2012

USA/Kanada 2009 · 158 min. · FSK: ab 12
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Harald Kloser, Roland Emmerich
Kamera: Dean Semler
Darsteller: John Cusack, Woody Harrelson, Thandie Newton, Johann Urb, Amanda Peet u.a.
Hiroshima ist nichts dagegen

Emmerichs Dschihad

Im Kaputt­ma­chen waren die Deutschen schon immer gut. Und der Godzilla unter den germa­ni­schen Regis­seuren ist seit jeher Roland Emmerich. Das Wesen von Kata­stro­phen­filmen liegt vor allem in drei Elementen: Zum einen ist dies immer eine Leis­tungs­schau des Effekt­kinos und des aktuellen tech­ni­schen Vermögens der Lein­wand­de­si­gner. Zum zweiten sind sie ein Medium, um allge­meine, aber verbor­gene Ängste eines Gemein­we­sens punkt­genau zu erfassen, diese, wo sie wirklich gut sind, zu reflek­tieren und zu entfalten. Oft genug aber dienen sie drittens dann auch wieder dazu, sich von diesen durch Über­trei­bung auch gut und subtil wieder distan­zieren zu können. Statt Banken­bi­lanzen stürzen hier die compu­ter­de­signten Banken­türme ins Bodenlose, die Filme reflek­tieren damit das Krisen­ge­fühl – aber mit den tatsäch­li­chen Bedro­hungen unserer Gegenwart haben sie dennoch nichts zu tun. Im Gegenteil entfernen sie das Publikum subtil von ihnen, und bieten schmie­rigen Trost. Viel­leicht leidet Emmerich ja auch einfach an einem Gottes­kom­plex? Jeden­falls möchte er offenbar die Erde neu erschaffen. Und davor braucht es eine Sintflut.

Viel­leicht muss man einmal andersrum anfangen, und erwähnen, was alles ganz bleibt, wenn doch alles kaputt geht. Denn wieder wütet Roland Emmerich wie ein Regie­ele­fant im Porzel­lan­laden der Welt, weil es diesmal aber wirklich um die ganze Welt geht, stellte sich bei diesem Regisseur dann eben offen­kundig irgend­wann der bekannte Effekt ein: Ein Kind ist in einem riesigen Scho­ko­la­den­ge­schäft, stopft und stopft alles in sich hinein, was es greifen kann – und irgend­wann hat es dann Bauchweh.
Zuerst also gönnt sich Emmerich hier unter anderem die extreme Eitelkeit, das Weiße Haus ausge­rechnet von einem US-Flug­zeug­träger zerdep­pern zu lassen, der auf einer Flutwelle surft, dann die Sixti­ni­sche Kapelle – Gott, Adam, Welter­schaf­fung sind darauf zu sehen – in tausend Stücke zerbrö­seln zu lassen, so wie den Peters­dorm und den Zuckerhut von Rio mit seiner Chris­tus­statue. Er lässt einen Tsunami über den Himalaya schwappen – nichts ist kleiner, als das Größt­mög­liche, und sogar die Regale ameri­ka­ni­scher Super­märkte halten nicht stand. Dann aber wird plötzlich das Kleinst­mög­liche gerettet – der Hund der Queen – und die Kaaba von Mekka auch

»Wir waren gewarnt« heißt der Werbe­slogan, und böse Zungen könnten nun behaupten, damit sei eigent­lich auch bereits das Urteil über den Film gespro­chen. In jedem Fall kommen in 2012 alle Fans von Roland Emmerich auf ihre Kosten, genauso wie sich jene bestätigt fühlen können, denen die Kata­stro­phen­spek­takel dieses Regisseur schon immer zu platt und primitiv waren – irgend­welche Über­ra­schungen sind hier jeden­falls ausge­schlossen: Wo Roland Emmerich drauf steht, ist auch Roland Emmerich drin – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dazu gehört dann aber auch gleich die Mittei­lung, dass dieser Film immerhin spek­ta­kulär anzu­gu­cken ist – voraus­ge­setzt, man schafft es, am Anfang seinen Verstand auszu­schalten und in den letzten 40 Minuten auch seinen Geschmacks­sinn. Vom visuellen Spektakel abgesehen ist dieser Film in jeder Hinsicht ein schlechter Witz.

Die Welt war bekannt­lich noch nie genug für Emmerich, darum will und muss er sie im Kino immer wieder kaputt machen, wie Kinder ihr Spielzeug. »Apoka­lypse Now!« könnte eigent­lich der Titel fast aller seiner Filme heißen – von Inde­pen­dence Day bis The Day After Tomorrow. Auch in 2012 bestätigt der deutsche Regisseur in Hollywood sein Image: Der Film bietet genau jenes bombas­ti­sche Kata­stro­phen­spek­takel, das man von diesem Regisseur erwartet.

Der Titel des Werks, der als die »Mutter aller Kata­stro­phen­filme« beworben wird, verweist auf einen uralten Maya-Kalender, der den Welt­un­ter­gang ankündigt. Damit kombi­niert der Film ein paar Wissen­schaftler, die eines Tages im Jahr 2009 mit verwir­renden Formeln den Wahr­heits­ge­halt des Kalenders beweisen wollen. Chiwetel Ejiofor spielt den miss­ver­stan­denen Weisen, Danny Glover einen US-Präsident, der – ein seniler Obama – die Kata­strophe auch nicht verhin­dern kann, Woody Harrelson einen Hippie, der von den Ereig­nissen alle LSD-Visionen betätigt sieht. Hinzu kommen zahl­reiche krei­schende, schluch­zende, bangende und am Ende sterbende Statisten – Emmerich verlangt einen höheren Blutzoll, als jeder Kriegs­film. Vor allem aber ist hier eine Armada an Compu­ter­tech­ni­kern am Werk – es geht vor allem um Malen auf der Leinwand, nicht um Realismus.

Im Mittel­punkt des Films steht eine Familie, die aller­dings nicht mehr ganz heil ist: Der erfolg­lose Schund­rom­an­schrift­steller Jackson Curtis (gespielt von John Cusack, viel­leicht auch ein verkapptes Selbst­por­trait), seine zwei Kinder Lilly und Noah (!!) und seine Ex-Frau Kate. Diese Personen, ähnlich wie das übrige Personal des Films ein Klischee nach dem anderen, begleiten den Zuschauer während der monu­men­talsten Vernich­tung der Erde seit der bibli­schen Apoka­lypse. Denn tatsäch­lich lässt der Regisseur am Ende die Erde in einem Spektakel aus Spezi­al­ef­fekten unter­gehen, Hiroshima ist nichts dagegen: Erdspalten öffnen sich, Flut­wellen ergießen sich über Metro­polen, lauter, größer, wahn­sin­niger als hier geht es nicht. Deswegen muss man noch nicht von Größen­wahn­sinn sprechen – man fragt sich aber, wie Emmerich im nächsten Film noch einen drauf­setzen will. Diese Bilder sind inter­es­sant. Zwar ist am Computer inzwi­schen alles möglich, aber mal zugucken, wenn die Welt untergeht, möchte man dann schon, zumal Emmerich nicht Emmerich wäre, gäbe es nicht auch das kleine Glück im großen Unglück, gäbe es nicht die diesmal chine­si­sche Arche Noah in der Sintflut.

Die dysfunk­tio­nale Klein­fa­milie befindet sich inmitten dieses bombas­ti­schen Unter­gangs auf einer wilden Jagd, die immer wieder mal ganz schamlos von Indiana Jones abge­kup­fert ist: Immer »in letzter Sekunde«, immer wenn der Untergang quasi schon einen Rock­zipfel der lieben Prot­ago­nisten gepackt hat, und es wird dabei alles immer redun­danter und immer dümmer.

Dieser Film ist reiner Trash, die Sprüche aus der C-Movie-Konserve – »I thought we'd have more time«; »You won't believe this«; »The world as we know it, will soon come to an end.«; »It's starting« – sodass man sich noch nicht mal mehr über die mehr als frag­wür­dige Ideologie aufregen mag, die Emmerich hier propa­giert: Anfangs wird der Esoterik das Wort geredet, folgt Maya- und Tibet-Hokus­pokus, bevor dann in der Arche das Prinzip »survival of the richest« gilt. Das mag dann sogar etwas mit der Krise zu tun haben, aber es ist so albern, dass man hier nicht mal kotzen muss. Ernst nehmen kann man das alles hier also gar nicht mehr – viel eher wirkt alles wie eine einzige Selbst­par­odie des Regis­seurs. Wäre da nicht besagter Gottes­kom­plex vor. Wäre Emmerich nicht der moderne reak­ti­onäre Mystiker, der er ist, hätte er Sinn für Ironie, könnte man sich in diesem Film wirklich amüsieren. So ist man nur ermüdet. Auch der Welt­un­ter­gang, zum fünften Mal gesehen und auf drei Stunden gedreht, ist lang­weilig.

Emmerich aller­dings ist, wie wir es von ihm auch nicht anders erwartet haben, weiterhin stei­ge­rungs­fähig. Darum dreht er jetzt in Babels­berg Shake­speare. Mit wie es heißt, »kleinstem Budget«. Aber was wäre bei Emmerich schon je wirklich klein gewesen. Bei der Horror­wort­kom­bi­na­tion Shake­speare und Emmerich fällt uns dann nur noch Oscar Wilde ein, der einmal schrieb: »Die Abneigung gegen den Realismus im 19. Jahr­hun­dert entspricht der Wut Calibans, als er sein eigenes Gesicht im Spiegel erblickte. Die Abneigung gegen die Romantik im neun­zehnten Jahr­hun­dert entspricht der Wut Calibans, als er sein Gesicht nicht im Spiegel erblickte.« Man muss es sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Emmerich dreht Shake­speare. Das wäre dann wirklich der ulti­ma­tive Kastastro­phen­film.

Rüdiger Suchsland

top