Nackt

Deutschland 2002 · 100 min. · FSK: ab 12
Regie: Doris Dörrie
Drehbuch:
Kamera: Frank Griebe
Darsteller: Jürgen Vogel, Nina Hoss, Heike Makatsch, Benno Führmann u.a.
Benno Führmann und Heike Makatsch

Blinde Kuh

»Jetzt bin ich happy, früher war ich glücklich.« – sie fühlen sich offenbar schon ziemlich schlecht, die drei Paare, die Doris Dörries neuer Film für einen Abend während eines Essens umkreist. So ganz versteht man nicht, warum, denn in den schicken Wohnungen dieser Mitdreißiger geht es zuerst einmal ziemlich bunt und fröhlich zu: Eine hat eine lila­far­bene Perücke auf, einer fährt Fahrrad im Wohn­zimmer, die Wände leuchten poppig in allen Grund­farben, die Dialoge werden durch kurze Schla­ger­lieder – etwa Charles Aznavours »Du lässt Dich gehen« – unter­bro­chen, die eine der Figuren im Playback mitsingt, und am Ende ziehen sich fast alle richtig nackt aus und betat­schen sich...

Diese verkrampfte Ausge­las­sen­heit, die fröhliche Verzweif­lung, die hier in jeder Geste sichtbar wird, könnte zum Anfang und Anlass einer bitter­bösen Satire werden. Die Zuschauer könnten etwas erfahren über Abgründe hinter dem Wohlstand, über eine Gesell­schaft, der beim Tanzen auf dem Vulkan die Beine müde werden und die dicke Schminke auf den Gesich­tern zerläuft. So hat, mit spitzem Witz und eisiger Präzision der fran­zö­si­sche Drama­tiker Marivaux im 18.Jahr­hun­dert die innere Leere der höfischen Gesell­schaft seiner Zeit portrai­tiert, so entlarvten Holly­woods Scewball-Comedies in den 30er und 40er Jahren tief­sinnig unter humor­voller Ober­fläche eine Welt aus Trug und Schein, die sich nur mit roman­ti­schen Lebens­lügen und einer Illusion namens »Entschei­dungs­frei­heit« noch über den kalten Bezie­hungs­alltag einer verwal­teten Welt hinweg­täuscht.

Doch eine Satire hatte Dörrie nicht im Sinn, und ihr Film Nackt, basierend auf Dörries Bühnen­s­tück »Happy«, ist weder witzig, noch tief­sinnig, sondern nur öde. Offen­sicht­lich meint sie es nicht zeit­dia­gnos­tisch als genau Milieu­be­schrei­bung, sondern einfach ernst, wenn sie ihre Figuren plappern lasst: »Wir sind so einge­sperrt« oder »Vor einem Jahr haben wir alle noch ganz anders ausge­sehen. Da hatten wir Jeans und T-Shirt an.«. Und hält sie es für eine bedeu­tungs­volle Aussage, wenn man hört: »Wir sind komplett vorpro­gram­miert und austauschbar.« und »Jeder Augen­blick ist so wichtig.« Offenbar ist es keine, auch keine miss­glückte, Ironie, wenn die Figuren im Wohn­zimmer ein Camping­zelt aufschlagen oder eine Pelzjacke anhaben, sondern soll allen Ernstes Symbol sein für irgendwas wie Heimat­lo­sig­keit und soziale Kälte. Schließ­lich: reden, reden, reden. In echauf­fierten, über­langen Dialogen reiht sich eine Banalität an die nächste, nichts davon der Rede wert, alles ohne Charme. Und es mündet in ein »Blinde Kuh«-Spiel, bei dem die Bezie­hungs­paare testen, ob sie einander nackt mit verbun­denen Augen erkennen. Selten sieht man sechs Schau­spieler dieser Qualität – Nina Hoss, Jürgen Vogel, Alexandra Maria Lara, Mehmet Kurtulus, Benno Fürmann, Heike Makatsch – zusammen in einem Film. Aber die Chance bleibt nicht nur ungenutzt, die Schau­spieler werden samt und sonders beschä­digt durch den Mist, den ihnen die Regis­seurin antut.
Jedem kann einmal etwas miss­lingen. Aber Nackt ist so schlecht wie lange nichts im deutschen Kino, gerade weil die Fallhöhe offen­sicht­lich ist, weil sich nicht übersehen lässt, dass hier mehr gewollt ist, als in Mädchen Mädchen! oder Der Schuh des Manitu. Wäre die Regis­seurin jünger, hätte sie nicht längst bewiesen, dass sie geschmack­volle Filme und überdies gute Satiren drehen kann, würde man von Unreife sprechen. So bleibt einfach nur Ratlo­sig­keit und Enttäu­schung.

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