Das Fenster zum Hof

Rear Window

USA 1954 · 112 min. · FSK: ab 12
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes, Cornell Woolrich
Kamera: Robert Burks
Darsteller: James Stewart, Grace Kelly, Raymond Burr, Thelma Ritter, Wendell Corey u.a.
Voyeur mit Handicap

Voyeuristische Short-Cuts

Zwischenbetrachtung zu Hitchcocks Rear Window, aus Anlaß seiner Wiederaufführung

Das Leben ist ein Pan-Opticum: Nichts bleibt der Herr­schaft der Blicke entzogen, denn das Auge ist das gierigste unserer Sinnes­or­gane. Und trotzdem genügt es nicht, alles zu sehen.

Kein Film hat die Ohnmacht des Voyeurs, die zugleich die Ohnmacht den Kino­zu­schauers vor dem Lein­wand­ge­schehen ist, und seine Allmacht, seine Gewalt über eine Welt, die in gewissem Sinn immer nur sein Arran­ge­ment bleibt, derart in den Mittel­punkt gestellt, wie dieser. Alfred Hitch­cocks Rear Window (1954; zu deutsch: Das Fenster zum Hof) der jetzt in einer restau­rierten Fassung wieder in die Kinos kommt, ist nicht nur einer der perfek­testen Filme dieses Meis­ter­re­gis­seurs. Längst ist er zum Klassiker der Film­ge­schichte geworden, zum Archetyp bestimmter Situa­tionen, die sich immer wieder­holen – auf der Leinwand, im Leben, das ist einerlei, denn das beide ziemlich nahe beiein­an­der­liegen, ist eine der Thesen dieses Films.

Die Geschichte – nach einer Short Story von Cornell Woolrich – ist komplexer als sie sich anhört: Der Foto­jour­na­list Jeff (James Stewart tatsäch­lich in einer seiner Glanz­rollen) liegt durch einen Beinbruch zuhause ans Bett gefesselt. Aus Lange­weile beob­achtet er das Haus auf der gegenüber­lie­genden Hofseite. Schnell entpuppt sich das Gebäude als Behausung para­dig­ma­ti­scher Lebens­si­tua­tionen: Alte und frisch­ver­hei­ra­tete Ehepaare leben da, und Einsame: eine alte Jungfer, eine »Lebedame«, ein erfolg­loser Künstler. Mehr und mehr vom Leben der Anderen faszi­niert kommt Jeff einem Mord auf die Spur – auch das Verbre­chen gehört zum Leben. Unter­s­tützt wird Jeff nur von seiner Freundin Lisa (Grace Kelly). Anfangs skeptisch wird sie selbst von Schau-Lust und Neugier gepackt, und findet zugleich im gemein­samen Abenteuer das Mittel um den über­zeugten Jung­ge­sellen doch noch – fast wider Willen – zur Heirat zu bringen. Um »die Idee der Ehe«, das bemerkte bereits Francois Truffaut in seiner damaligen Kritik, dreht sich nahezu alles in diesem Film.

1967 wurden die Film­ne­ga­tive bei einem Brand zerstört. Aus den best­er­hal­tendsten Kopien und Sound­tracks mixten jetzt Robert A. Harris und James C. Katz, die für die Universal-Studios schon Lawrence of Arabia und Vertigo restau­rierten (Und bei letzterem durch sinnloses, Hitch­cocks und Bernard Herrmanns Inten­tionen miss­ach­tendes und grob verfäl­schendes Dolby-Stereo-Aufmotzen der Tonspur einen Gutteil des Films ruinierten. – Die Red.), ein neues »Original«, die der Urfassung in Bild- und Tonqua­lität gleich­kommt. Die Farben sind kühler und inten­siver, als in allen Kopien, die man seit den 50ern in Kino und TV sehen konnte – schon dies allein lohnt das Wieder­sehen mit dem Meis­ter­werk.

Noch wichtiger aber ist natürlich der Film selbst: In Hitch­cocks Händen wird aus der Thril­ler­hand­lung ein virtuoses Spiel über das Sehen und das Gesehen-werden, ein Essay über Voyeu­rismus. Nun ist Jeff bestimmt kein primi­tiver Spanner. Er ist mehr das Medium, ein fleisch­ge­wor­denes Kame­ra­auge. Ständig sitzt ihm sein Regisseur im Nacken. Durch ihn werden wir Zeuge des Privat­le­bens der Menschen im Haus gegenüber, all der Indis­kre­tionen und kleinen mensch­li­chen Schwächen der Figuren des Films. 40 Jahre vor Altmans Short Cuts wird hier eine Vielzahl von Geschichten montiert, die ihre Wirkung erst als Gesamt­heit entfalten. Ein garstiger, »böser Blick« ist Hitchcock eigen »misan­thro­pisch« hat ihn wiederum Truffaut genannt – aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen steht eine musi­ka­li­sche Leich­tig­keit, ein heiterer Grundton des Films, der im Sommer spielt, vor offenen Fenstern aus denen Musik und Lebens­s­att­heit dringt. Wie alle Hitchcock-Filme ist Rear Window auch eine Komödie.

Zugleich insze­niert Hitchcock das Beob­achten des Beob­ach­ters. Er zeigt, was der Blick auslöst, seziert die Reak­tionen des Betrach­ters – und führt uns damit unsere eigenen Reak­tionen vor. Ein Film der den Betrachter ins sich hinein zieht, und mitunter an einem hoch­kom­plexen Wech­sel­ver­hältnis von Subjekt und Objekt der Beob­ach­tung strickt – in diesem Sinn auch das auto­bio­gra­phischte Werk Hitch­cocks, der Film, der das Verhältnis von Autor und Werk in den Mittel­punkt stellt, sozusagen Hitch­cocks »Las Meninas«.

Man kann sich Jeff je nachdem als solip­sis­ti­sches Subjekt oder als Gott oder als Lapla­ce­schen Dämon vorstellen, der sich jeden­falls seine ganz eigene Welt erschafft. Auch als Wärter von Gefäng­nis­zellen. Oder die Wohnungen gegenüber als Fern­seh­schirme, zwischen denen der Betrachter hin- und herzappt.
So oder so, das »Fenster zum Hof« öffnet sich in beide Rich­tungen: als Eingang zur Welt, wie in die Seele des Menschen.

Rüdiger Suchsland

(to be continued)

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