Die innere Sicherheit

Deutschland 2000 · 106 min. · FSK: ab 6
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: ,
Kamera: Hans Fromm
Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingul u.a.

Die nackte Verzweiflung

Das Private ist politisch: Christian Petzold über 68ff., die Gewalt und ein einsames junges Mädchen

Es stimmt schon: Auch das Private ist politisch. Zum Beispiel Jeanne. Irgendwie verloren, nicht gerade kontakt­freudig, aber voller versteckter, immer spürbarer Sehnsucht und Neugier auf andere Menschen sitzt das junge Mädchen da im Meeres­wind. Die 15jährige streunt am Strand umher, irgendwo in Portugal, und es dauert eine Weile, bis man begreift, was wirklich mit ihr los ist: Nie ging sie zur Schule, sie hat weder Freunde noch ein Zuhause. Denn ihre Eltern sind unter­ge­taucht. Früher waren sie Terro­risten, die mit Gewalt die Welt verändern wollten, heute fristen sie ihre armselige Existenz als autis­ti­sche Parias des digitalen Kapi­ta­lismus. Ohne Ziel, ohne Hoffnung, mit mürbe gewor­denen Idealen werden die drei aus Geld­mangel zur Rückkehr nach Deutsch­land gezwungen.

Das ist riskant, nicht nur, weil keiner von ihnen noch die Kraft hat, dieses Leben länger weiter­zu­führen. Sondern vor allem, weil die Logik der einstigen Ideale längst zerplatzt ist, bei den Eltern und bei den einstigen Kampf­ge­nossen. Und weil ein Leben, in dem Flucht den einzigen Sinn darstellt, nicht zu ertragen ist. Indem Jeanne um ihr eigenes Leben kämpft, gefährdet sie zugleich das ihrer Eltern.

Barbara Auer und Richy Müller spielen dieses Eltern­paar in all seiner Verlo­ren­heit. Die eigent­liche Entde­ckung des Films ist aber die großar­tige Julia Hummer. Nuan­cen­reich und ernsthaft ist ihr Spiel, trifft genau und gradlinig ins Herz dieser traurigen Figur, die viel zu jung Verant­wor­tung für ihre Eltern über­nehmen muss, und doch eigent­lich nur endlich Kind sein will.

Christian Petzolds Die innere Sicher­heit knüpft da an, wo Schlön­dorffs achtbarer Die Stille nach dem Schuss aufhört. Petzold schildert nicht nur verschie­dene Formen des Über­le­bens der ehema­ligen RAF-Gene­ra­tion, er hat vor allem einen Film über die Einsam­keit eines jungen Mädchens gemacht. In kargen, lako­ni­schen Bildern zeigt er die nackte Verzweif­lung – und so gelingt ihm einer der eindrucks­vollsten und mutigsten deutschen Filme seit langem. Das Drehbuch schrieb Harun Farocki, selbst Filme­ma­cher und einer der Rebellen im deutschen Kino der 70er-Jahre.

Politisch steht Farocki der 68er-Bewegung nahe, um die man jetzt wieder debat­tiert. So irra­tional da argu­men­tiert wird, so notwendig ist doch der Streit. Auch das nicht zuletzt beweist Die innere Sicher­heit. Petzold gelingt eine kluge, hoch­sen­sible Reise in die Vergan­gen­heit einer Bundes­re­pu­blik, die so alt ist wie die ungül­tigen Geld­scheine, die Richy Müller aus einem Versteck ausgräbt, und so aktuell, wie die Frage nach Gründen und Grenzen poli­ti­scher Gewalt. Der Regisseur urteilt nur indirekt mit seinen Bildern, vor allem beschreibt er, wie manchmal einfach etwas passiert, wozu andere dann schlaue Inter­pre­ta­tionen nach­lie­fern.

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