Süt

Türkei/D/F 2008 · 103 min. · FSK: ab 12
Regie: Semih Kaplanoglu
Drehbuch: ,
Kamera: Özgür Eken
Darsteller: Melih Selçuk, Basak Köklükaya, Riza Akin, Saadet Isil Aksoy, Tülin Özen u.a.
Yusuf sucht seinen Weg durchs Leben

Träume sind Milchschäume

Aus dem Leben eines Taugenichts – vom Erwachsenwerden in der Provinz

Man erkennt nicht sofort, worum es geht. Als ein paar Männer eine junge Frau an den Füßen binden und an einem Baum hoch­ziehen, und über ihrem Kopf ein Feuer entfachen, mag mancher gleich all seine Vorur­teile gegenüber der Türkei bestätigt fühlen. Dann wird auf dem Feuer ein Kessel mit Milch zum Kochen gebracht, und als die Dunst­schwaden in ihr Gesicht steigen, ringelt plötzlich aus dem Mund der Frau eine Schlange hervor – und wahn­sin­niger Moment von archai­scher Kraft, gleich in der ersten Einstel­lung dieses Films. Es gibt ein paar solcher Bilder in Süt, die man auch lange nach dem Film nicht wieder vergessen kann.

Was das alles soll, ist eine andere Frage. Ein scha­ma­ni­sches Ritual, ein Exor­zismus, keines­wegs natu­ra­lis­tisch gemeint, sondern eine verspielte Bestä­ti­gung der auf magischen Realismus zielenden Erwar­tungen, die auch in der Türkei das gebildete urbane Publikum gegenüber dem fremd gewor­denen Landleben mit seinen Tradi­tionen, Bräuchen und Geheim­nissen hegt – und zugleich deren ironische Brechung. Man darf vermuten, dass der Regisseur Semih Kapla­noglu auch einfach den Zauber eines solchen Film­mo­ments auskostet, die pure Schönheit des Augen­blicks, in dem sich die Schlange zeigt.

Süt, auf deutsch »Milch«, hatte seine Premiere 2008 beim Film­fes­tival in Venedig und ist der zweite Teil einer Trilogie, in der Kapla­noglu von Yusuf erzählt: Der erste, Yumurta (Das Ei) lief 2007 in Cannes, der dritte mit dem Titel Bal (Honig) wird in wenigen Wochen im Wett­be­werb der Berlinale zu sehen sein. Aber auch wenn es unter­ein­ander Bezüge gibt, steht jeder Film für sich, zumal das Ganze gegen die Chro­no­logie rückwärts erzählt ist: In Yumurta kam Yusuf als Mitt­dreißiger zur Beer­di­gung seiner Mutter in sein Heimat­dorf zurück; als latent frus­trierter Intel­lek­tu­eller, dessen Hoff­nungen sich in der Metropole Istanbul nicht ganz erfüllt haben. Dies im Gedächtnis erlebt man Yusuf nun als etwa Acht­zehn­jäh­rigen. Er ist mit der Schule fertig, und soll, wenn es nach seiner Mutter geht, etwas Anstän­diges lernen, und endlich die Flausen los werden: Yusuf träumt nämlich von einem Leben als Schrift­steller, in seinem Zimmer hängt ein Bild von Rimbaud, wenn endlich Ruhe einge­kehrt ist, tippt er nachts Gedichte in seine Schreib­ma­schine, die er dann an Lite­ra­tur­zeit­schriften schickt – und eines Tages werden sogar ein paar veröf­fent­licht. Für die Älteren seines Dorfes ist er ein Tauge­nichts, genau so wie für die Mädchen, die nichts anzu­fangen wissen mit diesem verstockten Schüch­ternen, der seinen Mund nicht aufbe­kommt, und noch nicht mal ein Kaugummi annimmt, das ihm die Dorf­schön­heit aufmun­ternd anbietet.

Es ist nicht leicht warm zu werden mit diesem Yusuf. Er hat wenige Freunde, ist ein Schweiger, und selbst seiner eher praktisch veran­lagten Mutter ein Rätsel. Immerhin hilft er ihr Milch und Käse auszu­fahren, im nahen Markt zu verkaufen, weil er aber bei jeder Gele­gen­heit Gedichte schreibt, bleibt er dann doch ein Sorgen­kind, zumal er ab und zu epilep­ti­sche Anfälle bekommt – ein Leiden, das in der Kultur­ge­schichte schon immer für ein beson­deres Verhältnis zu den Göttern stand. Vieles in diesem Film kann in dieser Weise auch auf mindes­tens einer zweiten Ebene verstanden werden: Die Milch ist eben einer­seits das, womit Mutter und Sohn ihr Überleben sichern, aber auch das Symbol der Mutter-Kind-Beziehung schlechthin. Milch­artig sieht auch der Schaum aus, der Yusuf bei seinen Anfällen mitunter vor dem Mund steht. Und Milch ist schließ­lich die Medizin, mit der die Bauern im Ritual zu Beginn die Schlangen aus dem Leib treiben.

Symbo­lisch und mythen­schwanger sind Kapla­noglus Erzähl­weise und seine Bilder also schon. Aber weniger bedeu­tungs­trächtig und grund­sätz­lich wie bei Tarkowski, als reflek­tiert und mit immer mehr als nur einer einzigen eindeu­tigen Bedeutung. Darin erinnert Süt wie schon Yumurta eher an Antonioni und noch stärker an Renoir, auf dessen The River auch dieser Film mehrfach anspielt. Kapla­noglu, der aufstei­gende Stern des türki­schen Gegen­warts­kinos, ist ein Realist, der bei aller Eleganz überaus gelassen erzählt, nüchtern und stre­cken­weise ironisch, sogar mit gele­gent­li­chen kurzen Slapstick-Momenten. Zugleich entwi­ckeln die in langen Einstel­lungen erzählten Szenen immer wieder einen starken poeti­schen Sog. Beim Wett­be­werb in Venedig fand die eine oder andere den Film seiner­zeit trotzdem zu präten­tiös. Sieht man ihn jetzt frei von irgend­wel­chen Festi­va­ler­schöp­fungen, kann man sich in ihm leichter verlieren, sieht man nicht nur schöne Einzel­mo­mente, sondern bemerkt, wie genau alles gear­beitet ist und mitein­ander zusam­men­hängt.

Kapla­noglu verfügt über eine seltene Fähigkeit, in kleinen Andeu­tungen, quasi zwischen den Bildern viel zu erzählen. Natürlich geht es daher in dieser Geschichte vom Erwach­sen­werden eines jungen Unzu­frie­denen in der Provinz auch um die Gegen­sätze zwischen Tradition und Moderne, in der Türkei wie anderswo. Aber mehr noch geht es um das Verhältnis von Traum und Leben, und um die Bedeutung des einen für das andere.

Am Ende stapft Yusuf, der entdeckt hat, dass seine Mutter einen Liebhaber hat, und diesen, erfüllt von ödipalen Mord­gelüsten, verfolgt, durchs Schilf einer Ufer­land­schaft. Plötzlich, ehe man als Zuschauer ganz begriffen hat, was passiert, hat er mit seinen Händen einen riesen­großen Fisch gefangen, den er kaum halten kann. Noch so ein Bild, bei dem man sich fragt, was es genau sagen möchte. Aber auch wieder ein Bild, das man nicht vergisst.

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