21.05.2015

»Es ist immer noch ein Tabu, dass Menschen mit Behinderung Sex haben«

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Victoria Schulz in Stina Werenfels Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Dora (Victoria Schulz) kennt keine Scham. Sie zele­briert und genießt ihr sexuelles Erwachen in vollen Zügen – ganz im Gegenteil zu anderen 18-jährigen. Nach dem Sex mit einem undurch­sich­tigen Fremden (Lars Eidinger), dem sie sich neugierig und genuss­voll hingibt, platzt ihre Mutter (Jenny Schily) ins Hotel­zimmer. Dora begrüßt sie freudig, sie liegt noch split­ter­fa­ser­nackt im Bett. Die Jugend­liche hat das Down-Syndrom, gerade erst hat sich die Mutter dafür entschieden, die ruhig­stel­lenden Medi­ka­mente abzu­setzen und ihre Tochter für mündig zu erklären. Ihre Tochter wird schwanger – das ist der Beginn einer heftigen Adoles­zenz­krise, bei der Mutter und Tochter zu Konkur­ren­tinnen werden. Mit ihrem Film Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern rüttelt die Schweizer Regis­seurin Stina Werenfels an Tabus und Grauzonen und stellt wichtige Fragen nach Moral, Freiheit und Verant­wor­tung im Umgang mit Menschen mit Behin­de­rung.

Anna Stein­bauer sprach mit der Regis­seurin über Mutter­liebe und andere Neurosen.

artechock: Was sind denn nun die sexuellen Neurosen unserer Eltern?

Stina Werenfels: Meine Mutter dachte natürlich sofort, sie sei damit gemeint. Nein, habe ich ihr gesagt, damit bin doch ich gemeint. Früher oder später werden die meisten von uns selber Eltern oder haben eine Neurose gegenüber den eigenen Eltern entwi­ckelt. Vom Sex der Eltern wollen die Nach­kommen nichts wissen, obwohl sie ja daraus hervor­ge­gangen sind. Aber mit den Neurosen der Eltern im Fall von Dora verhält es sich so: Wenn Teenager sexuell aktiv werden, schließen sie die Eltern davon aus. Ich dachte immer, das sei die Ablösung der Kinder, aber eigent­lich passiert das auch zum Schutz der Eltern. Wenn die Kinder das nicht tun – wie bei Dora, die ihre Mutter nach dem Sex nackt im Hotel­zimmer will­kommen heißt – dann löst das eine furcht­bare Krise in den Eltern aus. Das ist dann die Adoles­zenz­krise der älteren Gene­ra­tion, die rück­ge­spie­gelt wird. Und letzt­end­lich reprä­sen­tieren die Eltern die Gesell­schaft mit ihren Moral­vor­stel­lungen.

artechock: Der Film Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern basiert auf dem gleich­na­migen Theaterst ück von Lukas Bärfuss. Was hat Sie an dem Stoff inter­es­siert?

Werenfels: Bärfuss hat in mehr­fa­cher Hinsicht wichtige Punkte ange­spro­chen: Es ist immer noch ein Tabu, dass Menschen mit Behin­de­rung Sex haben – nicht einfach kuscheln und strei­cheln, sondern richtig harten Sex. Das tangiert die Diskus­sion, wieviel Schutz und Kontrolle Menschen mit Behin­de­rung brauchen und wie urteils­fähig sie in der Part­ner­wahl sind. Dora wählt ja einen Partner, der nicht eben vertrau­ens­würdig ist und der sich auch komplett der Verant­wor­tung entzieht. Wenn es um Sexua­lität in Bezug auf Menschen mit Behin­de­rung geht, dann geht es fast immer um die Frage des Miss­brauchs. Aus dieser Diskus­sion heraus ist wiederum ein bevor­mun­dender Reflex entstanden, wie denn diese Sexua­lität auszu­sehen hat. Darum zeigt sich genau an dieser Stelle, wie ernst eine liberale Gesell­schaft das Bekenntnis zur Selbst­be­stim­mung behin­derter Menschen nimmt.

artechock: Es dreht sich also alles um die zwei Pole: Miss­brauch und miss­bräuch­li­cher Schutz…

Werenfels: Wer sagt denn, welche Art von Sex man haben kann und soll? Solange es als angenehm empfunden wird, wird unsereins alles zuge­standen. Das war der Punkt, der mich umge­trieben hat und meine Fantasie angeregt hat, zumal ich im selben Jahr der Urauf­füh­rung Mutter wurde. Wie würde ich in so einer Situation reagieren? Außerdem war ich eine späte Mutter und musste mir die Frage stellen, wieviel pränatale Diagnostik will ich und was ist, wenn mein Kind mit Behin­de­rung auf die Welt kommt? Ich habe mich gegen die pränatale Diagnostik entschieden, weil ich ein Kind haben wollte und die Entschei­dung darüber, welche Art von Leben ich austrage, nicht fällen wollte.

artechock: Ist es also das letzte große Tabu, Behin­derte die Sex haben, zu zeigen?

Werenfels: Das meint man. Dahinter steckt aber eigent­lich das Tabu der Schwan­ger­schaft von Menschen mit Behin­de­rung, also dass sie wieder Leben hervor­bringen. Ich habe die Mutter­figur mit ihrem eigenen Kinder­wunsch im Film stärker heraus­ge­ar­beitet. Im Laufe der Geschichte kommt es dann ja ungewollt zu einer Frucht­bar­keits­kon­kur­renz mit der eigenen Tochter, das sind weitere Tabus.

artechock: Der Film erzählt ja auch eine Geschichte über Mutter­liebe. Ist Kristin eine gute Mutter?

Werenfels: Sie versucht, es gut zu machen, aber alle Entschei­dungen bleiben an ihr allein hängen. Sie ist eine moderne Frau und versucht, auch ein Eigen­leben zu haben, zu arbeiten. Ich glaube es gibt ein Revival der Über­sti­li­sie­rung der Mutter. Wenn die Zeiten schlechter werden, dann ziehen sich die Frauen aus der Öffent­lich­keit zurück. Letzten Endes sind sie dann zuhause und versuchen, dies vor sich selbst und den anderen als eigene Entschei­dung darzu­stellen. Gleich­zeitig erwartet man von ihnen, die Kinder erfolg­reich auszu­brüten, denn sie sind das neue Status­symbol. Das nimmt manchmal schon sehr krank­hafte Züge an.

artechock: Das Phänomen „Regret­ting motherhood“ ist in letzter Zeit vermehrt in den Medien thema­ti­siert worden. Es gibt eine Szene im Film, in der die Mutter sagt, „hätte ich doch abge­trieben“.

Werenfels: Das ist eine der schwie­rigen Stellen, an der viele Zuschauer zusam­men­zu­cken. Sie rührt am Konzept der unver­brüch­li­chen Mutter­liebe. Gleich­zeitig fühlen sich wohl auch manche ertappt, denn die Abtrei­bung von behin­derten Föten findet ja bereits routi­ne­mässig statt. Die Regret­ting-Motherhood- Bewegung finde ich inter­es­sant, weil ich darin eine Gegen­be­we­gung zum gesell­schaft­li­chen Zwang zur Mutter­liebe sehe. Natürlich ist Liebe wichtig für das Kindes­wohl. Aber wieso die Mutter damit über­frachten? Dazu scheinen alle zu wissen, wie die „richtige, wahre“ Mutter­liebe auszu­sehen hat. Wir müssen an guten Umständen für die Mutter­schaft arbeiten, nicht an einem stupiden biolo­gis­ti­schen Konstrukt eines urwüch­sigen Mutter-Kind Bünd­nisses, das der sonst so kluge Rousseau postu­lierte. Ich stelle mir insgesamt die Frage, warum Mutter­schaft ein so hoch­i­deo­lo­gi­siertes Feld ist. Mütter teilen selten oder gar nicht die unschönen Erfah­rungen mitein­ander, das habe ich jeden­falls so empfunden. Meine Tochter zum Beispiel hatte ein fulmi­nantes Trotz­alter, hat nie durch­ge­schlafen und war extrem aktiv. Man hätte gleich Patho­lo­gi­sie­rungen vornehmen können. Das wollte ich nicht, sondern lediglich Erfah­rungen austau­schen. Doch dann wurden diese stets mit meiner Tätigkeit als Filme­ma­cherin in Verbin­dung gebracht. Nach dem Motto: Du arbeitest so viel und führst ein „wildes“ Künst­ler­leben und dann redete ich lieber nicht weiter.

artechock: Wie war es für Victoria Schulz, die geistig behin­derte Dora zu spielen?

Werenfels: Ich glaube, unsere Arbeit an Dora war eine Form von Sinnes­schule. Die Welt neu sehen, fühlen, riechen, ertasten. Aber auch die Erfahrung zu machen, den Alltag mit einer Behin­de­rung bewäl­tigen zu müssen: eine Form von Welta­n­eig­nung. Außerdem war von Anfang klar, dass das eine explizite Rolle ist. Viele junge Schau­spie­le­rinnen sind davor zurück­ge­schreckt. Wir haben auch unter Schau­spie­le­rinnen mit Behin­de­rung gesucht. Ich bin aber dann davon abge­kommen, weil ich Angst hatte, dass eine miss­bräuch­liche Situation entstehen könnte. Wir haben die Sexszenen mit Lars Eidinger präzise choreo­gra­fiert und an den Origi­nal­schau­plätzen geprobt. Es war wichtig, eine Drama­turgie zweier Körper, die eine Geschichte erzählen, zu entwi­ckeln.

artechock: Absurd komisch ist die Szene bei der Frau­en­ärztin, in der Dora ihre Vorstel­lung von einem perfekten Baby äußert: „Ich möchte ein Mädchen mit blauen Augen und langen blonden Haaren“ .

Werenfels: Das ist eine sehr ironische Stelle, viel­leicht ist es die einzige Möglich­keit, sich dem Thema zu nähern. Beim Human­ge­ne­tiker sagt man Dora: du kannst wählen, was für ein Kind du bekommst. Dora ist nur konse­quent und gibt die Bestel­lung auf. Damit führt sie den Opti­mie­rungs­wahn ad absurdum und uns vor.

artechock: Ist es eher Miss­brauch oder eine Liebes­ge­schichte, was sich zwischen Peter (Lars Eidinger) und Dora abspielt?

Werenfels: Beides, er miss­braucht sie, aber er macht ihr auch gleich­zeitig ein Geschenk, weil er sie nicht in Watte packt, sondern sie für voll nimmt. Er schont sie nicht. Die Eltern sehen in Dora noch das kleine Mädchen, aber Peter hilft ihr die Ablösung von den Eltern zu voll­ziehen. Ich wehre mich dagegen, dass Menschen mit Behin­de­rung einzig unter diesem Label abge­stem­pelt werden. Und natürlich darf sie Sex haben und sich verlieben, sie ist ja ein Mensch! Ihr wider­fahren dieselben Dinge wir anderen auch. Das macht die Frage nach dem Schutz so ambi­va­lent und brisant.

artechock: Irri­tie­rend fand ich den arran­gierten Dreier im Hotel. Wollte Peter austesten, wie weit Dora geht?

Werenfels: Es ist ja so, dass es eine unge­wöhn­liche Liebes­ge­schichte ist, zwischen einer Frau mit geistiger Behin­de­rung und einem Mann, der bindungs­un­fähig ist. Er ist zwar kognitiv nicht einge­schränkt, will aber nirgends Verant­wor­tung über­nehmen – er ist sozial behindert. Er ist ein Großstadt-Cruiser, der Stimu­la­tion sucht, wo diese sich gerade ergibt. Dora beurteilt ihn nicht, sie verlangt nichts von ihm, sie gibt ihm alle Freiheit. Da geht so ein Spalt in diesem Menschen auf, er entwi­ckelt Gefühl. In dem Moment, in dem er sich verliebt, lädt er den Freund zum Dreier ein. Und zerstört alles.

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