Julieta

Spanien 2016 100 min. FSK: ab 6
Regie: Pedro Almodvar
Drehbuch:
Kamera: Jean-Claude Larrieu
Darsteller: Emma Surez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta, Daro Grandinetti u.a.
Ernsthaftes, konzentriertes und natrliches Lebensdrama

Strahlende Farben und pure Emotionen

Die Panama-Papers brachten europische Politiker, Sportler und Knstler mit Steuerhinterziehung in Verbindung. Auch der wohl wichtigste Regisseur des spanischen Gegenwartskinos, Pedro Almodvar, befand sich zusammen mit seinem Bruder und Produzenten Agustn Almodvar auf dieser schwarzen Liste. Agustn gab an von 1991 bis 1994 eine Briefkastenfirma namens Glen Valley Corporation auf den Britischen Jungferninseln betrieben zu haben, wobei die besagten Jahre auffallend mit den ersten groen Publikumserfolgen seines Bruders Pedro Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Fessle mich! Kika und Kika zusammenfallen. Im Zuge des Panama-Papers-Skandals sagte Pedro Almodvar alle, im Zuge seines neuen Kinofilms Julieta geplanten, ffentlichen Auftritte und Pressetermine in Spanien ab – zu sehr war zu befrchten, dass die prekre Finanzaffre die Verffentlichung seines 20. Spielfilms gnzlich berschatten knnte. Dabei ist Julieta nach dem leichtgewichtigen Flugzeugfilm Die fliegenden Liebenden eine gelungene Rckbesinnung Almodvars auf seine erfolgreichen Werke der 1990er Jahre. Mit zwei hervorragenden Hauptdarstellerinnen in der Titelrolle prsentiert sich Julieta aber zugleich auch als ein fr den Regisseur ungewhnlich ernsthaft-schnrkelloses Drama, das einmal mehr mit einer exquisiten Farbdramaturgie und der feinfhligen Beobachtung der Psyche seiner Protagonistin aufzuwarten wei.

Eigentlich plant Julieta (Emma Suarez) zusammen mit ihrem Lebensgefhrten Lorenzo (Daro Grandinetti) von Madrid nach Portugal zu ziehen. Doch bei einem finalen Gang durch die Straen des Viertels trifft sie zufllig auf die beste Freundin ihrer, seit ber zwlf Jahren verschollenen, Tochter Anta. Auf einmal holen Julieta wieder ihre verdrngten Schuldgefhle sowie die schmerzende Frage ein, warum ihre Tochter sich zu ihrem achtzehnten Geburtstag gnzlich von ihr abwandte. Sie entschliet sich, dazu allein in Madrid zu bleiben und sich mit ihrer schmerzvollen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ausgehend von der Rahmenhandlung in der Julieta ihre Lebensgeschichte niederschreibt, blickt der Film auf ihre Erinnerungen zurck, die mit einer schicksalhaften, nchtlichen Zugfahrt in den 1980er Jahren beginnen, bei der Julieta auf den Fischer Xoan (Daniel Grao) trifft. Die leidenschaftliche Beziehung zu Xoan und das familire Glck nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Anta soll jedoch durch einen Unfall ein abruptes Ende finden. Die Vermeidung von zentralen Auseinandersetzungen erfllt Julieta mit einem erdrckenden Gefhl der Schuld, das ihr Leben nachdrcklich prgen soll.

Die freie Adaption dreier unabhngiger Kurzgeschichten aus Alice Munros Erzhlband „Tricks“, die sich die Protagonistin Juliet teilen („Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“), sollte eigentlich Almodvars erster englischsprachiger Film mit internationalen Darstellern werden, doch entschied sich der Regisseur schlie߭lich dazu, die Filmhandlung in das heutige Spanien zu verlegen. Almodovar verzichtet in Julieta auf eine allzu kompliziert-verspielte Storyfhrung, jegliche komdiantischen, berdrehten Einschbe oder die ihn stets faszinierende Genderthematik und prsentiert vielmehr ein ernsthaftes, konzentriertes und damit auch natrlicher erscheinendes Lebensdrama einer Frau, die von Missverstndnissen, unausgesprochenen Geheimnissen und dem Gefhl der Schuldigkeit angetrieben wird.

Gleich die ersten Szenen, in denen ein wehender roter Vorhang wie ein schlagendes Herz anmutet, lassen unmissverstndlich die Handschrift des spanischen Meisters der krftigen Farben erkennen. So sind die Farben der Kleidung und der Dekors einmal mehr nicht nur optisch betrend aufeinander abgestimmt, sondern zugleich mit ihrer berhhten Symbolik auch essentielle Mosaiksteine auf den Spuren der emotionalen Auslotung der Figuren. Da wre die ebenfalls blutrote, abstrakte Mnnerskulptur aus Terracotta, die Julieta an ihre mgliche Schuld am Tode ihres Mannes Xoan gemahnt, oder das Wei ihrer Kleidung und ihrer sterilen Wohnung in Madrid, als sie glaubt ein neues Leben ohne den Ballast der Vergangenheit beginnen zu knnen und ihren inneren Frieden wiedergefunden zu haben glaubt. Oder ihr strahlend blauer Pullover, der in dem altmodisch erscheinenden Zugabteil, in dem ihre schicksalhaften Erinnerungen beginnen, wie ein Statement zu Lebensfreude und einer hoffnungsvollen Zukunft aufleuchtet – Almodvar stellt in Julieta einmal mehr sein feines Gespr fr leuchtende Farben und ins Auge springende Farbschattierungen und –kontraste heraus. Wobei der Regisseur die Rckblende in die 1980er Jahre voller Begeisterung nutzt, um die verspielten Muster und Farbkombinationen seiner Filme dieser ra wieder aufleben zu lassen. (1) Mit Rossy de Palma (Kika) kehrt zudem auch eine Muse Almodvars aus dieser Zeit fr Julieta auf die groe Leinwand zurck und nimmt voller Spielfreude eine Schlsselrolle als Zwietracht sende Haushlterin ein, welche das persnliche Drama der Protagonistin befeuert.

Die Geschichte der zentralen tragischen Frauenfigur Julieta soll sich letztlich ber drei Jahrzehnte hinweg erstrecken. Dabei entschied sich der Regisseur dazu Adriana Ugarte (Palmen im Schnee) die junge, und Emma Surez (Tierra) die sichtlich vom Leben gezeichnete, ltere Julieta verkrpern zu lassen. Whrend Ugarte die Herzlichkeit und Begeisterungsfhigkeit in Julietas jungen Jahren gelungen zum Ausdruck bringt, ist es Surez’, welche mit ihrer Darstellung der von Schmerz und Selbstvorwrfen beherrschten Frau begeistert. Mit glasigen, starren Augen macht sie die schwerlich zu durchdringenden Nebelschwaden der Depression erfahrbar, die Julieta nach dem tragischen Verlust Xoans in ihrem Leben umgeben. Auch fr den Wechsel der beiden Hauptdarstellerinnen findet der Regisseur eine sinnige Szene, die das Altern in Anbetracht einer Krisensituation verdeutlicht.

Almodvars 20. Spielfilm ist ein bewegendes Werk in strahlenden Farben. Trotz der Ausstattungswucht erreicht der Regisseur mit seiner Rckkehr zum frauenzentrierten Drama nicht ganz die Brillanz und erzhlerische Raffinesse von Volver oder Sprich mit ihr, doch verquickt Julieta auf gelungene Weise Almodvars filmische Handschrift mit einer neu hinzugewonnenen stringenten Ernsthaftigkeit und Natrlichkeit.

(1) In Jorge Luengo Ruiz sehenswertem Mashup-Video, das sich aus Szenen verschiedener Werke Almodvars zusammensetzt, wird der Obsession des Regisseurs fr die Farbe der Liebe und des Verlangens gehuldigt. („Pedro Almodvar’s Obsessions (I): Red Color“. Mashup von Jorge Luengo Ruiz)

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