoch, die Ostfont weit in Valkyrie (dt.: Operation Walküre – Das Stauf­fen­berg-Attentat), Holly­woods Aneignung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944. Meist ist die Leinwand düster, die Farben entsät­tigt bis zu jenem blau­grauen Grundton, mit dem nicht nur im deutschen Fernsehen gern die schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte farblich markiert werden, auch wenn Wehr­machts­uni­formen eine geringere Rolle spielen, als hier. Der größte Vorteil dieses Films ist: Man hat viel Schlim­meres befürchtet. Und an all dem gemessen, ist Valkyrie eine positive Über­ra­schung: Denn, ja, der Film ist weitaus weniger peinlich, als man erwarten musste. Er ist das trotz, zum Teil sogar auch mit Tom Cruise in der Stauf­fen­berg-Rolle. Daher die erleich­terten Reak­tionen aus den USA und in ersten deutschen Kritiken. Ist Valkyrie deswegen ein guter Film? Nein. Nicht wirklich.

Aber zunächst mal hier für jene Film­freunde, die sich die Spannung nicht nehmen lassen möchten, eine Spoi­ler­war­nung. Wer jetzt weiter­liest, erfährt wichtige Details des Plots, also: bitte nur auf eigene Gefahr. Wir müssen nämlich verraten, dass Hitler das Attentat überlebt. Und Stauf­fen­berg wird am Schluß hinge­richtet. So ein Mist, selbst der gefühlt zehnte Leinwand-Stauf­fen­berg hat versagt, selbst ein Tom Cruise hat es nicht geschafft, Hitler zur Strecke zu bringen. Dabei hat Cruise doch schon so lange geübt. Quasi seit dem Sand­kasten, und immerhin ist er jetzt 46. Bereits im Alter von sechs Jahren, so lies Cruise schon vor Monaten eine erschüt­terte Welt via Boule­vard­presse wissen, habe er auf das Attentat gegen den Führer hinge­ar­beitet.
»Ich wollte Hitler töten« – diesen Satz, vor Monaten bereits Schlag­zeile, wieder­holte Cruise auch jetzt bei der Euro­pa­pre­miere des Films gebets­müh­len­artig wieder. Und berich­tete von Tagträumen als Kind, in denen er sich bereits vorge­stellt habe, gegen das Böse namens Hitler zu kämpfen. »Ich wollte Hitler töten« – wenn ein Kind so etwas tatsäch­lich sagt, mag das ein Beispiel von infan­tilem Wahnsinn sein und ein Fall für den Kinder­the­ra­peuten. Aber jetzt ist er ja irgendwie schon erwachsen. Zu spät.

Ande­rer­seits: Schon schade, dass Tom Cruise 1944 oder gar 1933 noch nicht am Leben war, er hätte es bestimmt geschafft. Denn an ihm liegt es wirklich nicht, dass es wieder schief geht. Es ist wie bei einem Videogame, wo man immer wieder an der gleichen Stelle scheitert. Noch zwei, drei Versuche, und es wird irgend­wann schon klappen. Auch an Stauf­fen­berg hat's nicht gelegen, dass macht Bryan Singers Film klar: »Findet sich da drüben im Führer­haupt­quar­tier kein Offizier, der das Schwein mit der Pistole umlegt?« Als er dann selbst vor Ort war, hatte er nur noch drei Finger, die anderen liegen irgendwo im Wüsten­sand von Tunesien.

Denn so geht es los: Am Anfang kracht und scheppert es erstmal, wie man es von einem anstän­digen Nazifilm, zumal aus Amerika gewohnt ist. Diesmal nicht leidende Deutsche im Bomben­keller, sondern Flie­ger­an­griff beim Afrikakorps. Gerade wollte Stauf­fen­berg noch wieder mal kess über den Führer schimpfen, da kommen die nervigen Engländer und unter­binden jeden Wider­stand schon im Ansatz. Bomben, MG-Salven, umher­flie­gende Autos, Feuer und am Ende sieht der eben noch ganze Tom Cruise aus wie Lord Nelson, bezie­hungs­weise Stauf­fen­berg – und die Atten­tats­pla­nung kann beginnen. Dieser Auftakt mag Holly­woods erprobter Action­logik folgen, hat jedoch zumindest den großen Nachteil, dass er seinen Helden gleich zu Anfang schwächt, indem er jene zumindest einsei­tigen Inter­pre­ta­tionen unter­s­tützt, nach denen der histo­ri­sche Stauf­fen­berg ein folgsamer Nazi war, der erst durch seine Verwun­dung zum Wider­s­tändler mutierte.

Jetzt sieht man ihn in Deutsch­land, vorzugs­weise mit brütendem Gesichts­aus­druck, inklusive gekräu­selter Stirn, wie in Cruise immer hat, wenn er ernst gucken will, sieht ihn noch im Kran­ken­bett zum Äußersten entschlossen. Aber da dies ein Film von Bryan Singer ist, der ja schon zwei gute und eine schlechte Comic-Verfil­mung verant­wortet, darf man, ohne dem Herrn zu nahe zu treten, auch für einen Augen­blick an Comic-Super­helden denken. »Ich bin die Sache genau wie X-Men ange­gangen.« sagt Singer selbst. Zum Stan­dard­topos des Super­helden (wie des Super­schurken) gehört nämlich das Motiv der physi­schen Verän­de­rung: Batman oder Spider-Man verschmelzen sogar mit avan­cierter Technik. Wenn Stauf­fen­berg/Cruise hier sein funkelndes Glasauge bedeu­tungs­schwer zwischen den Fingern rollt, es später gar in ein Whis­key­glass tunkt – ist das nicht ein Motiov aus einem anderen Genre? Viel­leicht sogar eines aus mehreren. Denn es ist auch einfach gruselig, ein Motiv aus dem Horror­kino. Ein mythi­sches Bild, wenn sich der Held selbst ins Auge blickt. Stauf­fen­berg als Phantom?

Das passt auch zur übrigen Bild­sprache: Düstere Szenerien, entsät­tigte Farben, unun­ter­bro­chen pathe­ti­sche Orches­ter­musik, die von Suspense, Heldentum und Opfermut kündet, und gele­gent­li­cher Gewit­ter­donner, der schick­sals­schwer in die Bilder hinein­schlägt – fast schon wie in einem alten B-Horror­film. Graf Dracula lässt grüßen.

Doch der lange Film über das Töten, handelt ja nicht von untoten Vampiren, sondern von der noch höchst leben­digen deutschen Geschichte. In seiner Insze­nie­rung und Bild­sprache ist der Film zumindest viel besser als Der Untergang. Die Stereo­typen der Nazi-Ästhetik werden vermieden, es gibt zwar viel Hacken­schlagen und gewichste Stiefel, aber keine Erre­gungs­schauer beim Nachäffen von Riefen­stahl-Bildern. Dazu ist Singer zu nahe am Comic, dazu ist er sich der eigenen Bild­sprache zu sicher.

Brav und in den reinen Fakten ziemlich präzis, erzählt der Film die Ereig­nisse vom 20.7.44 nach. Brav und präzis heißt aber noch lange nicht gut. Im Berliner Tages­spiegel erklärten die Histo­riker und Wider­stands-Experten Peter Steinbach und Johannes Tuchel jetzt (Tages­spiegel, Dienstag, 20. Januar 2009), der Film liefere »ein flaches und falsches Bild« der Ereig­nisse, und sei »ein Rückfall in längst über­wun­dene Geschichts­bilder«. »Histo­ri­sche Realität erschöpft sich nicht in korrekt sitzenden Uniformen und in der Nutzung histo­ri­scher Schau­plätze. Im Gegenteil: Der Film vernach­läs­sigt die Motive, Dimen­sionen, Vielfalt, Dynamik und auch Wider­sprüch­lich­keit des Wider­stands in gradu­eller Stei­ge­rung und zeit­li­cher Entwick­lung – eine drama­ti­sche Geschichte wird im Ergebnis fast bis zur Unkennt­lich­keit reduziert.«

Natürlich ist Valkyrie keine histo­ri­sche Doku­men­ta­tion, sondern ein Spielfilm. Und natürlich hat jeder Film das Recht, seine eigene Geschichte zu erzählen, ein histo­ri­sches Ereignis zu verein­fa­chen. Nichts, aber auch gar nichts ist daher zu sagen gegen das Reich der Fiktion, und wenn dabei ein guter Film rauskommt, sollen sie meinet­wegen Hitler auch umbringen dürfen. Aber das Miss­ver­s­tändnis der soge­nannten Filmer »reiner Unter­hal­tung« besteht immer wieder darin, dass sie in den histo­ri­schen Fakten nur Material und beliebig verschieb­bare Kulissen sehen, nicht erkennen, dass diese selbst ein drama­ti­sches Material enthalten, und es deren Kunst wäre, dieses auszu­schöpfen – so sind Shake­speares Stücke in vielen Einzel­heiten auch keines­wegs korrekt. Aber sie stimmen im Ganzen, und sind überdies richtig gut erzählt.

Und wenn man jetzt am liebsten schon mal ausführ­lich schreiben möchte, dass da im Ergebnis vieles schief ist an dem Bild, das Valkyrie von diesem Abschnitt deutscher Geschichte zeigt, dann geht es, gar nicht, wie der verehrte Claudius Seidl in der FAS schrieb, darum, »dem Drehbuch den einen oder anderen angeb­li­chen Fehler im histo­ri­schen Detail nach­zu­weisen«, sondern es geht darum, denje­nigen zu wider­spre­chen, die jetzt eben behaupten, der Film zeige ein authen­ti­sches Bild des tatsäch­li­chen Gesche­hens, und habe ganz und gar keine Fehler im histo­ri­schen Detail. Auch Leopold von Ranke war ein guter Erzähler und trotzdem ein guter Histo­riker. Bryan Singer möchte Letzteres gar nicht sein, ihm genügt es, als guter Erzähler durch­zu­gehen, und zwar weniger als Thomas Mann, eher als Bram Stoker, der ja auch ein Fall für die Lite­ra­tur­ge­schichte ist, aber eben dann viel­leicht doch nicht für den Nobel­preis.

Valkyrie nun funk­tio­niert weder als Thriller, dafür gibt es zuwenig Suspense – und Gedröhne ist nicht dasselbe –, und man weiß von Anfang an, wie es ausgeht, noch wird er der Komple­xität der histo­ri­schen Ereig­nisse gerecht. Beides hat nichts damit zu tun, dass hier ein Haufen Nazi-Offiziere als Holly­wood­helden gezeigt wird, und viel­leicht ist es auch nicht so schlimm, dass man das Ergebnis kennt – auch Der Schakal hat einen Terro­risten zum Held, und man weiß, dass De Gaulle nicht durch ein Attentat ums Leben kam.

Verschenkt wird nicht zuletzt die Helden­figur: Der Film zeigt Stauf­fen­berg als einen nie an seiner Mission – der Rettung Deutsch­lands und Europas – zwei­felnden Über­zeu­gungs­täter. Der Stauf­fen­berg, der zur Zeit des Kriegs­be­ginns noch an Hitlers Endsieg glaubt, wird nicht gezeigt, eben­so­wenig der Aris­to­krat und George-Kreis-Anhänger, die polnische Gefangene in seinen Briefen einst als »willige und geeignete Arbeits­kräfte für Deutsch­land« bezeichnet hatte. Hat es eine Figur wie Stauf­fen­berg denn überhaupt nötig, dass man sie einseitig heroi­siert, und wichtige Abschnitte ihrer Biogra­phie unter den Tisch fallen lässt. Wird hier der Hitler Atten­täter nicht eher beschä­digt, wenn man ihn seiner Komple­xität beraubt? Und was richtet ein solches Bild auf Dauer in den Köpfen der Zuschauer an?

Stauf­fen­berg müsste nicht das Zentrum des Film sein, soll es aber. Ein Superheld gegen Hitler. Um so schwerer wiegt, dass Cruise dieses Zentrum als Mann ohne Eigen­schaften spielt, und so zur leeren Mitte werden lässt. Es sind ein bisschen zu abge­stan­dene Bühnen­re­qui­siten, auch wenn Stauf­fen­bergs Augen­klappe ja histo­risch ist. Cruise vor dem Spiegel, das ist dann doch nicht Stauf­fen­berg, sondern ein Eich­hörn­chen mit einer Augen­klappe.
Der Fall Tom Cruise ist ja besonders speziell: Er war selbst zu seinen erfolg­reichsten Zeiten nie der Aller­be­lieb­teste, konnte den popu­lärsten Massen­stars wie Bruce Willis oder Robert de Niro nicht das Wasser reichen. Sein Verhältnis zu den Medien war auch selten unpro­ble­ma­tisch – wer hätte nicht noch das peinliche Sessel­hupfen bei Oprah Winfrey vor Augen? –, und in Deutsch­land ist sein Image im Gegensatz zu den Staaten noch zusätz­lich stark durch seine Scien­to­logy-Mitglied­schaft belastet. Zuletzt kamen die Miss­er­folge seiner Film­pro­jekte hinzu. Mit anderen Worten: Cruise hat gute Presse und gute Kasse dringend nötig, und was eignete sich dafür besser als Valkyrie von Superman-Regisseur Bryan Singer – als die Rolle eines Wider­s­tänd­lers, der die Welt per Attentat vom Erzschurken Hitler befreien wollte, zum Märtyrer des besseren Deutsch­land wurde, und nebenbei den radical Chic eines blau­blü­tigen Wehr­machts­of­fi­ziers ausstrahlt?
Diese Instru­men­ta­li­sie­rung ist ein wenig zu sehr zu spüren. Und auch wenn Cruise nicht unbedingt etwas dafür, dass merk­wür­dige Leute wie der bizarre Florian Henckel von Donners­marck Elogen auf ihn schreiben, müsste er sich seiner Wirkung etwas bewusster sein.
Der 20. Juli als Werk nur eines Mannes – das ist histo­risch falsch und funk­tio­niert auf der Leinwand doppelt und dreifach nicht. Wenn schon, dann hätte Singer seinem Stauf­fen­berg mehr von Magneto geben müssen, mehr Doppel­bö­dig­keit, mehr Ahnung von dem Teufels­pakt, den auch er längst einge­gangen war. Und im Gegensatz zu seinem Mutanten-Comic X-Men zeigt Singer hier nun kein Bild der Konzen­tra­ti­ons­lager, motiviert er das Verhalten seiner Figuren nicht durch den Kontext. Wider­stand.

Noch schwerer wiegt, dass dieses Bild in Valkyrie fast in eine Art neuer Dolch­stoß­le­gende mündet: Im Felde unbesiegt sind die preußisch-aris­to­kra­ti­schen Militärs auch in diesem Film. Wenn man da nicht blöder­weise die auswei­chenden, unent­schlos­senen, feigen, zaudernden Bürger­li­chen, Politiker und Zivi­listen gebraucht, dann, ja dann... Die militä­ri­sche Oppo­si­tion von der zivilen zu trennen, ist politisch wie moralisch frech, und es ist rechte Propa­ganda. Es lenkt auch davon ab, dass der größte Teil der deutschen hohen Gene­ra­lität treu zu Hitlers Fahne stand.

Der Film zeigt die Zerris­sen­heit zumindest innerhalb der Generäle dann übrigens doch ganz gut, in einigen seiner Figuren. Brillant ist der Auftritt von Tom Wilkinson, der in der Rolle des einge­weihten, aber unbe­tei­ligten General Friedrich Fromm. Er spielt einen Menschen, an dessen Gesicht man ablesen kann, wie er fort­wäh­rend seine Chancen kalku­liert.

Im Film fällt einmal der Satz: »Ihr seid doch nur die Ratten, die das sinkende Schiff verlassen.« Da ist etwas dran, und es spricht für den Film, dass er diesen Satz enthält. Das sinkende Schiff ist ein Schiff namens »heiliges Deutsch­land«. Was »die Männer des 20.Juli« – hatten sie keine Frauen? – inter­es­sant macht, ist gerade, dass sie zu Verrätern wurden. An ihrem Eid, ihren eigenen Idealen. Da haben Stauf­fen­berg und die Anderen mit der RAF tatsäch­lich mehr gemeinsam, als beiden und vielen Beob­ach­tern lieb ist. Der Film zeigt, dass es gute Verräter geben kann. Kann. Er zeigt, dass Indi­vi­duen inter­es­santer sind, nicht nur für das Kino, als Stereo­typen. Und das die Abgründe von Indi­vi­duen nie ganz auszu­leuchten sind – nicht von Psycho­logen und von Histo­ri­kern schon gar nicht, die sich selbst darüber streiten, und in gewissem Sinn natürlich zu Recht, ob Stauf­fen­berg am Ende nun das »heilige« oder das »geheime« Deutsch­land gerufen habe.

Das alles wäre gar nicht nötig. Man muss sich auf manche Debatten gar nicht einlassen. So kompli­ziert wie es manche machen, liegen die Dinge beim 20. Juli nämlich gar nicht. Egal, wie sympa­thisch einem Stauf­fen­berg und manche andere der Verschwörer sind, egal, wie natio­nal­kon­ser­vativ ihre Gesinnung, egal wie spät sie sich zur Tat entschlossen, egal, wie sehr es sich hier aus histo­ri­scher Sicht mögli­cher­weise nur um einen »inner­sys­te­mi­schen« Putsch handelte – sie hatten im Gegensatz zu vielen anderen die Möglich­keit, sie haben es im Gegensatz zu vielen anderen gemacht. Am Ende zählt nur die Tat. Und da ist der 20.Juli tatsäch­lich nahe an Hollywood: Die Tat macht den Held.

top