Crime is King

3000 Miles to Graceland

USA 2001 · 125 min. · FSK: ab 18
Regie: Regie Lichtenstein
Drehbuch:
Kamera: David Franco
Darsteller: Kurt Russell, Kevin Costner, Christian Slater, Ice-T u.a.
If you're looking for trouble, you came to the right place

The king of trash

Die Kritiker sind sich fast einig. Crime Is King (im Original 3000 Miles To Graceland) ist ein fürch­ter­li­cher Film. Sinnlose, abstoßende Gewalt­szenen, hektisch über­zo­gene Video­clipäs­t­hetik, dumme Handlung, menschen­ver­ach­tende Botschaft, zusam­men­ge­klautes Zita­ten­sam­mel­su­rium usw. usf.

Ganz abwegig ist diese Kritik tatsäch­lich nicht. Da betreten fünf super­coole Gangster in klas­si­scher V-Formation ein Kasino in Las Vegas, packen ihre chrom­blit­zenden, groß­ka­lib­rigen und voll­au­to­ma­ti­schen Waffen aus, rauben 3,2 Millionen Dollar, schießen sich mit einer selten gesehenen Bruta­lität den Weg frei, zerstreiten sich bei der Auftei­lung der Beute, metzeln sich gegen­seitig nieder und übrig bleiben die zwei unehe­li­chen Söhne von Elvis, der böse Murphy (Kevin Costner) und der gute Michael (Kurt Russell), die fortan sich und das Geld durch das halbe Land jagen. Das ist nicht neu, auch nicht besonders intel­li­gent und sicher nicht immer ganz geschmacks­si­cher.
Wer aber diesen Film neben anspruchs­volle Filmkunst stellt und so vorschnell zu dem Schluß kommt, dass Crime Is King voll­kommen geschei­tert sei, der übersieht, dass es sich hier um feinsten, ameri­ka­ni­schen Trash handelt und man somit eine kleine Perle vor sich hat.

Seit einigen Jahren herrscht in Hollywood (wie auch in den anderen Medien) ein starkes Interesse an kultu­rellem »Müll«, da Jugend­li­chen, die ja die bevor­zugten Kunden der Unter­hal­tungs­in­dus­trie sind, Trash und B-Movies schon lange zum Kult erhoben haben. Bei dem Versuch, von diesem Kult zu profi­tieren und solche Filme nach­zu­ahmen, scheitert die Film­in­dus­trie aber regel­mäßig, wobei sich dieses Scheitern meist weniger auf den finan­zi­ellen als auf den künst­le­ri­schen Bereich bezieht.
Der von Hollywood ange­strebte Retro-Trash ist entweder zu glatt, brav, durch­dacht, sauber und anständig (man will schließ­lich keine Kund­schaft verschre­cken und zu explizit darf es wegen dem jugend­li­chen Publikum auch nicht sein) oder die Filme wirken ange­strengt und bemüht kultig (man denke nur an Barb Wire mit Pamela Anderson).

Trash läßt sich eben nicht planen und deshalb haben die Produ­zenten von Warner Bros. wohl kaum mit einem solchen Ender­gebnis gerechnet, als sie dem Werbe- und Video­re­gis­seur Demian Lich­ten­stein ein sehr ordent­li­ches Budget gaben, ihm zahl­reiche Darstel­ler­stars zur Verfügung stellten und ihn den Film so machen ließen, wie er jetzt in unseren Kinos zu sehen ist. In der aktuellen Kino­land­schaft ist Crime Is King ein kleines, seltenes Wunder, denn dieser Film (man verzeihe mir den Ausdruck, aber ein anderer paßt hier einfach nicht) haut ordent­lich auf die Kacke.

»Tritts du in diesen Film ein, laß alle Hoffnung auf eine logische Handlung fahren!«, möchte man jedem Kino­be­su­cher vorab zurufen. Hier zählt nicht das Warum, sondern das Wie und selbst dieses Wie, wird mit einer erfri­schenden Unbe­fan­gen­heit zele­briert. So ist etwa der Überfall auf das Kasino kein exakt getimtes Rififi, sondern ein schlichtes Reingehen, Geld nehmen, Rumbal­lern, Rausgehen. So einfach kann Geschich­ten­er­zählen sein.
Auch wenn Lich­ten­stein ein klas­si­sches High Noon-Duell auf offener Straße insze­niert oder eine Tank­stelle (natürlich) mit einer lässig wegge­schnippten Zigarette zum explo­dieren gebracht wird, dann geschieht das mit einer erstaun­li­chen Selbst­ver­s­tänd­lich­keit und nicht mit einem zent­ner­schweren Quer­ver­weis auf die Film­ge­schichte.

Darum ist es auch falsch, hier den Vergleich zu Tarantino zu ziehen, der keines­wegs immer dann zu bemühen ist, wenn ein paar coole Gangster in einem Auto sitzen und dumme Witze machen. Im Gegensatz zu Lich­ten­stein, zitiert, variiert und veredelt Tarantino den Trash und macht aus ihm »Müllkunst«. Als echter Trash hätte etwa Pulp Fiction in Cannes kaum gewonnen.

Eine bedeutend größere Geis­tes­ver­wandt­schaft als zu Tarantino, besteht bei Lich­ten­stein wohl eher zu jemanden wie Alex de al Iglesia. Dessen Filme (in diesem Zusam­men­hang aber vor allem Perdita Durango) sind auf eine ähnlich sympa­thi­sche Art durch­ge­knallt und heftig und dement­spre­chend nur einer einge­schwo­renen Fange­meinde bekannt.
Gerade hier liegt auch das wahre Problem von Crime Is King. Obwohl er ordent­lich Geld gekostet hat, mit Stars gespickt ist und von einem großen Studio produ­ziert und vertrieben wird, ist er eigent­lich nur für ein kleines, spezia­li­siertes Publikum geeignet. Der finan­zi­elle Flop in den USA (der von vielen Kritikern mit Häme kommen­tiert wurde) ist damit vorpro­gram­miert. Hätte man denselben Film mit wenig Geld, ohne Stars und ohne großes Studio gemacht, hätte er vermut­lich Kult­status unter dem typischen Fantasy Filmfest-Publikum erlangt.
So aber laufen unbe­darfte Durch­schnitts-Pärchen nichts­ah­nend ins Kino, um sich ein bisschen nette Action mit Kevin Costner anzusehen und kommen enttäuscht, erschüt­tert und verstört wieder heraus.

Hält man sich dann vor Augen, was solche Leute wirklich im Kino sehen wollen, erkennt man erst den wahren Wert eines unan­ge­passten Films wie Crime Is King.
Man vergleiche hierzu nur eine typische Jerry Bruck­heimer Produk­tion wie Con Air, die trotz ähnlicher Vorzei­chen (teuer produ­ziert, viele Stars, Action und Gewalt ohne Ende) äußerst erfolg­reich gelaufen ist.
Con Air ist aufge­blasen mit helden­haftem Pathos, zwei­fel­hafter Ideologie, verlo­genen Recht­fer­ti­gungen für Gewalt­ex­zesse und unzäh­ligen, bierernst vorge­tra­genen Action­film­kli­schees. In Crime Is King dagegen hat jeder Pathos etwas Lächer­li­ches an sich, werden Ideo­lo­gien und Moral­vor­stel­lungen unter­graben, versucht man erst gar nicht die Gewalt zu recht­fer­tigen und Klischees werden genüßlich ausge­breitet. Nicht zu vergessen, dass Crime Is King die Gewalt zwar stili­siert, sie dagegen Con Air regel­recht glori­fi­ziert.

Den Zuschauern ist (trotz der vermeint­li­chen Begeis­te­rung für alles »Krasse«) das Gedöns von Con Air eben doch lieber als das wahrhaft Schräge wie in Crime Is King.
Lich­ten­stein biedert sich ohnehin nicht an das Publikum an und auch die Alters­frei­gabe ab 18 Jahren scheint ihn nicht zu stören, obwohl er damit frei­willig auf eine große poten­ti­elle Zuschau­er­schicht verzichtet. Eine solche Kompro­miß­lo­sig­keit findet man immer seltener im Film­ge­schäft und kann deshalb nicht hoch genug bewertet werden.

Bei all meiner Freude über diesen Film sei eine große Schwäche nicht unerwähnt; die Schau­spieler bzw. der Einsatz der Schau­spieler. Trotz vieler namhafter Darsteller bleiben die Neben­rollen durch­ge­hend blaß und belanglos (sehr bedau­er­lich etwa bei sonst sehr guten Leuten wie Kevin Pollak). Das Haupt­au­gen­merk liegt auf den drei Haupt­dar­stel­lern, wobei Courteney Cox am Anfang noch ziemlich bitchy und über­zeu­gend ist, am Ende aber leider zum zahmen Mutter­tier wird und Kurt Russell kann mich auch dieses Mal nicht wirklich davon über­zeugen, dass er ein außer­or­dent­li­ches Schau­spiel­ta­lent hat.
Alles egal, denn die wahre Sensation des Films ist ohnehin Kevin Costner als Murphy, der keine Dante zitie­rendes, krimi­nelles Genie, kein macht­geiler Super­schurke und kein diabo­li­scher Massen­mörder ist, sondern einfach nur gemein, bösartig oder (wie es entspre­chend im Song von George Thorogood so schön heißt) »Bad to the bone« ist.
Nach all den Filmen, in denen Costner den einzig Aufrich­tigen (z.B. in Der mit dem Wolf tanzt, The Untoucha­bles, JFK und sogar als Kindes­ent­führer in A Perfect World), den roman­ti­schen Liebhaber oder den Sport­be­ses­senen gespielt hat, hätte man ihm die abgrund­tiefe Schlech­tig­keit des Murphys nun wirklich nicht zugetraut.

Aber wie der ganze Film, so bleibt auch die schau­spie­le­ri­sche Leistung Costners schlußend­lich eine Sache an der nur ein bestimmter Perso­nen­kreis sein Freude haben wird. Allen anderen sei geraten, sich von diesem Film fern zu halten und sich in Toleranz zu üben.
Wer trotzdem glaubt, er müssen Crime Is King als weiteren Tiefpunkt in der (angeb­li­chen) Tendenz zu immer mehr Gewalt und Unmoral im Kino kriti­sieren, der sei daran erinnert, welche Filme etwa Peter Jackson machte, bevor er zum epischen Märchen­onkel wurde, was Robert Rodriguez machte, bevor er Kinder­filme drehte und was Sam Raimi machte, bevor er bei Klein­stadt­krimis und Super­helden-Block­bus­tern Regie führte.

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